Glaube, Selbstwert, Spass

 

Ajax Amsterdam platzt in diesem Frühjahr mitten in den Abgesang auf den niederländischen Fußball. Nun kann das junge Team die Europa League gewinnen.

 

Hupende Autokorsos zogen durch die Stadt, nachdem sich Ajax Amsterdam neulich in einem nervenaufreibenden Halbfinal – Rückspiel in Lyon durchgesetzt hatte. Auf den Straßen vor den Bars wurde tatsächlich gefeiert. Seit in den Niederlanden die Fußball – Tristesse Einzug gehalten hat, wirken solche Szenen wie aus einer anderen, allzu fernen Realität.Und dann erst diese Euphorie eine Woche zuvor im Stadion, woAjaxdas favorisierte Olympiquemit 4:1 einfach an die Wand spielte.

 

Man muss schon einige Jahre zurück gehen um eine solche Begeisterung um diesen Club herum zu spüren. Eigentlich gehört der AFC Ajax ja zu jenen Legenden, die inzwischen etwas Scheinriesenartiges umgibt. Ein gigantischer Name klingt noch aus den alten Geschichten, die zunehmend eher die Großväter erzählen als die Väter, soähnlich wie bei Benfica Lissabon oder den Glasgow Rangers. Doch längst haben diese Namen international ihren Schrecken verloren. Ajax Amsterdam jedenfalls hatte nach Jahren europäischer Havarien ganz sicher niemand mehr auf der Rechnung für ein kontinentales Finale.

 

Auffällig ist auch die Zufriedenheit, die mit der Euphorie einhergeht. Zumal der Club in der just beendeten Saison nicht mal kampioen geworden ist, was in Amsterdam eigentlich ähnlich zum Selbstverständnis gehört wie in München. Ausgerechnet dem Erzrivalen aus Rotterdam musste man nach einem packenden Finale den Vortritt lassen – und wohl noch nie geschah dies, wie in diesem Jahr, mit einem Lächeln.

 

Es scheint im Nachhinein, als habe gerade der maue Saisonbeginn nach dem Trainerwechsel von Frank de Boer zu Peter Bosz, der letzteren fast schon wieder sein neues Amt gekostet hätte, die Erwartungen zunächst gesenkt und damit Raum geschaffen. Raum, in dem sich die runderneuerte Mannschaft finden und entwickeln konnte. Als sie in der zweiten Saisonhälfte in Schwung kam, stimmten nicht nur die Ergebnisse, sondern auch der Stil.

 

Gerade letzteres ist bei Ajax eminent wichtig. Voetbal International, das als Zentralorgan ein ähnliches Standing hat wie in Deutschland der “Kicker” hat zweifellos Recht, wenn man in der jüngsten Aufgabe bilanziert: “Peter Bosz bringt bei Ajax Glauben, Selbstwertgefühl und Spaß zurück.” Vor allem aber hat der 53jährige, der als Aktiver Ende der 90er Jahre auch einige Spiele für Hansa Rostock bestritt, den Club mit dem eigenen Selbstverständnis und Anspruchsdenken ausgesöhnt. Trotz vier nationaler Titel in Serie konnte das Vorgänger Frank de Boer kaum gelingen.

 

Für seinen schnellen, angriffsorientierten Stil mit vielen Kreativspielern hat Bosz das Training neu strukturiert und sein Team nahezu komplett umgebaut. Lediglich drei Stammspieler von vor seiner Amtszeit gehören heute noch zur Startelf: Verteidiger Joël Veltman, Mittelfeldspieler und Kapitän Davy Klaassen und Flügelstürmer Amin Younes. Für den früheren deutschen Nachwuchs – Auswahlspieler, dessen Bundesliga – Karriere ins Stocken gekommen war, erweist sich Ajax als gerade richtiger Schritt. Seinen Spielertyp, spektakulärer Dribbler und Chancenkreierer, schätzt man hier seit jeher: die guten Vorstellungen in dieser Saison brachten Younes nun sogar eine Einladung zum Confed – Cup.

 

Um diese Achse herum hat Bosz eine bemerkenswert junge Mannschaft entwickelt, die sich in diesem Frühjahr auf attraktive Art und Weise eingerollt hat. Entdeckungen der Saison sind der dänische Mittelstürmer Kasper Dolberg (19) und sein Angriffskollege Justin Kluivert (18), Sohn von Clublegende Patrick Kluivert. Beide stammen aus der eigenen Jugend, was bei Ajax ein besonders wichtiger Faktor ist. Dazu schlugen Neuzugänge wie Edeltechniker Hakim Ziyech (24) und Davinson Sánchez (20), der kolumbianische Verteidiger, voll ein. Selbst Bertrand Traoré, von Chelsea ausgeliehen und lange umstritten, scheint endlich in die Gänge zu kommen. Das Momentum könnte daher auch gegen Manchester United für Ajax sprechen.

 

Druck verspürt man in Amsterdam vor dem Finale nicht – eher Stolz auf das, was das Team bislang erreicht hat. “Es ist wichtig, dass wir wieder da sind”, so Bosz bei einem Presse – Termin wenige Tage vor dem Abflug nach Stockholm. Eine Einschätzung, aus der zweifellos auch die jüngste Krise des niederländischen Fußballs klingt. “Viele Niederländer hätten das nicht für möglich gehalten. Ausländische Clubs können so viel mehr ausgeben.”

 

Womit der Coach natürlich die Frage aufwirft, wie der steile Aufstieg seines Teams längerfristig zu bewerten ist. Dass dieser das Interesse anderer Clubs weckt, ist offensichtlich. Dass Spieler wie Sánchez und Klaassen selbst nach dieser Saison kaum zu halten sein werden, ebenso. Gerüchte über Barcelonas Interesse an Sánchez halten sich in den letzten Wochen hartnäckig. Auch Kasper Dolberg und Amin Younes sind im Fokus ausländischer Clubs, letzterer unter anderem bei RB Leipzig und Dortmund.

 

Wer den Weg des Teams in dieser Saison verfolgt hat, kann nur bedauern, dass es wohl nicht die Chance bekommt, in der Champions League gemeinsam weiter zu wachsen. Positiv für Ajax ist indes, dass die nächste Talent – Generation schon an die Türen klopft. Im letzten Saisonspiel in Tilburg lag das Durchschnittsalter der Startelf bei 20,5 Jahren – die jüngste in der Geschichte der Ehrendivision. Am Mittwoch wollen sie sich ein Denkmal setzen. “Es ist herrlich in diesem Team zu spielen”, so Davinson Sánchez zuletzt. “Es verdient einen Titel, und den wollen wir in Schweden holen.”

 

 

Erschienen auf Zeit Online, 24. Mai 2017

 

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