Henne oder Ei? Ajax, Feyenoord und die Juden

Antisemitische Sprechchöre gehören zum schlechten Ton, wenn der vermeintlich jüdische Club Ajax Amsterdam in der niederländischen Ehrendivision antritt.  Ajax- Hooligans dagegen tragen Davidsterne und schwenken voller Stolz israelische Fahnen. Die politische Aktualität hat dem Thema in diesem Frühjahr einen neue Dimension gegeben.

Es war ein ganz normaler Klassiker. Der Schlagabtausch auf dem Feld wurde von zahlreichen Festnahmen begleitet, die ´Mobile Einheit´ hielt Hunderte gewaltbereiter Fans auf Abstand, und vor dem Stadion entspann sich das übliche Katz- und Maus- Spiel mit der berittenen Aufruhrpolizei. Wenn die niederländischen Traditionsvereine Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam gegeneinander antreten,  ist Militanz ein Ritual, Riots haben Tradition, und der Hass zwischen den Fans wird so sorgfältig gepflegt wie ein Vorgarten an der Gracht. Es bräuchte keine Juden, um das Eskalationspotential in der Nähe des Siedepunkts zu halten. Und doch bilden antisemitische Sprechchöre der übelsten Sorte seit Jahrzehnten den akustischen Rahmen der Begegnungen zwischen Ajax und Feyenoord. “Adolf, hier laufen noch elf, wenn du sie nicht vergast, tun wir es selbst”, schallt es aus Rotterdam- Blocks, wenn es gegen den vermeintlichen Judenclub aus der Hauptstadt geht. Und mit “Hamas, Hamas, Juden ins Gas” schlagen die Kurven gewohnheitsmäßig eine rhetorische Brücke zwischen dem Judenhass zeitgenössischer Islamisten und der nazionalsozialistischen Vernichtung.

Dieses Mal jedoch hatte die Sache ein Nachspiel. Wenige Tage nach dem Match Mitte Februar beschlossen die Bürgermeister beider Städte zusammen mit Vorstandsmitgliedern der Clubs und Vertretern des Fußballverbands KNVB, dass die Begegnung in den kommenden fünf Jahren ohne Gästefans statt finden wird. Dahinter steckt zum einen, dass der KNVB, der in der Vergangenheit mit antisemitischen Ausfällen eher zögerlich umging, inzwischen durch zu greifen versucht. Als entsprechende Parolen auch beim Ajax- Match in Utrecht im März auftauchten, trug der Verband seinem Chefankläger eine Untersuchung auf. Noch wesentlich schwerer dürfte jedoch die Tatsache wiegen, dass sich die gleichen antisemitischen Parolen längst nicht mehr auf Fankurven beschränken. “Immer öfter”, so Ronny Naftaniël, Direktor des Den Haager Israel- Informations- und Dokumentationszentrum (CIDI), “werden verletzende Parolen auch in der Alltagssprache verwendet.” Gerade seit ” Hamas, Hamas, Juden ins Gas” mit den Demonstrationen gegen den Gasa- Krieg Einzug in niederländische Innenstädte hielt, haben die Geschehnisse unterm Stadiondach eine akute politische Dimension erhalten.

Zugrunde liegt diesen eine diffuse Mischung von Anti- und Philosemitismus, Projektion sowie ein reichlich zweifelhafter politischer Gehalt. Unter Verweis auf die Folklore ihrer Feindschaft distanzieren sich Feyenoordfans seit jeher von ´echtem´ Antisemitismus. Man ist nur gegen Ajax, dessen Fans sich schließlich selbst ´Juden´ nennen, im Stadion Israelflaggen schwenken und an den Wäder Hauptstadt den Schriftzug AFC AjaxL gerne mit einem Davidstern versehen. Dabei ist der ehemalige Champions League- Gewinner keineswegs ein jüdischer Verein. Wohl lag das frühere Ajax- Stadion De Meer der Nähe des Judenviertels im Osten Amsterdams, und auf den Tribünen fanden sich ebenso jüdische Fans ein wie jüdische Spieler und Funktionäre die Bevölkerungsstruktur Amsterdams wider spiegelten. Ob die Identifikation mit dem Judentum darauf zurüoder ursprünglich Reaktion auf Beschimpfungen gegnerischer Fans war, ist nicht klar. Von offizieller Seite jedenfalls häman sich bei Ajax zum Gebrauch jüdischer Symbole stets möglichst bedeckt. In den letzten Jahren appelliert die Vereinsleitung sogar verstärkt an die Anhänger, vom positiven Bezug auf das Judentum Abstand zu nehmen, um antisemitische Entgleisungen zu verhindern.

Genau darin liegt ein heikler Punkt in der aktuellen Diskussion. Nach den jüngsten Vorfällen forderte das bereits erwähnte CIDI nur die Strafverfolgung der Schreihä, sondern redete auch den Amsterdamer Fansins Gewissen.  “Indem sie sich selbst ´Juden´ nennen und unter dieser Flagge den Gegner , provozieren sie antisemitische Reaktionen”, heißt es in einem offenen Brief von Elise Friedmann, Direktorin der Abteilung Antisemitismus- Forschung. Auf Anfrage präzisiert sie, Ajaxfans damit nicht die Schuld an den Parolen zu geben. “Wir sind die Juden”- Rufe dürften zudem keine Rechtfertigung für Antisemitismus sein. “Aber wenn Ajaxfans unter einer Israelfahne den Gegner als Kakerlaken beschimpfen, ist das etwas anderes. Oder wenn sie singen “wenn der Frühling kommt, dann schmeißen wir Bomben auf Rotterdam”. Die Ajax- Fanvereinigung reagierte prompt und warf Friedmann vor, die Tatsachen zu verdrehen. “Das ist so, als würde man den Fahrer, der nüchtern bleibt, für ein öffentliches Besäufnis verantwortlich machen, nur weil er auch in der Bar war.”

Erschienen auf Der Freitag online, 7. April 2009.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>