Liebe, Stolz und Gänsehaut

Das “Nieuw Israëlitisch Weekblad” wird 150 Jahre. Ein Jubiläums- Besuch bei der ältesten Zeitschrift der Niederlande.


Es ist Geschichte, was hier an den Wänden hängt! Durchnummeriert ziehen sich die frisch ausgedruckten Seiten der Jubiläums- Ausgabe durch die Redaktion. 152 sind es, und viele davon beleuchten die Entwicklung des Nieuw Israëlitisch Weekblad in all den Jahren. “Eigentlich wollten wir 150 Seiten, aber das ging nicht”, lacht Esther Voet, die Chefredakteurin der Zeitschrift, die im ganzen Land nur als “NIW” bekannt ist. Es ist ein Nachmittag Mitte November, und langsam kommt das Ziel in Sicht. “In zwei Tagen geht der erste Teil in Druck. Und in genau einer Woche, zu unserer Geburtstags- Gala, soll alles fertig sein.”
So sieht das also aus, wenn sich eine kleine Redaktion ein großes Ziel gesetzt und dieses beinahe erreicht hat. Vier Wochen dauerte die Arbeit an der Sonder- Ausgabe. Das Rezept ? “Gute Planung und sehr viel Liebe für die Zeitung”, sagt die Chefredakteurin. “Wir haben nicht auf eine Stunde mehr oder weniger geachtet.” In der gegenüberliegenden Ecke ist Monique Willemse, die Art Direktorin, mit der Auswahl des Covers beschäftigt. Zu den letzten Handgriffen stellt sich Feierstimmung ein, die Gesichter sind fröhlich und gelöst nach einem gemeinsamen Mittagessen in einem nahen jugoslawischen Restaurant – “mit viel Knoblauch”, lacht Esther Voet.
Nicht nur räumlich ist es eng auf dieser Redaktion. Der Ton, der hier gepflegt wird, ist herzlich, flapsig und vertraut. Es kommt vor, dass sich die Redakteurinnen – Esther Voet: “wir sind ein Hühnerhaufen, dafür sitzen in der Verwaltung nur Männer” – mit “Liebes” anreden. Auf den einzigen Mann fällt die Wahl, wer denn nun mit dem Fahrrad zum Kopierladen fährt, um schnell zwei Scans von früheren NIW- Titelseiten zu machen. “Entweder du bist Praktikant, oder du bist es nicht”, sagt Esther Voet. “Und deine Beurteilung ist auch noch nicht geschrieben.” Praktikant Barry Vingerling macht sich auf den Weg. Mit einem Grinsen.
Es ist offensichtlich, dass dahinter ein steiniger Weg liegt. “Gegen alle Umstände”, so die Chefredakteurin, habe sich das NIW 150 Jahre gehalten: die chronisch klammen Finanzen, das Verbot unter der deutschen Besatzung ab Ende 1940, die Verluste durch die Ermordung der niederländischen Juden. Doch zwei Mitarbeiter des Herausgebers überlebten, und so erschien das NIW bereits am 17. Mai 1945 wieder, zwölf Tage nach der Befreiung. Esther Voet zeigt ein Original- Exemplar und deutet dann auf ihren Arm. “Ich kann das noch immer nicht anschauen, ohne Gänsehaut zu bekommen. Es wurde auf Toilettenpapier gedruckt, auf einer Presse, auf der zuvor ein NSB (die niederländische Nazi- Partei, T.M.) hergestellt wurde.
Als einzige von fünf jüdischen Zeitschriften überstand das NIW die Schoa. Allerdings war danach die Ausrichtung grundlegend verändert. Als man 1865 begann, geschah das in Abgrenzung zum liberalen Judentum, und schon der Name ging auf Distanz zum damaligen Israëlitisch Weekblad. Bis 1940 stand auf der Titelseite der Satz: “Um Sie mit der echten Lehre der Wahrheit beknnt zu machen.” Die Grundrichtung war orthodox und antizionistisch. Seit 1945 ist diese eindeutig zionistisch. Allein dem eigenen Verhältnis zu Israel und seiner Entwicklung widmet die Jubiläumsausgabe ganze acht Seiten.
Heutzutage ist das NIW längst eine Einheitsgemeinde in Zeitungsform, das sich seiner Position sehr bewusst ist. “Wir sind der einzige verbindende Faktor der jüdischen Niederlande”, sagt die Chefredakteurin. Unterschiedliche politische Strömungen, orthodoxes und liberales Judentum, Amsterdam und die mediene genannten Gemeinden jenseits der Hauptstadt, alles ist im Blatt vertreten, vereint durch die Tradition. “Freitag abends beim Schabatten, nach der Hühnersuppe, blättert jeder die neueste Ausgabe durch”, so Esther Voet. Auf diese Weise findet jedes der 4.400 Exemplare etwa zehn Leser.
Aus dem Drucker kommen derweil noch immer alte NIW- Titelseiten. Auch sie gehören zur Geburtstags- Nummer, ebenso wie die Wahl zum “wichtigsten niederländischen Juden aller Zeiten”. Zur Auswahl stehen illustre Kandidaten wie Baruch Spinoza, Tobias Asser, den einzigen Nobelpreisträger des Landes, oder Henri Polak, Mitbegründer der niederländischen Sozialdemokratie. Dazu gibt es tiefgründige Interviews mit Jonathan Sacks oder EU- Kommissar Frans Timmermans.
Sarah Whitlau, stellvertretende Chefredakteurin, beschreibt die inhaltliche Linie so: “Es geht um alles, was heute jüdisch ist – nicht nur um all das, was nicht mehr da ist. Durch den breiten Ansatz haben wir auch viele Themen, die auch für Nichtjuden interessant sind. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen das NIW kennen.” Dass man nun zum Jubiläum endlich einmal “ein wenig in die Scheinwerfer kommt”, findet sie nur angemessen.
Eine Woche später ist der Festsaal mitten in Amsterdam bis auf den letzten Platz gefüllt. Ehemalige Chefredakteure plaudern aus dem Nähkästchen, jahrzehntelange Abonnenten kommen zu Wort. Es wird viel gelacht, und doch schweifen nach den Pariser Attentaten bange Blicke in Richtung der Tür, wenn diese sich mitten im Programm unversehends öffnet. Die eindringliche Rede der Kolumnistin Nausicaa Marbe zur Bedrohung durch Antisemitismus und Terror verleiht der Beklemmung Ausdruck.
Es sind die Politiker, die die Heiterkeit zurückbringen. Ein Journlist hat einen Film zusammengestellt, in dem Schwergewichte aller Parteien dem NIW gratulieren. Dass dabei gleich zwei Fraktionsvorsitzende erstmals von ihren jüdischen Großmüttern erzählen, löst stürmische Heiterkeit im Publikum aus. Ehrengast Haim Divon, der israelische Botschafter in Den Haag, kommentiert in seiner Laudatio trocken: “Alle meine Kollegen beneiden mich um diesen Posten. Wenn Sie so weitermachen, werden die Niederlande noch der zweite jüdische Staat.”
Erschienen in Jüdische Allgemeine, 17. Dezember 2015

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