Miss Homeless bleibt die Mama der Straße

Zuerst verlor die Brüsselerin Therese Van Belle ihre Wohnung. Dann gewann sie eine – in einem Schönheitswettbewerb für Obdachlose. Nun bietet sie darin ehemaligen Schicksalsgenossen Unterschlupf.

Orphée springt. Aufgekratzt, übermütig und so ausdauernd, als wolle er nie wieder damit aufhören. Ein braun- weiß gesprenkeltes Knäuel mit kurzem Fell und rosiger Schnauze außer Rand und Band, dessen Pfoten sich mühelos hüfthoch in die Luft schrauben. Orphée, die einjährige Strandmischung, kennt nichts anderes, als sein Frauchen so zu begrüßen, wenn sie nach Hause kommt. Ein Schlüssel, der im Schloss kratzt, und er wird zum Flummi.

Für Frauchen dagegen ist dieser Moment jedes Mal etwas Besonderes: die paar Meter von der Straße zum Haus, den Weg entlang der niedrigen Hecken des Vorgartens bis zur Tür, ihrer Tür, und dann der kleine Hund, der ihr euphorisch um die dünnen Beine hüpft. “Voilà”, sagt Therese Van Belle. “Dies ist mein Haus.” Nummer 38, ein kleines, zweistöckiges Gebäude, weiß und unauffällig in die Biegung der schmucklosen Straße in Evere, einem Bezirk im Norden von Brüssel geduckt. Auf dem Klingelschild steht ihr Nachname, genau wie bei den anderen Häusern hier. Nur, dass dies alles für Therese nicht mehr selbstverständlich ist, seit sie vor zwei Jahren nach einem Streit mit ihrem damaligen Vermieter aus ihrer Wohnung flog und auf der Straße landete. Mit 58 Jahren.

Das ist der erste Teil dieser Geschichte. Der zweite begann mit einem Plakat – zweisprachig, wie das so ist in Belgien. Therese sah es zufällig. Miss Dakloos stand darauf, und Miss SDF. Obdachlos, das war Therese, eine grazile Frau mit zurückhaltendem Wesen, großen, aufmerksamen Augen und freundlichem Lächeln. Neugierig auch, zumal der Hauptpreis verlockend war: ein Jahr lang sollte die Gewinnerin umsonst wohnen können. Also schrieb sie sich ein für die erste Schönheitskonkurrenz für Frauen ohne festen Wohnsitz, wie der französische Ausdruck sans domicile fixe sagt. Sie qualifizierte sich für das Finale im noblen Brüsseler Eventzentrum Tour&Taxis, und gewann dort im Oktober 2009 die Krone. Ein paar Wochen später bezog Therese Van Belle mit Orphée und Wendy, ihren beiden Hunden, das Haus in Evere.

Ein Märchen – so wurde ihre Geschichte von den Medien gerne erzählt. Die internationalen tauften sie Miss Homeless. Doch zum Glamour taugt Therese eigentlich nur bedingt. Sie lacht zwar gerne, doch der Überschwang ist ihr nicht in die Wiege gelegt, und auch große Worte sind ihre Sache nicht. Ein Haus, sinniert sie nüchtern, während sie Kaffeetassen aus dem Schrank holt und auf den Tisch ihrer Wohnküche setzt, das bedeutet Schutz. Vor Regen, Kälte und Wind. Und deswegen ist sie froh, dass sie wieder eines hat. So einfach ist das. Therese ist geblieben, was sie immer war: ein Kind aus den einfachen Verhältnissen von Brüssel- Nord. Geboren und aufgewachsen im Quartier Schaerbeek, später Erzieherin an der dortigen Grundschule, und auch die zwei Monate, die sie auf der Straße verbrachte, spielten sich dort ab. “Wo ich geschlafen habe? Am Nordbahnhof, na klar!”

Therese, die seit Jahren von ihrem Mann getrennt lebt, hatte schon immer einen Hang, Menschen ohne Dach über dem Kopf zu helfen. Regelmäßig gab sie ihnen Geld, als ihr eigenes Leben noch in ruhigerem Fahrwasser verlief. Dass sie selbst auf der anderen Seite landen könnte, hätte sie niemals gedacht. Und dass sich just aus dieser Sackgasse eine Abzweigung in Richtung Schönheitskönigin auftun würde, noch viel weniger. Eigentlich, erzählt sie, machte sie sich nie besonders viel aus ihrem Äußeren. Jetzt ist das anders. Jetzt repräsentiert sie etwas. Miss SDF trägt figurbetonte, schwarze Hosen, einen weißen Pullover mit Kragen und darüber ein rotes Oberteil. Eine weite Silberkette schmückt ihren Hals, die Lippen sind auffallend rot, das Haar hat sie in blasses Orange getönt. In Form gehalten wird es von einem schwarzen Band, an dem Therese beim Reden gedankenverloren zupft. Ihre Stimme ist gedämpft und wird erst mit der Zeit lauter, der Händedruck zart, wie wohl das Foto, auf dem sie im ärmellosen Abendkleid posiert, deutliche Armmuskeln zeigt.

Ihre neue Rolle nimmt Therese sehr ernst. Sie genießt das Interesse der Medien, die Auftritte in den belgischen Fernsehprogrammen machten ihr Spass. Kurz nach ihrer Wahl erkannten sie die Leute auf der Straße. “Das war schön”, erinnert sie sich heute gerne. Bereitwillig bietet sie Autogrammkarten an, und wer sie besucht, bekommt ein Buch vorgelegt, in dem Fotos, Erinnerungen und Widmungen von Gästen und Journalisten aus aller Welt stehen. Als Lesezeichen dient ein Bändel in schwarz, gelb und rot, den Farben der belgischen Trikolore. Die Bilder zeigen Therese und die anderen Finalistinnen auf ihren Reisen nach Brügge, Lourdes und Spanien.

Auch anderthalb Jahre später erzählt Therese mit Begeisterung davon. Am liebsten aber denkt sie an den Moment, in dem die Siegerin bekannt gegeben wurde, denn den hat sie von allen am meisten genossen. “Aber so richtig realisierte ich es erst einen Tag später”, sagt sie, und klingt dabei, als hätte sie mindestens die Olympischen Spiele gewonnen. Zusammen mit ihren beiden Ehrendamen schlenderte sie einige Zeit später im belgischen Nobelnordseebad Knokke über den Roten Teppich der extravanten Gala Nacht van Exclusief. “Das war eine andere Welt, die sich dort öffnete.”

Therese Van Belle öffnete sich ihr auch – und blieb doch in ihrer eigenen. Sie sucht die Schärpe hervor, mit der sie damals als frisch gekürte Gewinnerin vor all die Kameras trat. Ambassadrice steht darauf, und eine Botschafterin ist Therese tatsächlich. Sie engagiert sich nun selbst bei der Stiftung, die damals die Miss- Wahl ausrichtete. In diesem Jahr soll erstmals ein Schönheitswettbewerb für Männer statt finden. Im Herbst soll ihr Pendant gekürt werden. Therese hilft bei der Vorbereitung, sie schenkt Suppe auf der Straße aus, und im Winter war sie dabei, als die Initiatoren 700 Notfallsets an Brüsseler Obdachlose verteilten: Schlafsäcke zusammen mit einem Rucksack voller Besteck, Pflegeartikel, und Erste- Hilfe- Material.

“Mama Dakloos”, das ist Thereses Spitzname auf der Straße, sagt Mathilde Pelsers. Sie ist die Initiatorin der Misswahlen und arbeitet seit drei Jahrzehnten in Obdachlosenunterkünften. Es ist nicht so, dass sie dafür nur Begeisterung erntete. Kritiker im In- und Ausland meldeten sich zu Wort und monierten, die Teilnehmerinnen würden ausgenutzt und zu Marionetten gemacht, die ihre eigene Not parodierten. Mathilde Pelsers dagegen sieht die Schönheitskonkurrenz als Ansporn für die Kandidatinnen, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen. Der Beweis: bis auf eine hätten inzwischen alle Finalistinnen wieder eine Wohnung gefunden. Und der kommerzielle Aspekt, die Vermarktung und Sponsoren? Just damit, sagt sie, lassen sich Aktionen wie die Notfallsets finanzieren – und nicht zuletzt das Haus, in dem Mathilde ein Jahr lang gratis gewohnt hat. Inzwischen muss sie dort Miete zahlen. 900 Euro im Monat. Ihre schmale Rente reicht dafür so gerade aus.

Wenn ihre Mitbewohner etwas beisteuern können, ist das willkommen. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Man kann sagen, dass Therese Van Belle ihre eigene Notunterkunft eröffnet hat. Denn die drei Zimmer ihres Hauses teilt sie sich nicht nur mit ihrem Sohn Michel, mit dem sie schon immer zusammen lebt und auch die Zeit auf der Straße gemeinsam durchmachte. Auch Jacques (Name geändert), Eric und Jean- Pierre leben dort, die alle sonst kein Dach über dem Kopf hätten. In der belgischen Hauptstadt mangelt es nicht erst seit diesem Winter an Möglichkeiten, die rund 2.000 Obdachlosen mit dem Nötigsten zu versorgen. Thereses Vermieter ist nicht begeistert von der neuen Nutzung seiner Immobilie. Aber im Winter, sagt sie, ist er etwas menschlicher.

Eric, der früher selbstständig als Baumaler tätig war, zog im September ein, um die kalten Monate bei Therese zu überbrücken. Sieben Monate war der 70jährige, der seit einem Unfall gehbehindert ist, zuvor ohne Unterkunft. Mit einem Baguette unterm Arm humpelt Eric die Treppe herunter und lässt sich bedächtig am Küchentisch nieder. Dort sitzen schon Therese und Jacques, mit dem er sich das Zimmer oben teilt. Der vierte im Bunde, Jean- Pierre, ist draußen im Viertel unterwegs, wo er die meiste Zeit mit seinem Hund durch die Straßen zieht.

Irgendwie sind sie Schicksalsgenossen – und dann auch wieder nicht: Therese ist nicht daran gelegen, die Unterschiede deutlich zu machen. Doch wer hier gibt und wer empfängt, zeigt sich, wenn Eric loslegt. “Wie eine zweite Mutter” sei Miss Homeless für ihn. Ohne Pathos sagt er das, und komisch wirkt es auch nicht, denn Eric mit den strubbeligen grauen Haaren und dem verschmitzten Gesichtsausdruck hat sich durchaus etwas Jungenhaftes bewahrt. Trotzdem fährt ihm Jacques freundschaftlich, aber entschieden in die Parade: “Sie ist jünger als du, Knalltüte!” Eric grinst. Zehn Jahre Unterschied. Dagegen ist wenig ein zu wenden.

Jacques, der tätowierte, hemdsärmelige Wallone, dem man die 64 Jahre auch nicht ansieht, ist der Possenreißer dieser Zweck- WG. Seine Geschichten fischt er aus dem reichen Fundus eines abwechslungsreichen Lebens: die Armeezeit in der Eifel, wo er seinem Hang zu deutschsprachigen Zoten und Schenkelklopfern ausschweifend frönte. Zehn Jahre als Fußballprofi in der ersten belgischen Liga, dann die zweite Karriere als Ingenieur. Bagdad, Bangkok, Dubai, überall baute er Brücken. Jacques erzählt gerne von sich, und spart auch die Tiefschläge nicht aus, die das Leben für ihn bereit hielt. Der Tod seiner Frau, und wenig später seines Sohns. Ein Autounfall. Der Griff zur Flasche setzte die Abwärtsspirale in Gang, an deren Ende er seine Wohnung verlor. Im Januar fand auch er Unterschlupf bei Therese.

Es ist eine seltsame Gruppe, die da bei Weißbrot, Frischkäse und Filterkaffee um den Küchentisch sitzt. Miss Homeless hat ein Tresenhandtuch in den belgischen Farben über den Schoß geworfen, um die Krümel auf zu fangen. Orphée bettelt sie an, bis sie sich erbarmt. Jacques´ laute Stimme füllt den Raum, Therese lacht ab und zu, während der stille, zuvorkommende Eric meist amüsierte Blicke auf seinen Zimmergenossen wirft. Im halbdunklen Nachbarraum hat sich Michel, der 36jährige Sohn, wie immer in sein eigenes Reich zurück gezogen, das von einer Johnny- Hallyday- Flagge an der Wand und dem Computer in der Ecke gegenüber markiert wird. Michel hockt dort und hört Musik. Wendy, der andere Hund, schläft auf dem Boden. Auf dem Tisch steht eine kleine Elvis- Statue.

“Wir leben zusammen. Wir sind eine Gemeinschaft”, sagt Eric. Therese zündet sich eine Marlboro an und stimmt zu. “Tous ensemble.” Nach dem Essen sitzen sie draußen auf der Terasse. Die Sonne bricht durch die Wolken, der Winter wird demnächst vorbei sein. Orphée schießt durch den Garten wie eine Flipperkugel auf Speed. Wenn die Worte knapp werden, kann man immer noch den jungen Hund kraulen. Orphée, ein Streuner, den eine Freundin in Spanien auflas und ihr zum Geburtstag schenkte, ist der tolpatschige Mittelpunkt dieser Gemeinschaft, und wie bei richtigen Familien irgendwie auch das Amalgam, das den Laden zusammen hält.

Das Ende der kalten Zeit wirft auch die Frage auf, wie es weiter geht. Therese hat noch einen Mietvertrag für anderthalb Jahre. Eric will sich wieder ein Zimmer suchen. Und Jacques, der eben noch versonnen mit Orphee schmuste, sagt manchmal, dass dies hier nicht sein Leben ist. Und auch niemals sein wird. Einzig Therese Van Belle, weiß, dass in den nächsten Monaten wieder einmal neue Erlebnisse auf sie warten. Ihr 60. Geburtstag steht vor der Tür. Und dann ist da noch die französische Produktionsfirma, die sich bereits im letzten Jahr die Rechte an ihrer Geschichte sicherte. Der Vertrag wurde ihr schon zugeschickt, vier Monate sollen die Dreharbeiten dauern. Irgendwann im Frühjahr geht es los. Jour de Chance soll der Film heißen. Tag des Glücks.

Erschienen in Menschen, das Magazin, 23. September 2011

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