“Kein Holocaust- Film”

Eigentlich porträtiert Elkan Spillers in “L’Chaim” seinen Cousin. Daneben ist der Film ein eindringliches Zeugnis vom Leben nach dem Überleben.

“Weil er hier keine Kontakte hat, muss ein alter Mann in solch einen Coffee- Shop gehen. Erniedrigend ist das. Aber früher war ich auch mal ein Dealer. Siehst du: alles kommt zu einem zurück.” Die Runzeln des gegerbten Gesichts spannen sich, der struppige Bart unter der Schirmmütze beginnt zu zucken, und Chaim Lubelski, Anfang 60, wiehert vor Lachen über diese Lebensweisheit, die er da hinter dem Steuer so eben mal von sich gegeben hat. Ein kurzer Ausflug von der belgischen Küste aus, über die Grenze in die Niederlande, Haschisch kaufen. Er verfährt sich, der Rückweg wird hektisch. Die Zeit drängt, er muss seine hoch betagte Mutter Nechuma abholen. “Ich hoffe, sie flippt nicht aus.”

Der Dokumentar- Film L’Chaim- Auf das Leben, der am kommenden Wochenende in Kino- Premiere geht, beginnt wie ein bizarrer Road Trip. Eigentlich ist er genau dies, und zwar eine Reise durch die Welt des charismatischen Protagonisten Chaim Lubelski. Als Kind von KZ- Überlebenden wird er schnell zum nonkonformistischen Rumtreiber und schwarzen Schaf der Regensburger Familie. Er türmt aus Jeschiwas in London und Paris, lebt in den 1960ern als Hippie am Strand von Eilat und verdient sein Geld mit Schachspielen in Saint Tropez. Lubelski importiert Felljacken aus Afghanistan und wird mit dem Export von Levi’s Jeans aus New York nach Europa zum Self- Made- Millionär. In seinem Quartier Borough Park unterstützt er zahlreiche Arme, bevor er sein Vermögen an der Börse verliert.

Was bleibt: seine Gebetsbücher und der Kif. Und Nechuma, die Mutter jenseits der 90, die seit dem Tod ihres Mannes in einem kleinen Apartement eines jüdischen Altenheims in Antwerpen wohnt. Ausgerechnet Chaim, der Lebemann, der Unangepasste, zieht zu ihr, pflegt sie und verbringt bis zu ihrem Tod nahezu jede Minute mit ihr. Eine Lebensaufgabe, der er sich mit Humor und Liebe widmet. Für seine Mutter dazusein, sagt er einmal, übersteige alle Freuden in seinem Leben. Auch wenn die aufgeweckte alte Dame, wohlfrisiert und mit Perlenschmuck dekoriert, seine Biographie so zusammenfasst: “Er war ein scheener Junge, aber dann ist er geworden eine Schlampe, ein Gammler.” Auch als er jenseits der 60 ist, moniert sie ab und an noch ein Loch oder einen fehlenden Knopf an seinem Hemd.

Elkan Spiller ist gut 15 Jahre jünger als sein Cousin Chaim Lubelski. Biographisch und sozial verbindet die beiden einiges: das Aufwachsen mit schwer traumatisierten KZ- Überlebenden als Eltern, die Rolle als Familien- Rebell, das jahrzehntelange Herumschweifen zwischen Europa, Israel und den USA . Die Idee einen Film über Chaim zu drehen, kommt ihm immer mal wieder. “Weil ich erlebt habe, wie er die Leute berührt.” Und weil der Cousin das ist, was man im jiddischen Englisch A real Mensch nennt. Ein fünfminütiger Kurzfilm entsteht – sein Erstling. 2009 läuft er erfolgreich auf über 50 Festivals.

Davon beflügelt begibt sich Autodidakt Spiller an die lange Version – mit Enthusiasmus und Entschlossenheit. Der Freigeist Chaim, gekleidet “wie ein Penner”, transportiert Spillers eigene Überzeugung, dass Menschen sich jenseits aller Konventionen und Etikette auf einer tieferen, wahrhaftigen Ebene begegnen können. Für Spiller beinhaltet das nicht unbedingt eine religiöse Komponente, für Lubelski ist diese indes essentiell. “Die einzigen, die ich suche, sind die wirklich Gottesfürchtigen.” Diese, sinniert er, finde er im Winter nachts an der Klagemauer, alleine wie er. “Sonst ist alles Gruppen- Religion.” Im Film sieht man ihn an der Klagemauer seinen Gebetsmantel auspacken – aus einer überdimensionierten Lidl- Tüte.
Doch da ist mehr, natürlich: L’Chaim- Auf das Leben stellt die Frage nach dem Umgang mit dem eigenen beschädigten Leben im Land der Täter – Lubelskis Familie etwa durfte wegen der TBC des Vaters nicht in die USA emigrieren – und ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Menschlichkeit nach der Schoa. Ein Holocaust- Film, so Elkan Spiller, sei das nicht. “Eher ein Porträt eines besonderen Menschen, über eine jüdische Familie, geprägt vom Holocaust.” Just dies hat er am eigenen Leib erfahren: im Köln der 1960er Jahre besuchte er den jüdischen Kindergarten unter Polizeischutz. Die Schulzeit absolvierte er auf Veranlassung der Eltern aus Vorsicht unter dem Namen “Hans”. Irgendwann ging er nach Amerika, weil er endlich Elkan sein wollte, nicht immer nur Jude. Sein Film bedeutet ihm nicht weniger als die Hoffnung auf “Heilung”.

Sinnbildlich für das Motiv des Weitermachens ist das Thema Humor. Scheinbar schonungslos nehmen sich Mutter und Sohn Lubelski das eigene Leid vor. Nechuma berichtet, wie ihr im KZ Peterswaldau der Kopf rasiert wurde. “Ist heute modern, Mutti”, kommentiert Chaim trocken, worauf beide in Lachen ausbrechen. Ebenso wie nach der Aufforderung: “Mutti, du hast schon im KZ nicht gegessen, also iss wenigstens jetzt.” Doch hinter jeder Pointe lauert der Schrecken, und er kann ansatzlos zuschlagen. Mit leuchtenden Augen erzählt Nechuma von ihrer “singenden, tanzenden Mutter”, um im nächsten Moment zu ergänzen: “Hitler hat sie umgebracht.” Noch in ihren letzten Lebensjahren, mit über 90, spricht sie im Schlaf mit ihren ermordeten Eltern und Bruder.

Ungeachtet seines Potentials traf Elkan Spiller L’Chaim – Auf das Leben lange auf verschlossene Türen. Bei allen relevanten deutschen TV- Stationen handelte er sich Absagen ein, ebenso wie bei jüdischen Bekannten, die er um finanzielle Unterstützung bat. “”Viele wollen hier einfach nur leben und das Thema nicht mehr anrühren. ‘Spiller, weck keine schlafenden Hunde’, sagten sie.” Doch genau auf die hat er noch nie Rücksicht genommen. Zeit seines Lebens war er ein Suchender, studierte BWL und Werbung, schrieb eine Diplomarbeit über Antisemitismus im deutschen Fernsehen. Er assistierte kurze Zeit bei Alfred Biolek und arbeitete als Projekt- Manager, ohne jemals seine Berufung zu entdecken.

Dieses Ei, wusste Spiller, würde er legen, auch ohne Produktionsfirma und ohne Assistenz. Wenn nötig, fragte er Freunde um Hilfe, und kümmerte sich während des Schnitts noch um Musikrechte. Kurz vor der Premiere sagt er: “Hätte ich gewusst, wie schwer es wird, hätte ich nicht angefangen.” Gezahlt hat Spiller in vielfacher Währung: sämtliche Ersparnisse steckte er in seinen Film, vor allem in den letzten drei Jahren hatte er kaum ein freies Wochenende, schlief viel zu wenig und verlor zehn Kilo. Wenn man ihn in dieser Zeit traf, wollte man ihn umgehend eine Woche bei sich einquartieren und bekochen.

Nun, da sein Baby geboren ist, sagt Elkan Spiller, muss es noch laufen lernen. Bis Anfang September zieht er durch zwölf Städte und präsentiert den Film auf seiner Premieren- Tour. Mit dabei ist auch Chaim Lubelski, auf den man sich vor allem in Regensburg freut: “Alle über 50 kennen ihn dort. Er war der Haschisch- Dealer. Sein Spitzname war Che.”

Erschienen in Jungle World, 20. August 2015

 

 

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