Nicht vom Himmel gefallen

Kommentar zu militanten Flüchtlingsgegnern in den Niederlanden

Oranje und Woerden, Steenbergen und Purmerend, Oostknollendam und jetzt Geldermalsen: an diesen sechs unscheinbaren Orten vollzog sich in den letzten Monaten eine Evolution. Genau hier verlagerte sich der niederländische Streit um die Aufnahme von Flüchtlingen von der verbalen auf eine Ebene jenseits davon. Rauchbomben und herausgebrüllte Parolen, Böller, Brandstiftung, Steine, dies waren die aggressiven Argumente einer Losung mit nur sechs Buchstaben: AZC (azielzoekerscentrum) NEE.

Die Bilder des tobenden Mobs von Geldermalsen haben international schockiert, denn so vehement hat sich der Volkszorn bislang nicht Bahn gebrochen. Und das Gesamtbild ist noch schlimmer, wenn man Hakenkreuzschmierereien und Bedrohungen von Lokalpolitikern mit einbezieht.

Den Fehler, all dies der Agitation rechtsextremer Gruppierungen zuzuschreiben, sollte man nicht machen, auch wenn die nazistische Partei NVU sich inzwischen auf diesem Parkett profiliert. Vielleicht zeigt die Konjunktur einer Parole am deutlichsten, wwas die Stunde geschlagen hat: eigen volk eerst war einst eine Losung der neurechten Identitaristen. Inzwischen gehört es zum Standardreportoire der Flüchtlingsgegner, rhetorisch eingebürgert durch einen jahrelangen Diskurs des “Man- wird- doch- wohl- noch sagen- dürfen.”

Nicht zu vergessen ist, dass in Geldermalsen zum wiederholten Mal eine zweifelhaftes Vorgehen von Regierung und Behörden das Fass zum Überlaufen brachte: der Bescheid über die Pläne zum Bau des Flüchtlingsheims kam so spontan wie die Information über dessen Umfang. Beides wird auch von liberalen Parteien bemängelt, die der Xenofobie unverdächtig sind. Die verheerende inhaltliche Bestandsaufnahmen relativiert dies freilich keineswegs.

Erschienen in taz, 18. Dezember 2015

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