Meneer van Dijk sucht das Glück

Die niederländische Kommune Schagen will ihre Bewohner glücklich machen. Sorgen soll dafür ausgerechnet der Finanzdezernent.

Glück? Jan Steven van Dijk glaubte sich verhört zu haben. Doch dem war nicht so: in vollem Ernst hatte ihm die Bürgermeisterin soeben vorgeschlagen, seine kürzlich erst angetretene Stelle um ein gänzlich neues Resort zu erweitern: Glück. “Da hast du einen seriösen Job als Dezernent für Finanzen, und dann bekommst du so einen Unsinn dazu!”, dachte er. Im Geist sah er sich schon meditieren, auf einem warmen Stein sitzend, mit einem nach Weihrauch duftenden Stöckchen in der Hand. Der Esoterik- Verdacht kam instinktiv. Ausgesprochen hat er ihn lieber nicht. Er erbat sich Bedenkzeit.

 

Knapp zwei Jahre später: zum ersten Januar 2018 stellt Schagen, eine niederländische Kommune zwischen Amsterdam und Den Helder, die Bußgelder ein. Strafen, die bisher fällig wurden, wenn einer ihrer gut 40.000 Bewohner auf den Steuerbescheid nicht reagierte oder die Gemeinde- Abgaben nicht zahlte. Man treibe damit Leute nur tiefer ins Elend, dachten sich die Beamten aus Van Dijks Abteilung, als sie den Schritt vorschlugen. Wäre es nicht schlauer, der kommunale Sozialdienst setzte sich mit den Problemfällen in Verbindung um eine Lösung zu finden?

 

Fragen wie diese sind Alltag für Jan Steven van Dijk, 56, Dezernent für Finanzen und, tatsächlich, Glück in Schagen. Er tut dies nicht willkürlich, sondern anhand einer Liste mit 12 Kriterien. die das Leben glücklicher machen sollen. Aufgestellt hat sie die Abteilung für Glücks- Studien an der Erasmus- Universität Rotterdam. Die Liste basiert auf einer Umfrage unter den Schagenern. Wissenschaftlich erhobene Daten, kein Hokus- Pokus. Genau, wie Van Dijk sich das damals in seiner Bedenkzeit vorgenommen hatte. Seither prüft er jeden kommunalen Finanzposten auf eine Frage hin: ist damit dem Glück der Bewohner gedient?

 

Ein edles Ansinnen, soviel ist gewiss. Wie aber sieht das im Detail aus? Ein Termin mit dem Glücksdezernenten ist schnell gemacht. Vorher dreht man noch eine Runde durchs Städtchen. Spätwinter, klirend kalt, blauer Himmel. Gepflasterte Straßen, in den Vorgärten erscheinen die ersten Blumen. Vor dem Kirchplatz im Zentrum ein junge Frau auf dem Fahrrad. Vivian Gersschen, 20 Jahre, Pädagogik- Studentin. Ein guter Plan, das mit dem Glück, meint Vivian. Wobei: “Eigentlich ist das doch etwas persönliches. Wie wollen sie als Kommune dafür sorgen?”

 

Im gemeentehuis von Schagen ist der externe Besucher natürlich geneigt, jedes Detail unter dem einen Aspekt zu sehen: die Drehtür am Eingang, in deren Verglasung zwei Bäume mit rosa Blättern eingelassen sind. Nicht kitschig, eher freundlich. Oder die Sacharbeiter, die Bürger zu einem Termin im Foyer abholen, die so höflich und zuvorkommend wirken. Deutlich ist: wer hierhin kommt, soll sich wohlfühlen.

 

Der Glücks – Dezernent selbst trägt diese Art von casual chic am schlaksigen Leib, der vielen niederländischen Amtsträgern eigen ist: gute Schuhe, Jeans, ein Sakko überm Hemd, das in seinem Fall fröhlich- bunt bedruckt ist und einen legeren Knopf weiter offen steht als es müsste. Seine grauen Haare stehen beinahe wie Spikes in alle Richtungen ab. Womöglich wird in seinem Freundeskreis über Jan Steven van Dijk gerätselt, ob er wohl irgendwann einmal älter wird.

 

Was natürlich auch an seiner Art liegt. Fragt man ihn nach dieser Kombination, Finanzen und Glück, und bemerkt, dass deren erster Faktor dem zweiten selten förderlich ist, bricht er in prustendes Gelächter aus. Und räumt, als er sich beruhigt hat, vergnügt ein: “Das Gute ist: das mit dem Glück kommt manchen Leuten abgehoben vor. Und andererseits sind da Finanzen, etwas Knallhartes und Plattes. Da denken sie dann wohl, wenn dieser Typ sich mit Zahlen beschäftigen und unterm Strich alles stimmen muss, ist es vielleicht etwas weniger verschwommen, wenn sich ein Politiker mit Glück beschäftigt.”

 

Ein Beispiel: die Sache mit den Bußgeldern. Gleich zwei der besagten 12 Kriterien sind hier erfüllt: “Teilnahme am gesellschaftlichen Leben” und “Verbessern des sozialen Fangnetzes”. Außerdem, so Van Dijk, will man in Schagen prüfen, ob die Kommune Schulden von Bewohnern übernehmen und eine Regelung zur Abbezahlung finden kann. “Dann sind die Leute diese üblen Briefe los, die konstante Panik und den Stress”, erklärt der Dezernent, der der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid angehört. “Dafür können sie sich darauf richten Arbeit zu suchen und gut für ihre Kinder zu sorgen.”

 

Seine eigenen Zweifel räumte Van Dijk übrigens schnell zur Seite. Er blickt darauf mit einer Anekdote zurück, vorgetragen in jenem Plauderton, den man mit ihm aufallend schnell erreicht. “Früher gingen mit der Keule ein Tier fangen, das fraßen wir dann auf. Irgendwann baute jemand aus der Gruppe Knollen an, ein anderer jagte, und das stimmte man miteinander ab. Dann sagte der Älteste: wenn einer dies tut und jemand anders das, passt es zusammen. Als mich die Bürgermeisterin gefragt hatte, wurde mir klar: so einfach ist das eigentlich! Als Kommune müssen wir Dinge so koordinieren, dass alle etwas glücklicher werden.”

 

Nach dieser Erkenntnis trat Jan Steven van Dijk aufs Gaspedal. Er mag, selbst für einen Lokalpolitiker, sehr zugänglich und allürenfrei sein. Zugleich ist er ein ziemlicher Macher. “Ich wollte wirklich wissen, was wichtig ist für das Glück der Einwohner. Das muss man dann untersuchen lassen! Also rief ich die Erasmus- Universität an. Dann dachte ich: wir haben hier in Schagen eine gute Idee! Dafür sollten wir uns nicht schämen, sondern es von den Dächern posaunen.”

 

Im Herbst 2017 richtete die Kommune einen Kongress aus, zu dem 300 Beamte aus dem ganzen Land kamen. Das Interesse ist kein Strohfeuer: in Roerdalen an der deutschen Grenze und in Eindhoven gibt es inzwischen Bestrebungen dem Beispiel aus Schagen zu folgen. Vorgestellt wurde den Besuchern auch die erwähnte Liste, die für den Glücksdezernenten längst zum wichtigsten Handwerkzeug in den stundenlangen Ratsversammlungen geworden war. Was darauf steht, klingt bodenständig. “Sinnvolle Arbeit” liest man da, “Verbundenheit im Viertel”, oder “weniger Einamkeit”. Ebenso “Vertrauen in die Kommune”, “Sportmöglichkeiten” oder “Zufriedenheit mit Beziehungen”.

 

Um all dies zu fördern, führte man in Schagen zu Jahresbeginn ein neues Instrument ein: das Glücks – Budget. Weil der Haushalt es zulässt, können Bürger mit niedrigem Einkommen und in schwieriger sozialer Lage ein Mal im Jahr einen Antrag auf bis zu 500 Euro stellen. “Manche Menschen wollen zum Beispiel einen Malkurs machen. Ein einsamer älterer Mann bekam eine Angelrute und einen Stuhl, wodurch er sich mit anderen Anglern anfreundete. Oder wir zahlten Laufschuhe für jemand, der nach einer Depression wieder Sport treiben wollte.” Zweimal pro Woche berät das Finanzdezernat über die Anträge. 60 davon sind seit Jahresbeginn schon eingegangen.

 

Wegen solcher Fälle wehrt Van Dijk entschlossen ab, wenn man kommunales Glücksstreben mit zeitgenössischen Lifestyle- Ratgebern vergleicht: “Es geht uns hier nicht um den schönen Sonnenuntergang oder wilde Verliebtheit, sondern um eine nachhaltige Zufriedenheit mit dem Leben.” Sein eigenes Arbeitspensum ist durch sein erweitertes Resort zehn, zwölf Wochenstunden höher und liegt jetzt bei etwa 30. Die gleiche Zeit widmet Van Dijk seiner halben Stelle in einer Einrichtung für Geistig Behinderte, wo er als Direktor tätig ist.

 

Was ihn selbst glücklich macht? Da muss er nicht lange überlegen. “Frohe Menschen um mich herum zu haben. Und das Gefühl, dass ich jemand ein kleines Stückchen weiterhelfen kann. Das hat mit Sinngebung zu tun, und etwas zu bewirken.” Seine Hobbies nennt er nur, wenn man ein wenig tiefer gräbt. “Reiten auf meinem eigenen Pferd, auch wenn das fast ein bisschen dekadent ist”, gehört dazu, “Spazierengehen mit dem Hund, Zeit mit den Kindern”. Die Patchworkfamilie des in zweiter Ehe Verheirateten umfasst neun Kinder zwischen zehn und 31 Jahren. “Und mit den Kollegen herumzualbern.”

 

Jan Steven van Dijk, protestantisch erzogen, hat die Kirche längst hinter sich gelassen. Ein altruistischer, kommunitärer Ethos aber ist ihm geblieben. Und genau dies war es, was ihn um die Jahrtausendwende zu den Sozialdemokraten brachte. Kurz zuvor nämlich hatte er sich, geschieden und nicht in der besten Phase seines Lebens, in einem winzigen Dorf in der Umgebung niedergelassen. Innerhalb von zwei Jahren war er wieder glücklich verheiratet und wohnte in einem schönen Haus. ‘Dann bekam ich das Gefühl, diesem Ort, an dem ich mich so wohlfühlte, etwas zurückgeben zu wollen. Meine Frau und ich überlegten, wie ich das tun könnte. Dann sagte sie: warum gehst du nicht in die Politik?”

 

Erst während er das erzählt, geht es Van Dijk auf, wie sehr sich da für ihn persönlich ein Kreis geschlossen hat. Dass er jetzt also über Dinge entscheiden kann wie diese: “Heute morgen sagten ein paar Kollegen zu mir, wir bräuchten mehr Personal im Gemeindehaus. Weil die Wirtschaft so angezogen hat, gibt es viel mehr Nachfrage für Wohnungsbau, da kommen wir mit dem Prüfen gar nicht hinterher. Als Finanzdezernent sage ich dann: wovon bezahlen wir das? Als Glücksdezernent frage ich: was hilft das den Bewohnern? Nun ja, sagten sie, wenn wir schneller Genehmigungen erteilen können, wird früher gebaut. Die Wartelisten werden kürzer, und die Leute haben schneller eine Wohnung.”

 

Macht er sich eigentlich Sorgen, dass es mit Glücks- Budget und den Zwölf Kriterien vorbei sein könnte, wenn der wirtschaftliche Aufschwung verebbt und die Niederlande wieder in einer Rezession landen? Meneer Van Dijk schüttelt den Kopf. Gerade in schlechten Zeiten, betont er, könnte der Ansatz für klare Prioritäten sorgen. “Hat man das Gefühl, das Leben macht Sinn? Wohnt man sicher, muss man sich keine furchtbaren Sorgen machen, ob die Kinder in die Schule können oder zum Sport? Auf diese Dinge haben wir als Kommune auch dann Einfluss!”

 

Wie lange Jan Steven van Dijk diesen Weg mitbestimmt, ist nicht sicher: am 21. März finden überall in den Niederlanden wieder Kommunalwahlen statt. Ähnlich wie in Deutschland sind es nicht die besten Zeiten für die Sozialdemokraten. Umso mehr hofft er, dass er seine Arbeit fortsetzen kann. “Ich sage immer: wir haben in Schagen den Norden aus dem Kompass geholt und dafür ein G eingesetzt. Wir halten Kurs auf Glück!”

 

Eine Frage wäre da noch: wenn er selbst ein Glücks – Budgte anfragen müsste, wofür wäre das? “Ich liebe es zu handwerkeln. Also würde ich um Geld für Werkzeug fragen, und dazu angeben, dass ich auch gerne bei anderen Leuten Aufgaben erledigen würde. Dann würden wir zusammen Kaffee trinken und dann an die Arbeit gehen.”

 

 

Erschienen in Der Freitag, 1. März 2018

 

 

 

 

 

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