Lachend im Regen

Ein Besuch beim Homeless World Cup in Amsterdam

Der Wettkampf des Tages ist ein ungleicher. Wer, könnte man sich fragen, wird am Ende die Nase vorn haben: die Trommeln, die man von weithin hört, wegen der sich selbst die Touristen vor dem Rijksmuseum umdrehen, oder die Eimer, aus denen es wieder einmal giesst? Beide Phänomene begleiten den Homeless World Cup nun schon seit Tagen. Auch in der Zwischenrunde folgt jeder Vollspann- Abnahme ein nasser Schleier über den Kunstrasen. Zum Aufwärmen traben transparente Regencapes hinter den Tribünen über die Kiesel, doch die Trommeln kann das alles nicht stören. Unbeirrt treiben sie das Geschehen auf den drei Feldern vor sich her.

Peter Zuser wirkt durchaus beflügelt von dieser Atmosphäre. Soeben hat die österreichische Auswahl gegen Kambodscha gewonnen, knapper als gedacht zwar, doch die makellose Zwischenrunden- Bilanz des Teams ist auch nur sekundär für seine Laune verantwortlich. “Jeder freut sich über einen Sieg, aber keiner ärgert sich über eine Niederlage”, so der 41jährige Klagenfurter. Mit seinem Kollegen Armin Leipert einen Kaffee nach dem Match gegönnt. Begeistert ist er von der professionellen Organisation der “Fussballparty”. Was ihm die Teilnahme bei einem solchen Ereignis bedeutet? “Ein Kindheitstraum.”

Dass der Offensivspieler Zuser in diesem September überhaupt in Amsterdam dabei ist, verdankt er einem Zufall. “Im richtigen Moment am richtigen Platz” war er – sprich: in einer therapeutischen Kicker- Gruppe, deren Coach einen kurzen Draht zum Nationalteam hat. Dieses suchte zu Beginn des Sommers nach einigen Absagen dringend Verstärkung für ein Turnier in Polen. Peter Zuser, einst Amateurkicker und Nachwuchstrainer im Raum Klagenfurt, war nach zweimonatiger Alkohol- Therapie bereit für ein Comeback auf dem Platz. Er überzeugt, und ehe er sichs versah, absolvierte er mit dem Team zwei einwöchige Trainingslager und fährt zur WM.

Zumindest in Österreich ist Peter Zuser damit die Ausnahme. “Wir haben regelmässig Sichtungen”, erzählt Coach Klaus Fuchs, der seit 2004 dabei ist und den Homeless World Cup, der ein Jahr zuvor erstmals in Graz stattfand, wie die Tasche seiner Trainingsjacke kennt. Wenn ein Spieler dort überzeuge, müsse man klären, ob er spielberechtigt sei. Danach folgen drei Trainingslager, an deren Ende die Trainer das acht Spieler starke Team bilden. Homeless ist dabei ein vager Begriff. Sicherlich gibt es bei der WM Kicker ohne Wohnung, und viele haben eine Weile auf der Strasse gelebt. Klaus Fuchs bringt es auf diesen Nenner: “wer hier spielt, würde ohne Hilfe keine Wohnung haben.” Im österreichischen Team entschlüsselt sich das wie folgt: neben Peter Zuser und Armin Leipert, die mit Suchtproblemen kämpften, kicken sechs Asylbewerber aus Afghanistan und Nigeria.

Deutlich ist der Homeless World Cup, der jedes Jahr stattfindet und wo jeder Spieler nur ein Mal teilnehmen kann, auch als Sprungbrett zurück ins Leben deklariert. “Jeder einzelne, der hier sein Land vertritt, ist ein Held”, schreibt Mel Young, Präsident der “Homeless World Cup”- Organisation, in seinem Grusswort. Sie haben viele Schwierigkeiten überwunden, um hier nach Amsterdam zu kommen.” Bürgermeister Eberhard Van der Laan brachte es am Tag der Eröffnungsfeier auf den Punkt: “Jeder kann homeless werden.”

Auch dies ist ein Grund, weshalb das Turnier mitten in Amsterdam stattfindet. Frühere Auflagen wurden in direkter Nähe des Eiffelturms und an der Copacabana ausgetragen. Als sich am Nachmittag der Regen etwas lichtet, kommen auch immer wieder Passanten vorbei, Touristen und Schüler auf dem Nachhauseweg. Der Streetsoccer- Modus, vier gegen vier auf kleinem Feld, bürgt für ständige Action, die Beats aus den Lautsprechern und die offensichtlich grossartige Laune der Kicker lassen die Eine und den Anderen tatsächlich auch verweilen. Das Gros der Zuschauer und mit Abstand die lautesten aber sind diejenigen, die gerade nicht spielen.

Am Nachmittag werden sie Zeuge eines bedeutenden Ereignisses: des ersten Tores des ägyptischen Frauenteams im Match gegen die Niederlande. Dass die orangen Gegnerinnen am Ende acht oder neun mal getroffen haben, ist Nebensache. Vor zwei Monaten, sagt Betreuer Abdelsamia Labib, hätten seine Mädels, alle zwischen 16 und 19. zum ersten Mal zusammen trainiert. Alle wohnen in einer Unterkunft für Strassenkinder in Cairo, und Fussball gespielt hätte vorher keine. “Ein Schritt in die Zukunft” sei der World Cup und die Reise nach Amsterdam für sie. Sport, egal welcher, so der Betreuer, könne sie stärker und selbstbewusster machen.

Soeben sind die Ägypterinnen von einem Ausflug zum nahe gelegenen Albert Cuyp- Strassenmarkt zurückgekehrt. Strahlende Gesichter bei Torfrau Sarah Ahmed, 19, die sich freut, den Namen Ägyptens zu tragen. Und Spielerin Hanan, 16, fühlt sich einfach “glücklich, hier zu sein”. Dann schieben sie ab, um sich ind er Players Area auf das letzte Match vorzubereiten. Wer weiss, vielleicht gelingt ihnen ja wieder ein Tor.

Erschienen in Ballesterer, 15. Oktober 2015

 

 

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