Jihad hinter dem Kanal

Nach den Anschlägen von Paris erscheint der Brüsseler Stadtteil Molenbeek einmal mehr als Hort des Terrorismus. Was ist dort los, und was sind die Hintergründe?
Molenbeek, natürlich. Es gibt wohl kein anderes Viertel in Europa, das in den Tagen nach der jihadistischen Mordorgie von Paris derartig in den Fokus der internationalen Medien gerückt ist. Und nach all den Verbindungen zu all den anderen Anschlägen, zu Charlie Hebdo und dem koscheren Supermarkt in Porte de Vincennes, zum jüdischen Museum in Brüssel, dem gestürmten safe house von Verviers und dem verhinderten Thalys- Massaker, scheint es beinahe logisch, dass Molenbeek auch diesmal wieder mit im Spiel ist. Oder laufen dort gar, in Person des flüchtigen Salah Abdeslam und Abdelhamid Abaaoud, dem vermeintlichen Kopf der im Januar ausgehobenen Terrorzelle, der nun in Syrien ist, die Fäden zusammen ?
In Belgien steht Molenbeek schon länger im Ruf einer Hochburg fundamentalistischer Muslime. 2005 erschien eine undercover- Reportage der Journalistin Hind Fraihi, die dort nicht nur auf die damals allseits diskutierten Parallelgesellschaften traf, sondern auch auf expandierenden militanten Islamismus. Wie Belgien unter europäischen Syrienkämpfern überproportional vertreten ist, gilt das intern für Molenbeek. Auf dem Höhepunkt der Ausreisewelle im Frühjahr 2013 wähnte man 12 junge Muslime aus dem Bezirk in Syrien, bei einer Bevölkerung von knapp 100.000 Menschen – einer der höchsten Werte des Landes.
Aktuell wird Molenbeek, durch den Charleroi- Brüssel- Kanal vom Zentrum Brüssels getrennt, europaweit als Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Der belgische Innenminiter Jan Jambon von der flämisch- nationalistischen Nieuw- Vlaamse Alliantie (N-VA) nannte noch vergangene Woche just die europäische Hauptstadt ein schwaches Glied in der Verteidigungskette gegen Terrorismus. Am Tag nach den Anschlägen begannen in Molenbeek die Razzien, die sich mit Unterbrechungen bis zu der erfolglosen Jagd auf Salah Abdelslam am Montag hinzogen. Darin zeigt sich einerseits die Umsetzung von Jambons Ankündigung, er werde “Molenbeek aufräumen”. An der Basis dieses Plans aber steht ein Eingeständnis: “Wir haben”, so der Innenminister vergangenen Sonntag, “die Dinge in Molenbeek nicht unter Kontrolle.”
Diese Aussage ist angesichts des Pariser Blutbads offensichtlich – und doch frappierend nach der langen Vorwarnzeit, dass sich in Molenbeek etwas zusammenbraut. Das Stereotyp der belgischen Schlampigkeit, des schulterzuckenden laissez- faire und uneffektiver Behörden, mischt sich dieser Tage in manche Analyse. Wie sonst soll man sich das erklären, dass wenige Kilometer von den EU- Institutionen entfernt sich scheinbar ungestört jihadistische Strukturen entwickeln können ?
Der Politologe Dave Sinardet von der Freien Universität Brüssel, Spezialist für das komplexe Thema des belgischen Föderalismus, sieht die politischen Strukturen der Hauptstadt in der Verantwortung. Die Einteilung in sechs unterschiedliche Polizei- Zonen, “die vielleicht nicht gut kommunizieren”, und 19 Gemeinden, von denen Sint-Jans-Molenbeek, so der offizielle Name, eine ist, führe zu eingeschränkten Befugnissen. “Diese sind nicht gerade förderlich für eine integrale Politik in Brüssel, ob es nun Sicherheit, Integration oder Bildung betrifft.”
Deren Hintergrund liegt allerdings weniger in der vermeintlichen Schlampigkeit, sondern vielmehr in der komplizierten Verfasstheit der “Hauptstadt- Region Brüssel”, die erst 1989 als eine Art gemeinschaftlicher Puffer entstand: zwischen den konkurrierenden Sprachgruppen der frankofonen und niederländischsprachigen Belgier. Die politischen Zuständigkeiten und Verhältnisse zwischen Gremien der Sprachgruppen in Brüssel sind nach zahlreichen Runden der belgischen Regionalisierung für Aussenstehende kaum noch zu durchschauen.
In belgischen Medien plädiert Dave Sinardet dieser Tage gleichsam dafür, die Situation in Molenbeek nuanciert zu analysieren. Dazu gehöre nicht zuletzt auch die langjährige Unterschätzung der Entwicklungen seitens des Parti Socialiste- Bürgermeisters Philippe Moureau. “Jedes Signal eines Problems tat er ab als Kritik an der multikulturellen Gesellschaft”. Gegenüber dem Freitag betont Sinardet, hinter der Situation in Molenbeek stände “ein Cocktail von Faktoren”. Zugleich kritisiert er, dass sich im aktuellen Diskurs jeder diejenigen vornähme, die im ins politische Konzept passten: “Wer mit der PS nicht übereinstimmt, hat Ex- Bürgermeister Moureau im Fokus. Wer die aktuelle (Mitte- Rechts, T.M.)- Regierung kritisiert, richtet sich eher auf das Versagen der Geheimdienste.”
Was aber steckt eigentlich inhaltlich hinter der islamistischen Konjunktur in Molenbeek ? Wie fing das an, was ist passiert, was hat euch bloß so radikalisiert, ließe sich fragen, wissend, das turmhohe Jugendarbeitslosigkeit, die Abwesenheit von Chancen und soziale Ausgrenzung, wie Dave Sinardet das nennt, “notwendige Faktoren” sind, aber noch keine hinreichenden? Der Publizist Montasser Alde’emeh, selbst in Molenbeek wohnhaft und Experte auf dem Gebiet belgischer homegrown- Jihadisten, bringt vor allem die hohe Konzentration von Muslimen ins Bild, die bei rund 40 % liegt. Diese unterscheide Molenbeek selbst von anderen Kommunen mit vielen Syrienkämpfern. “Wenn in einer solchen Gemeinschaft jemand radikalisiert, hat das Auswirkungen auf sein Umfeld. Daneben kann man in dieser Umgebung gut untertauchen.”
Jan Gypers, als liberaler Kommunalpolitiker in Molenbeek Dezernent für Mobilität, weist in einem Gespräch mit der städtischen Nachrichtenwebsite Brusselnieuws.be noch auf einen anderen Faktor: die hohe Fluktuation der Bevölkerung. “Wir sind eine Transitkommune. Migranten kommen aus dem Ausland nach Molenbeek und so schnell es geht, ziehen sie wieder weg. Das ist eine permanente Rotation.” Molenbeek, eine der ärmsten Gemeinden des Landes, habe schon immer ein Image als “Sozialamt von Belgien” gehabt.
Die Beschreibung Gypers führt zu einer erweiterten Sicht auf Molenbeek als Knotenpunkt jihadistischer Ströme: Bewohner wie der jetzige mögliche Hauptverdächtige Abdelhamid Abaaoud sind aktuell im IS- Gebiet, andere sind zurückgekehrt, wieder andere werden vielleicht noch gehen. Wer sich die Profile der Verdächtigen von Paris anschaut, findet unter ihnen Vertreter der unterschiedlichen Gruppen. “Eine Drehscheibe” nennt Dave Sinardet das. “Es geht nicht nur um Menschen, die dort geboren wurden oder aufwuchsen, sondern auch solche, die en passant nach Molenbeek kommen. Die Möglichkeit, dort Unterschlupf zu finden, macht den Bezirk interessant.”
Als ersten Schritt kündigt der Ministerpräsident der Region Brüssel, Rudi Vervoort, eine engere Zusammenarbeit der Brüsseler Polizei- Zonen an. Zudem steht der Hauptstadt- Polizei 2016 eine 125 Millionen Euro- Spritze bevor sowie die personelle Unterstützung der föderalen Polizei. Unterdessen bleibt das Thema Molenbeek brennend aktuell: weil man den flüchtige Salah Abdelslam in Brüssel vermutet, wurde das für Dienstag geplante Fußball- Länderspiel zwischen Belgien und Spanien abgesagt und die zweithöchste des vierstufigen Terror- Warnsystems verhängt.
Im Zentrum von Molenbeek werden am Mittwoch Abend Kerzen angezündet und der Terror- Opfer von Paris gedacht. Unter dem “Molenbeek gibt Licht” will eine lokale Initiative Solidarität und Zusammenhalt ausdrücken. Mehr als 1.000 Menschen werden dort erwartet. Der Reputation des Stadtteils dürfte das zumindest mittelfristig nicht mehr helfen.

Erschienen in Der Freitag, 19. November 2015

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