Das kulinarische Herz des Schelde- Shtetl

Ein Besuch im jiddischen Restaurant Hoffy’s in Antwerpen

Es ist eine Szene wie aus einer Komödie: “Und wo ist jetzt der gefilte Fisch?”, fragt der unkundige Gast. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in einem jüdischen Restaurant. Vor ihm steht ein “Kennenlern- Teller”, den Benjamin Hoffman und sein Bruder speziell für solche Fälle kreiert haben. Ein Renner unter den zahlreichen Touristen, mit allerlei bunten Speisen in kleinen Schälchen. Es ist nicht so, dass Benjamin Hoffman nichts zu tun hätte. Doch geduldig beantwortet er diese Fragen, auch nach Tausenden Malen. “Dies hier”, sagt er, und zeigt auf das Schälchen mit Fisch.

Ein gewöhnlicher Sonntag Abend im Antwerpener Diamanten- Quartier. Fast alle Tische sind belegt, Besteck- Geklapper füllt den länglichen Saal. “Hoffy’s” ist nicht weniger als eine Institution in der Hafenmetropole an der Schelde. Seit 30 Jahren verbirgt sich hinter der grossen Glasfront in der Lange Kievitstraat, ein paar Minuten nur vom Hauptbahnhof gelegen, ein Unikat. “Koschere Restaurants findet man viele”, sagt Benjamin Hoffman, ein langer, hagerer Mittfünfziger, auf dessen dunklem Kellner- Mantel das Firmen- Logo steht. “Aber jiddische? Wir sind das einzige in Europa.”

Angefangen hat alles mit einem Fischgeschäft in derselben Strasse. Für die Eltern der Gebrüder Hoffman, Holocaust- Überlebende, war das die schmale wirtschaftliche Grundlage in kargen Zeiten. “Wir hatten kein Spielzeug, nichts. Meine Eltern waren gebrochene Menschen.” Der Vater, der aus Ungarn stammte, stand im Fischladen, die Mutter in der Küche. Irgendwann, sagt der Inhaber, begannen sie aus der Not heraus, dort kleine Gerichte zu verkaufen. Kartoffelsalat, Erbsen, gebackenen Fisch. Ein improvisierter Take Away- Imbiss, aus dem 1983 ein Restaurant wurde. Benjamin Hoffman war damals 23. “Wir hatten kein Studium und auch sonst nichts in der Hand?”

Die Philosophie ist bis heute unverändert, die Gerichte sind es auch: “Echte jiddische Küche”, sagt Hoffman. Gefilte Fish, Reibekuchen, gefülltes Kraut, gefüllte Auberginen, das sind die Spezialitäten. Tscholent als Vorspeise, Apfelstrudel oder Lokschenkugel zum Nachtisch. “Viel Gemüse und Getreide, das ist die polnisch- jüdische Küche.” Rezepte gibt es bei Hoffy’s nicht. Alle Gerichte lernten die Brüder schon als Kinder von ihrer Mutter kennen.

In der ausladenden Vitrine beim Eingang liegt das gesamte Sortiment zur Auswahl. Leicht ist die Entscheidung nicht, denn die Schüsseln und Schalen erstrecken sich über mehrere Meter. Die Bewohner  des Viertels, bisweilen als letztes Schtetl Westeuropas bezeichnet, kommen zum Take Away hierher, viele haben schon eine oder zwei Plastiktüten von Braun’s Grocery an der Ecke in der Hand. Doch auch Touristen werden hierher gebeten, um all die Gerichte mit den unbekannten Namen in Augenschein zu nehmen. Wohl nirgendwo im Viertel kommen sich das orthodoxe Antwerpen und seine gojischen Besucher so nahe wie am Hoffy’schen Tresen.

Wer sich an einem der Tische niederlässt, bekommt als Aperitif Mohn- Challe mit eingelegten Gurken, dazu fein nuancierte Dips aus Roter Beete- Dip und pikanter Paprika. Dass die tachles- Reporter kein Fleisch essen, ist kein Problem: die vegetarische platter ist reichlich, mit gebratenen Champignons, Karotten und Zucchinis als Höhepunkten. An einem anderen Tisch erklärt Benjamin Hoffman einem älteren Paar derweil den Unterschied zwischen koscher essen und koscher leben. Was im Übrigen eine weitere Spezialität des Hauses ist: Gruppen, die hier einen Tisch buchen, bekommen zum Essen einen humoristischen Vortrag über jüdischen Lifestyle vom Chef höchstpersönlich.

Immer wieder leuchtet über den Tischen Blitzlicht auf. Fotos machen die Besucher von weiter weg gerne, egal ob sie nun Juden sind oder nicht. Sprachen klingen durcheinander, Japanisch und Englisch, Französisch und Niederländisch, Jiddisch und Deutsch. Weiter hinten rollen zwei blonde Kinder über den Boden, das Mädchen hat ein Stück Brot im Mund, der Junge einen Schnuller. Anstoss nimmt daran niemand. Hoffy’s ist so leger wie unprätentiös mit seinem hell gefliesten Boden und den beigen und roséfarbenen Textiltapeten. Ein bisschen wie das Esszimmer des Viertels, nur dass es auch Besuchern von ausserhalb offen steht, .

Der Raum hat sich geleert. Kurz nach neun ist es, die letzte Stunde hat begonnen. Beim Treppenaufgang zum Festraum im ersten Stock stehen drei ältere Chassidim, erzählen sich Schwänke und lachen. Ab und zu gesellt sich einer der Hoffman- Brüder hinzu, doch dann treten noch ein paar späte Gäste mit grossem Hunger und kleinen Einschränkungen ein. Den vier französischen Freunden von Mitte 30 können die platter kaum gross genug sein. Das elegante Paar dagegen hat andere Kriterien: “Meine Madame hat eine Gluten- Allergie”, so der Mann. “Kann Sie hier trotzdem essen?”

“No problem”, sagt Benjamin Hoffman, und bittet die Beiden zur Vitrine. Ein Runde Smalltalk zum Füllen der Teller, während draussen die Dunkelheit fällt. “Was, du hast in London gewohnt? Meine Tochter ist dort verheiratet”, sagt der Inhaber. Ein paar gemeinsame Bekannte sind leicht gefunden. Die Welt ist klein. Und eine ihrer Küchen steht in der Lange Kievitstraat in Antwerpen.

Erschienen in tachles, 9. Mai 2014

 

 

 

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