Mission erfüllt, Desaster komplett

 

Die “Operation Bergung” ist beendet, das Flüchtlingscamp von Calais Geschichte. Die Behörden feiern ihre logistische Leistung – dazu besteht jedoch keinerlei Anlass.

 

Es war ein geradezu bizarrer Moment als Fabienne Buccio, die zuständige Präfektin, vor die Kameras trat und diesen haarsträubenden Satz aussprach: der Dschungel von Calais sei leer, und die Mission seiner Räumung damit erfüllt. Zahlreiche Agenturen, scheinbar ohne Möglichkeit, die Situation vor Ort selbst in Augenschein zu nehmen, übernahmen diese Nachricht, was in den Weltmedien ein enormes Echo fand. Der Dschungel geräumt, und das in nur drei Tagen!

 

Nur Stunden zuvor war Buccio selbst noch durch das Lager gestiefelt. Möglich, dass Rauch und Gestank der permanten Brände dabei ihre Wahrnehmung trübten. Falls nicht, muss sie gesehen haben, dass sich dort noch Hunderte Menschen aufhielten. Vielleicht war aber auch der Wunsch der Vater ihrer Aussage. Wie dem auch sein: in einem einzigen Satz machte die Präfektin aus dem Soll- den Ist- Zustand, um sogleich einen Strich unter das Kapitel zu ziehen. Mission erfüllt.

 

Die Konsequenzen zeigten sich noch in der Nacht: mindestens 60 Minderjährige, die keinen Schlafplatz hatten und zwischen Dschungel und Abfahrtsstelle der Busse im Freien schlafen mussten. Bis nach Mitternacht waren Hilfsorganisationen damit beschäftigt, Schlafplätze für Jugendliche zu finden. Alle Container- Betten für Minderjährige waren belegt. Deutliche Botschaft: wenn die Chefin die Mission die Arbeit für erledigt erklärt, wird auch kein Handschlag mehr getan.

 

Am nächsten Morgen folgte der nächste Akt dieses Desasters: Hunderte Menschen, die sich nun entschlossen, einen Bus in eins der staatlichen Zentren zu nehmen, liefen vergeblich zur Abfahrtsstelle. Es gab schlicht keine Busse mehr. Und so konnte man vor dem abgeriegelten Lager am Nachmittag die gleichen Gesichter ratlos in einer Schlange stehen sehen, die auf Nichts wartete.

 

Über die Räumung des Dschungels kann man geteilter Meinung sein. Das Zerstören einer Behausung ist eine grobe Verletzung elementarster Menschenrechte. Auf der anderen Seite gibt es an den Lebensumständen dort rein gar nichts zu beschönigen, und das Verklären des Camps zu einem sozialen, gar utopischen Projekt ist bedenklich. Dass die Räumung allerdings solche drastischen Folgen hat und diese schulterzuckend in Kauf genommen werden, unterstreicht nur den Zynismus, der aus ihrem offiziellen Namen spricht: “Operation Bergung”.

 

Ein Detail macht im Nachhinein stutzig: in den Presse- Erklärungen der Behörden wurde zuvor ein sehr konkretes Schema samt Zahl der Busse und Passagiere genannt, nach dem die Bewohner des Camps abtransportiert werden sollten. Das Schema reichte von Montag bis Mittwoch. Es scheint fast, als hätte man von Anfang an gewusst, wann der Dschungel leer zu sein hat. Und wer dann immer noch darin ist, kann selbst zusehen, wie es weitergeht.

 

 

Erschienen auf taz Online, 28.10. 2016

 

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