Große Bühne für den Kanarienvogel

 

Nach langer Ignoranz scheint Europa sich der judenfeindlichen Konjunktur bewusst zu werden. Ein Zeichen der Hoffnung, oder tagespolitischer Hype?

Gelegentlich fällt einem in diesen Wochen Frits Bolkestein ein, der ehemalige Euro- Kommissar aus den Niederlanden. Aus seinen zuweilen umstrittenen Meinungen machte er selten einen Hehl. Ende 2010 löste er einen Sturm der Entrüstung aus, als er in einem Interview “bewussten Juden” zur Emigration riet, da sie in den Niederlanden keine Zukunft hätten. Mit “bewusst” meinte Bolkestein Juden, die rein optisch als solche erkennbar seien. Grund: “Der Antisemitismus vor allem bei marokkanischen Niederländern, deren Zahl zunimmt.”

 

Über den “Import” von Judenfeindlichkeit wird aktuell zumal in Deutschland viel diskutiert. Dass der Fingerzeig auf den Judenhass der “Anderen” vom “eigenen” ablenkt, ist bekannt, ebenso wie die politische Instrumentalisierung von muslimischem Antisemitismus durch die gleichen identitären Protagonisten, die auf grotesk- gruselige Art um Europas Juden scharwenzeln und sich als deren Beschützer aufwerfen. Um der Wirklichkeit kein Bein zu stellen, sei ergänzt: der diskursive Raum dafür entstand nicht zuletzt, weil das Gros linker und liberaler Parteien das Thema aus Kalkül oder Unwissenheit ignorierte.

 

Ist 2018 nun das Jahr, in dem alles anders wird? Das jüngste Manifest in Le Parisien etwa lässt aufhorchen. Nicht nur wegen der Zahl der Unterzeichner from all walks of life, sondern wegen des Inhalts: angeprangert wird eine “islamistische Radikalisierung”, die zu einer “lautlosen ethnischen Säuberung” führe. Folglich müsse der Kampf gegen Antisemitismus eine nationale Angelegenheit sein. Nicht zuletzt der barbarische Mord an der Holocaust- Überlebenden Mireille Knoll scheint vielen im Land die Augen geöffnet zu haben.

 

Was dringend nötig ist – nicht nur in Frankreich, wo die Zahl antisemitischer Gewalttaten 2017 um 26 Prozent zunahm und sich die Hälfte der Juden schon mit Auswanderungs- Gedanken herumtrug. Auch in Deutschland liegt dieser Wert nach einer Langzeit- Studie bei 25 Prozent, in Schweden und Großbritannien bei knapp 20. Just im Vereinigten Königreich veröffentlichte der Community Security Trust (CST) alarmierende Zahlen: so lag die Zahl judenfeindlicher Gewalttaten 2017 mit 1382 auf dem höchsten Wert jemals.

 

Interessant ist, dass das französische Manifest gegen Antisemitismus viel deutlicher wird als etwa Bolkestein – nur eben ohne den resignierten Rat zum Emigrieren. Auf Empörung stieß er nicht. Eher begrüßte man ihn in den Nachbarländern, die oft vor strukturell ähnlichen Problemen stehen, wenn auch Frankreich in puncto antisemitischer Gewalt wie auch Aliyah- Zahlen einen furchtbaren Spitzenplatz einnimmt. Entsprechende Tendenzen indes gab es auch schon vor dem Bolkestein- Aufruf, etwa im antisemitischen Mord am zuvor entführten und gefolterten Ilan Halimi 2006.

 

In all den Jahren dazwischen tat sich häufig eine Kluft auf. Die beklemmenden Zeugnisse europäischer Jüdinnen und Juden standen im krassen Gegensatz zu ihrer öffentlichen Wahrnehmung. Wenig Aufmerksamkeit erfuhr dadurch auch die Tatsache, dass Gewaltexzesse wie im Fall Ilan Halimi oder Mireille Knoll nicht vom Himmel fallen. Vielmehr gibt es Anzeichen und Warnsignale: die körperliche Aggression hat verbale Vorstufen. Stellvertretend für Viele stehen die Erfahrungen eines deutsch- niederländischen Paars (siehe Kasten).

 

Wer die Gefahr sah, bemühte häufig das bekannte Bild des Kanarienvogels, der in der Mine singt, solange es Sauerstoff gibt. Die Juden als Kanaris der europäischen Demokratie, diese symbolische Warnung wurde oft ausgesprochen, aber selten verstanden. Ohnze Zweifel hat die Erfahrung, selbst ins Visier islamistischen Terrors rücken zu können, die Gesellschaften Europas verändert. Die durchgängige Bewachung jüdischer Einrichtungen hat man vielfach zuvor kaum wahrgenommen, womöglich auch mit einem lakonischen ‘Selber schuld’ israelischer Politik zugewiesen. Denn hören wir nicht seit Jahren, dass antisemitische Angriffe immer dann zunehmen, wenn es im Nahen Osten wieder “knallt”?

 

Das Beispiel Belgien zeigt, wie sich diese Wahrnehmung verändert hat. Der Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel 2014 war ein Wendepunkt: zwar richtete er sich spezifisch auf eine jüdische Einrichtung, die aber in einer vor allem nicht- jüdischen Umgebung im Zentrum liegt. Darin unterscheidet er sich vom Autobomben- Attentat auf eine Antwerpener Synagoge mitten im jüdischen Viertel 1981.

 

Inzwischen werden, angesichts der niedrigeren terroristischen Drohungs- Stufe in Belgien, die Soldaten langsam aus dem Öffentlichen Raum abgezogen. Entscheidend für den Umgang mit Antisemitismus wird die Frage sein, ob die Mehrheitsgesellschaft von der Bewachung jüdischer Einrichtungen weiterhin einen Bezug zu sich selbst herstellen wird.

 

In diesem Frühjahr lässt sich durchaus der Eindruck gewinnen, dieser Schritt könne gelingen. Da ist die groß angelegte Kampagne im Fußball, angestoßen durch den Premier League- Club Chelsea FC, die dieser Tage durch die Zusammenarbeit mit dem World Jewish Congress auf ein höheren Niveau gehoben wird – in Zeiten, in denen sich die britische Labour Party erstmals tatsächlich mit entsprechenden Tendenzen in den eigenen Reihen auseinandersetzen muss.

 

Diesseits des Kanals, in den Niederlanden, bekannten sich derweil die Parteien des Amsterdamer Stadtrats im März zu einem Pakt gegen Judenfeindschaft (Tachles berichtete). Ein Novum in Europa, und eine klare Handlungs- Grundlage in einer Stadt, in der jüngst erst ein koscheres Restaurant drei Mal in wenigen Wochen angegriffen wurde. Fraglich ist, inwieweit man damit auch Sensibilität kreiert, etwa für muslimische Demonstrationen, bei denen der berüchtigte khaybar- Schlachtruf angestimmt wird, der Juden mit Tod und Zerstörung droht.

 

Entscheidend für Europas Zukunft ist vor allem, welche gesellschaftlichen Schlüsse bleiben werden, wenn die aktuellen Diskussionen abgeklungen sind – zum Beispiel die um die deutsche Echo- Verleihung. Sie markiert zugleich die Kreuzung, an der sich die politische Kultur auf dem Kontinent befindet: einerseits sind da deutliche Stellungnahmen zahlreicher Künstler gegen Judenfeindschaft, andererseits hat eine Jury just zwei Rapper mit mehr als bedenklichen Texten nominiert. Wie spät es ist, wird auch in der Woche danach wieder deutlich: Werner Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warnt davor, in Großstädten eine Kippa zu tragen.

 

 

Erschienen in tachles, 27. April 2018

 

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