Jenseits von Mofrika

Einst Hassobjekt, heute hip.  Das Deutschlandbild der Niederländer hat sich verändert.

WM 2006. Viertelfinale, Deutschland gegen Argentinien. Kurz vor dem Schlusspfiff betritt ein Mann um die 50 eine Bar in Amsterdam. “Wie lang ist noch?”, fragt er in die Runde. “Zwei Minuten”, antwortet Einer ohne auf zu blicken. “Na, da können die moffen ja noch drei Tore schießen!”

Moffen, das sind die Deutschen. Der Name ist alles andere als schmeichelhaft. Wie auch, stammt er doch aus der Zeit zwischen 1940 und 1945, als Nazideutschland die Niederlande besetzt hielt. Noch Jahrzehnte später traf man ihn an zwischen Maastricht und Groningen, kaum in geschriebener Form, in der Umgangssprache dafür um so häufiger, und gerne mit einem markigen rot- (Scheiß-) davor. Besonders regelmäßig beim Fußball, wo man die Spieler in Schwarz- Weiß gerne unverdienter Siege beschuldigte, mit Hilfe in letzter Minute erstolperter Tore.

Es ist ein komplexes Verhältnis, das die Niederlande zum großen Nachbarn im Osten pflegen. Es gibt diesen beliebten Witz: ein deutscher Tourist sagt in einem Lokal an der niederländischen Küste zum Kellner: “Ich krieg´ein Bier!” Darauf der Kellner triumphal: “Krieg ist vorbei!” Doch im Fußball ging er weiter. Bis weit in die Neunzigerjahre kam bei Welt- und Europameisterschaften die kollektive Erinnerung an die traumatischen Besatzungsjahre wieder hoch.

Die Feindschaft mit den Deutschen wurde von den Oranje- Fans sorgsam kultiviert. Man stilisierte sie zum Gegensatz: hier die hinreißend offensiven Niederländer, die am Ende meist mit leeren Händen da stehen, dort die hässlich, doch effizient spielenden Deutschen. Voetbal totaal gegen die lauf- und willensstarken Panzer der “Mannschaft”, nicht umsonst eines der deutschen Leihwörter im niederländischen Sprachgebrauch – neben “Hetze” oder “salonfähig”.

Die deutschen Urlauber passten prima in dieses Bild. Aus dem grenznahen NRW oder Niedersachsen kamen sie in Scharen an die Strände der Provinzen Seeland und Nordholland. Des Niederländischen nicht mächtig und im Englischen eher holprig, sprachen sie oft wie selbstverständlich deutsch. Als übellaunig und humorlos nahm man sie wahr, im besten Fall. Im schlechtesten dagegen als herrisch und latent eroberungslustig.

Wenn die Sommerfrischler es nicht hörten, imitierte man ihre Sprache und schnauzte sich vergnügt in vermeintlich preußischer Strenge Banalitäten wie “Mutti, ich will ein Eis!” oder “Ich suche ein Zimmer” entgegen. Deutsche Bekanntschaften wurden gerne daran erinnert, dass sie dem Gegenüber noch ein Fahrrad schuldeten – eine Anspielung darauf, dass die Wehrmachtssoldaten einst das beliebte Fortbewegungsmittel massenhaft entwendeten. Böse war das selten gemeint. Wer darüber dennoch pikiert war, bestätigte das Klischee. Deutschen, die darüber lachen konnten, ernteten ob ihres unerwarteten Humors indes oft herzliche Reaktionen.

Unkenntnis und Negativ- Bilder begünstigten sich lange gegenseitig. 1993 führte das renommierte Clingendael- Institut für internationale Beziehungen unter niederländischen Jugendlichen eine Umfrage durch, welche Attribute sie Engländern, Franzosen und Deutschen zuschrieben. 40% sagten damals, Deutsche wollten die Welt beherrschen, 39% hielten sie für kriegslüstern, 73% für dominant. Beeinflusst wurde die Studie sicher durch die zeitliche Nähe zur deutschen Einheit, die gerade in den Niederlanden nicht ohne Sorgen beobachtet wurde.

Die Ergebnisse lösten in beiden Ländern Bestürzung aus – und waren gleichzeitig der Initiator für eine Fülle von Austausch-, Kooperations- und Informationsprojekten, um die Beziehungen langfristig zu verbessern. Auf niederländischer Seite bedeutete das auch, in Geschichtsbüchern die Entwicklungen Deutschlands nach 1945 zu berücksichtigen. Spezialisiert auf die jüngere Geschichte des Nachbarn ist auch das Duitsland Instituut der Universität Amsterdam, das sich Forschung, Dokumentation und Bildung verpflichtet sieht und 1996 auf Initiative des niederländischen Bildungsministeriums gegrünet wurde.

Die Bemühungen hatten Erfolg. Knapp zwei Jahrzehnte später ist Deutschland den Niederlanden “mehr oder weniger ein ganz normaler Nachbar”, so Angelika Wendland, die Dokumentarin des Duitsland Instituut. Verantwortlich dafür macht sie neben der Informationsoffensive den Faktor Zeit: “Auch die Eltern der heutigen Jugendlichen haben den Krieg nicht mehr erlebt”. Vielmehr sehen beide Generationen Deutschland als Urlaubsziel, das in den letzten Jahren sogar Frankreich als beliebteste ausländische Bestimmung ablöste.

Als Katalysator dieses Umschwungs erwies sich ausgerechnet die WM 2006 in Deutschland – auch wenn, siehe oben, die moffen im Bezugsrahmen der Oranjefans durchaus noch eine Rolle spielten. Schließlich waren orange Kopfbedeckungen, den Wehrmachtshelmen nachempfunden und mit “Jetzt geht losssss”- Schriftzug versehen, ein ebenso beliebtes Acessoir wie der orange Hitlerschnurrbart zum Aufkleben.

Die niederländischen Fans fuhren nach Moffrika und landeten in Freiburg. Im Basislager der elftal pflegt man eine verwandte Fußballphilosophie: schön spielen, hoch abheben, tief stürzen. Auch darum begrüßten die Einheimischen die Niederländer mit überschwänglicher Sympathie. Zudem schien auch der Rest Deutschlands wie ausgewechselt, und die Bewohner zeigten sich freundlich und entspannt. “Eine bessere PR- Aktion war nicht möglich”, bilanziert Angelika Wendland.

Wer heute mit Niederländern über ihre Erfahrungen mit Deutschen spricht, stößt noch immer auf Stereotypen wie Pünktlichkeit und Korrektheit. Daneben aber taucht in den meisten Geschichten auf, wie freundlich man behandelt wurde, im Schwarzwald, dem Sauerland oder der größten aller Attraktionen: Berlin. Gerade unter Niederländern ist die Hauptstadt so populär wie wenig andere Orte auf der Welt. Jugendliche kommen zum Feiern, Erwachsene für Flair und Kulturgenuss, Künstler auf der Suche nach Inspiration.

“Die Kriegszeit rückt langsam in den Hintergrund, und die damit verbundenen anti- deutschen Gefühle auch”, bilanziert Matthias Veen, ein deutscher Architekt, der seit 25 Jahren in Rotterdam lebt. “Im Gegenteil. Deutschland ist ziemlich hip geworden. Hier gibt es seit kurzem einen Club, der ´Heidegger´ heißt.” Dass die neue Faszination beidseitig ist, zeigt sich auf studentischer Ebene: die Niederlande sind bei angehenden Akademikern aus Deutschland das beliebteste Ziel für Auslandssemester geworden. Dass sie dort auf gestohlene Fahrräder angesprochen werden, ist nicht mehr besonders wahrscheinlich.

Erschienen auf fluter.de, 25. Oktober 2011

2 Gedanken zu „Jenseits von Mofrika

  1. Monique Vos

    Das Wort “Mof” existiert schon viel länger in Holland. Z.b. die Soltaten von Freiherr Bernhard von Galen wurden genau 340 Jahre her schon “Moffen” genannt weil die “Muffen” trugen um die Hände zu warmen. Die Niederländer fanden das wirklich blöd weil nur Frauen Muffen hatten.

    Deutsche werden auch “Poep” (spricht man aus wie Pup) genannt, was auf Niederländisch nicht Puppe bedeutet aber Scheisse.

    ! Sehe auch http://www.holland-news.de/artikel.php?artikel=383

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