Im Verteidigungsmodus

 

Gewaltenteilung unter Druck, konservativer Backlash, grassierender Nationalismus: wird aus dem Vorbild unter den neuen EU- Mitgliedern nun ein Hort der Finsternis?

In Jesu Schoß ist jede Menge Platz. Aber da sitzt nur ein einsames Paar und blickt herunter in die nachmittägliche Landschaft. Vor ihnen liegen Reihenhäuser, eine Kebab- Bude, die Plattenbausiedlung am Rand von Świebodzin. Über ihnen streckt die höchste Christus- Statue der Welt ihreArme aus. Das Vermächtnis eines Pfarrers, der aus seiner Stadt einen Wallfahrtsort machen wollte.

 

Swiebodzin, eine Kleinstadt in der westpolnischen Woiwodschaft Lebus, liegt an der Landstraße, die von der deutschen bis zur weißrussischen Grenze führt. Ein Truckerstrich mit billigen Motels, Wechselstuben und alle paar Kilometer einer Filiale des “Alibi- Nachtclub”. Und dann steht da diese Jesus- Statue: beiger Beton, 52 Meter hoch vom steinernen Sockel bis zur goldenen Krone, Spannweite 24 Meter, als wolle er sie alle zu sich kommen lassen: die Fahrer, die Prostituierten, die Pilger. Dieses ganze zerrissene Land.

 

Vorläufig aber hätte Pomnik Chrystusa Króla (Christus König) mit diesem Paar alle Hände voll zu tun. MitMałgorzata Majewska, 22, für ein Wochenende aus Gdansk zu Besuch bei ihrem Freund, Piotr Galik. drei Jahre älter. An den gemeinsamen Wochenenden streiten sie jetzt manchmal, der Politik wegen. “Ich habe PiS gewählt”, sagt Małgorzata, als sie Hand in Hand den Jesus- Hügel herunterflanieren. “Sie wollen nicht viele Flüchtlinge, das ist gut für Polen. Und die alte Regierung hatte zu viele Affären.”Ihr Freund aber traut der PiS nicht über den Weg: “Ich denke,dass sie eine Monopol- Stellung anstreben und die Verfassung ändern wollen.”

 

Da Konfliktpotential des Studentenpaars sind die Bruchlinien einer Gesellschaft, die in diesem Winter immer klarer zu Tage treten. Seit die Partei Prawo i Sprawiedliwość (Recht und Gerechtigkeit, kurz PiS) im Oktober die absolute Mehrheit gewann, modelliert sie die demokratischen Institutionen des Landes mit dem Holzhammer. Das Verfassungsgericht brachte sie auf Linie, den öffentlich- rechtlichen Rundfunk unter ihre Kontrolle, ebenso die Staatsanwaltschaft. Seit Dezember gehen regelmäßig Zehntausende auf die Straße, um zu protestieren.

 

Polen befindet sich im Verteidigungsmodus, inhaltlich und rhetorisch. Natürlich schweben da die Legenden der Vergangenheit als Leitbilder durch die dünne Winterluft. Das Verteidigungskomitee der Arbeiter (KOR)aus den 1970ern ist offensichtlich der Referenzpunkt des Verteidigungskomitees der Demokratie (KOD), das nun zum Protest ruft. Und als gelte es 40 Jahre später einen Kampf um die Nachfolge zu führen, betrat zuletzt ein weiteres Komitee die Szenerie: das zur Verteidigung Polens (KOP).

 

An einem kalten Sonntagmittag Anfang Februar tritt dieses zu einem der ersten Male an die Öffentlichkeit. Die Glasfassade der EU- Informationsstelle im Zentrum von Warschau ist ein naheliegender Ort,denn dass die EU die polnischen Regierung nun genau observiert, wird ihr von PiS- Anhängern nicht in Dank abgenommen. Etwa 50 Menschen, meist männlich, meist mittleren Alters, sind gekommen, mit Fahnen und anderen rot- weißen Acessoirs. Aus einem Lautsprecher ertönt die Hymne, mit Trotz und Inbrunst wird der Text mitgesungen. Der Aufruf im Internet trug den Titel “Beschützt Eure Frauen, nicht unsere Demokratie!”

 

Energisch ruft ein schmaler Mann mit Brillealle Patrioten auf, das Land zu retten, vor KOD, Kommunisten und EU. Ein Blick ins Rund zeigt die eklektischen Codes des polnischen Nationalismus: Schwerter von fundamentalistisch- katholischen Gruppierungen, bürgerliche Schnauzbärte, Keltenkreuz- Variationen, rasierte Schädel zweierjunger Männer, davon einer in Boots und Tarnhose, ein kuschelndes junges Päarchen, er langhaarig, sie mit White Pride- Sticker auf dem Rucksack.

 

“Wir sind hier, weil KOD gegen unsere Ministerpräsidentin ist”, erklärt ein Physikstudent mit schütterem Haar, dessen gelbe Weste ihn als Teil der Organisation ausweist.Er selbst habe nicht PiS gewählt, sondern die Partei des Musikers Paweł Kukiz. “Aber beide sind gegen die Bürokratie Europas.” Der Redner schwenkt jetzt eine ungarische Flagge und lässt die Menge “Viktor Orbán” skandieren. “Wir haben gegen Schulz gewählt, weil er versucht Polen zu zerstören”, erklärt der Physikstudent, der “anonym bleiben möchte”. Die Vorstellung von Sanktionen gegen die PiS- Regierung erscheint ihm abwegig. “Frankreich oder Spanien bekommen doch auch keinen Druck!”

 

Das KOP- Grüppchen zerstreut sich nach einer Stunde. Die Spannung aber ist in diesen Spätwinter- Tagen greifbar auf den Straßen der polnischen Haupstadt. Kamerateams durchkreuzen die Gegend zwischen Sejm und Präsidentenpalast, hier und da sieht man Aufkleber auf Ampeln, die vor einer Islamisierung Polens warnen. “Anti- Polonismus Stop”, steht in großen Lettern auf einer Wand im Zentrum, wobei das “O” von “Stop” eine Zielscheibe darstellt.

 

Unweigerlich muss man an die Worte Jarosław Kaczyńskis denken, dem Vorsitzenden und starken Mann der PiS, der Demonstranten unlängst als “schlechte Polen” nannte. Folgt man dieser Logik, ist Mateusz Kijowski einer der schlechtesten. Als die Regierung sich an Justiz und Medien zu schaffen machte, gründete er das “Komitee zur Verteidigung der Demokratie” als Facebook- Gruppe. Bald wurde daraus eine wirkliche Protestbewegung – “weil wir nicht nur klicken wollten”. Kijowski, ein charismatischer Endvierziger, IT- Spezialist mit Zopf, Bart und Ohrringen, ist ihr Präsident und Gesicht.

 

Ein Büro, in dem er Gäste empfangen kann, gibt es nicht nicht. Also bittet Kijowski in einen Versammlungsraum des polnischen Zweigs der Robert Schumann- Stiftung, die der jungen Bewegung ihre Räume gelegentlich zur Verfügung stellt. Hinter KOD, sagt er, stecken Anhänger aller möglichen Parteien. “Sogar solche, die PiS gewählt haben, aber nicht erwarteten, dass sie tun, was sie jetzt tun. Und viele Nichtwähler, die jetzt reparieren wollen, was sie angerichtet haben’.” Warum aber haben die Menschen überhaupt für diese Regierung gestimmt? Waren es das soziale Programm, das Kindergeld, das niedrigere Rentenalter? Der lautstarke Nationalismus als konservativer Rollback nach einer liberalen Periode?

 

“Eine Mischung”, sagt Mateusz Kijowski. “Vor allem aber geht es um Emotionen. Die Regierung vermittelt ein Bild ihrer liberalen Vorgängerin, die nicht mit den Menschen redete sich die Taschen füllte und das Land ruinierte.” Und jetzt kommt da also ein guter Mann, einer, der sich kümmert und den Menschen hilft. Kijowski muss hinter seiner Brille unwillkürlich lachen. “Wie der gute König, den viele in diesem Land gerne hätten. Der Nationalismus und die soziale Agenda, das sind nur Mechanismen, um diese Emotionen zu ermächtigen.”

 

Polen im Winter 2016, das ist ein komplexes Dickicht politischer Befindlichkeiten und elektoraler Tatsachen, und mittendrin die EU in einergrotesken Situation. Einerseits, skizziert Mateusz Kijowski, habe die PiS ein demokratisches Mandat. Wegender niedrigen Wahlbeteiligung aber sei dies nicht einmal halb so stark wie das polnische Ja beim Referendum zum EU- Beitritt. Gleichsam breche die Regieurung die demokratischen Regeln der Union, während mögliche Sanktionen aus Brüssel negative Folgen für die europäischen Gefühle der Polen hätten. Sein Fazit: “Das ist vollkommen verrückt.”

 

Um die Dynamik der letzten Monate zu begreifen, muss man jenseits der Glasfronten der Warschauer Verwaltungsbezirks und Altbau- Büros in die Seitenstraßen eintauchen. Etwa ins Universitäts- Viertel mit seinen Buchläden und Cafés, ins Kubek i Olowek, das Katarzyna Szymielewicz als Treffpunkt vorschlägt. Die junge Anwältin ist Präsidentin der Privacy- NGO- Panoptykon Foundation. Diese richtet sich zur Zeit gegen eine Novelle des Überwachungsgesetzes, mit dem die Vorgängerregierung am Verfassungsgericht scheiterte. Die PiS hat den Entwurfum drei Punkte ergänzt: es geht nicht mehr nur um Telekommunikation-, sondern auch um Internet- Daten. Diese dürfen künftig auch zur Verbrechenserkennung genutzt werden, und Geheimdienste können Internetprovider um Zugang fragen.

 

Dass sich die politische Debatte zuspitzt, findet Katarzyna Szymielewicz nicht überraschend. Im Hintergrund sieht sie eine wachsende gesellschaftliche Kluft, die ihren Ursprung 1989 begonnen habe, in der Transformation Polens, die Junge, Anpassungsfähige, Unternehmerische bevorzugt und andere abgehängt habe. Dazu habe der Klientelismus der früheren Regierung viele Menschen von beruflichen Posten, Zugang zu Macht und politischerDebatte ausgeschlossen. “Sie sehen jetzt die Zeit ihrer Revanche gekommen.”

 

Man braucht nicht lange zu suchen, um Spuren dieser Diagnose im Alltag zu sehen. Eigentlich muss man nicht einmal dieses Café verlassen. Acessoirs in den Landesfarben, die im Straßenbild allenthalben ins Auge springen, sucht man vergeblich. An der Wand sind Weinkisten mit Brettspielen angebracht, das Menu steht in bunten, kunstvollen Buchstaben auf einer Tafel über dem Tresen. Unwillkürlich muss man an Witold Waszczykowski denken, den Außenminister, der neulich polnische Werte bedroht sah von Multikultur, Radfahrrern und Vegetariern.

 

Für Waszczykowski wäre das Kubek i Olowek die Hölle: alle sprechen Englisch, und das Essen ist vegetarisch oder vegan. “Wir sind grundverschieden in Sprache und Ästhetik”, erläutert Katarzyna Szymielewicz bei Avocado- Shake und Möhrenkuchen die gesellschaftliche Realität. “Wir hören andere Musik, lesen andere Bücher, haben einen anderen Blick auf Politik. Jemand wie Präsident Duda ist für PiS- Wähler nicht nur ein Politiker, für den sie stimmen, sondern beinahe ein Heiliger, eine Identifikationsfigur.” Ihr Fazit: “manchmal scheint es, als gebe es zwei verschiedene Nationen.”

 

350 Kilometer weiter südwestlichtut sich auch Aleksander Gleichgewicht immer schwerer mit diesem Land. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Wroclaw beklagt, dass sich die Regierung zunehmend von Europa abwendet. Was er inhaltlich bedenklich findet, und zeitlich denkbar unpassend: immerhin hat in Wroclaw gerade das Festprogramm begonnen, mit dem die alte schlesische Metropole sich als Europas Kulturhauptstadt vorstellt. Gleichgewicht, den hier alle “Oleg” nennen, trägt das Festival- Logo am Revers. Er steht im Innenhof der renovierten Synagoge und erzählt von den Veranstaltungen, die hier stattfinden werden: Theater, Konzerte, ein Symposium, ein Film über das alte, jüdische Breslau.

 

Doch das Bild der Gastgeberin bekam schon vor der Eröffnungeinige hässliche Kratzer: ausgerechnet auf dem pittoresken Marktstadt mit seinen bunten Fassaden fand im November eine rechtsextreme Demonstration statt. Kurzgeschorene Nationalisten schrieen Hass- Parolen gegen muslimische Zuwanderer, und im Schein von Fackeln verbannten sie schließlich eine Puppe, die einen orthodoxen Juden darstellen sollte. In der Hand trug sie eine Europa- Flagge. Die Polizei griff nicht ein. Aleksander Gleichgewicht erstattete Anzeige. Sorgen um seine

Gewaltenteilung unter Druck, konservativer Backlash, grassierender Nationalismus: wird aus dem Vorbild unter den neuen EU- Mitgliedern nun ein Hort der Finsternis?

 

 

In Jesu Schoß ist jede Menge Platz. Aber da sitzt nur ein einsames Paar und blickt herunter in die nachmittägliche Landschaft. Vor ihnen liegen Reihenhäuser, eine Kebab- Bude, die Plattenbausiedlung am Rand von Świebodzin. Über ihnen streckt die höchste Christus- Statue der Welt ihreArme aus. Das Vermächtnis eines Pfarrers, der aus seiner Stadt einen Wallfahrtsort machen wollte.

 

Swiebodzin, eine Kleinstadt in der westpolnischen Woiwodschaft Lebus, liegt an der Landstraße, die von der deutschen bis zur weißrussischen Grenze führt. Ein Truckerstrich mit billigen Motels, Wechselstuben und alle paar Kilometer einer Filiale des “Alibi- Nachtclub”. Und dann steht da diese Jesus- Statue: beiger Beton, 52 Meter hoch vom steinernen Sockel bis zur goldenen Krone, Spannweite 24 Meter, als wolle er sie alle zu sich kommen lassen: die Fahrer, die Prostituierten, die Pilger. Dieses ganze zerrissene Land.

 

Vorläufig aber hätte Pomnik Chrystusa Króla (Christus König) mit diesem Paar alle Hände voll zu tun. MitMałgorzata Majewska, 22, für ein Wochenende aus Gdansk zu Besuch bei ihrem Freund, Piotr Galik. drei Jahre älter. An den gemeinsamen Wochenenden streiten sie jetzt manchmal, der Politik wegen. “Ich habe PiS gewählt”, sagt Małgorzata, als sie Hand in Hand den Jesus- Hügel herunterflanieren. “Sie wollen nicht viele Flüchtlinge, das ist gut für Polen. Und die alte Regierung hatte zu viele Affären.”Ihr Freund aber traut der PiS nicht über den Weg: “Ich denke,dass sie eine Monopol- Stellung anstreben und die Verfassung ändern wollen.”

 

Da Konfliktpotential des Studentenpaars sind die Bruchlinien einer Gesellschaft, die in diesem Winter immer klarer zu Tage treten. Seit die Partei Prawo i Sprawiedliwość (Recht und Gerechtigkeit, kurz PiS) im Oktober die absolute Mehrheit gewann, modelliert sie die demokratischen Institutionen des Landes mit dem Holzhammer. Das Verfassungsgericht brachte sie auf Linie, den öffentlich- rechtlichen Rundfunk unter ihre Kontrolle, ebenso die Staatsanwaltschaft. Seit Dezember gehen regelmäßig Zehntausende auf die Straße, um zu protestieren.

 

Polen befindet sich im Verteidigungsmodus, inhaltlich und rhetorisch. Natürlich schweben da die Legenden der Vergangenheit als Leitbilder durch die dünne Winterluft. Das Verteidigungskomitee der Arbeiter (KOR)aus den 1970ern ist offensichtlich der Referenzpunkt des Verteidigungskomitees der Demokratie (KOD), das nun zum Protest ruft. Und als gelte es 40 Jahre später einen Kampf um die Nachfolge zu führen, betrat zuletzt ein weiteres Komitee die Szenerie: das zur Verteidigung Polens (KOP).

 

An einem kalten Sonntagmittag Anfang Februar tritt dieses zu einem der ersten Male an die Öffentlichkeit. Die Glasfassade der EU- Informationsstelle im Zentrum von Warschau ist ein naheliegender Ort,denn dass die EU die polnischen Regierung nun genau observiert, wird ihr von PiS- Anhängern nicht in Dank abgenommen. Etwa 50 Menschen, meist männlich, meist mittleren Alters, sind gekommen, mit Fahnen und anderen rot- weißen Acessoirs. Aus einem Lautsprecher ertönt die Hymne, mit Trotz und Inbrunst wird der Text mitgesungen. Der Aufruf im Internet trug den Titel “Beschützt Eure Frauen, nicht unsere Demokratie!”

 

Energisch ruft ein schmaler Mann mit Brillealle Patrioten auf, das Land zu retten, vor KOD, Kommunisten und EU. Ein Blick ins Rund zeigt die eklektischen Codes des polnischen Nationalismus: Schwerter von fundamentalistisch- katholischen Gruppierungen, bürgerliche Schnauzbärte, Keltenkreuz- Variationen, rasierte Schädel zweierjunger Männer, davon einer in Boots und Tarnhose, ein kuschelndes junges Päarchen, er langhaarig, sie mit White Pride- Sticker auf dem Rucksack.

 

“Wir sind hier, weil KOD gegen unsere Ministerpräsidentin ist”, erklärt ein Physikstudent mit schütterem Haar, dessen gelbe Weste ihn als Teil der Organisation ausweist.Er selbst habe nicht PiS gewählt, sondern die Partei des Musikers Paweł Kukiz. “Aber beide sind gegen die Bürokratie Europas.” Der Redner schwenkt jetzt eine ungarische Flagge und lässt die Menge “Viktor Orbán” skandieren. “Wir haben gegen Schulz gewählt, weil er versucht Polen zu zerstören”, erklärt der Physikstudent, der “anonym bleiben möchte”. Die Vorstellung von Sanktionen gegen die PiS- Regierung erscheint ihm abwegig. “Frankreich oder Spanien bekommen doch auch keinen Druck!”

 

Das KOP- Grüppchen zerstreut sich nach einer Stunde. Die Spannung aber ist in diesen Spätwinter- Tagen greifbar auf den Straßen der polnischen Haupstadt. Kamerateams durchkreuzen die Gegend zwischen Sejm und Präsidentenpalast, hier und da sieht man Aufkleber auf Ampeln, die vor einer Islamisierung Polens warnen. “Anti- Polonismus Stop”, steht in großen Lettern auf einer Wand im Zentrum, wobei das “O” von “Stop” eine Zielscheibe darstellt.

 

Unweigerlich muss man an die Worte Jarosław Kaczyńskis denken, dem Vorsitzenden und starken Mann der PiS, der Demonstranten unlängst als “schlechte Polen” nannte. Folgt man dieser Logik, ist Mateusz Kijowski einer der schlechtesten. Als die Regierung sich an Justiz und Medien zu schaffen machte, gründete er das “Komitee zur Verteidigung der Demokratie” als Facebook- Gruppe. Bald wurde daraus eine wirkliche Protestbewegung – “weil wir nicht nur klicken wollten”. Kijowski, ein charismatischer Endvierziger, IT- Spezialist mit Zopf, Bart und Ohrringen, ist ihr Präsident und Gesicht.

 

Ein Büro, in dem er Gäste empfangen kann, gibt es nicht nicht. Also bittet Kijowski in einen Versammlungsraum des polnischen Zweigs der Robert Schumann- Stiftung, die der jungen Bewegung ihre Räume gelegentlich zur Verfügung stellt. Hinter KOD, sagt er, stecken Anhänger aller möglichen Parteien. “Sogar solche, die PiS gewählt haben, aber nicht erwarteten, dass sie tun, was sie jetzt tun. Und viele Nichtwähler, die jetzt reparieren wollen, was sie angerichtet haben’.” Warum aber haben die Menschen überhaupt für diese Regierung gestimmt? Waren es das soziale Programm, das Kindergeld, das niedrigere Rentenalter? Der lautstarke Nationalismus als konservativer Rollback nach einer liberalen Periode?

 

“Eine Mischung”, sagt Mateusz Kijowski. “Vor allem aber geht es um Emotionen. Die Regierung vermittelt ein Bild ihrer liberalen Vorgängerin, die nicht mit den Menschen redete sich die Taschen füllte und das Land ruinierte.” Und jetzt kommt da also ein guter Mann, einer, der sich kümmert und den Menschen hilft. Kijowski muss hinter seiner Brille unwillkürlich lachen. “Wie der gute König, den viele in diesem Land gerne hätten. Der Nationalismus und die soziale Agenda, das sind nur Mechanismen, um diese Emotionen zu ermächtigen.”

 

Polen im Winter 2016, das ist ein komplexes Dickicht politischer Befindlichkeiten und elektoraler Tatsachen, und mittendrin die EU in einergrotesken Situation. Einerseits, skizziert Mateusz Kijowski, habe die PiS ein demokratisches Mandat. Wegender niedrigen Wahlbeteiligung aber sei dies nicht einmal halb so stark wie das polnische Ja beim Referendum zum EU- Beitritt. Gleichsam breche die Regieurung die demokratischen Regeln der Union, während mögliche Sanktionen aus Brüssel negative Folgen für die europäischen Gefühle der Polen hätten. Sein Fazit: “Das ist vollkommen verrückt.”

 

Um die Dynamik der letzten Monate zu begreifen, muss man jenseits der Glasfronten der Warschauer Verwaltungsbezirks und Altbau- Büros in die Seitenstraßen eintauchen. Etwa ins Universitäts- Viertel mit seinen Buchläden und Cafés, ins Kubek i Olowek, das Katarzyna Szymielewicz als Treffpunkt vorschlägt. Die junge Anwältin ist Präsidentin der Privacy- NGO- Panoptykon Foundation. Diese richtet sich zur Zeit gegen eine Novelle des Überwachungsgesetzes, mit dem die Vorgängerregierung am Verfassungsgericht scheiterte. Die PiS hat den Entwurfum drei Punkte ergänzt: es geht nicht mehr nur um Telekommunikation-, sondern auch um Internet- Daten. Diese dürfen künftig auch zur Verbrechenserkennung genutzt werden, und Geheimdienste können Internetprovider um Zugang fragen.

 

Dass sich die politische Debatte zuspitzt, findet Katarzyna Szymielewicz nicht überraschend. Im Hintergrund sieht sie eine wachsende gesellschaftliche Kluft, die ihren Ursprung 1989 begonnen habe, in der Transformation Polens, die Junge, Anpassungsfähige, Unternehmerische bevorzugt und andere abgehängt habe. Dazu habe der Klientelismus der früheren Regierung viele Menschen von beruflichen Posten, Zugang zu Macht und politischerDebatte ausgeschlossen. “Sie sehen jetzt die Zeit ihrer Revanche gekommen.”

 

Man braucht nicht lange zu suchen, um Spuren dieser Diagnose im Alltag zu sehen. Eigentlich muss man nicht einmal dieses Café verlassen. Acessoirs in den Landesfarben, die im Straßenbild allenthalben ins Auge springen, sucht man vergeblich. An der Wand sind Weinkisten mit Brettspielen angebracht, das Menu steht in bunten, kunstvollen Buchstaben auf einer Tafel über dem Tresen. Unwillkürlich muss man an Witold Waszczykowski denken, den Außenminister, der neulich polnische Werte bedroht sah von Multikultur, Radfahrrern und Vegetariern.

 

Für Waszczykowski wäre das Kubek i Olowek die Hölle: alle sprechen Englisch, und das Essen ist vegetarisch oder vegan. “Wir sind grundverschieden in Sprache und Ästhetik”, erläutert Katarzyna Szymielewicz bei Avocado- Shake und Möhrenkuchen die gesellschaftliche Realität. “Wir hören andere Musik, lesen andere Bücher, haben einen anderen Blick auf Politik. Jemand wie Präsident Duda ist für PiS- Wähler nicht nur ein Politiker, für den sie stimmen, sondern beinahe ein Heiliger, eine Identifikationsfigur.” Ihr Fazit: “manchmal scheint es, als gebe es zwei verschiedene Nationen.”

 

350 Kilometer weiter südwestlichtut sich auch Aleksander Gleichgewicht immer schwerer mit diesem Land. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Wroclaw beklagt, dass sich die Regierung zunehmend von Europa abwendet. Was er inhaltlich bedenklich findet, und zeitlich denkbar unpassend: immerhin hat in Wroclaw gerade das Festprogramm begonnen, mit dem die alte schlesische Metropole sich als Europas Kulturhauptstadt vorstellt. Gleichgewicht, den hier alle “Oleg” nennen, trägt das Festival- Logo am Revers. Er steht im Innenhof der renovierten Synagoge und erzählt von den Veranstaltungen, die hier stattfinden werden: Theater, Konzerte, ein Symposium, ein Film über das alte, jüdische Breslau.

 

Doch das Bild der Gastgeberin bekam schon vor der Eröffnungeinige hässliche Kratzer: ausgerechnet auf dem pittoresken Marktstadt mit seinen bunten Fassaden fand im November eine rechtsextreme Demonstration statt. Kurzgeschorene Nationalisten schrieen Hass- Parolen gegen muslimische Zuwanderer, und im Schein von Fackeln verbannten sie schließlich eine Puppe, die einen orthodoxen Juden darstellen sollte. In der Hand trug sie eine Europa- Flagge. Die Polizei griff nicht ein. Aleksander Gleichgewicht erstattete Anzeige. Sorgen um seine Gemeinde macht er sich bislang trotzdem nicht, ihr Alltag sei nicht eingeschränkt, das rechtsextreme Milieu “marginal”.

 

Wer die englisch, deutsch und spanisch sprechenden Rucksackler vor ihren Hostels sieht, die bärtigen Hipster mit ihren rasierten Nacken, die ausgelassenen nächtlichen Rufe der Betrunkenen hört, dem fällt unweigerlich ein, dass Berlin gerade einmal ein paar Stunden von Wroclaw entfernt liegt. Und doch ist da eine Kluft, die immer tiefer wird. Malwina Tuchendler, die lange hier wohnte, studiert zur Zeit in Turin Theater und war dort, als die Wahlen stattfanden. Als sie zu einem Besuch zurückkam, erzählt sie im Café der jüdischen Gemeinde, betrat sie “ein anderes Polen.” Zu denken gibt ihr nicht in erster Linie die Lage der jüdischen Bevölkerung – “sondern die aller, die kein weißer, mittelalter christlicher Mann mit Schnurrbart sind.” Ihr Beschluss ist klar: “in ein solches Land komme ich nicht mehr zurück.”

 

Erschienen in WOXX, 18. Februar 2016

 



 

 

 

 

 

Gemeinde macht er sich bislang trotzdem nicht, ihr Alltag sei nicht eingeschränkt, das rechtsextreme Milieu “marginal”.

 

Wer die englisch, deutsch und spanisch sprechenden Rucksackler vor ihren Hostels sieht, die bärtigen Hipster mit ihren rasierten Nacken, die ausgelassenen nächtlichen Rufe der Betrunkenen hört, dem fällt unweigerlich ein, dass Berlin gerade einmal ein paar Stunden von Wroclaw entfernt liegt. Und doch ist da eine Kluft, die immer tiefer wird. Malwina Tuchendler, die lange hier wohnte, studiert zur Zeit in Turin Theater und war dort, als die Wahlen stattfanden. Als sie zu einem Besuch zurückkam, erzählt sie im Café der jüdischen Gemeinde, betrat sie “ein anderes Polen.” Zu denken gibt ihr nicht in erster Linie die Lage der jüdischen Bevölkerung – “sondern die aller, die kein weißer, mittelalter christlicher Mann mit Schnurrbart sind.” Ihr Beschluss ist klar: “in ein solches Land komme ich nicht mehr zurück.”

Erschienen in WOXX, 18. Februar 2016


 

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