Grässlich wie die Wirklichkeit

In einer einmaligen Quizshow beantworten abgelehnte Asylbewerber Fragen zum Land, das sie abschieben wird. Die Verantwortlichen sehen darin ein politisches Statement.

“Lekker weg!” Triumphal blickt Moderator Waldemar Torenstra zu Beginn der Show in die Kamera. Die Zustimmung seines Publikums wird ihm bei der Ausstrahlung am Donnerstag gewiss sein. Wen zöge es nach diesem verregneten Sommer nicht in die Ferne? “Die Kandidaten von Weg van Nederland müssen”, erläutert Torenstra gut gelaunt weiter. “Denn sie sind abgelehnte Asylbewerber. Aber wir schicken sie nicht mit leeren Händen nach Hause. Wer am meisten über die Niederlande gelernt hat, bekommt diesen Koffer mit Geld!”

Gelernt haben die fünf Kandidaten reichlich, zwei Männer und drei Frauen im Alter von 18 bis 25 Jahren, darunter eine Luftfahrttechnikstudentin aus Kamerun oder eine Tschetschenin, die kurz vor dem Abschluss des Studiums slawischer Sprachen das Land verlassen muss. Sprache, Fachwissen ihrer künftigen Berufe, Landeskundliches. Vor allem letzteres stellen sie in der 40minütigen Sendung unter Beweis. Die Fragen behandeln das niederländische Königshaus, Geschichte und Kultur. das Publikum schwenkt blau- weiß- rote Flaggen, die Kulisse bilden Windräder und die geduckten Silhouetten von Schlittschuhläufern.

Weg van Nederland, ausgestrahlt von der öffentlich- rechtlichen Sendegesellschaft VPRO, steht bewusst auf der Grenze. Zwischen Show und Zynismus, zwischen einer grotesken Karikatur volkstümlicher Trash- Formate wie der beliebten RTL- Sendung Ik hou van Holland (Ich liebe Holland) und politischem Statement. “Natürlich ist das Quiz grässlich”, sagt Frank Wiering, TV- Chefredakteur der linksliberalen VPRO, die in den Niederlanden für kontroverse und innovative Formate bekannt ist. “Aber die Wirklichkeit ist grässlicher.”

Wiering verweist auf das Schicksal zahlreicher Kinder von Eltern, deren Asylanträge abgelehnt wurden, und die durch die Abschiebung aus einer Umgebung heraus gerissen werden, in der sie Wurzeln geschlagen haben. Das Quiz, dies ist die erklärte Absicht der VPRO, will ihnen ein Gesicht geben. Und zeigt Menschen, die zwischen acht und zwölf Jahren in den Niederlanden lebten: den Medizinstudenten, der seine blonde niederländische Freundin zurück lassen muss, oder die Tschetschenin, die in dieser Zeit ein Faible für den zuckrigen Pathos des Barden Guus Meeuwis entwickelte.

Bereits vor der Ausstrahlung sorgt die Show in- und außerhalb des Landes für Diskussionsstoff. “Zeugt es von Respekt, diese Menschen gegeneinander aus zu spielen?”, fragte die belgische Zeitung Het Nieuwsblad. Aufstoßen dürften vielen Zuschauern auch die Details, mit denen immer wieder Anspielungen auf die alltägliche Abschiebepraxis eingestreut werden. Vier Fragerunden trennen die Kandidaten vom Hauptgewinn von 4.000 Euro. Nach jeder wird einer von ihnen verabschiedet. Unter den Trostpreisen befindet sich neben einem “Geselligkeitspaket” mit Blumenzwiebeln auch ein Starterset für Schuhputzer oder eine kugelfreie Weste. DieserAnsatz schlägt sich auch ästhetisch nieder: die Uniformen der beiden Assistentinnen ist der Dienstkleidung von Stewardessen nachempfunden, erinnern aber auch an das Aufsichtspersonal im Abschiebeknast.

Ausgestrahlt wird Weg van Nederland im Rahmen der einwöchigen Aktion TV Lab, in dem öffentlich- rechtliche Sendeanstalten neue Formate als einmalige Programme dem Publikum vorgestellen. Im Vorfeld wurden daher vielfach Vergleiche zur “Großen Spendershow” angestellt, mit der ein anderer Sender vor Jahren auf das Thema Organspenden aufmerksam machen wollte. Doch während sich damals Schauspieler um den Hauptpreis eines Organs stritten, ist diesmal alles echt, so VPRO- Sprecherin Marina Alings. “Und das macht es so bitter.”

Erschienen in taz, 30. August 2011

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