“Kontrolle ist wichtig. Aber es geht um Schönheit.”

Der Software- Entwickler Christian Engström ist der erste Europaabgeordnete der Piratenpartei. Szenen eines Gesprächs
Nachmittagssonne. Der Pirat blinzelt. In Jeans und gestreiftem Hemd steht er auf den Stufen zum Brüsseler EU- Parlament. Vor ein paar Stunden erst ist Christian Engström, 49, gelandet. Heute ist sein erster offizieller Arbeitstag.

Haben Sie Sich schon gewöhnt an das Jet- Set- Leben?
Christian Engström: So richtig angekommen bin ich noch nicht. Aber man wird natürlich leicht verwöhnt.

Piraten scheinen dieser Tage überall zu sein. Erst vor Somalia, jetzt auch im Europäischen Parlament!
Das hängt nicht zusammen! Das ist eine ganz andere Abteilung!

Wie fühlen Sie sich denn nun als EU- Abgeordneter?
Ich bin sehr glücklich, hier von innen arbeiten zu kö nnen. Ich weiss aber auch, dass ich alleine gar nichts erreichen kann. Ich bin nur ein Mitglied der Partei. Ich sehe mich selbst als einen Vertreter für Internetaktivisten in ganz Europa, nicht nur in Schweden.

Inzwischen hat Engström in einem Café Platz genommen. Und steckt sich sogleich eine Zigarette an, die aber die Einzige des zweistündigen Gesprächs bleiben soll. Danach geht er zu Kautabak über. Er möchte nicht fotografiert werden, während er raucht. Um kein schlechtes Vorbild ab zu geben, sagt er, und grinst linkisch. Seit ein paar Wochen ist Christian Engström eine öffentliche Person.

Hat der 7. Juni eigentlich einen Popstar aus Ihnen gemacht?
Ja, irgendwie schon. Ein ganzer Haufen Medien wollte mit mir sprechen, ich schlief an diesem Tag nur eine Stunde. Ich denke, ich habe zwölf Stunden lang Interviews gegeben, und während dessen  ging ständig mein Telefon. Von dem ganzen Klingeln machte schließlich die Batterie schlapp.

Ihr rapider Quereinstieg in die Politik sorgt natürlich für Aufsehen. Welche Brücke hat Sie  überhaupt dahin geführt?
Eigentlich bin ich Programmierer und IT- Entwickler. Ich begann vor einigen Jahren, mich für Software- Patente zu interessieren. Dann wollte ich etwas mit Open Source machen. Ich dachte, wenn auf meinem Gebiet etwas so Interessantes passiert, wäre es dumm, nicht dabei zu sein. Das wäre, wie 1789 in Paris zu sein und den Sturm auf die Bastille zu verpassen.

Wie sind Sie denn zum Programmieren gekommen?
Das wollte ich schon immer werden. Programmieren war meine Leidenschaft, so lange ich mich erinnern kann! Meine Eltern waren auch beide Programmierer. Meine Mutter arbeitete in einem Forschungslabor des schwedischen Verteidigungsministeriums, mein Vater war in einer kleinen Softwarefirma, die Suchprogramme herstellte.

Sie setzten also eine Familientradition fort?
Ja. Schon bevor ich mit 15 oder 16 Hand an einen Computer legte, hatte ich Ideen, sie zu programmieren. Das war ein paar Jahre vorher, in den frühen 1970ern.

Erinnern Sie Sich an ihren ersten Computer?
Natürlich stand er nicht bei mir zu Hause, denn damals waren Computer große Maschinen  – mit ausgebreiteten Armen deutet Engström die Ausmaße an – die viel Kühlraum benötigten. Ein Alpha LSI, er hatte eine Telex- Maschine mit einem Papierstreifen, und ich musste ihn mit der ganzen Schule teilen.

Computer kamen in ihrem Leben also lange vor der Politik?
Ja. Schon mit 17 oder 18 begann ich neben dem Studium in einer kleinen Software- Firma zu arbeiten. Ich studierte Mathematik und Computerwissenschaften. Mathematik musste ich machen, das verstand ich zwar nicht richtig, doch dafür fiel mir der zweite Teil um so leichter.

Sie kennen die klischeehafte Rolle des Geek aus High School Filmen?
Ich habe mich noch nie besonders für Sport interessiert. Wie sehr ich ein Geek  war, weiß ich nicht. Vielen Menschen wurde schon dieses Label aufgeklebt.

Zu überraschen scheint ihn diese Frage nicht. Zu  provozieren noch viel weniger. Tief hängt der Pirat in seinem Stuhl, die wachen blauen Augen folgen dem Gespräch. Die Antworten kommend flüssig, der Tonfall ist freundlich und dezent. Um den Hals hängt seine Brille, die grauen Haare sind akkurat geschnitten und büchsen doch über der Stirn in Wirbeln aus. Christian Engström hat eine eigenartige Abgeklärtheit.

Hatten Sie jemals ein Selbstbild als Pionier?
Nein, so sah ich das nie. Ich kümmer mich nicht so sehr um das, was andere Leute tun.

Und dass IT einmal eine solche Rolle spielen würde, haben Sie Sich mit dieser Frage beschäftigt?
Zum ersten Mal denkt Engström länger nach. Er zieht an seinem Zeigefinger, als ließe sich diesem eine besondere Antwort entlocken.
Das war nichts, worüber ich in den 70ern oder 80ern nachgedacht hätte. Aber trotzdem habe ich nie daran gezweifelt.

Wie wurden in der politischen Debatte in dieser Zeit Computer wahr genomen?
Damals hieß es vor allem, sie nähmen Arbeitsplätze weg. Na klar tun sie das. Aber das begann schon mit der Industriealisierung. Davor waren fast alle Bauern, heute nur noch zwei Prozent, also haben sie 98% der Arbeitsplätze auf dem Gewissen. Aber dafür schaffen sie auch neue. Und ich möchte nicht als Bauer im 18. Jahrhundert leben, oder als Fabrikarbeiter in den 1950ern.

Wie Ihre eigene Arbeitsbiographie bestätigt…
Ja, ich blieb 20 Jahre bei der Firma, in der ich schon als Student gearbeitet hatte. 2001 gründete ich meine eigene Software- Entwicklungs- Firma. Glindra hieß sie. Bis dahin schrieb ich in Fortran, einer sehr altmodischen Programmiersprache. Ich wollte aber in einer modernen Sprache arbeiten, wie C++. Es gab keinen Geschäftsplan. Ich wollte Dinge entwickeln und sehen, was dann passiert.

Was passierte, war, dass Sie nach ein paar Jahren die Firma verkauften, um sich dem Kampf für freie Softwarenutzung zu widmen.
Ich verfolgte die Debatte um Softwarepatente im Internet und tauschte mich mit anderen Aktivisten aus. 2004 fand in Brüssel eine Konferenz zu diesem Thema statt. Dies war die Geburtsstunde des Internetaktivismus. Im Juli 2005 gewannen wir den Kampf, als das EU- Parlament das geplante Gesetz ablehnte.

Wenn Sie an diesem Kongress nicht teil genommen hätten, säßen wir jetzt nicht hier?
Richtig. Ich mache dafür Erik Josefsson vollständig verantwortlich. Das ist einer der führenden schwedischen Aktivisten, mit dem ich in Kontakt kam. Zusammen schrieben wir die Charter für das schwedische Kapitel zur europäischen FFII (Foundation for a Free Information Infrastructure). Jetzt ist er mein Assistent hier. Er hat mich in die Politik gezogen, jetzt soll er zusehen, dass die Sache funktioniert. Guter Witz. Engström lacht schallend.

Man liest, Sie seien zuletzt fünf Jahre arbeitslos gewesen?
Arbeitslos ist nicht das richtige Wort. Ich betätigte mich als Aktivist ohne Bezahlung. Es war nicht so, dass ich nach Arbeit gesucht hätte.

Und wie haben Sie Sich finanziert?
Mit dem Geld, das ich mit dem Verkauf meiner Firma verdiente. Das war eine gute Gelegenheit, in der Mitte des Lebens ein paar Jahre frei zu nemen. Es wäre nicht fair gewesen, sie nicht an zu nehmen. Aber wahrscheinlich war es dumm. Seinen Job zu kündigen, wenn man 40 ist und keinen anderen hat!

Viele Menschen würden dann erstmal lange auf Reisen gehen. Taten Sie das?
Nein.

Nicht mal daran gedacht?
Nein.

Stattdessen landeten Sie dann bei der Piratenpartei . Waren Sie Gründungsmitglied?
Nein. Nachdem wir den Kampf um das Patent 2005 gewonnen hatten, war ich sehr glücklich. Aber ich dachte, ich hätte nun meinen Beitrag geleistet. Ich wollte eigentlich zurück in einen normalen IT- Job.

Was kam Ihnen diesmal in die Quere?
Die Partei wurde am 1. Januar 2006 gegründet. Über Neujahr machte ich mit meiner Familie Urlaub. Als wir zurück kamen, schaltete ich den Fernseher an, und dort sagten sie gerade etwas über die neu gegründete Piratenpartei. Ich dachte sofort, verdammt, das kostet mich ein weiteres Jahr meines Lebens. Ich ging in mein Zimmer, machte den Computer an und ging auf ihre Seite. Damit war die Sache entschieden.

Kontrolle spielt in der Welt des Programmierens eine wichtige Rolle. Wenn man sich Ihre Biographie so anhört, scheint das nicht so.
Ich denke, man kann im Leben ein paar Dinge aussuchen, wie die Farbe der Vorhänge oder den Teppich. Aber so vieles ergibt sich zufällig. Wen man heiratet, zum Beispiel.

Es gibt Menschen, die glauben an Vorbestimmtheit.
Hahaha! Nein! Und was das Programmieren betrifft, dafür ist Kontrolle natürlich wichtig, aber eigentlich geht es darum, Schönheit aus zu drücken.

Ihre Motivation, Programme zu schreiben, war also Schönheit?
Ich meine nicht oberflächliche Schönheit wie bei einen Sonnenuntergang. Es geht dabei um die einzelnen Teile eines Programms, die auf eine gute und effektive Art miteinander verbunden sind, und darum, Komplexität zu reduzieren.

Was ist Ihnen neben Computern und Politik noch wichtig? Gibt es soziale Aktivitäten, die Ihnen Spaß machen?
Eigentlich nicht. Wenn du Familie hast, ist dafür kaum noch Platz. Wenn du im Internet bist, bist du auch mit Freunden zusammen.

Sie sind also ein Family Man?
Bis zu einem gewissen Grad ja.

Was macht Ihnen denn sonst Spaß? Kochen Sie?
Nein, ich bin in der glücklichen Lage, eine Frau zu haben, die gut kocht.

Oder hören Sie Musik?
Eher auch nicht. Sehen Sie, ich habe mich als Hobby mit Computern und Politik beschäftigt. Beides wurde dann professionell, und ich hatte noch nicht die Zeit, mir ein anderes Hobby an zu eignen.

Kennen Sie eigentlich schon den Weg in Ihr Arbeitszimmer?
Wollen Sie es sehen? Kein Problem.

Die doppelte Taschenkontrolle absolviert Engström schon mit einer gewissen Routine. Das tägliche Besucherkontingent eines Abgeordneten hat er fast erschöpft. Letzte Woche, in Straßburg, gab er in drei Tagen zwischen 20 und 30 Interviews.  “Der G- Aufzug, wo ist der G- Aufzug?” , murmelt der Pirat. Aus der Ruhe bringt ihn die Suche nicht. “Entweder wir verlaufen uns, oder nicht.” So leicht ist das. Ganz wie in einem binären System.

Wie haben Sie eigentlich selbst früher die EU wahr genommen?
1994, beim schwedischen Beitrittsreferendum, stimmte ich mit Ja.  Aber ich hatte wie die meisten nur eine sehr vage Vorstellung davon, wie Europa funktioniert. Beim Thema der Software- Patente bekam ich dann eine völlig neue Perspektive darauf, wie undemokratisch der Entscheidungsprozess ist. Das Parlament wird gewählt. Aber die meiste Macht liegt bei der Kommission, die sich nie vor den Wählern verantworten muss. Statt dessen sehen sie die Lobbyisten auf Champagnerempfängen. Also hören sie nur aufs Big Business. Ich denke nicht, dass sie schlecht sind, sie wollen es zumindest nicht sein, aber sie haben den Kontakt zu den Menschen verloren.

Die Büros sind frisch bezogen, die Wände noch karg. Noch nicht einmal eine Piratenflagge hängt dort, aber die kommt noch, sagt Christian Engström. Im hinteren Raum ein Schreibtisch mit EU- Mousepad, eine Couch und ein frischer Anzug auf dem Kleiderbügel. Im Vorzimmer sitzen zwei Assistenten. Einer ist Erik Josefsson.  Auf seinem T- Shirt steht ´Patent inflation is not a victimless crime´.

Copyright- Reform, keine Softwarepatente, Schutz der Bürgerrechte. Gibt es neben Ihren drei eigenen Agendapunkten eigentlich politische Themen, die Ihnen wichtig sind?
Ich halte unsere Themen für die wichtigsten. Der Eintritt in das Informatioszeitalter ist das größte Ereignis seit der Erfindung der Druckmaschine. In 500 Jahren wird es dies sein, woran wir uns erinnern.

Und was ist daran die große Herausforderung? Den Zugang zu Informationen gerecht zu verteilen?
Nein, es geht darum, eine Big Brother- Gesellschaft zu vermeiden. Computer sind fantastisch um Dinge zu teilen und eine wirklich offene Gesellschaft zu erreichen. Vielleicht entscheiden die nächsten fünf Jahre darüber, in welche Richtung sich Europa entwickelt.

Bevor Ihr Mandat richtig losgeht, gibt es im August noch eine Pause. Was machen Sie, wenn das EU- Parlament in Urlaub geht?.
Ferien! Ich freue mich darauf, nur zu Hause zu sein und überhaupt gar nichts zu tun. Das kann ich ziemlich gut. Naja, ich werde etwas Zeit im Internet verbringen, sonst verliert man den Anschluss an die politische Debatte. Wir haben eine Hütte nahe am Meer. Vielleicht fälle ich einen Baum und zerlege ihn zu Feuerholz.

Erschienen in Der Freitag, 3. September 2009

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