“Genickschuss für Nuancen”

Der niederländische Publizist Zihni Özdil sieht mit den Pariser Attentaten das Ende einer inhaltlichen Debatte um Islam und Identität. Kommen jetzt nur noch Jihad und Pegida?

Drei Worte, ein Fazit, und was für eins: “Es ist vorbei.” Das schreibt Zihni Özdil am Tag nach dem terroristischen Angriff auf die Charlie Hebdo- Redaktion in seiner Kolumne im NRC Handelsblad. In den Niederlanden ist der Rotterdamer Historiker bekannt für seine scharfen Analysen und bissigen Formulierungen. So auch diesmal: “Alle Anstrengung, nach dem 11. September Nuance und Verstand in die Debatte über ‘den Islam’, Migration und Identität zu bringen, kann durch diesen Anschlag direkt in den Mülleimer. In einer Radio- Debatte nennt man Zihni Özdil, Anfang 30, darum einen Kulturpessimisten.

Einen Tag später. Eine Bar nahe der Rotterdamer Centraal Station. Gläserklirren, Musik, Freitagabendkonversationen, und mittendrin sagt Özdil bestimmt: “ich bin eher ein Kulturrealist.” Natürlich ist seine Analyse hart, räumt er ein. Andererseits: bestätigt ihn die Fortsetzung des Horrors nicht? Die Geiselnahme im jüdischen Supermarkt am Nachmittag. Eine neue Eskalation. “Paris”, so Özdil, “ist Europas 11. September. Wir waren ohnehin unterwegs dorthin. Dies ist der Beweis.”

Unterwegs ist auch Zihni Özdil, als die Attentäter zuschlugen. Er besucht seinen Vater, einst Gastarbeiter in den Niederlanden, an der türkischen Ägäisküste. Am letzten Tag des Urlaubs erfährt Özdil via Twitter vom Massaker in der Redaktion. Im Fernseher kommt erst eine Stunde später eine kurze Nachricht, als in seinem Kopf längst die Interpretation begonnen hat. “Mein erster Gedanke war: Horror! Ich stellte mir vor wie die Redaktion und ihre Angehörigen sich gefühlt haben müssen. Und dann dachte ich : ‘shit, shit, shit’. Nach 9/11, London und ISIS wird dies der letzte Tropfen sein. West- Europa wird sich pegidaisieren. Die Angst wird permanent regieren.”

Aus dieser ersten Analyse wird ein zentraler Befund seiner  Kolumne: “dank der Terroristen” werde die Pegidaisierung des Kontinents beginnen. Am Tag, als sie erscheint, reist Zihni Özdil zurück in das Land, das er als seines ansieht, was man ihm freilich streitig machen will. Auf seiner Website versammelt er in der Rubrik “Hassologie” ausfallende Reaktionen von Lesern. Alteingesessene Niederländer fordern ihn in drastischen Ausdrücken zur Rückkehr in sein “eigenes Land” auf. Türkischstämmige nennen ihn Armenier, Landesverräter oder schwul. Özdil findet: “Wenn man sich selbst in der dritten Generation noch nicht als Niederländer ansieht, wie sollen die Kaasköppe das dann anerkennen?”

Als er die Stadt betritt, ziehen 3.000 Menschen durch Rotterdam, um der ermordeten Journalisten und Polizisten zu gedenken. Bürgermeister Ahmed Aboutaleb, Sohn eines Dorf- Imam aus dem Rifgebirge, fordert die Menschen zu lautem Applaus auf, um “die 500 Kilometer bis Paris zu überbrücken”. Die Reaktion ist tosend laut. Und wohl auch Ausdruck dessen, dass man sich in den Niederlanden mit der französischen Gesellschaft in diesem Moment besonders verbunden fühlt. Im Herbst war es zehn Jahre her, dass Theo Van Gogh von einem Islamisten auf offener Straße abgeschlachtet wurde. Ein Trauma, bis heute.

Stehen diese Attentate in Zusammenhang? In der Bar am Bahnhof, anderthalb Kilometer vom Ort der Kundgebung entfernt, wird an diesem Freitagabend die Wochenendplanung besprochen. Zihni Özdil packt derweil zum Bier sein Sezierbesteck aus. Das Profil der Täter ist ähnlich, beginnt er. Broken home, kriminelle Vergangenheit, der Wunsch nach “Familie”, nach Zusammengehörigkeit. Özdil legt Wert darauf, dass diese Konstatierung nichts relativiert. Und fährt fort: “Anders als bei Van Gogh sind die Terroristen von Paris organisiert, und es scheint, dass sie ein Training in Syrien bekommen haben.”

Wenn er über die Ermordung des Filmemachers redet, klingt es nicht nur nach lange her, sondern wie eine andere Ära. Und genau das ist es auch, findet Zihni Özdil. Natürlich war die Lage damals explosiv im Land, aber: “Es war die Zeit nach 9/11. Und trotzdem, oder gerade darum, gab es Raum für Debatten. Für einen Diskurs über Bürgerschaft, über die Segregation zwischen den Bevölkerungsgruppen. “Die meisten autochtonen Niederländer kennen nicht einen Muslim”, findet er, der sich selbst gänzlich säkular nennt. Gerade darum hätte man ihnen erklären können, dass der Islam kein Einheitsbrei sei und es zwischen Muslimen erhebliche Unterschiede gäbe.

Mit den Schüssen von Paris nun haben sich diese Räume geschlossen, findet Özdil. In seiner Kolumne heißt es: “Die Terroristen haben auch den vierzehn Jahren Debatte seit dem 11. September den Genickschuss gegeben. Kein einziges nuancierendes Argument kann etwas ausrichten gegen die Bilder schwerbewaffneter Muslime, die in der Stadt von Voltaire un Zola, der Wiege der Westlichen Aufklärung, blutdürstig zu Werke gehen.”  Kulturrealist Özdil hat noch ein anderes, weniger drastisches Bild. Es stammt aus dem Baseball: “9/11 und der Mord an Van Gogh, das war der Pitch. Der Ball war lange in der Luft. Paris ist der Home Run.”

Das Ende also der Post 9/11- Ära. Einer der schärfsten, nuanciertesten, einer der eloquentesten Kommentatoren dieses Landes, das in den entsprechenden Debatten eine umstrittene Signalwirkung auf Europa hatte und die ganze Malaise symbolisiert wie kaum ein anderes, hat die Hoffnung fahren lassen. Dass die Attentate Unsicherheit hervorrufen, sieht Özdil anders. “Im Gegenteil, ich sehe gerade Sicherheit, kulturell wie psychologisch. Die Definitionslinien sind klar: wir sind Europäer. Dies ist unser Land.”

Ein Land, soviel ist deutlich, in der die Gräben tiefer werden. Und an beiden Seiten die Gefahr, dass Identität Inhalten den Rang ablaufen. Zihni Özdil erzählt, er sei mit alltäglicher Diskriminierung aufgewachsen, der Reduzierung auf Erscheinung und Namen. Vielleicht hat  er sich darum um so mehr auf Inhalte und Nuancen verlegt, später als Gesellschaftshistoriker.

Wie viel Bedarf daran besteht, sah man in den Niederlanden erst vor wenigen Monaten. Weil sie es mit der Integrationspolitk ihrer Partei nicht eins waren, verließen zwei türkischstämmige Abgeordnete die Parlamentsfraktion der Sozialdemokraten.  Dass der eine einem weiteren türkischstämmigen Kollegen im Streit die Worte zuwarf, Allah möge ihn strafen, bestimmte tagelang die Schlagzeilen.

Ein Schreck, der hätte verhindert werden können, erklärte Özdil damals: “Von den Beiden ist bekannt, dass sie aus einer bestimmten Ecke der türkischen Gemeinschaft kommen. Sie haben Verbindungen mit fundamentalistischen religiösen Clubs. Wenn man als sozialdemokratische Partei solche Personen auf seine Liste setzt, ist das verkehrt und heuchlerisch. Sie sind keine Sozialdemokraten, sondern Nationalisten, die eigentlich zu einem türkischen Äquivalent der PVV gehörten (der Partei von Geert Wilders, T.M.).

Einer der Kandidaten kündete folglich an, man werden nun zusammen “eine Bewegung aufzubauen, nach der sich die Niederlande sehnen” – was weithin als Ankündigung einer muslimischen Partei interpretiert wurde. Auf Facebook gab es danach vor allem zwei Reaktionen: diskriminierende Beschimpfungen seitens User mit niederländischen Namen, Unterstützung von solchen mit türkischen. “Sie können eine große Gruppe vertreten, die momentan nicht vertreten wird”, kommentierte einer der Letzteren.

Eine Tendenz, die ins Bild passt von dem, was Zihni Özdil eine “permanente Zweiteilung” nennt, und auf die er Europas Gesellschaften nun zusteuern sieht. “Paradox”, merkt er an, “ist dabei vor allem eins: es gibt jetzt viel mehr Muslime als nach dem Mord an Van Gogh, die sich distanzieren und sagen, dies sei nicht ihr Islam. Doch das wird keinen Einfluss haben. Die Zeit der Diskussionen ist abgelaufen.” Özdil bestellt sich noch ein Bier. Für ein Profilfoto mit dem von ihm geschätzten Getränk wurde er übrigens auch schon angefeindet. Doch das ist noch das kleinste Problem. Darüber kann er lachen.

Erschienen als gemeinsame Titelgeschichte mit Beiträgen aus Paris, Nizza und Berlin in taz, 17./18. Januar 2015. Als Einzel- Text unveröffentlicht

 

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