In der Geisterbahn des Jihad

Belgien scheint vom surrealen Entlein Europas zum Biotop der Gotteskrieger mutiert zu sein. Gerade die Fokussierung auf Brüssel- Molenbeek entlarvt dabei eine verkürzte Debatte, die weit über einen Problembezirk hinausreicht.

Im Jahr 2014 wurde die Kommune Molenbeek, ein Stadtteil Brüssels mit rund 100.000 Einwohnern, von der Föderation Wallonie- Brüssel zu ihrer “Kulturellen Hauptstadt” gekürt. Während des zugehörigen Fest- Programms stand unter anderem der “kulturelle Schmelztiegel” im Focus. Außerhalb des frankophonen Belgiens nahm das allerdings kaum jemand wahr.

2015 dagegen kam Molenbeek ziemlich groß heraus. Auch dabei ging es zumindest am Rande um Multikulturalismus. Statt eines Schmelztiegels allerdings stand nun eher eine gesellschaftliche Kernschmelze zu Buche, herbeigeführt von militant- islamischen Gotteskriegern. Von den Anschlägen am 13. November in Paris führte schon bald nicht nur eine, sondern scheinbar ein ganzes Gewirr an Spuren nach Molenbeek. Tagelang gab es Razzien, und internationale Medien verliehen der Kulturellen Hauptstadt Beinamen wie “Europe’s Jihadi Central” (The Guardian), “hotbed for Islamist radicalism” (New York Times) oder “refugio yihadista” (El Pais).

Die zweifelhafte Reputation ist keinesfalls unerwartet über Molenbeek hereingebrochen. Amedy Coulibaly, der Geiselnehmer des koscheren Supermarkts von Porte de Vincennes im Januar, soll hier ebenso Waffen gekauft haben wie Mehdi Nemmouche, der Attentäter auf das Brüsseler Jüdische Museum im Frühjahr 2014. Die Schwester des verhinderten Thalys-Attentäters Ayoub El-Khazzani wohnte hier, er selbst vorübergehend auch. Nach seiner Festnahme Ende August wurden zwei Häuser durchsucht. Als die belgische Polizei zu Jahresbeginn eine Islamistenzelle aushob, geriet das Quartier erneut in den Fokus: neun von 13 Festgenommenen stammten von dort. “Ein gigantisches Problem” nannte Premier Charles Michel die Tatsche, dass es “beinahe immer einen Link mit Molenbeek” gebe.

In den ersten Tagen nach der Pariser Terror- Orgie zogen daher Reporter aus allen Himmelsrichtungen in Erwartung einer Geisterbahn des Jihad durch Molenbeek. Was sie fanden: einen grauen, nicht einmal mäßig inspirierenden Stadtteil mit industrieller Vergangenheit, rund 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und einem vergleichbaren muslimischen Bevölkerungsanteil, durch den Charleroi- Brüssel- Kanal getrennt vom Zentrum mit seiner Touristenmeile sowie den Regierungsvierteln Belgiens und der EU. Das Straßenbild ist entsprechend deutlich muslimisch geprägt, und wer schon einmal zu Zeiten des Freitagsgebets hier war, weiß, dass dann die Türen dicht- und die Rolladen heruntergehen und sich wahre Prozessionen in Richtung der Moscheen in Bewegung setzen.

Auf Gotteskrieger oder Sympathisanten stößt man als Journalist auf Stippvisite natürlich kaum. Sehr wohl dagegen auf lokale Initiativen, die Armut, Arbeitslosigkeit und die Folgen sozialer Deklassierung in einer der einkommensschwächsten Kommunen des Landes versuchen aufzufangen. Der liberale Molenbeeker Dezernent für Mobilität, Jan Gypers, erzählte davon unlängst mit sanfter Stimme in einer Polit- Talkshow im niederländischen TV. “Wir haben 75 Nationalitäten, prächtige Bewohner und sind sehr stolz auf unsere Stadt. Wir sind konstant mit den Menschen, die dort wohnen, beschäftigt. Wir haben eine enorme Anzahl an Hilfseinrichtungen für Jugendliche.”

Sozialromantiker könnten glatt ins Schwärmen geraten, unterliefe da nicht diese latente Nähe zum islamistischen Terror das Bild vom rauen, aber rührigen Ghetto. Jan Gypers wohlwollende Antwort auf die Frage, was für ein Ort Molenbeek sei, verfehlte insofern fulminant das Thema. Gypers, seit fast einem halben Jahrhundert im Bezirk wohnhaft, richtete sich auf die große Mehrheit der rechtschaffenen, nichtradikalen Bewohner. Mit der Forderung, diese nicht zu “stigmatisieren”, umging er die Frage nach lokalen fundamentalistischen Strukturen. Das ist hilflos, strategisch oder beides, vielleicht auch eine Diskussionsverweigerung. Was schlimmer ist: der Auftritt war insofern symptomatisch, als einseitige Akzentuierungen in der Analyse der Molenbeeker Malaise Konjunktur haben.

Kaum etwas illustriert dies so gut wie die Arithmethik: wer in diesen Tagen die Berichterstattung über die Attentate verfolgt hat, dürfte ohne zu Überlegen wissen, in welchem Verhältnis die Zahlen ’19′ und ’6′ zu Brüssel stehen. Kaum ein Hintergrundbericht über Molenbeek nämlich kam ohne die Unterteilung de Stadt in 19 Bezirke und sechs Polizeizonen aus. Man sah beim Lesen die Redakteure förmlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und hörte den Aufruf: “Das kann ja nicht gutgehen!” Dass allein das noch keine Radikalisierung erklärt, ging in dem Schrecken gelegentlich unter.

Die Assoziationsketten lagen wohl auch zu verführerisch auf der Hand: Belgien, das Land des Surrealismus, chronisch ineffektiv, dafür hyperbürokratisch, garniert mit Nonchalance. Und zu allem noch dieser unverständliche Sprachenstreit, der nun auch irgendwie eine Rolle spielt, denn warum sonst ist dieses Land, das manche jetzt schon “Belgistan” oder einen failed state nennen, eigentlich so seltsam strukturiert ? Was wiederum nicht von der Hand zu weisen ist: die politischen Zuständigkeiten der offiziell zweisprachigen Hauptstadtregion Brüssel sind Außenstehenden kaum zu erklären, und der ritualisierte lingo- identitäre Affenzirkus an ihrem Rand spricht jeder inhaltlichen Debatte Hohn.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass gerade Jan Jambon, der Innenminister, die Verfasstheit Brüssels heftig kritisiert und schon vor den Pariser Anschlägen die EU- Zentrale als schwache Stelle in der Sicherung Europas gegen Jihadisten ausmachte. Jambon ist eine der Schlüsselfiguren der flämisch- nationalistischen Regierungspartei N-VA. Diese sieht das föderale Belgien als Hemmschuh möglichst autarker Regionen. Sie hat die Parti Socialiste nicht nur als größte Partei abgelöst, sondern steht ihr im politischen Spektrum diametral gegenüber. Das Konkurrenzverhältnis drückt sich rhetorisch häufiger in dem Bild aus, die N-VA müsse als Regierungspatei das “Durcheinander der Sozialisten” beseitigen.

Auch die Debatte um Molenbeek, in der letzten Woche freilich überschattet vom großen Lockdown in der Hauptstadt, spiegelt dieses Verhältnis wider. Die Jambon’sche Ankündigung, er werde Molenbeek “aufräumen”, ist nicht allein, aber auch in diesem Kontext zu sehen. Am anderen Ende der Skala steht Philippe Moureaux, eins der PS- Schwergewichte, der 1993 Bürgermeister von Molenbeek wurde und es 20 Jahre lang blieb. Moureaux gilt nicht allein den flämischen Nationalisten als Verkörperung eines klientelistischen Verhältnisses zu den Bewohnern. Zude, soll er Warnungen vor radikalislamischen Tendenzen in Molenbeek als unlautere Kritik an der multikulturellen Gesellschaft abgetan haben.

Als sein vermeintliches Versäumnis nach den Anschlägen tagelang Thema in belgischen Medien war, rechtferigte sich Moureaux launisch: “Als ich Bürgermeister war, passierten solche Sachen nicht.” Damit unterstreicht er, dass in Belgien dieser Tage das Niveau der Debatte weit hinter demjenigen der Sicherheit zurückbleibt. Wie angemessen der gegenwärtige Ausnahmezustand der Situation ist, lässt sich anhand der dünnen Faktenlage nicht bewerten. Bedenklich aber ist, dass die Analyse diesem Aufwand nicht folgen kannn und einzelne Aspekte überbetont werden, die mit der jeweiligen politischen Präferenz übereinstimmen.

Das bestätigt auch der Politologe Dave Sinardet (Vrije Universiteit Brüssel). “Wer mit der PS nicht übereinstimmt, hat Moureaux im Fokus. Wer dagegen der aktuellen (Mitte- Rechts, T.M.)- Regierung kritisch gegenübersteht, richtet sich eher auf das Versagen der Geheimdienste.” Sinardet zieht seinerseits einen “Cocktail von Faktoren” zur Erklärung heran. Die Ignoranz und Blindheit für islamistische Tendenzen während der Ära Moureaux, die schlechte Kommunikation zwischen den Brüsseler Behörden, aber auch die soziale Misere als “zwar nicht hinreichende, doch notwendige Bedingung.”

Der Publizist Montasser Alde’emeh, selbst in Molenbeek wohnhaft und Experte auf dem Gebiet belgischer homegrown- Jihadisten, bringt vor allem die dortige Konzentration von Muslimen ins Bild. Diese unterscheide Molenbeek selbst von anderen Kommunen mit vielen Syrienkämpfern wie Antwerpen oder Vilvoorde. “Wenn in einer solchen Gemeinschaft jemand radikalisiert, hat das Auswirkungen auf sein Umfeld.” Alde’emeh betont zudem die Qualitäten Molenbeeks zum Untertauchen. Dazu trägt nicht zuletzt die hohe Fluktuation bei. Viele neue Migranten lassen sich traditionell dort nieder, nur um wieder weg zu ziehen, sobald sich die Möglichkeit bietet. Laut Innenministerium wohnen auch 85 von 130 zurückgekehrten Syrienkämpfern in Molenbeek.
Wer sich tiefer in die Materie begibt, lässt die Grenzen des Bezirks hinter sich und landet bei der Verfügbarkeit schwerer kriegstauglicher Waffen in Belgien. Als der verhinderte Thalys- Attentäter Ayoub El- Khazzani behauptete, er habe seine AK 47 in einem Brüsseler Park gefunden, sorgte diese abstruse Erklärung beinahe für Heiterkeit. Dahinter verschwand aber, dass in manchen Gegenden Brüssels eine Kalaschnikow binnen eines Tages für 1.000 oder 2.000 Euro zu organisieren sein soll. Die Verschärfung des Waffengesetzes 2006 hat daran nichts geändert. Zuvor waren diese wegen der einheimischen Waffenindustrie besonders lax.
Beispielhaft für die Notwendigkeit einer nuancierteren Perspektive ist aber vor allem die belgische Integrationsdebatte der letzten Jahre. Diese ist stärker als in anderen Ländern von Symbolik und Identität geprägt und mündet darin, dass z. B. ein Kopftuch ein Ausschließungsmerkmal für öffentliche Berufe darstellt. Auf der anderen Seite zeigt das Beispiel Molenbeek das Versagen von PS und anderer linker oder liberaler Parteien, was die wiederholten Berichte über islamistische Tendenzen betrifft. Umso frappierender ist diese Feststellung, als solche Warnungen schon mindestens zehn Jahre lang kursieren.
Eine derjenigen, die sie aussprachen, war die Journalistin Hind Fraihi. 2005 veröfentlichte sie eine Reportage über entsprechende Tendenzen in Molenbeek. Neben dem Befund, dass Islamisten gegenüber moderaten Muslimen an Boden gewännen, enthält sie vielsagende Details wie den neuen Namen, den die muslimischen Migranten zu dieser Zeit für alteingesessene Belgier einführten: “Ungläubige.” Dessen ungeachtet war die Partei, die ihr am meisten Gehör schenkte, ausgerechnet der Vlaams Belang, dessen Vorgängerpartei Vlaams Blok kurz zuvor wegen Rassismus verurteilt wurde.
Spätestens hier zeigt sich, dass Molenbeek vergleichbaren Bezirken und Vierteln in anderen Ländern wohl voraus ist, was Zahlen und Infrastruktur potentieller Jihadisten angeht. Nichtsdestotrotz stellt die verkürzte und vielfach eindimensionale Analyse der Hintergründe eine Verbindung zu ihnen her. Die Frage ist, welche Konsequenzen aus dieser Erkenntnis abgeleitet werden können, um den Lockdown von Brüssel nicht zu einem Präzedenzfall für Europa werden zu lassen.

Erschienen in WOXX, 26. November 2015

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