Hype und Erregung

 

Rechtspopulismus und Medien: Skandalisieren oder Ignorieren? Ein Blick in die Niederlande, wo Geert Wilders’ PVV seit Jahren einen Medien- Zirkus inszeniert. Ein unaufgeregter, inhaltlicher Umgang mit ihr ist noch immer nicht erreicht.

 

Ein gefundenes Fressen – das ist die Partij voor de Vrijheid, gegründet 2006 und im selben Jahr erstmals ins niederländische Parlament eingezogen, für Medien. Wenn diese es darauf anlegen, sollte man freilich dazu sagen. Markante Aussprachen an der Grenze zum Rassismus und darüber hinaus, veritable Skandale um Abgeordnete mit auffallend schlechten Manieren, dazu die allzeit streitbare Reiz- und Galionsfigur Wilders, der wegen islamistischer Morddrohungen schon länger, als es die PVV gibt, permanent unter Personenschutz steht.

 

Mit den Jahren hat sich die PVV immer rabiater als Rächerin der kleinen Leute, zumal der alteingesessenen und vermeintlich hart arbeitenden, aufgeworfen, gegen Eliten und Europa, Multikultur und Muslime. Sie hat in dieser Zeit einen Hype nach dem anderen kreiert und konnte damit rechnen, dass dieser von der Mehrzahl der Medien bereitwillig aufgesogen und akzeleriert wurde: man erinnere sich an den amateurhaften “Islam- Film” namens Fitna von Geert Wilders’ im Jahr 2008, im Vorfeld zum potentiellen Flächenbrand- Auslöser im Nahen Osten aufgebauscht. Er erwies sich als Sturm im Wasserglas.

 

Dass rechtspopulistische Parteien auf genau dieses Aktions- Reaktions- Schema setzen, ist in Deutschland dank den strategischen Provokationen der AfD hinlänglich bekannt. Das diesbezügliche Potential der PVV dürfte vom Frühjahr noch in Erinnerung sein, als die längst jenseits ihres vorherigen Umfragenhochs liegende Partei mit unwohligem Gruseln und hochaufgeregt als Kandidatin für den Wahlsieg erklärt wurde – um dann, so die ARD nach der Niederlage, betont selbstkritisch zu fragen: “War der Wilders- Hype übertrieben?”

 

Dass niederländische Kollegen dies seit Jahren tun, ist unbestritten. Was nicht zuletzt an einer tiefen Unsicherheit liegt. Diese wiederum resultiert zum einen aus der besonderen Situation, dass Wilders effektiv der politische Nachlassverwalter Pim Fortuyns ist, für dessen Ermordung 2002 noch immer viele Niederländer Medien eine Teil- Schuld geben,weil sie Fortuyn “dämonisiert” hätten.

 

Ein weiterer Grund ist, dass es auch manchen Journalisten schlicht schwerfällt die PVV politisch zu lokalisieren. Das Phänomen einer neuen Rechten, die betont israel- freundlich und nicht oder nicht explizit homofob ist, keine Stiefelglatzen im Gefolge hat und im Laufe der Jahre immer prominenter eine soziale Rhetorik vertritt, entzieht sich so manchen alten Kategorien. Entsprechend erfordert seine Analyse ein gewisses inhaltliches Rüstzeug, oder zumindest die Zeit und Bereitschaft sich detailliert damit auseinanderzusetzen und sich das Rüstzeug anzueignen.

 

Die Partij voor de Vrijheidwurde, was dies betrifft, vielfach auf ihre wohlkalkulierten Knalleffekte reduziert. Oft genug bestanden diese darin, dass Wilders sich in respektloser oder herablassender Form über den Islam oder den Propheten ausließ. Meist ging er dabei nach simplem Schema vor und verglich den Koran ob seines antisemitischen Gehalts mit “Mein Kampf” oder nannte Mohammed einen Pädophilen.

 

Vor allem in den ersten Jahren der PVV war die mediale Reaktion jeweils erheblich – und der Aufschrei im Übrigen viel lauter als in Situationen, da der PVV- Chef forderte die Grenzen zu schließen oder keine Personen aus islamischen Ländern mehr ins Land zu lassen. Offenbar, so lässt sich folgern, wiegen für viele Medien religiöse Gefühle demnach schwerer als ein menschliches Grundrecht auf Bewegungsfreiheit – oder liegt hier nur ein chronischer Hang zum skandalösen Potential vor ?

 

Die PVV, soviel ist sicher, weiß die mediale Klaviatur zu bespielen. Sie macht sich einerseits rar, verweigert Gespräche oder leistet sich die nonchalanteste und unverbindlichste Medien- Abteilung aller niederländischer Parteien, die zeitweise über Wochen nicht erreichbar ist. Andererseits sind da Wilders’ regelmäßige Tweets, die auch in Ermangelung an anderem Material immer wieder zitiert werden und zudem oft einen hohen Erregungs- Faktor haben.

 

Wie sehr Medien sich bisweilen in den Bann der Partei schlagen lassen, sah man etwa nach den Europawahlen 2014: damals harrten zahlreiche Journalisten in einer engen Kneipe in Den Haag lange vor Beginn der Wahl- Party hinter einem Absperrband aus. Manch einer traute sich anhand allen Security- Personals nicht mal an die Bar um ein Getränk zu erstehen.

 

 

Erschienen in taz, 16. Dezember 2017

 

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