Im Paradies des Bösen

Das Drents Museum im niederländischen Assen widmet sich in diesem Sommer Nordkorea. Im Zentrum steht der Widerspruch zwischen Staatskunst und Realität
Pur und rein gleiten die frisch geernteten Salzkristalle durch die Hände der Arbeiterinnen. Versonnen lächelnd sehen sie einander an, während einer wohlverdienten Pause von der harten Arbeit. Leuchtend in Lila, Rot und Grün heben sich ihre Blusen ab von dem weißen Überfluss, der vor ihnen aufgehäuft liegt. Im Hintergrund ist eine Losung zu erkennen: “Egal wie mühsam der Pfad ist, wir gehen mit einem Lächeln voraus.” Der Titel des Ölgemäldes von Kim Song-nyong, 2002 in den gigantischen Mansudae- Kunststudios von Pyöngyang entstanden: “Freude”.

Wenn an einem Ort, den wir gemeinhin als Hort des Bösen wahrnehmen, eine derartige Euphorie ausbricht, ist das Label schnell gefunden: Propagandakunst. Das Drents Museum im niederländischen Assen, einem Städtchen südlich von Groningen, wo solcherlei Malereien seit diesem Frühjahr die ebenfalls blütenweißen Wände schmücken, wählt zurückhaltendere Worte: “Die Ausstellung zeigt, wie das Regime sozialistisch- realistische Kunst einsetzt um ein utopisches Nord- Korea zu kreieren und in Stand zu halten.” Auch hier liegt der Name auf der Hand: “Die Utopie des Kim.”

Emsige Arbeiter, entschlossene Soldaten, strahlende Kinder: dies sind die durchaus erwartbaren Motive der zwischen 1960 und 2010 angefertigten Malereien, allesamt entstanden in staatlichen Kunsteinrichtungen. Angeordnet sind sie in Themenfeldern wie “Helden der Arbeit”, Früchte des Landes”, oder “Der große Füihrer”. Wer sozialistischen Realismus mag, bekommt mit diesen Gemälden, erstmals in den Niederlanden zu sehen, durchaus einige Leckerbissen aufgetischt. Inhaltlich wird dabei mit großer Kelle angerührt – insbesondere bei den expliziter politischen Rubriken “Koreakrieg und amerikanische Barbarei” oder “Koloniale Unterdrückung und anti- japanischer Widerstand”. Für Kunstsammler ansprechend ist der traditionelle Malstil – so jedenfalls formuliert es der Niederländer Ronald de Groen, aus dessen Privatkollektion die Exponate in Assen stammen. “In Nord- Korea macht man keine moderne Malerei. Kim Il Sung sagte einmal, wenn man nicht sehen kann, was es darstellen soll, ist es keine Kunst.

Selbstredend wirft all dies unmittelbar die Frage auf, welchen Blick man eigentlich selbst auf Nordkorea hat – auch bei Betrachtern, die sich damit zuvor nicht beschäftigten. Besucherin Kirsten Mastenbroek, eigentlich der Architektur des Museums wegen aus Rotterdam gekommen, hält die erwähnte Szene der Salzernte mit ihrer Kamera fest. “Unglaublich faszinierend” findet sie vor allem das Konzept, der Gemälde- Ausstellung eine Sammlung teils verdeckt aufgenommener Fotografien aus dem Alltag des Landes entgegenzustellen. “Die Fotos haben auch wieder einen gefärbten Blick, nämlich den des Fotografen. Es bleibt also immer ein doppelter Boden. Aber das ist auch nicht verrückter als die Berichterstattung über Freiheitskämpfer oder Terroristen.”

Die überzeichnete Märchenstunde des Chuch’e- Sozialismus fordert vom Betrachter einen gedanklichen Tribut, der von der Reflektion eigener, als westlich angenommener Perspektiven bis hin zu der Erkenntnis reicht, dass es “bei uns” auch politische Propaganda gebe. Die Frage, ob dies das Regime in Pyöngyang akzeptabler macht, verschwindet dahinter gelegentlich. In diesem Kontext wird dem einen oder anderen Besucher wohl die Frage gekommen sein, mit welchen politischen Konzepten sich weite Teile der europäischen Linken sich einst solidarisch erklärten. Was wiederum den Aha- Effekt nicht verhindert, der sich bei Gemälden der Rubrik “Süd- Korea” einstellt: wo jeglicher politischer Protest in Seoul eindimensional als Wunsch nach Wiedervereinigung” umgedeutet wird, liegt die Assoziation des 17. Juni nicht fern, die westdeutsche Vereinnahmung eines Arbeiteraufstands als “Tag der deutschen Einheit”.

Den sich einstellenden Reflexionen nicht nur den Raum zu bieten, sondern diese noch anzuregen, ist dem Drents Museum eindeutig zu Gute zu halten. Der Kritik, Propagandakunst ein Forum zu bieten, hätte man auch mit einigen pro- forma- Veranstaltungen begegnen können. In Assen jedoch gibt es Filmvorstellungen, zwei Mal wöchentlich gratis historische Vorträge zu Nordkorea und im Museums- Shop eine ganze Reihe kritischer Augenzeugenberichte in Buchform. Vor allem aber hat man für die Zeit der Ausstellung ein ständiges Pendant eingerichtet: “North Korean Perspectives” heißt eine Sammlung von Werken verschiedener Künstler und Fotografen, die sich der nordkoreanischen Realität aus gänzlich anderen Winkeln nähern.

Zusammengestellt hat sie der niederländische Kurator Marc Prüst. Dort vertreten ist etwaTomas van Houtryve, bekannt für sein Buch Behind the Curtains of 21st Century Communism. In Nordkorea gab er sich als belgischer Geschäftsmann auf der Suche nach Investierungs- Optionen aus. Seine Fotos zeigen schlecht oder unasphaltierte Wege, alte Menschen, die Karren hinter sich herziehen und graue Wohnblocks. Man sieht die Instagram- Reihe # Nkorea des AP- Fotografen David Guttenfelder, ebenso wie die Aufnahmen des Japaners Ari Hatsuzawa. Während seines Aufenthalts freundete er sich mit den offiziellen Begleitern an, die jedem Nordkorea- Besucher obligatorisch zur Seite gestellt werden. Statt Mangel und Verfall lichtete er Freibad- Besucher, Friseur- Kundinnen und Teilnehmer eines Lauf- Wettbewerbs ab um zu zeigen, dass auch diese Aspekte Teile des nordkoreanischen Alltags sind.

Am eindringlichsten sind die Arbeiten der Niederländerin Alice Wielinga. Während einer zweiwöchigen Nordkorea- Rundreise mit ihrem Vater reproduzierte sie zunächst Propagandakunst aus dem Öffentlichen Raum und aus Büchern. Manche der Schauplätze suchte sie selbst auf, um sie zu fotografieren. Zudem hielt sie vom Fenster des Kleinbusses, in dem ihre staatlichen Begleiter sie herumkutschierten, zufällige Straßenszenen fest. Aus diesen Elementen setzt sie ihre Kunstwerke zusammen. “Ich sammle Puzzlestückchen” erklärt Wielinga bei einem Besuch ihres Ateliers in Amsterdam. Das Bild “Epic of the Soldier” etwa besteht aus einer desolaten Bergregion mit Schneeverwehungen und einer heroischen Armee- Einheit samt Fahne. Diese montierte sie einem Soldaten mit Ochsenkarren und drei Passanten in Regenkleidung.

“Ist das, was ich sehe, Propaganda oder Realität?” – diese Frage, so Alice Wlelinga, habe sie sich in Nord- Korea öfters gestellt. Dass sich in ihrer Antwort die Trennlinie schliesslich aufhob, sieht man ihren Werken an, auf denen beide Ebenen, “blühende und verlassene Landschaften”, ineianderfließen. Eigene Genre- Erörterungen leiteten sich daraus ab: “wenn etwas ‘Realismus’ genannt wird, bedeutet dies nicht, dass es ein Spiegelbild der Realität ist. Es ist eine Utopie, die sie gerne erreichen wollen.”

Die Gefahr der Relativierung des Regimes sieht Alice Wielinga durch die künstlerische Auseinandersetzung mit ihm nicht. “Man muss nicht so tun, als passierten dort keine schlimmen Dinge. Trotzdem ist es gut verschiedene Perspektiven zu zeigen und nuanciert auf Nord- Korea zu schauen.” Ein praktisches Beispiel dafür bieten ihre Reise- Erzählungen, die die oft düster anmutenden Fotografien aus Nordkorea in ihren geographischen und wirtschaftlichen Bezug setzt: “Das Klima ist sehr hart, das Land besteht zu 80% aus Bergen, und Frühling wird es erst im Mai. Wegen der schweren Energie- Knappheit verbrennen die Menschen so viel Holz, dass Entwaldung inzwischen ein echtes Problem ist. Daher kommen dann diese kahlen Landschaften.”

Kunstsammler De Groen trifft derweil eine deutliche Verortung seiner Schätze in Relation zum nordkoreanischen Alltag: diese seien “absolut eine Utopie. Die Wirklichkeit sieht total anders aus. Man hält der Bevölkerung ein Idealbild vor, auf dass alle zusammen hinarbeiten müssten: “Wenn wir das machen, klappt es am Ende auch. Und wenn es nicht gelingt, ist es die Schuld der Amerikaner.”

 

Erschienen am 31. Juli 2015 in WOXX

 

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