Gegen die tägliche Oberflächlichkeit – bald auch international

 

2013 entstand die innovative niederländische Online- Zeitung De Correspondent. Im Herbst soll es eine englischsprachige Variante geben – mit prominenten Unterstützern.

Eine Analyse des Vorschlags Flüchtlingsboote zurückzuschicken. Ein Essay über die Rolle genetischer Untersuchungen im Alltag. Und, anlässlich des Antritts der neuen Regierung in Rom, eine Podcast- Vorlesung von Cas Mudde, dem profilierten niederländischen Rechtsextremismus- Experten, zu europäischem Populismus. Dies ist der Inhalt der E-mail, die Abonnenten der Online- Zeitung De Correspondent an einem willkürlichen Tag im Juni 2018 frühmorgens in ihrem Postfach vorfanden. Drei Themen, drei Fragen zum Kontext aktueller Entwicklungen, präsentiert in unterschiedlichen Formaten: Standard- Kost für derzeit rund 60.000 Abonnenten.

 

Im Herbst ist es fünf Jahre her, dass De Correspondent auf der Bildfläche neuer, auf Crowdfunding basierter Medienprojekte erschien. Nicht weniger als “eine neue Art von Journalistik” wollten die Gründer, Chefredakteur Rob Wijnberg und Herausgeber Ernst- Jan Pfauth, realisieren. Das Rezept: “Wir gehen nicht mit den Medienhypes mit, sondern machen tiefgreifende Geschichten, die helfen, die Nachrichten besser zu verstehen.”

 

Zentrale Elemente: der Schwerpunkt auf Hintergrund, absolute Werbefreiheit sowie die Autoren, nach denen das gesamte Projekt benannt ist. “Korrespondenten” gibt es unter anderem für die Kategorien Bildung, Ökonomie, Mobilität und Statdtleben, Extremismus sowie Technologie und Kultur. Es handelt sich um Spezialisten, die permanent mit ihrer Materie beschäftigt sind und in eigenen Newsletters darüber informieren. Zugleich bitten sie die Abonennten auch um Anregungen, Feedback und Mithilfe durch Teilen ihres Wissens. “Gemeinsam mit schlauen, interessanten Menschen zieht man los in die Welt”, so beschreibt Chefredakteur Wijnberg das Verhältnis zwischen Lesern und Autoren. Erstere lassen sich dies monatlich sieben Euro kosten – oder 70 im Jahr.

 

Ob dieser Ansatz auch international tragfähig ist, wird sich kommenden Winter zeigen. Zum Jahresende nämlich wird die englischsprachige Version The Correspondent operationell. Die “wichtigsten Fragen unserer Zeit”, so teilen Pfauth und Wijnberg der Leserschaft mit, erforden eine internationale Perspektive. Entsprechende Ambitionen hegen sie schon von Beginn an. Konkret zum Thema machten sie diese im März 2017. Ein “enormes Potential” von, so schätzen sie, “fast einer Milliarde” Personen, liege in Reichweite, denen man künftig “Medizin gegen den waan van de dag” bieten will. Übersetzen lässt sich dies mit “täglichem Wahnsinn”, aber hier sinngemäß besser mit “täglicher Obeflächlickeit”.

 

Derzeit läuft das Projekt bereits zweigleisig. Neben der täglichen niederländischen Edition wird die englische Version vorbereitet. Pfauth und Wijnberg bereiten von New York aus die Lancierung vor, was nicht zuletzt die Suche nach “Partnern” beinhaltet. Auf der Website geben sie darüber, im Sinn des Ziels größtmöglicher Transparenz, detailliert Auskunft. Mit der Mischung aus hohen Qualitätsstandards und innovativem Konzept konnten bisher 1, 8 Millionen Dollar organisiert werden. Beteiligt sind etwa das philanthropische Investitions- Netzwerk “Omidyar”, das starke und unabhängige Medien fördert, und “Blue State Digital”, verantwortlich für die beiden digitalen Kampagnen Barack Obamas. Letztere werden den bisherigen Kreativpartner Momkai bei einer globalen Kampagne unterstützen.

 

Überzeugen konnte man auch den Internet- Unternehmer Craig Newmark, ebenfalls kein Unbekannter auf dem Gebiet journalistischer Förderung, und die niederländische “Democracy and Media Foundation”. Neben der Kampagne werden derzeit Redaktionen aufgebaut und ein zukünftiger Chefredakteur für “The Correspondent” gesucht. Die Leserchaft ist ausdrücklich aufgerufen Vorschläge zu machen. Ein entscheidendes Kriterium ist dabei die Vielfalt an Stimmen von “überall auf der Welt”. Denn, so Rob Wijnberg und Ernst- Jan Pfauth: “Diversität ist nicht etwas, das man später korrigierend einbaut, sondern von Beginn an berücksichtigt.”

 

 

Erschienen in taz, 22. Juni 2018

 

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