Grüne Gründerzeit unter Hochspannung

 

Neues Jahr, neues Gras: die neue Regierung plant ab 2018 einen regulierten Marihuana- Anbau. Wie aber soll das aussehen, damit am Ende nicht der illegalen Markt gestärkt wird?

Als im Oktober die neue niederländische Regierung vereidigt wird, liegen hinter ihr die längsten Koalitionsverhandlungen der Landes- Geschichte. In ihrem Fokus steht ein Projekt, das nicht weniger historisch ist: erstmals will man ein Experiment zulassen, in dem mehrere Kommunen sich an der Marihuana- Zucht versuchen. Der staatlich regulierte Anbau soll dem äußerst lukrativen Schwarzmarkt das Wasser abgraben.

 

Seit Langem streitet man in den Niederlanden um die sogenannte “illegale Hintertür” der Coffeeshops. Durch die kommt die Ware herein, die sie an der “Vordertür” verkaufen. Nicht legal, aber “geduldet”. Anbau und Belieferung der Läden aber sind illegal. Ein Widerspruch, der umso deutlicher wurde, je mehr das Land sich zum Ziel von THC- Touristen entwickelte. Und die Hintertür damit zur Geschäfts- Option – für kleine Hobby- Züchter und organisierte Kriminalität.

 

Die Regierung ist eben erst im Dienst, als, ebenfalls in Den Haag, ein bemerkenswertes Treffen stattfindet: im Kultur- und Wissenschaftsmuseum Museon kommen Vertreter von 250 Coffeeshops zum “Unternehmer- Tag” zusammen. Sie wollen das geplante Experiment besprechen, das in der Branche zunächst positiv zur Kenntnis genommen wird. Doch es gibt viele Fragen: Wie sichert man die Qualität der Ware, wie ein diverses Angebot? Können Coffeeshops mit mehreren Züchtern zusammenarbeiten? Oder gar selbst anzubauen, einzeln oder gemeinsam?

 

Eigentlich, sagt Ed Pattché, ist die Sache deutlich. “Wir wollen das am liebsten selbst regeln, keinen Staats- Anbau!” Ein paar Wochen nach dem Treffen sitzt Pattché, ein ruhiger Mann Anfang 50 mit zurückgekämmten grauen Haaren, im Büro des Coffeeshops Het Paradijs in Breda, den er seit sieben Jahren betreibt. Zuvor war er in De Baron tätig, ein paar Hundert Meter entfernt nur. Ein Veteran der Szene in Breda, gut zehn Kilometer nördlich der belgischen Grenze gelegen.

 

Beim Konzept “Staats- Gras” befürchtet Pattché Rahmenbedingungen, die er als Unternehmer nicht akzeptieren kann: “Dann gibt es vier Sorten, und ansonsten haben wir nichts zu melden.” Nebenan, im Paradijs, ist um die Mittagszeit noch nicht viel los. Über den Monitor auf dem Schreibtisch kann man vom Büro aus das Treiben im Verkaufsraum verfolgen. Gäste, die erst einen Blick auf die Menü- Karte werfen, haben einiges zu wählen: gut 20 Sorten Gras und zehn Sorten Haschisch hat er sagt Pattché. “Diversität ist wichtig, sonst gehen die Kunden woanders suchen.”

 

‘Woanders’, das bedeutet auf der Straße, wo die Qualität schlechter ist, die Chance auf gestreckte Ware höher, und der kriminelle Circuit, den die Regierung doch austrocknen will, zumindest einen Schritt näher liegt. Aber wie genau das in Zukunft aussehen soll, darüber macht man sich in der Branche Sorgen. “Ich will gerne meinen eigenen Vorrat produzieren”, erläutert Ed Pattché. “Auf Rechnung, richtig mit Buchhaltung. Meine Züchter bekämen eine Genehmigung und könnten als Selbstständige arbeiten.”

 

Het Paradijs ist ein kleiner, gemütlicher Laden in einer kleinen, gemütlichen Straße. Er hat 12 Mitarbeiter, die jeder sehen kann. Dahinter, und dank der Gesetzes- Lage dem Auge der Besucher entzogen, gibt es sieben Menschen, die für den Anbau zuständig sind. Weil die Risiken für Private Anbauer immer mehr wurden, drängte organisierte Kriminalität immer mehr in den Sektor. Pattchés Sache ist das nicht. Er kauft “nicht einfach so” von jemand Gras, sagt er, sondern nur von Menschen, denen er vertraut. Künftig würde er mit diesen gerne regulär zusammenarbeiten. Gesprochen hat er schon mit ihnen darüber. Er stieß auf Interesse.

 

Beim Blick durchs Fenster fällt auf, dass die Autos mit den weißen Kennzeichen vor dem Laden verschwunden sind. Belgier, die früher ein Großteil der Kundschaft bildeten, müssen jetzt, um Ed Pattché zu zitieren, “anderswo suchen”. Seit 2012 sind ausländische Konsumenten nicht mehr willkommen. Nach jahrelangen Anwohner- Beschwerden in Städten der Grenzregion machte die Regierung 2012 Ernst: in den südlichen Provinzen Seeland, Noord- Brabant und Limburg wollte sie die Shops in geschlossene Clubs umwandeln, zugänglich nur für vor Ort Gemeldete, die mittels eines wietpas Zugang bekämen.

 

Ausländische Kiffer steuerten fortan andere Provinzen an, und für Straßendealer begann eine lukrative Periode. In jener Zeit konnte man in Städten wie Maastricht binnen weniger Minuten jemand finden, der fürsorglich fragte: “Weißt du wirklich, dass du nicht noch etwas Anderes willst?” Der wietpas wurde bald wieder abgeschafft. Geblieben ist, dass die meisten Grenz- Städte nur Inländer in ihren Coffeeshops wollen.

 

Genausosieht das auch Paul Depla, der Bürgermeister von Breda. Er ist Sozialdemokrat und Mitglied in einem Gremium der niederländischen Kommunen zur Erneuerung der Drogenpolitik des Landes. Seit das Pilot- Projekt bekannt wurde, ist Depla ein gefragter Gesprächspartner. Im November schlägt er in der Volkskrant Alarm. Es macht ihm Sorgen, dass die Experimente im Koalitionsvertrag “uniform” genannt werden. Depla sagt, es gehe just um verschiedene Experimente.

 

“Die Diskussion dreht sich um ein landesweites Problem, nicht um Breda”, betont er, als er sich an einem Mittag kurz vor Weihnachten in seinem Büro den Stand der Dinge erläutert. Depla, im Süden des Landes geboren und zuvor schon Bürgermeister in Heerlen nahe der deutschen Grenze, geht es um die Sache: er will die illegale Hintertür endlich aushängen. “Ein vierjähriges Kind versteht, das: wenn man Süssigkeiten kaufen und verkaufen darf, aber nicht produzieren, ebtsteht ein illegaler Markt.”

 

Wie er sich das vorstellt? Depla holt aus. Nennt medizinisches Cannabis als Beispiel, das auf Rezept in der Apotheke erhältlich ist. “Eine solche geschlossene Kette wollen wir auch. Einige Betriebe bekämen eine Ausnahmegenehmigung zum Anbau. Sie dürften nur für Coffeeshops produzieren, und Coffeeshops nur von ihnen abnehmen.” Zentral ist für den Bürgermeister ein Aspekt: “Wenn wir keinen Straßenhandel wollen, brauchen wir eine gewisse Qualität und Vielfalt, um am Markt bestehen zu können.”

 

Um festzulegen, wie das Pilotprojekt genau ablaufen soll, fährt Paul Depla zur Zeit regelmäßig nach Den Haag. Als Vertreter der Kommunen trifft er dort mit den Ministern für Gesundheit sowie Sicherheit und Justiz und ihren Beamten zusammen. Eine spezielle Konstellation ist das: die Kommunen sind mit riesiger Mehrheit für regulären Gras- Anbau. Beide Ministerien aber unterstehen den Christdemokraten, für die das Projekt ein Eingeständnis gegenüber dem liberalen Koalitionspartner D66 ist. Paul Depla konstatiert: “Die Experimente stehen unter politischer Hochspannung.”

 

Dafür gibt es freilich noch einen Grund. Anfang Dezember enthüllt ein TV- Magazin, dass Beamte des Justizministeriums 2014 eine wissenschaftliche Untersuchung zur Cannabis- Politik beeinflussten. Deren ursprüngliches Fazit stellte den Plan der Regierung in Frage, gegen “Belästigung” durch Coffeeshops vorzugehen. “Dem, was wir jetzt haben, können wir nicht zustimmen”, mailte ein hoher Beamter an das Forschungsinstitut WODC, nach Selbstdefinition ein “selbstständiges Unterteil” des Justiz- Ministeriums. Der Institut- Direktor folgte der Anweisung, worauf der Minister dem Parlament schriftlich mitteilte: “Die Ergebnisse unterstüzten die Politik- Änderung.”

 

Paul Depla ist zornig, als er davon erfährt. “Falsches Spiel” wirft er dem Ministerium vor, mit dessen Vertretern er demnächst wieder über den Cannabis- Anbau verhandeln wird. Ein paar Tage später, im Stadthaus, wirkt er diplomatischer. Ist das Vertrauen nach diesem Skandal nicht belastet? “In dieser Phase, wenn wir über das Experiment sprechen, sollte es keine Diskussionen über diejenigen geben, die es begleiten”, sagt Depla. Es klingt, als wolle er die Chance nicht seiner Empörung opfern.

 

 

Erschienen in WOXX, 23. Dezember 2017

 

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