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	<title>Benelux Texte</title>
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	<description>Tobias Müller - Reportagen und Berichte aus den Niederlanden und Belgien</description>
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		<title>Die neuen S&#252;ndenb&#246;cke aus dem Osten</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Feb 2012 10:40:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Niederlande]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropäer]]></category>
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Die niederl&#228;ndische Partij voor de Vrijheid errichtet eine Online- Meldestelle f&#252;r B&#252;rger, die sich an osteurop&#228;ischen Arbeitsmigranten st&#246;ren. Jetzt gibt es internationalen Protest.
Eine Initiative der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid (PVV) sorgt in den Niederlanden f&#252;r Diskussionen. Letzte Woche richtete die Partei auf ihrer Website eine &#8220;Anlaufstelle Mittelosteurop&#228;er&#8221; ein. In einem Formular k&#246;nnen B&#252;rger dort [...]]]></description>
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<p>Die niederl&#228;ndische Partij voor de Vrijheid errichtet eine Online- Meldestelle f&#252;r B&#252;rger, die sich an osteurop&#228;ischen Arbeitsmigranten st&#246;ren. Jetzt gibt es internationalen Protest.<span id="more-690"></span></p>
<p>Eine Initiative der rechtspopulistischen Partij voor de Vrijheid (PVV) sorgt in den Niederlanden f&#252;r Diskussionen. Letzte Woche richtete die Partei auf ihrer Website eine &#8220;Anlaufstelle Mittelosteurop&#228;er&#8221; ein. In einem Formular k&#246;nnen B&#252;rger dort ihre Beschwerden &#252;ber Arbeitsmigranten aus Osteuropa melden. Zur Verf&#252;gung stehen zwei Kategorien: &#8220;Bel&#228;stigung&#8221;, worunter &#8220;L&#228;rm, Parken, Trunkenheit und Verluderung&#8221; fallen, und der Verlust des Arbeitsplatzes &#8220;an einen Polen, Bulgaren, Rum&#228;nen oder anderen Mittel- oder Osteurop&#228;er.&#8221; Die Klagen sollen dem Ministerium f&#252;r Arbeit und Soziales &#252;berreicht werden.</p>
<p>Der sozialdemokratische Europaabgeordnete Thijs Berman verurteilte die Initiative scharf. Er kritisierte die &#8220;Feigheit anonymer Einsendungen&#8221; und bezeichnete die Anlaufstelle als &#8220;sehr diskriminierend&#8221;. Auf dem entsprechenden Teil der Website erscheinen Zeitungsartikel mit Titeln wie &#8220;Osteurop&#228;er immer krimineller&#8221;, &#8220;Schamlose Diebe&#8221; oder &#8220;Polen, Bulgaren und Rum&#228;nen nehmen in der Kriminalit&#228;tsstatistik zu&#8221;. In einem kurzen Begleittext macht die PVV die &#214;ffnung des niederl&#228;ndischen Arbeitsmarkts f&#252;r Osteurop&#228;er von 2007, von der vor allem Polen Gebrauch machen, f&#252;r die vermeintlichen Probleme verantwortlich. Bulgaren und Rum&#228;nen sollen erst 2014 Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.</p>
<p>Berman forderte eine Reaktion von Ministerpr&#228;sident Mark Rutte: Dieser m&#252;sse eingreifen, &#8220;wenn die Werte des Lanes fundamental angegriffen werden&#8221;. Rutte, dessen konservative Minderheitsregierung von der Unterst&#252;tzung der Rechtspopulisten abh&#228;ngt, lie&#223; wissen, die Initiative gehe von der PVV aus und nicht von seiner Regierung. Sobald PVV- Chef Wilders &#8220;zu weit gehe&#8221;, werde er &#8220;etwas sagen.&#8221;</p>
<p>Genau dies fordert inzwischen die Europ&#228;ische Union von Rutte. Parlamentsvorsitzender Martin Schulz k&#252;ndigte an, den Ministerpr&#228;sidenten bald in der Sache sprechen zu wollen, da viele Abgeordnete sehr w&#252;tend &#252;ber die Anlaufstelle seien. EU- Justizkommissarin Viviane Reding kritisierte unterdessen den &#8220;Aufruf zur Intoleranz&#8221; und rief alle Niederl&#228;nder auf, auf der besagten Website dagegen zu protestieren. Die Initiative der PVV stehe der Freiheit von EU- B&#252;rgern entgegen, in einem anderen Land zu arbeiten.</p>
<p>Protest gibt es nun auch aus diplomatischen Kreisen. &#8220;Die polnische Botschaft in Den Haag spricht auf ihrer Website von einer &#8220;tadelnswerten Initiative&#8221;. Zudem verfassten die Botschafter von zehn mittel- und osteurop&#228;ischen Staaten einen offenen Brief an die Niederlande. Darin weisen sie das Bild zur&#252;ck, B&#252;rger ihrer L&#228;nder n&#228;hmen Niederl&#228;ndern die Arbeit weg. &#8220;Die Initiative f&#246;rdert das negative Image bestimmter EU- B&#252;rger in der niederl&#228;ndischen Gesellschaft&#8221;, hei&#223;t es weiter.</p>
<p>Inzwischen kommen auch aus der Koalition in Den Haag kritische Stimmen. Frans Weisglas, der fr&#252;here Parlamentsvorsitzende und prominentes Mitglied der neoliberalen Regierungspartei VVD, sprach in der Tageszeitung Volkskrant von &#8220;purer Diskriminierung.&#8221; Seinen Parteigenossen Rutte forderte er auf, endlich seine &#228;ngstliche Haltung gegen&#252;ber en Rechtspopulisten auf zu geben.  In der Koalition aus VVD und Christdemokraten w&#228;chst die Sorge, das niederl&#228;ndische Ansehen k&#246;nnte durch die Initiative Schaden nehmen. Speziell in den Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rum&#228;nien ist es damit ohnehin nicht zum Besten gestellt, da Den Haag weiterhin ihren Beitritt zur Schengen- Zone verhindert.</p>
<p>Erschienen in <a href="http://www.taz.de/Diskriminierung-in-den-Niederlanden/!87700/">taz</a>, 15. Februar 2012</p>
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		<title>Das schwarz- wei&#223;e Jojo</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Feb 2012 18:57:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belgien]]></category>
		<category><![CDATA[Fussball]]></category>
		<category><![CDATA[AS Eupen]]></category>
		<category><![CDATA[Jonas Deumeland]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Frank]]></category>

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Zwischen Aufstieg, Karneval und Lizenzsorgen: der Fussballclub aus dem St&#228;dtchen Eupen im deutschsprachigen Ostbelgien tr&#228;umt vom Aufstieg. 
Mitte Februar wird es spannend in Eupen. Durch die Stra&#223;en von Ober- und Unterstadt wogen die Karnevalsumz&#252;ge, man schunkelt und ruft &#8220;Alaaf!&#8221;, ganz wie dr&#252;ben auf der anderen Seite der Grenze. Oben auf der H&#246;he, gegen&#252;ber der Feuerwehrkaserne, [...]]]></description>
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<p>Zwischen Aufstieg, Karneval und Lizenzsorgen: der Fussballclub aus dem St&#228;dtchen Eupen im deutschsprachigen Ostbelgien tr&#228;umt vom Aufstieg. <span id="more-686"></span></p>
<p>Mitte Februar wird es spannend in Eupen. Durch die Stra&#223;en von Ober- und Unterstadt wogen die Karnevalsumz&#252;ge, man schunkelt und ruft &#8220;Alaaf!&#8221;, ganz wie dr&#252;ben auf der anderen Seite der Grenze. Oben auf der H&#246;he, gegen&#252;ber der Feuerwehrkaserne, machen sich derweil die Kicker der Allgemeinen Sportvereinigung ans Unternehmen Aufstieg. Zwei Punkte betr&#228;gt der Vorsprung auf die Konkurrenz aus Charleroi, der Rest der Spitzengruppe ist vorl&#228;ufig abgeh&#228;ngt. Hier, im Stadion Am Kehrweg, soll das heimstarke Team den Grundstein legen f&#252;r eine ziemliche &#220;berraschung: die umgehende R&#252;ckkehr in die erste belgische Liga.</p>
<p>St&#252;rmische Zeiten sind es, die die AS Eupen hinter sich hat. Wie ein Jojo schwang der Club aus dem 18.000 Einwohner- St&#228;dtchen in den letzten drei Jahren durch die Etagen des belgischen Fu&#223;balls. 2009 konnte nur eine unglaubliche Aufholjagd den Fall in die Drittklassigkeit verhindern. 2010 gelang aus dem Nichts der Sprung in die &#8220;Division 1&#8243;. Einen krasseren Au&#223;enseiter hatte man dort selten gesehen. Zun&#228;chst schwangen sich die schwarz- wei&#223;en &#8220;Pandas&#8221; zum Favoritenschreck auf, doch schlie&#223;lich ging es mit Pauken und Trompeten zur&#252;ck in die Zweite Liga.</p>
<p>Wie das mit Jojos so ist, pendeln sie an jemands Hand. Die AS Eupen hielt sich fr&#252;her dank eines &#246;rtlichen Bauunternehmers &#252;ber Wasser, bis 2009 der italienische Spielervermitttler Antonio Imborghia auftauchte. Er finanzierte den kurzen H&#246;henflug und holte zahlreiche Spieler, die in Italien den Durchbruch nicht geschafft hatten. Der Fanshop verkaufte damals Baseballcaps mit zwei einer belgischen und einer italienischen Fahne. Richtig warm aber wurden die bodenst&#228;ndigen Eupener mit Imborghia nicht. Den Verdacht, den Club als Vitrine seiner Spieler zu benutzen, wurde er nicht los, und sein gockelhaftes Auftreten machte ihn kaum beliebter. Nach einer turbulenten Saison mit drei Trainerwechseln beendete die AS im Sommer die Zusammenarbeit.</p>
<p>Ruhe sollte ein neuer Mann bringen: Ingo Klein, auch er ein Spielervermittler, allerdings nicht aus Palermo, sondern aus K&#246;ln. &#8220;Die Rheinl&#228;nder sind uns n&#228;her&#8221;, sagt Pressesprecher Ralph Thomassen augenzwinkernd. Und doch ist da etwas dran: der lokale Zungenschlag &#228;hnelt dem Rheinischen, Zweitligaderbies zwichen K&#246;ln und Aachen waren in Eupen Stra&#223;enfeger, und auch Schalke oder Gladbach haben ostbelgische Fanclubs. Dass bei L&#228;nderspielen die Diables Rouges den Vorzug vor &#8220;la Mannschaft&#8221; haben, geh&#246;rt zu den Besonderheiten der Region. Kleins Konzept scheint an diese Mentalit&#228;t an zu kn&#252;pfen: die meisten Akteure des neuen Kaders kommen aus den belgischen und deutschen Ligen.</p>
<p>Neben dem fr&#252;heren Bielefelder Ioannis Masmanidis ist Torwart Jonas Deumeland, 23, einer der Garanten des Erfolgs. Als dritter Keeper in Wolfsburg spielte er zuletzt in der Regionalliga. Von Eupen, dem kleinsten Standort im belgischen Profifu&#223;ball, hatte er eben so wenig geh&#246;rt wie von der &#8220;Deutschsprachigen Gemeinschaft&#8221;. Womit er sich in guter Gesellschaft befindet, denn selbst in Br&#252;ssel soll so mancher das Gebiet zwischen Aachen, Liège und Luxemburg mit der DDR verwechseln. Inzwischen gef&#228;llt es Deumeland ausgezeichnet in Eupen, wo die Fans auf deutsch und franz&#246;sisch anfeuern und im Team Englisch gesprochen wird. Aufsteigen will er nach den guten Testspielen nat&#252;rlich auch.</p>
<p>Eine Schl&#252;sselrolle spielt dabei Wolfgang Frank. 60 ist der Trainerhaudegen, der zuletzt Wuppertal, Wiesbaden und Jena coachte und schon mit Clubs in Gambia und Iran in Verhandlungen war. Viele Engagements, aber die meisten waren schnell beendet. An Eupen reizte den Wandervogel die M&#246;glichkeit, hier etwas aufbauen zu k&#246;nnen. &#8220;So habe ich zuvor noch nie gearbeitet.&#8221; Im Umfeld des Clubs gilt er als der Mann, mit dem die ersehnte Konsolidierung m&#246;glich ist. &#8220;Vielleicht&#8221;, schmunzelt Frank, &#8220;haben die AS und ich uns ja gesucht und gefunden.&#8221;</p>
<p>Doch Ende November zogen am blauen Eupener Himmel erneut dicke Wolken auf. Sportdirektor  Klein, der als Investor bislang den seri&#246;sen Gegenpart zum windigen Imborghia verk&#246;rperte, wurde wegen Verdachts auf Anlagebetrug fest genommen und sitzt seither in U- Haft. Damit geriet auch die Lizenz f&#252;r die n&#228;chste Saison in Gefahr, die wegen alter Verbindlichkeiten noch nicht gesichert war. Als Retter erweist sich nun Luciano D´Onofrio, ein weiterer ehemaliger Spielerberater. Mit dem Ex- Direktor des gro&#223;en Nachbarn Standard de Liège soll der Weg nach oben weiter gehen. Wichtig ist, wenn der Schnee in der Eifel geschmolzen ist, ein guter Start. Dann k&#246;nnte auch die anstehende Karnevalsparty &#8220;Eupen au&#223;er Rand und Band&#8221; im Stadion Am Kehrweg in die Verl&#228;ngerung gehen.</p>
<p>Erschienen in <a href="http://www.taz.de/Deutsch-belgischer-Fussballklub-AS-Eupen-/!88077/">taz</a>, 21. Februar 2012</p>
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		<title>Bruges is not a shithole</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 20:56:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belgien]]></category>
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In der Europa- League trifft Hannover 96 auf Club Br&#252;gge – und damit auf Christoph Daum. Der schw&#228;rmt von dem pittoresken Touristenst&#228;dtchen in den h&#246;chsten T&#246;nen. Doch ein Ruhesitz ist Br&#252;gge f&#252;r ihn ganz und gar nicht. 
Es war wieder so ein Einstand, wie sie nur ihn hinbekommt. &#8220;Es k&#246;nnte voll werden&#8221;, hatten die Verantwortlichen [...]]]></description>
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<p>In der Europa- League trifft Hannover 96 auf Club Br&#252;gge – und damit auf Christoph Daum. Der schw&#228;rmt von dem pittoresken Touristenst&#228;dtchen in den h&#246;chsten T&#246;nen. Doch ein Ruhesitz ist Br&#252;gge f&#252;r ihn ganz und gar nicht. <span id="more-684"></span></p>
<p>Es war wieder so ein Einstand, wie sie nur ihn hinbekommt. &#8220;Es k&#246;nnte voll werden&#8221;, hatten die Verantwortlichen von Club Br&#252;gge mit Understatement angek&#252;ndigt, als sie im November den neuen Trainer pr&#228;sentierten. Es wurde rappelvoll. Und der Auserw&#228;hlte bewies, dass er noch ganz und gar der Alte ist. &#8220;Fu&#223;ball ist meine Religion&#8221;, sagte Christoph Daum, der einst nach K&#246;ln zur&#252;ck kehrte wie der Messias und auch im Fr&#252;hjahr in Frankfurt als Retter empfangen wurde. Im Jan Breydel- Stadion versprach er zwar nicht Wein aus Wasser zu machen, aber immerhin &#8220;Fakten aus Visionen&#8221;. Nach der ersten Woche fasste er seine Eindr&#252;cke so zusammen. &#8220;Was f&#252;r eine Euphorie! Man glaubt auf einmal, dass die glorreiche Vergangenheit wieder kommt.&#8221;</p>
<p>Christoph Daum in Br&#252;gge: da muss man unweigerlich an den Film In Bruges denken. Manch ein  Kommentator hielt den Coach, der in drei verschiedenen L&#228;ndern Meister wurde, in Istanbul ein Volksheld war und in Werbespots des t&#252;rkischen Fernsehens auflief, in der westfl&#228;mischen Provinz anfangs f&#252;r fehl am Platz, wie die beiden irischen Killer, die in besagtem Film in der alten Stadt untertauchen. Bruges is a shithole, sagt der eine immer wieder, aber Daum hat es eher mit seinem Kollegen, der von der Mittelalter- Romantik geradezu ergriffen ist und dagegen h&#228;lt: Bruges is not a shithole. &#8220;Br&#252;gge sehen und sich verlieben&#8221; schw&#228;rmt Daum, der nun selbst in einem 500 Jahre alten Haus in der Innenstadt wohnt. Um gleich darauf klar zu stellen: &#8220;Aber ich bin nicht zum Sightseeing hier.&#8221; Seine Mission: Club Br&#252;gge soll in Belgien zur&#252;ck an die Spitze, und auch international wieder eine Marke werden.</p>
<p>Als Ma&#223;stab f&#252;r letzteres Ziel gilt nun, in der Runde der letzten 32 der Europa League, Hannover 96. Die Zeichen f&#252;r den belgischen Meister von 2005 stehen nicht schlecht. Club, wie es in Belgien nur hei&#223;t, hat sich aus der kleinen Krise nach der Winterpause gespielt, gewann zuletzt deutlich beim Nachbarn aus Gent und steht nun auf Platz 2 der Jupiler League. Auch das neue Spielsystem,  anfangs von vielen Fans als zu defensiv kritisiert, scheint sich langsam zu konsolidieren. Dass dieser Prozess mit der j&#252;ngstenMannschaft der belgischen Liga Zeit brauchen w&#252;rde, war Daum klar. &#8220;Eine neue Sprache lernt man ja auch nicht in ein paar Tagen&#8221;.</p>
<p>Zwischenfazit: dem euphorischen Einstieg folgte eine holprige Gew&#246;hnung, deren geh&#228;ufte 1:0- Siege kaum auf Begeisterung stie&#223;en. Inzwischen haben sich Team und Trainer immer besser eingespielt. Daum, inzwischen 58, seinerseits ist begeistert vom Zukunftsplan der Schwarz- Blauen. &#8220;Wenn ich mir am Rei&#223;brett einen Club aufbauen k&#246;nnte, w&#228;re es dieser&#8221;, sagte er kurz vor dem Abflug nach Hannover. Und so erteilt er auch s&#228;mtlichen Spekulationen um eine sp&#228;tere Bundesliga- R&#252;ckkehr eine klare Absage: &#8220;Br&#252;gge ist jetzt mein Zuhause, meine Aufgabe und meine Herausforderung.&#8221;</p>
<p>Br&#252;gge, das ist aber auch Daums erste Station nach seiner &#252;berstandenen Hautkrebs- Erkrankung im Sommer. Der Fu&#223;ball r&#252;ckte dadurch vor&#252;bergehend in den Hintergrund, seine Wahrnehmung ver&#228;nderte sich, auch die der gescheiterten Mission Klassenerhalt in Frankfurt kurz zuvor. Was nicht bedeutet, dass dies nicht an ihm nagt. &#8220;Ich bin total entt&#228;uscht, dass ich die Eintracht nicht ans rettene Ufer bringen konnte&#8221;. Schon als er nach Frankfurt kam, sagte Daum, er wolle kein Streuner mehr sein. Auf seiner Homepage gibt er sich gereift, gewachsen an seinem Grundprinzip des Fallens und Aufstehens. Ist Br&#252;gge gar der Ort, wo der umtriebige Coach zur Ruhe kommt?</p>
<p>Im Dunstkreis des Jan- Breydel- Stadions hat man sich recht schnell vergewissert, dass der vermeintliche Lautsprecher nun nicht vollends zum Elder Statesman mutiert ist. Aus Daums Worten klingt noch immer der Hunger, mit Verve predigt er von Zielen und Innovation. Im kumpeligen Ruhrpott- Tonfall erz&#228;hlt er Schnurren, die an jeden Mittagspausentresen einer Trinkhalle passen w&#252;rden, und was so alles &#252;ber ihn geredet wird, dass man ihn in der niederl&#228;ndischsprachigen Fachpresse &#8220;flamboyant&#8221; findet und ihm der Ruf der Skandalnudel auch hierhin vorauseilte, beeinflusst ihn –  &#8220;&#252;berhaupt nicht!&#8221;</p>
<p>Kalt lie&#223; ihn auch, dass sein Trainingsstil zu Beginn nicht &#252;berall Begeisterung ausl&#246;ste. &#8220;Menschen aus ihrer Komfortzone holen, ist nun mal schwierig&#8221;, meint er lapidar. Das j&#252;ngste Trainingslager in Spanien galt als legend&#228;r hart, und so manchem d&#252;rfte dadurch wieder in Erinnerung gekommen sein, dass Daum zu seinem Einstand von &#8220;Arbeit, Arbeit,und nochmal Arbeit&#8221; sprach. Wobei: &#8220;Freude geh&#246;rt auch dazu&#8221;, wie er damals erg&#228;nzte. Freuen d&#252;rfte er sich unterdessen an dem Motto, das sich auf dem Trainingsgel&#228;nde allenthalben findet: No Pain, no glory. &#8220;Den gab es schon vor mir&#8221;, grinst Daum. &#8220;Aber nicht umsonst rufen Fans ´wir wollen euch k&#228;mpfen sehen´- und nicht ´wir wollen euch zaubern sehen´.&#8221;</p>
<p>Erschienen auf  <a href="http://www.zeit.de/sport/2012-02/christoph-daum-belgien-bruegge">ZEIT online</a>, 15. Februar 2012</p>
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		<title>´Jiddisches Chaos´ auf der j&#252;dischen Stra&#223;e</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 13:24:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[European Jewish Parliament]]></category>
		<category><![CDATA[European Jewish Union]]></category>
		<category><![CDATA[Repräsentation]]></category>

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		<description><![CDATA[

Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es ein j&#252;disch- europ&#228;isches Parlament. Mitte Februar treffen sich die Abgeordneten in Br&#252;ssel zur konstituierenden Sitzung. Doch das Projekt ist stark umstritten: geht es tats&#228;chlich um Emanzipation einer Minderheit, oder ist es eine wenig transparente Privatinitiative von Gesch&#228;ftsleuten ? 
Der 16. Februar verspricht ein besonderer Tag zu werden: [...]]]></description>
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<p>Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es ein j&#252;disch- europ&#228;isches Parlament. Mitte Februar treffen sich die Abgeordneten in Br&#252;ssel zur konstituierenden Sitzung. Doch das Projekt ist stark umstritten: geht es tats&#228;chlich um Emanzipation einer Minderheit, oder ist es eine wenig transparente Privatinitiative von Gesch&#228;ftsleuten ? <span id="more-682"></span><br />
Der 16. Februar verspricht ein besonderer Tag zu werden: 120 frisch gew&#228;hlte Abgeordnete werden sich dann in Br&#252;ssel erstmals zum European Jewish Parliament zusammen finden. Die konstituierende Sitzung dieses neuen Gremiums im Hauptgeb&#228;ude des EU- Parlaments soll ein Meilenstein j&#252;discher Repr&#228;sentation in Europa werden. So zumindest sieht es die European Jewish union (EJU), die die Wahl organisierte. Sowohl der Anlass als die Umgebung haben durchaus symbolisches Potential, zumal in Zeiten, in denen die Zukunft des Judentums auf dem Kontinent Anlass zu gro&#223;en Sorgen bietet.</p>
<p>Damit ist die Bedeutung dieses Schritts aber noch nicht ausreichend beschrieben. Zugleich n&#228;mlich entz&#252;ndet sich am European Jewish Parlament ein Streit, der die j&#252;dischen Organisationen Europas schon l&#228;nger spaltet: derjenige um Repr&#228;sentation. Die Kernfrage lautet: wer vertritt wen? Warum, zu wessen Nutzen und mit welcher Legitimation.? Die Reaktionen auf das Parlament sind entsprechend unterschiedlich. Die nicht- j&#252;dische &#214;ffentlichkeit nahm es bislang nicht zur Kenntnis. Die European Jewish Union (EJU), die im letzten Jahr die Initiative dazu nahm, spricht von einem historischen Erfolg. Vertreter alteingesessener j&#252;discher Organisationen dagegen sind skeptisch bis emp&#246;rt.</p>
<p>Im Prinzip setzt sich hiermit der Konflikt um den European Council of Jewish Communities (ECJC) fort, der seit 1968 j&#252;dische Gemeinden und Kultur in Europa f&#246;rdert. Dieser begann Ende 2010, als der damalige Pr&#228;sident Jonathan Joseph den ukrainischen Gesch&#228;ftsmann Igor Kolomoisky als seinen Nachfolger zu inthronisieren versuchte. Der Multimilliard&#228;r sollte die latenten Finanzprobleme des ECJC beheben. Doch da der Vorstand davon nicht informiert war, verlie&#223;en so manche Gemeinden den ECJC, emp&#246;rt &#252;ber die vermeintliche &#220;bernahme. Auch mehrere Funktion&#228;re wie die Schweizerin Gabrielle Rosenstein traten aus Protest zur&#252;ck.</p>
<p>Kolomoisky gr&#252;ndete statt dessen gemeinsam mit einem weiteren ukrainischen Gesch&#228;ftsmann, Vadim Rabinovich, die European Jewish Union. Das Parlament ist eine von zwei spektakul&#228;ren Initiativen der beiden. Die andere ist der j&#252;dische Nachrichtensender Jewish News One (JN1), der im Herbst den Betrieb aufnahm. Zur selben Zeit wurden die Juden Europas aufgerufen, mittels einer Online- Abstimmung das European Jewish Parliament zu w&#228;hlen. Nach einigen Turbulenzen bez&#252;glich des Wahlmodus sind inzwischen die meisten Stimmen ausgez&#228;hlt. Dass mehr als 400.000 Menschen teilnahmen, gilt der EJU als Votum f&#252;r mehr Mitbestimmung und, in Anspielung auf die politischen Umw&#228;lzungen der letzten Zeit, als Willensbekundung der &#8220;j&#252;dischen Stra&#223;e&#8221;.</p>
<p>Viviane Teitelbaum indes h&#228;lt dieses Bild f&#252;r reine Rhetorik, um die Machtanspr&#252;che der Investoren zu rechtfertigen. Zudem st&#246;rt die Politikerin des liberalen belgischen Partei Mouvement Réformateur (MR) das Procedere: zur Wahl n&#228;mlich konnte &#8220;jeder jeden vorschlagen&#8221;. Sollte eine gew&#228;hlte Person ihren Sitz nicht wahrnehmen wollen, w&#252;rde einfach der jeweils folgende Kandidat nachr&#252;cken. Teitelbaum, im j&#252;dischen Belgien eine sehr bekannte Pers&#246;nlichkeit, wollte so lange nicht warten. Weil sie die Abstimmung &#8220;nicht repr&#228;sentativ&#8221; fand, lie&#223; sie ihren Namen streichen. &#8220;Au&#223;erdem bin ich bereits Mitglied eines Parlaments, das von Juden und Nichtjuden gew&#228;hlt wurde.&#8221;</p>
<p>&#196;hnlich ging es Julien Klener, dem Vorsitzenden des Consistoire Centrale Israélite de Belgique (CCIB). &#8220;Als ich aus Neugier die Landeskandidaten durchlas, sah ich dort zu meiner totalen &#220;berraschung einen gewissen Julien Klener stehen&#8221;. Neben dieser &#8220;dreisten Arbeitsmethode&#8221; kritisiert Klener, dass sich auf den Listen &#8220;halluzinatorische Namen&#8221; wie der des antisemitischen franz&#246;sischen Comedian Diedonné fanden. Da es zudem bereits genug j&#252;dische Dachverb&#228;nde auf dem Kontinent gebe, teilte auch Klener der EJU umgehend mit, nicht verf&#252;gbar zu sein.</p>
<p>Es ist nicht so, dass die Organisatoren die Aufregung nicht verst&#252;nden. Auch Alexander Zanzer, EJU- Mitglied der ersten Stunde und im Br&#252;sseler B&#252;ro t&#228;tig, hatte hinsichtlich des Wahlmodus  zuerst Bedenken. &#8220;Die Frage war, kontrollieren wir die Kandidaten a priori oder a posteriori&#8221;. Schlie&#223;lich habe auch er letzterer Variante zugestimmt, um nicht den Anschein von Zensur zu erwecken. Die Abstimmung habe so demokratisch wie m&#246;glich ablaufen sollen, und Demokratie beinhalte nun mal Chaos. Zanzer, Direktor einer Wohlfahrtseinrichtung in Antwerpen, r&#228;umt freim&#252;tig ein, die Wahl sei &#8220;ein jiddisches Chaos&#8221; geworden. Der niederschwellige Ansatz einer Online- Abstimmung habe auch zu Missbrauch gef&#252;hrt, wie etwa der Nominierung des besagten Comedian. &#220;ber den rechtlichen Hintergrund des Procedere habe man sich keine Gedanken gemacht.</p>
<p>Der EJU sind solche Einw&#228;nde offenbar nebens&#228;chlich. Denn worum es geht, so Alexander Zanzer, sei &#8220;die Demokratisisierung von Mitsprache&#8221;. Dass die bestehenden j&#252;dischen Organisationen diese M&#246;glichkeit nicht bieten, setzt er als gegeben voraus. Die EJU inszeniert sich dagegen als Herausforderung des Establishments. &#8220;Die gefestigte Ordnung der j&#252;dischen Welt, das sind alte Organisationen mit Mitgliedern, die sich selbst gew&#228;hlt haben. Sie wollen gerne anderen Amtstr&#228;gern die H&#228;nde sch&#252;tteln und finden sich selbst wichtig.&#8221;</p>
<p>Die Notwendigkeit des Parlaments ergibt sich Zanzer zu Folge indes nicht allein aus internen Gr&#252;nden. Der  steigende Antisemitismus in Europa sowie die demographische und damit politische Marginalisierung seien Anlass genug, neue j&#252;dische Initiative zu starten. &#8220;Bizarr&#8221; findet er es, dass diese nicht anerkannt w&#252;rden. &#8220;Nat&#252;rlich kann man Fragen stellen &#252;ber die Geldgeber aus dem Osten. Aber immerhin tun sie etwas.&#8221;</p>
<p>Die EJU als neureiche Herausforderer des j&#252;dischen Establishments: dieser Ansatz ist im Fall des European Jewish Parliament ein wichtiger Faktor. Absolut ist er dennoch nicht, denn die vermeintlichen Fronten verlaufen nur m&#228;&#223;ig stringent. Binyomin Jacobs, niederl&#228;ndischer Oberrabbiner und Rats- Mitglied im Rabbinical Centre of Europe, wusste Anfang Februar zwar noch nicht, ob er gew&#228;hlt war. Wenn dem so sei, so Jacobs, sei es wohl gut, seinen Sitz ein zu nehmen. Sicher tun wird dies Yossi Lempkowicz, Chefredakteur der Agentur European Jewish Press. &#8220;Ziemlich erstaunlich&#8221; findet er es, 400.000 Stimmen zusammen zu bringen. F&#252;r den holprigen Ablauf der Wahl hat er Verst&#228;ndnis, denn Organisieren brauche eben seine Zeit, und immerhin gebe es dadurch erstmals ein j&#252;disches Parlament in Europa.</p>
<p>Die Frage der Repr&#228;sentation, so viel ist sicher, wird in den kommenden Jahren erhalten bleiben. Das gleiche gilt f&#252;r diejenige nach dem Einfluss j&#252;discher Organisationen aus der ehemaligen Sowjetunion. Spannend wird zun&#228;chst der Verlauf der Er&#246;ffnungs- Sitzung. Schade indes nur, dass diese auf Gehei&#223; des Vorsitzenden der EJU, Tomer Orni, nur Journalisten von JN1 zug&#228;nglich ist.</p>
<p>Erschienen in <a href="http://www.tachles.ch/herausforderung-des-establishments">tachles</a>, 10. Februar 2012</p>
<p>K&#252;rzere Version in <a href="http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12327">J&#252;dische Allgemeine</a>, 16. Februar 2012</p>
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		<title>Von der Sehnsucht, ein Mensch zu sein</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 14:04:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>

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Der Filmemacher Elkan Spiller will die Geschichte seines Cousins Chaim erz&#228;hlen: ein ungew&#246;hnliches Portr&#228;t der Kinder der Shoa- &#220;berlebenden.
Die Geschichte von Elkan und Chaim beginnt mit John Lennon. 15 war Elkan Spiller, sein Leben spielte sich in der J&#252;dischen Gemeinde K&#246;lns ab. Kindergarten, Schule, dann die zionistische Jugendgruppe, deren Leitung er &#252;bernahm. Mit den Vorschriften [...]]]></description>
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<p>Der Filmemacher Elkan Spiller will die Geschichte seines Cousins Chaim erz&#228;hlen: ein ungew&#246;hnliches Portr&#228;t der Kinder der Shoa- &#220;berlebenden.<span id="more-680"></span></p>
<p>Die Geschichte von Elkan und Chaim beginnt mit John Lennon. 15 war Elkan Spiller, sein Leben spielte sich in der J&#252;dischen Gemeinde K&#246;lns ab. Kindergarten, Schule, dann die zionistische Jugendgruppe, deren Leitung er &#252;bernahm. Mit den Vorschriften nahm man es genau in seinem Elternhaus. Nicht nur, dass koscher gegessen wurde. Als eine der wenigen kam die Familie auch zu Fu&#223; zur Synagoge. Jeder kannte die Spillers. Dann entdeckte Elkan die Beatles und John Lennon.  Ein fernes Vorbild, wie das nun mal ist. Als n&#228;here Projektionsfl&#228;che bot sich sein &#228;lterer Cousin Chaim an. Unangepasst und charismatisch, der John Lennon der Familie, und wie Elkan selbst eher auf der Suche nach einer tieferen menschlichen Ebene denn nach materiellem Reichtum.</p>
<p>Drei Jahrzehnte sp&#228;ter ist Elkan Spiller, inzwischen Filmemacher, noch immer mit seinem Cousin besch&#228;ftigt. Freilich auf einer ganz anderen Ebene, denn er arbeitet an einem Film, der Chaim Lubelski portr&#228;tiert. &#8220;Nicht als coolen Typen&#8221;, der Chaim zweifellos ist: ein Nonkonformist, der mit 14 in eine Jeschiwa nach London ging und sich trotz tiefer Religiosit&#228;t absetzte, um fortan allein in der Metropole zu leben. Ein Schachgenie, das sich zwei Jahre lang in Saint Tropez durchschlug, indem es dort gegen Gro&#223;meister antrat. Ein erfolgreicher New Yorker Gesch&#228;ftsmann, der mit dem Export von Levi´s Jeans nach Europa zu Wohlstand kam. All das lie&#223; Chaim Lubelski zur&#252;ck, als seine Mutter, die Shoa- &#220;berlebende Nechuma, in ein Altenheim nach Antwerpen zog – und er mit ihr, um 24 Stunden t&#228;glich f&#252;r sie da zu sein. Von diesem Chaim handelt Elkan Spillers Film.</p>
<p>L´Chaim  – To Life (auf das Leben) soll die Dokumentation hei&#223;en, deren Dreharbeiten 2007 begannen. Nun steht der Schnitt an. Am Ende wird nicht nur ein intimes Portr&#228;t eines bemerkenswerten Mannes stehen, sondern auch ein Blick auf eine Generation, die Spiller &#8220;unsere&#8221; nennt. Obwohl anderthalb Jahrzehnte j&#252;nger ist als Chaim, ist auch er der Sohn von Shoa- &#220;berlebenden. &#8220;&#220;ber die zweite Generation gibt es gar nicht so viele Filme&#8221;, sagt der Regisseur. Ein Generationsmerkmal, das starke Verantwortungsgef&#252;hl f&#252;r die Eltern, hat offensichtlich auch Chaim gepr&#228;gt. Das Betreuen der Mutter wird ihm zur Lebensaufgabe. Und im R&#252;ckblick zu den sch&#246;nsten Jahren seines Lebens.</p>
<p>Es ist diese Einstellung, das L&#228;cheln, der liebevolle Umgang mit der Mutter, die Elkan Spiller bedingungslos in den Fokus r&#252;ckt. Chaim, sagt er, zeigt, wie man sein Schicksal annehmen kann, nicht nur aufopferungsvoll, sondern mit Freude. Und Freude gibt Chaim, nicht nur Nechuma, sondern allen Bewohnern des j&#252;dischen Altenheims in Antwerpen, obwohl er mit Schirmm&#252;tze, Zottelbart und der ewigen Kippe im Mundwinkel nicht gerade wie der Liebling der Senioren ausieht. Genau darin sieht sein Cousin, was er schon immer an ihm bewunderte: &#8220;Er ist echt. Es geht ihm nicht um &#196;u&#223;erlichkeiten. Chaim inspiriert bei der Sehnsucht ein Mensch zu sein.&#8221;</p>
<p>Ber&#252;hrt zeigen sich von dieser Figur auch viele Zuschauer. Der Dokumentarfilm n&#228;mlich ist eine Vertiefung von Spillers Mama, L´Chaim, den er 2009 als Beitrag zu einem Kurzfilm- Wettbewerb des Holocaust- Museums Los Angeles einschickte. Kurz entschlossen, schlie&#223;lich hatte er schon 22 Stunden Material. Dem ersten Preis dort folgten einige andere auf insgesamt 50 internationalen Filmfestivals. Unter anderem beim renommierten San Franciso Jewish Filmfestival war Mama, L´Chaim zu sehen, und unter 2.400 Einsendungen schaffte er es auf die Kurzfilmliste der Berlinale von 2009. Die Filmbewertungsstelle verlieh ihm das &#8220;Pr&#228;dikat besonders wertvoll&#8221;.</p>
<p>Tats&#228;chlich ist es schwer, sich der Wirkung dieses Films zu entziehen. Mama, L´Chaim ist eine schnelle Abfolge von Alltagsszenen in dem kleinen Appartment, Gespr&#228;che am Esstisch, durchzogen von Interviews mit den Protagonisten. Es wird viel gelacht, schlie&#223;lich will Chaim Nechuma ihre letzten Jahre so angenehm wie m&#246;glich machen. Und da das Leben bisher nun mal war, was es war, lachen sie auch &#252;ber abrasierte Haare. F&#252;r Nechuma geh&#246;rte diese Erfahrung zum  KZ Peterswaldau. &#8220;Ist heute modern, Mama&#8221;, antwortet Chaim, sarkastisch, aber nicht bitter. Dann besingt Nechuma, eine gepflegte alte Dame, &#8220;Peterswaldau, meine Liebe&#8221;. Genau wie damals. &#8220;Wir haben gesungen im KZ. Zum Trotz.&#8221;</p>
<p>War die Zeit mit seiner Mutter Chaims Lebensaufgabe, ist der Film dar&#252;ber Elkan Spillers Mission. Ein Dokumentarfilm, sagt er, sei das beste Medium, die Geschichte seines Cousins zu erz&#228;hlen. Entsprechend sieht er sich selbst nur als &#8220;Boten&#8221;. Dazu bef&#228;higt ihn zweifellos auch das enge Verh&#228;ltnis zu seinem Protagonisten. An dessen Anfang lag eine Begegnung in Israel in den 1980ern. Zehn Jahre sp&#228;ter lebten beide in New York, Elkan Spiller als Fernsehjournalist f&#252;r ARD und Deutsche Welle, w&#228;hrend der Gesch&#228;ftsmann Chaim Lubelski den Bed&#252;rftigen von Borough Park t&#228;glich Cheques ausstellte. Beide sind unterwegs, beide suchen nach Authentizit&#228;t. Elkan, der auch in Berlin, Tel Aviv und San Francisso lebte, sieht sich durchaus als &#8220;wandering jew&#8221;.</p>
<p>Inzwischen hat ihn die Liebe nach Amsterdam gebracht. Von dort ist es nicht weit nach Antwerpen, wo Chaim Lubelski nach dem Tod seiner Mutter 2010 alleine das kleine Appartement bewohnt. Seit anderthalb Jahren versucht Spiller nun um die Finanzierung des Schnitts. Bei Fernsehsendern gab es nur Absagen. Mal wollte man keinen Holocaustfilm, mal nur einen dramatischen, mal war Chaim Lubelski den Verantwortlichen nicht ber&#252;hmt genug f&#252;r ein Portr&#228;t. Elkan Spiller zuckt mit den Schultern. &#8220;Und dann ist es nat&#252;rlich nicht leicht, Sponsoren zu finden, wenn Ihre Tante in dem Film sagt, sie will die Deutschen nicht kennen, weil sie ihre Eltern ermordet haben.&#8221;</p>
<p>Daher soll das n&#246;tige Geld nun &#252;ber eine Crowdfunding- Website zusammen kommen. Spiller ist jedenfalls entschlossen, sein &#8220;Herzensprojekt&#8221; um zu setzen. &#8220;Es w&#228;re zu schade, wenn dieser Film nicht zu sehen w&#228;re.&#8221; Vermutlich wird das Publikum Spiller zustimmen, der auf einem der Filmfestivals, wo Mama, L´Chaim lief, sagte: &#8220;Erst schien es mir ein Widerspruch, als Jude in K&#246;ln auf zu wachsen. Man fragt sich dann, kann das Leben richtig sein am falschen Ort? Nach diesem Film kannst du sagen: ja, das kann es. &#8221;</p>
<p>Erschienen in <a href="http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12212">J&#252;dische Allgemeine</a>, 2. Februar 2012</p>
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		<title>Punkrock mit den Mitteln des Sightseeing</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 09:48:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belgien]]></category>
		<category><![CDATA[Tourismus]]></category>
		<category><![CDATA[Charleroi]]></category>
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Dreck, Verfall und Abgr&#252;nde: ein K&#252;nstler zeigt Besuchern die Schattenseiten der belgischen Stadt Charleroi. Die Industrieruinen werden zur Kulisse f&#252;r ein Spiel mit Klischees.
Irgendetwas stimmt hier nicht. Da ist ein Fehler im Bild. &#220;ber Kilometer breitet sich diese Rostw&#252;ste entlang der betonierten Ufer aus, eine postindustrielle Panoramakarte in allen Schattierungen von Braun. L&#246;chrige Fabrikfassaden und [...]]]></description>
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<p>Dreck, Verfall und Abgr&#252;nde: ein K&#252;nstler zeigt Besuchern die Schattenseiten der belgischen Stadt Charleroi. Die Industrieruinen werden zur Kulisse f&#252;r ein Spiel mit Klischees.<span id="more-678"></span></p>
<p>Irgendetwas stimmt hier nicht. Da ist ein Fehler im Bild. &#220;ber Kilometer breitet sich diese Rostw&#252;ste entlang der betonierten Ufer aus, eine postindustrielle Panoramakarte in allen Schattierungen von Braun. L&#246;chrige Fabrikfassaden und Schrotthaufen, durchkreuzt von stillgelegten F&#246;rderb&#228;ndern und reglosen Br&#252;ckengerippen. Und dann das. Der Fehler im Bild hat zehn oder elf K&#246;pfe. Er treibt durch eine dichte Staubschicht, in deren Partikeln sich der Himmel spiegelt, der Metallwald am Ufer und die Armada der Schornsteine. Eine Entenfamilie ist das letzte, womit man hier gerechnet h&#228;tte. Ger&#228;uschlos paddelt sie auf das Abbild der K&#252;hlt&#252;rme zu.</p>
<p>Sambre hei&#223;t der tr&#228;ge Strom. Es geh&#246;rt nicht viel dazu, sich an seiner Uferpromenade in Wortspielen zu verlieren. Sambre, somber. D&#252;ster wie die Kulisse, d&#252;ster, wie es einst Régina Magritte zumute war. Vor hundert Jahren stieg sie ein St&#252;ck flussabw&#228;rts im Vorort Chatelet in die tr&#252;be Br&#252;he und kam nicht wieder heraus. Wie h&#228;tte sie ahnen sollen, dass ihr halbw&#252;chsiger Sohn René einmal der ber&#252;hmteste Maler des Landes werden sollte und das kleine Backsteinhaus seiner Jugend eine der wenigen Sehenw&#252;rdigkeiten dieses gezeichneten Landstrich, der seiner schwerindustriellen Narben wegen als Pays Noir bekannt ist?</p>
<p>Nun, Sehensw&#252;rdigkeiten sind Definitionssache. Und Nicolas Buissart, der sich selbst einen &#8220;multidisziplin&#228;ren K&#252;nstler&#8221; nennt, hat so seine eigenen Kriterien f&#252;r einen Sightseing- Parcours. Jedes Wochenende bringt er seinen G&#228;sten die spektakul&#228;rsten Scheu&#223;lichkeiten seiner Stadt nahe: die deprimierendste Stra&#223;e des Landes, ges&#228;umt von einer Kette grauer Schlote, verfallene Metallfabriken, das Haus des Kindersch&#228;nders Marc Dutroux – in Au&#223;enansicht, wohlgemerkt – , die halb fertigen Stationen und Tunnelgew&#246;lbe der Ghost Metro. Seit bei ihrem Bau in den 1970ern das Geld ausging, gammeln sie vor sich hin, friedlich und ungest&#246;rt, wie das nur hier geht: in Charleroi, jenem Mekka der wallonischen Montanindustrie, tief im S&#252;dwesten Belgiens gelegen, und weithin &#252;ber die Grenzen verschrieen als konsequente Verneinung jeglicher Anmut.</p>
<p>Eine Kulisse wie geschaffen f&#252;r Buissarts Tourismus- Konzept namens &#8220;Urban Safaris&#8221;. Deren Markenzeichen sind die abgr&#252;ndigen Superlative, und die dick aufgetragene Schicht Morbidit&#228;t ist die Visitenkarte des Einmannunternehmens Charleroi Adventures. Auch der Verweis auf die &#8220;h&#228;sslichste Stadt der Welt&#8221; z&#228;hlt zur Strategie, ein Titel, der Charleroi vor Jahren von den Lesern einer niederl&#228;ndischen Zeitung verliehen wurde. Die meisten kennen sie zwar nur von der Durchreise nach Frankeich, doch die fl&#252;chtigen Blicke von der Stadtautobahn, die sich in einem futuristischen Br&#252;ckengewirr erhebt und schwungvoll &#252;ber die tristen H&#228;userzeilen windet, scheinen genug gewesen zu sein.</p>
<p>Wer eine Urban Safari bucht, braucht es sich allerdings nicht zu bequem zu machen in der Kiste mit Klischees. Eher sollte man an die Geschichte mit dem Garagentor denken: als verwalte er das surrealistische Erbe seines Stadtgenossen Magritte, hat Buissart, 31, an einer Wand vor seinem Haus eine verschiebbare Holzkuslisse angebracht. Die falsche Einfahrt h&#228;lt ihm den Parkplatz frei. Seine kreativen Koordinaten umrei&#223;t er wie folgt: &#8220;Zwischen Kunst und Design, Provokation und Kommunikation.&#8221; In diesem Sinn wird das Image von Charleroi, der vermeintlichen Geisterbahn unter den St&#228;dten, so vordergr&#252;ndig wie die Garage. Dahinter warten, so die Website von  Charleroi Adventures, &#8220;unbekannte Geheimnisse der interessantesten post- industriellen Region Europas&#8221;.</p>
<p>Also dann doch eher eine Bildungsreise? Denn wer hat schlie&#223;lich schon mal auf einem terril, einer Kohlehalde gepicknickt? Die Kohle allerdings sieht man nicht, seit drei Jahrzehnten schon sind die Minen dicht, und l&#228;ngst hat die Natur zum Gegenschlag aus- und sich das Terrain zur&#252;ck geholt. Kniehoch stehen die Gr&#228;ser, an Beerenstr&#228;uchern und Apfelb&#228;umen geht es vorbei. Dann ein Aufstieg, steil und knackig, unter Blumen in lila, gelb und wei&#223; schimmert schwarzes Ger&#246;ll. Unten liegt der Fluss, wie in einem staubigen Gem&#228;lde, eingerahmt von Fabrikruinen und kleinen Siedlungen mit Backsteinh&#228;usern in Grau und Braun, den Farben, die hier immer Saison haben. Unterbrochen werden sie von weiteren Halden, bewachsen, das pays noir begr&#252;nt sich selbst.</p>
<p>In einem afrikanischen Nationalpark legte der Guide jetzt ein bl&#252;tenwei&#223;es Tuch &#252;ber den Tisch und bedeckte ihn mit exquisiten Speisen. Dort unten aber liegt nicht der Sambesi, sondern die Sambre, und an ihren Gestaden Charleroi, die alte Brache, also muss es ein dunkles Textil auf der Spitze der Halde tun. W&#228;hrend sich ringsum die Objektive den F&#246;rderb&#228;ndern, den Schornsteinen und Transportbr&#252;cken widmen, schneidet Nicolas Buissart mit Hingabe Baguettes auf, drapiert K&#228;se, Schinken, Dips und Bananen, auf dass seine neun G&#228;ste sich ihre Stullen belegen k&#246;nnen.  Wasserflaschen, Coladosen, ein Sixpack Bier. &#8220;Lunchtime!&#8221;. Sein Assistent Fabrice, ein schweigsamer Metalhead, kredenzt derweil eine Schale marinierter Oliven, so viel Stil muss sein.</p>
<p>Geblieben sind Charleroi nicht nur die steilen H&#252;gel. Auch manche der dazu geh&#246;rigen Minen gibt es noch. Im grasigen &#214;dland bei Chatelet, ein paar Kilometer vor der Stadt, liegt die Ruine der Charbonnage Du Gouffre. Grobe, zweigeschossige Klinkerbauten mit geschwungenen D&#228;chern tauchen mit einem Mal aus den B&#252;schen auf, urspr&#252;nglich grau, mittlerweile gro&#223;fl&#228;chig vogelkotgewei&#223;elt. Wo einst abgerundete Fenster waren, klaffen riesige L&#246;cher. Die W&#228;nde teilen sich bunte Tags und Holunder, bis in die Ecken der Werkhallen reicht die Vegetation. Viele Mauern sind eingefallen, in der Mitte des Gel&#228;ndes hat man hellgrauen Beton aufgesch&#252;ttet und den Eingang versiegelt.</p>
<p>1916 begann in dieser Mine die Kohlef&#246;rderung. Das Personal kam in Wellen. Zuerst aus dem Norden Belgiens, der damals agrarisch und arm war. Noch heute wird in Altenheimen Charlerois viel fl&#228;misch gesprochen. Auch Seeleute, die in Antwerpen an Land gingen und Arbeit suchten, fanden den Weg hierher. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Zeit der Italiener. 1956 brach in der Mine von Marcinelle Feuer aus, das 262 Arbeiter das Leben kostete. 136 von ihnen kam aus Italien. Wie so viele Minen schloss auch die von Chatelet in den 1960ern. In den verbliebenen  bildeten T&#252;rken die letzte Welle der Minenmigranten. Als 1984 der letzte Tagebau abgewickelt wurde, t&#246;nten durch die Charbonnage du Grouffe schon ganz andere Ger&#228;usche: in den 1980ern war hier ein Zoo untergebracht. Noch immer h&#228;ngen Holzbalken und Gittertore von K&#228;figen schief zwischen den br&#252;chigen Mauern.</p>
<p>Krater im scherben&#252;bers&#228;ten Boden machen das Gel&#228;nde riskant. Weil Fragen wie Haftung bei Unf&#228;llen bei einem kunsttouristischen Start- Up in einer Grauzone liegen, ist Nicolas Buissart  hier  immer etwas besorgt. Wo die Urban- zur Fotosafari wird, kann sich, wer nicht aufpasst, schnell eine Etage tiefer wieder finden. Also achtet die Fotografengruppe aus Antwerpen auf jeden ihrer Schritte, gerade jetzt, wo hinter jeder Ecke neue Motive warten. Luc de With und seine drei Freunde kennen sich von der Fotoakademie. 30 Jahre ist das her. Seither gehen sie regelm&#228;&#223;ig mit ihren Kameras zusammen auf Reisen. Island, Bolivien, und nun Charleroi. Was er sich verspricht von dieser Stadt? Luc de With will &#8220;das Sch&#246;ne im H&#228;sslichen zeigen.&#8221;</p>
<p>Das H&#228;ssliche, das ist hier, keine Frage. Der Name der Stadt l&#246;st etwas aus, bevor man sie betritt. Ihr Anblick schockiert und zieht Besucher auf eine absto&#223;ende Weise doch in ihren Bann. Selbstironisch sagt die Niederl&#228;nderin Petra, sie sei hier, um sich am Elend anderer zu weiden. Carolos, wie die Menschen hier genannt werden, arbeiten in Fabriken, und wenn sie ihren Job verlieren, wenden sie sich vollends dem Saufen zu, so die Stereotype. Nicolas Buissart war ein Exot, als er um Kunst zu studieren nach Antwerpen kam. &#8220;Die anderen Studenten sagten, oh, du kommst aus einem armen Land.&#8221;</p>
<p>Charleroi, das ist das Andere. Als sei die Industriealisierung etwas regional begenztes gewesen. Den Elendstouristen schauert es, und zwar je wohliger, desto b&#228;lder er wieder wegf&#228;hrt. Kopfsch&#252;ttelnd l&#228;uft er noch durch die Fussg&#228;ngerzone, in der gerade renoviert wird. Erwartungen best&#228;tigt. Offenes Erdreich l&#228;dt ein zum Flanieren, rote Leerrohre ragen in alle m&#246;glichen Richtungen. Auch Petra war hier, ein kleiner Spaziergang vor der Safari. Und was sah sie? &#8220;Keine Spur von Geselligkeit.&#8221;</p>
<p>Nirgenwo sonst in Westeuropa begegnet man Verfall mit mehr laisser faire als in Belgien. In Charleroi allerdings hat man es zur Kunstform erhoben, dem Zahn der Zeit das Feld zu &#252;berlassen. Leerstand allenthalben in der Passage de Bourse, einem holzvert&#228;felten Wandelgang im Zentrum, wo die meisten Schaufenster verwaist sind und die Rolladen herunter h&#228;ngen. Auch Lokale und Wohnh&#228;user im Bahnhofsviertel sind verlassen, in den offen stehenden Briefk&#228;sten stellt die Laufkundschaft der Nacht ihre Wei&#223;blechreste ab. &#8220;Et la précarité?&#8221; steht mit schwarzen Blockbuchstaben in einem verrammelten Eingang. Gut ein Viertel der Menschen hier sind arbeitslos. Auf den B&#228;nken der Place Charles II. in der Oberstadt f&#252;hrt st&#228;ndig eine Hand die Pilsdose Richtung Lippen.</p>
<p>Nicolas Buissart macht all das nichts aus. Er hat hier f&#252;r wenig Geld ein Haus gekauft, und auch als K&#252;nstler kann er sich im kreativen Entwicklungsland eher einen Namen machen als in Br&#252;ssel. Ab und an weist er auf versteckte Ecken, die er mag. Wo Charleroi ihm gef&#228;llt. Doch verkl&#228;rend ist da nichts. Ebenso wenig wie er ein Geheimnis daraus macht, dass er die Urban Safaris eigentlich als Performance Art ansieht. Punkrock mit den Mitteln des Sightseeings, wenn man so will. Buissarts zwei Akkorde sind Dreck und Verfall. Der Rest ist improvisiert. Sein Wissen hat er aus Wikipedia und Urban Legends. Als er anfing, 2009, konnte er &#252;ber einen Freund billig einen Kleinbus mieten. Seit das nicht mehr geht, h&#228;ngt die Route davon ab, wie viele G&#228;ste ein Auto haben. Im &#220;brigen finden die Touren sonntags statt, weil dann das Parken umsonst ist.</p>
<p>Weil es an diesem Tag drei Fahrzeuge gibt, steht noch ein Besuch im Rockerill an, ein Kulturzentrum in einer still gelegten Stahlk&#252;che. Vor sechs Jahren besetzte ein K&#252;nstlerkollektiv das Gel&#228;nde, kaufte es dem Besitzer ab und restaurierte es. Heute finden DJs und Bands den Weg dorthin, es gibt Ausstellungen und Veranstaltungen f&#252;r Kinder, und jeden Donnerstag die lokale Variante des Yuppie- Ph&#228;nomens einer After Work Party: Les Aperos Indus, die industriellen Aperitifs, im Ambiente von d&#252;steren Stahlrohren und einem zuversichtlichen Hedonismus, den man hier nicht erwartet. Das Rockerill ist symbolisch. Sein Name ist eine Referenz an den englischen Ingenieur Cockerill, der Charleroi zu einem Zentrum der Industrialisierung machte. Der Inhalt eine Hommage an die M&#246;glichkeiten, die sein Erbe bietet.</p>
<p>Dass sich Buissart sein St&#252;ck von diesem Kuchen selbst zuschneidet, st&#246;&#223;t so Einigen auf. Wallonische Zeitungen waren pikiert ob der &#8220;unheimlichen Safaris&#8221;. Und bei der Touristeninformation im Bahnhof verdreht man beim Namen &#8220;Charleroi Adventures&#8221; die Augen. Christophe Janssens, ob seiner Haldenexpertise bekannt als Mr Terril, findet, Charleroi verdiene mehr, als dass jemand zehn Minuten an einen Ort geht und ein bisschen erz&#228;hlt. Und sein Kollege Jerome Verardo emp&#246;rt sich &#252;ber das Kunstprojekt der Safaris. Dumm findet er sie, sensationsheischend und unprofessionell. &#8220;Die meisten Journalisten und Touristen gehen dorthin und fragen uns nicht.&#8221; Das wiederum sieht Buissart ganz anders:. &#8220;Seit all die Artikel &#252;ber mich geschrieben wurden, haben sie dort auch ein bisschen was zu tun.&#8221;</p>
<p>Erschienen in<a href="http://jungle-world.com/artikel/2012/04/44745.html"> Jungle World</a>, 26. Januar 2012</p>
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		<title>&#8220;Ich sag Ihnen mal, was l&#228;uft&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Jan 2012 12:39:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[EU- Parlament]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Schulz]]></category>

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F&#252;r Zur&#252;ckhaltung war Martin Schulz noch nie bekannt. Als Pr&#228;sident des EU- Parlament will er diesem nun endlich zu mehr Mitsprache verhelfen. 
Zugegeben, die Vorstellung am&#252;siert: Martin Schulz als graue Eminenz der EU- Volksvertretung, vermittelnd zwischen streitenden Abgeordneten in Br&#252;ssel oder Stra&#223;burg, die Kollegen in ruhigen, aber eindringlichen Worten an die Etikette des Hauses erinnernd, [...]]]></description>
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<p>F&#252;r Zur&#252;ckhaltung war Martin Schulz noch nie bekannt. Als Pr&#228;sident des EU- Parlament will er diesem nun endlich zu mehr Mitsprache verhelfen. <span id="more-674"></span></p>
<p>Zugegeben, die Vorstellung am&#252;siert: Martin Schulz als graue Eminenz der EU- Volksvertretung, vermittelnd zwischen streitenden Abgeordneten in Br&#252;ssel oder Stra&#223;burg, die Kollegen in ruhigen, aber eindringlichen Worten an die Etikette des Hauses erinnernd, oder an die Redezeit, die abgelaufen ist. So, wie es in den vergangenen zweieinhalb Jahren sein Vorg&#228;nger tat, der zur&#252;ckhaltende, stets honorig wirkende polnische Konservative Jerzy Buzek.</p>
<p>Schulz, der Dauer- Vorsitzende der sozialdemokratischen SPE- Fraktion, wird in dieser Woche zum neuen Pr&#228;sidenten des Europ&#228;ischen Parlaments gew&#228;hlt. Ausgerechnet, wird manch einer denken, denn bislang trat der 56j&#228;hrige, nicht nur im Vergleich mit Buzek ein Freund lauter Worte, eher als Beteiligter verbaler Scharm&#252;tzel denn als Integrator in Erscheinung. &#8220;Wenn das nicht begriffen wird, m&#252;ssen wir dar&#252;ber streiten&#8221;, sagte er dieser Tage in einem Interview. Ein Satz wie eine Signatur: Streiten ist ein Leitmotiv in der politischen Laufbahn des gelernten Buchh&#228;ndlers aus W&#252;rselen bei Aachen.</p>
<p>Es beginnt mit seiner Art, sich am Rednerpult zu installieren, selbstsicher bis provokant. Gerne  l&#228;sst er zun&#228;chst eine dieser jovialen Phrasen fallen, etwa &#8220;ich will Ihnen mal sagen, wie das l&#228;uft&#8221;. W&#228;hrend Schulz im rheinischen Singsang einen verbalen Parforceritte ablegt, vergr&#228;bt sich seine linke Hand in der Jackettasche. Die rechte f&#228;hrt derweil durch die Luft, als gebe es Kilometergeld daf&#252;r. S&#252;ffisantes Minenspiel quittiert die Zwischenrufe, die selten ausbleiben, denn die Bl&#228;tter, die Schulz nicht vor den Mund nimmt, polarisieren, und sein ausgestreckter Zeigefinger bleibt nicht ohne Widerspruch.</p>
<p>Im europ&#228;ischen Parlament ist er mit diesen Auftritten in knapp zwei Jahrzehnten zur Institution geworden. Lange Zeit war die EU- Ebene vielfach Karriere- Sprungbrett f&#252;r hoffnungsvolle Jungpolitiker, Abstellgleis f&#252;r Unbequeme oder die Schaulauf- Kulisse f&#252;r verdiente Spitzenkr&#228;fte. Nichts davon trifft auf Schulz zu, 1994 mit Ende 30 erstmals gew&#228;hlt  und nun auf dem bisherigen Gipfel seiner Laufbahn angelangt. Auch wenn er seit Jahren in Vorstand und Pr&#228;sidium der SPD sitzt: Europa ist kein Abstellgleis f&#252;r ihn, sondern ein Zielbahnhof.</p>
<p>Gleichsam ist es ein Teil seiner Biographie, denn Schulz, der &#252;ber zehn Jahre lang seine eigene Buchhandlung betrieb und bereits mit 31 B&#252;rgermeister von W&#252;rselen wurde, ist ein Kind der Euregio. Rund zehn Kilometer waren es von seinem Elternhaus in die Niederlande, gut 20 nach Belgien, der Grenz&#252;bertritt geh&#246;rte lange vor Schengen zum Alltag. Noch heute pendelt der vollb&#228;rtige Fu&#223;ball- Liebhaber t&#228;glich zwischen EU- Parlament und Dreil&#228;ndereck. Geographisch war ihm Br&#252;ssel schon immer n&#228;her als Berlin.</p>
<p>Weil der mediale Fokus immer noch eher umgekehrt funktioniert, ist Schulz in Deutschland vor allem f&#252;r zwei Eklats bekannt. Silvio Berlusconi schlug ihm einst im Streit eine Filmrolle als KZ- Kapo vor, und der britische Euroskeptiker Godfrey Bloom nannte ihn im letzten Winter einen &#8220;undemokratischen Faschisten&#8221;, nachdem Schulz die Sonderrolle des Vereinten K&#246;nigreichs angeprangert hatte. Mehr &#252;ber Schulz selbst sagt die Episode aus dem Europawahlkampf 2009, als er den &#246;sterreichischen Rechtsausleger Strache wegen seiner &#8220;brutalen Hetze gegen Minderheiten&#8221; einen Nazi nannte und dies im ZDF &#8220;gerne &#246;ffentlich wiederholte&#8221;. F&#252;r Schulz geht es hier um Grunds&#228;tzliches: &#8220;die Verteidigung der Werte, f&#252;r die unser Europa steht, und f&#252;r die ich k&#228;mpfe.&#8221;</p>
<p>Diese Prinzipientreue will Schulz in seiner Pr&#228;sidentschaft auf ein besonderes Ziel richten: er hat sich vorgenommen, die Position des EU- Parlaments zu st&#228;rken: als Schauplatz der europ&#228;ischen Demokratie, und nicht zuletzt im Namen der Transparenz: &#8220;Im Parlament werden alle unsere Fragen diskussiert. Der Rat, die Kommission, Merkel und Sarkozy, alle agieren hinter verschlossenen T&#252;ren. Wir m&#252;ssen die T&#252;ren &#246;ffnen und den B&#252;rgern zeigen, wer hinter Entscheidungen steht.&#8221; Neben dem Bekenntnis zur &#8220;demokratischen Rechenschaft&#8221; sieht er auch eine andere Pflicht: &#8220;Ich werde meine Stimme vor den mehr oder weniger M&#228;chtigen in Europa erheben und sagen: dies ist der Ort europ&#228;ischer Demokratie!&#8221;</p>
<p>Die Umst&#228;nde, unter denen Martin Schulz sein Amt antritt, unterstreicht die Dringlichkeit dieses Vorhabens. Gerade in der Krise n&#228;mlich ist das EU- Parlament besonders gef&#228;hrdet, wieder in die alte Rolle als Schaub&#252;hne ohne politische Befugnise verwiesen zu werden, w&#228;hrend die Regierungschefs der Mitgliedsl&#228;nder in Eigenregie &#252;ber ein kontinentales Wirtschaftsregime verhandeln. Ein Plot wie gemacht f&#252;r den Idealisten Schulz, der in diesem Winter mehrfach vor der drohenden Marginalisierung des Parlamets warnte: &#8220;Die Unterh&#228;ndler des Parlaments sind die Einzigen, die von den Eurozonen- Krisengespr&#228;chen ausgeschlossen wurden. Wenn ich gew&#228;hlt werde, werde ich dagegen k&#228;mpfen.&#8221;</p>
<p>Ein Elder Statesman wird aus Martin Schulz wohl nicht mehr. Doch die Rolle des unkorrumpierbaren K&#228;mpfers nehmen ihm auch nicht alle ab. Dennis de Jong, Europa- Abgeordneter der niederl&#228;ndischen Sozialisten, kritisiert die Absprachen zwischen den beiden gro&#223;en Fraktionen im EU- Parlament, sich w&#228;hrend einer Legislaturperiode den Kammer- Vorsitz zu teilen und die jeweils anderen Kandidaten zu unterst&#252;tzen. Nirj Deva, der britische Gegenkandidat der konservativen ECR, beschuldigte Christ- und Sozialdemokraten daher vor der Wahl der Patronage.</p>
<p>Erschienen in <a href="http://www.freitag.de/politik/1203-ich-sag-ihnen-mal-was-l-uft">Der Freitag</a>, 19. Januar 2012</p>
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		<title>Offene Grenze, automatische Erkennung</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 14:17:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Niederlande]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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Ein Kamerasystem an der niederl&#228;ndischen Grenze soll einreisende Autofahrer filmen. Nicht nur Datensch&#252;tzer schlagen Alarm – auch die EU- Kommission bittet um Aufkl&#228;rung. 
Hollandtouristen kann es in diesem Jahr passieren, dass das erste Foto des Urlaubs von der niederl&#228;ndischen Grenzpolizei geschossen wird. Verantwortlich daf&#252;r wird dann eine der automatischen Hightech- Kameras sein, die in K&#252;rze [...]]]></description>
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<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Ein Kamerasystem an der niederl&#228;ndischen Grenze soll einreisende Autofahrer filmen. Nicht nur Datensch&#252;tzer schlagen Alarm – auch die EU- Kommission bittet um Aufkl&#228;rung. <span id="more-672"></span></p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Hollandtouristen kann es in diesem Jahr passieren, dass das erste Foto des Urlaubs von der niederl&#228;ndischen Grenzpolizei geschossen wird. Verantwortlich daf&#252;r wird dann eine der automatischen Hightech- Kameras sein, die in K&#252;rze an den 15 meist frequentierten Grenz&#252;berg&#228;ngen zum Einsatz kommen sollen. F&#252;nf davon teilen sich die Niederlande mit Belgien, zehn mit Deutschland, meist Nordrhein- Westfalen. Dazu kommen sechs mobile Kameras.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Momentan befindet sich das Projekt noch in der Pilotphase. Nach Auskunft der niederl&#228;ndischen Grenzpolizei soll es im Februar oder M&#228;rz starten. Die Regierung in Den Haag begr&#252;ndet diesen Schritt mit dem Kampf gegen Kriminalit&#228;t: &#8220;illegale Einreise in Zusammenhang mit Menschenschmuggel, Menschenhandel, Identit&#228;tsbetrug und Geldw&#228;sche&#8221;, hie&#223; es in einem Pressebericht im Dezember.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Das System tr&#228;gt den Namen @migo- boras (&#8221;automatisches mobiles informations- gesteuertes Vorgehen – besseres operationelles Resultat und fortgeschrittene Sicherheit&#8221;) und basiert auf dem Kennzeichenerkennungssystem ANPR. Abgelichtet werden Vorderseite und Nummernschild der Fahrzeuge. Laut Immigrationsminister Gerd Leers erm&#246;glicht dies die Aufzeichnung von &#8220;Verkehrsmustern&#8221;, die &#8220;auf Basis allgemeiner Daten und Zielgruppenprofilen melden, welches Fahrzeug f&#252;r eine Kontrolle interessant sein kann&#8221;. Die gewonnenen Informationen werden umgehend der Grenzpolizei &#252;bermittelt, die dann das entsprechende Auto anhalten kann.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Niederl&#228;ndische Datensch&#252;tzer sind &#252;ber das Vorhaben besorgt. Die Stiftung Privacy First spricht von einem &#8220;enormem Eingriff in die Privatsph&#228;re&#8221;. Alle Fahrzeuge zu kontrollieren um bei einem etwas Verd&#228;chtiges zu finden, sei eine &#8220;Umkehrung des Rechtssystems&#8221;. Die Datenschutz- Website sargasso.nl bef&#252;rchtet, die Grenzpolizei habe damit zumindest die M&#246;glichkeit, einreisende Autos mit &#8220;allerlei schwarzen Listen&#8221; ab zu gleichen. Eben dies verneint Immigrationsminister Leers entschieden. Ebensowenig w&#252;rden die gewonnenen Informationen gespeichert. &#8220;Wohl k&#246;nnen die Kameras anhand des Kennzeichens sehen, aus welchem Land ein Auto oder LKW kommt, aber das kann der Grenzschutz nun schon.&#8221;</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">So vage diese Argumentation, so sp&#228;rlich ist die Informationspolitik der Regierung in Sachen Grenzkameras. Fakt ist immerhin, dass zu kurz denkt, wer hier nur die Handschrift der von den Rechtspopulisten abh&#228;ngigen konservativen Minderheitskoalition zu erkennen glaubt: seit Mitte der Nuller- Jahre wird an dem System get&#252;ftelt, und bereits 2005 gab es einen ersten Probelauf. Die aktuelle Regierung unter Ministerpr&#228;sident Rutte zeichnet indes f&#252;r eine weitere Ma&#223;nahme verantwortlich: sie will Kennzeichen, die von Autobahn- Kameras im Landesinneren routinem&#228;&#223;ig ermittelt wurden, vier Wochen lang speichern. Privacy- Aktivisten bef&#252;rchten, dass dieser Ansatz sp&#228;ter auf die Bilder der Grenzkameras ausgedehnt wird.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Im Herbst begann sich auch die EU- Kommission f&#252;r den Fall zu interessieren. Nachdem Deutschland aus Sorge um den freien Verkehr zwischen den Mitgliedsstaaten in Br&#252;ssel eine Klage eingereicht hatte, wurde Cecilia Malmstr&#246;m aktiv: die Innenkommissarin wandte sich mit der Bitte um mehr Informationen an die Regierung in Den Haag. Bisher, so Malmstr&#246;ms Sprecher Michele Cercone kurz nach Neujahr, warte man auf eine Antwort. Das weitere Vorgehen der Kommission h&#228;nge davon ab, wie diese ausfalle. Der Immigrationsminister will Malmstr&#246;m Beginn des Jahres informieren.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Der kritische Blick aus Br&#252;ssel erkl&#228;rt sich nicht zuletzt aus dem Kontext des letzten Jahres. Sowohl Frankreich als auch D&#228;nemark f&#252;hrten 2011 vor&#252;bergehend Grenzkontrollen ein, was in anderen Mitgliedsstaaten grunds&#228;tzliche Diskussionen ausl&#246;ste. Dabi ging es auch um eine m&#246;gliche Signalwirkung: k&#246;nnen grenzpolitische Alleing&#228;nge einzelner Mitglieder eine Erosion europ&#228;ischer Errungenschaften wie dem Wegfall der Binnengrenzen bewirken? Das Beispiel Niederlande gibt solchen Bef&#252;rchtungen neuen Antrieb.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Die Regierung bem&#252;ht sich derweil, entsprechende &#196;ngste zu zerstreuen. Nach dem Schreiben Malmstr&#246;ms erkl&#228;rte Immigrationsminister Leers, die Kamera&#252;berwachung versto&#223;e keinesfalls gegen den Schengener Vertrag. Dieser gestatte Mitgliedstaaten &#8220;nationale Ma&#223;nahmen, die zur Wahrung von &#246;ffentlichen Ordnung n&#246;tig sind.&#8221; Beabsichtigt seien zudem nicht mehr als Stichproben, weshalb die Kameras pro Grenz&#252;bergang h&#246;chstens 90 Stunden monatlich zum Einsatz k&#228;men. Das t&#228;gliche Limit soll bei sechs Stunden liegen.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Unklar ist bislang, warum die Testphase des Projekts nun verl&#228;ngert wurde. Noch im Herbst sollte der Startschuss f&#252;r @migo-boras am 1. Januar erfolgen. Leers´ Sprecher Sander van der Eijk machte &#8220;operationelle Gr&#252;nde&#8221; f&#252;r den Aufschub verantworltlich. Mit dem Schreiben der EU- Kommission jedenfalls habe dieser nichts zu tun.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">Erschienen auf <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-01/kamera-grenze-niederlande">ZEIT online</a>, 4. Januar 2012.</p>
<p style="margin-top: 0.42cm; font-style: normal; font-weight: normal">L&#228;ngere Version erschienen in <a href="http://jungle-world.com/artikel/2012/03/44706.html">Jungle World</a>, 19. Januar 2012.</p>
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		<title>Zu viele Deutsche, zu wenig Nutzen?</title>
		<link>http://benelux-texte.de/niederlande/zu-viele-deutsche-zu-wenig-nutzen/</link>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 16:10:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Niederlande]]></category>
		<category><![CDATA[Auslandsstudium]]></category>
		<category><![CDATA[deutsche Studenten]]></category>
		<category><![CDATA[Halbe Zijlstra]]></category>

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Die Niederlande stehen hoch im Kurs bei deutschen Studenten: nirgendwo anders stehen so viele eingeschrieben. Doch gerade das macht der Regierung in Den Haag Sorgen: sie erw&#228;gt nun, ihren Zufluss zu beschr&#228;nken. 

Das gelobte Land beginnt gleich hinter der Grenze. Groningen und Enschede, Nijmegen, Venlo oder Maastricht, diese St&#228;dte erfreuen sich seit Jahren gro&#223;er Beliebtheit [...]]]></description>
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<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Die Niederlande stehen hoch im Kurs bei deutschen Studenten: nirgendwo anders stehen so viele eingeschrieben. Doch gerade das macht der Regierung in Den Haag Sorgen: sie erw&#228;gt nun, ihren Zufluss zu beschr&#228;nken. <span id="more-670"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Das gelobte Land beginnt gleich hinter der Grenze. Groningen und Enschede, Nijmegen, Venlo oder Maastricht, diese St&#228;dte erfreuen sich seit Jahren gro&#223;er Beliebtheit bei deutschen Studenten. Rund 25.000 absolvieren zumindest einen Teil ihrer wissenschaftlichen Ausbildung in den Niederlanden, die meisten in der N&#228;he der westdeutschen Ballungsgebiete. Keine NCs, daf&#252;r intensive Begleitung, hochmoderne Ausstattung von Unis und Fachhochschulen und internationale Ausrichtung: all dies macht die Niederlande bei angehenden Akademikern im Nachbarland zum popul&#228;rsten Ziel f&#252;r ein Auslandsstudium.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Die unbeschwertesten Tage aber hat diese Erfolgsgeschichte wohl hinter sich. Kurz vor dem Jahresende schlug Halbe Zijlstra, im Bildungsministerium in Den Haag zust&#228;ndig f&#252;r den Bereich Wissenschaft, Alarm. Der Staatssekret&#228;r warnte vor einem &#8220;ungez&#252;gelten Zustrom&#8221; deutscher Studenten mit wom&#246;glich &#8220;ernsthaften Folgen&#8221; f&#252;r das Ausbildungsniveau. In einem Schreiben an das Parlament rechnete Zijlstra vor, ein Student koste den Staat j&#228;hrlich 6.000 Euro. Da erheblich mehr Ausl&#228;nder in den Niederlanden eingeschrieben seien als Niederl&#228;nder im Ausland, ergebe sich ein Minus- Betrag von 90 Millionen Euro.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">An diesen Ausgaben will Zijlstra Deutschland, Herkunftsland von 42 % aller ausl&#228;ndischen Studenten, k&#252;nftig beteiligen. Die betroffenen Hochschulen sollten ihr offensives Werben um deutsche Studenten einstellen, andernfalls drohten ihnen Konsequenzen. So k&#246;nnten Studieng&#228;nge, die vollst&#228;ndig auf Deutsch zu absolvieren seien, geschlossen werden, wenn die Tr&#228;ger sich nicht um ein Gleichgewicht zwischen niederl&#228;ndischen und ausl&#228;ndischen Studenten bem&#252;hten. Im Grenzgebiet gibt es 14 solcher Studieng&#228;nge, die meisten an der Fontys- Hochschule in Venlo.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Neu ist das Thema keineswegs. Zijlstras Schreiben beruht auf der Analyse einer ministeriellen Arbeitsgruppe, die er 2011 ins Leben gerufen hatte. Bereits im Fr&#252;hjahr gab es in einer Fachzeitschrift Kritik an der gezielten Anwerbung deutscher Studenten. Diese sei &#8220;gesellschaftlich nicht verantwortlich&#8221; und n&#252;tze nur den Hochschulen, die f&#252;r jeden ausl&#228;ndischen Studenten Geld aus Den Haag empfingen. Im Herbst bem&#228;ngelte ein sozialistischer Abgeordneter: &#8220;Internationaler Studentenaustausch ist eine gute Sache, doch er muss im Gleichgewicht bleiben.&#8221; Ein Mitglied der Rechtspopulisten monierte wenig sp&#228;ter, ausl&#228;ndische Studenten n&#228;hmen niederl&#228;ndischen den Wohnraum weg,</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Bislang verteidigte Zijlstra, Mitglied der liberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD), die Internationalisierung des Hochschulwesens, da sie die Konkurrenzposition der Niederlande st&#228;rke. Die Freiz&#252;gigkeit unter Studenten helfe &#8220;unserer offenen Wissens&#246;konomie&#8221;. Die konservativ- liberale Regierung will das Land auf diesem Gebiet in der Weltspitze etablieren. Gut m&#246;glich, dass die Regierung nun dem Druck nachgibt, zumal sich seit l&#228;ngerem abzeichnet, dass die von ihr beschlossenen Sparma&#223;nahmen nicht ausreichen, den Haushalt zu konsolidieren.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Die Tageszeitung De Pers sieht Zijlstras Pl&#228;ne als Zeichen zunehmender xenophober Tendenzen in den Niederlanden. Pragmatischer ist die Kritik von Akteuren aus dem Hochschulbereich: F&#252;r Jo Grouls, Direktor der Internationalen Fontys- Wirtschaftshochschule in Venlo, sind internationale Studieng&#228;nge eine Investition in zuk&#252;nftige Handelskontakte. Die Kosten seien dagegen &#8220;zu vernachl&#228;ssigen&#8221;. Martin Paul, der deutsche Vorsitzende der Maastricht University, sieht ausl&#228;ndische Studenten als Qualit&#228;tsgarantie. Gerade die Deutschen seien &#228;lter, motivierter und zielstrebiger als ihre niederl&#228;ndischen Kommilitonen und h&#246;ben damit das Gesamt- Niveau. Auch der regionale Kooperationsverband Euregio widersprach Zijlstra: deutsche Studenten blieben auch nach ihrem Studium im Nachbarland aktiv in grenz&#252;berschreitenden Netzwerken.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Dem steht gegen&#252;ber, dass die gro&#223;e Mehrheit nach dem Abschluss den Niederlanden den R&#252;cken zukehrt. Um ihre Kenntnisse dem einheimischen Arbeitsmarkt zu erhalten, pl&#228;diert Sander van den Eijnden, Direktor der mit dem DAAD vergleichbaren NUFFIC (Netherlands Organisation for International Cooperation in Higher Education), f&#252;r mehr Integration. Er will ausl&#228;ndische Alumnis st&#228;rker an die Niederlande zu binden – &#8220;zu allererst, indem wir sie Niederl&#228;ndisch lehren.&#8221; Daneben sieht auch er international besetzte Studieng&#228;nge als Vorbereitung auf einen entsprechenden Arbeitsmarkt oder den wissenschaftlichen Circuit.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Ob die Ank&#252;ndigungen des Staatssekret&#228;rs nun tats&#228;chlich zur Eskalation der akademischen Nachbarbeziehungen f&#252;hrt, ist noch nicht sicher. Denn es gibt da noch eine weitere Option, die in niederl&#228;ndischen Medien nur am Rande erw&#228;hnt wurde: laut Staatssekret&#228;r Zijlstra n&#228;mlich sollen auch mehr niederl&#228;ndische Studenten ermutigt werden, im Ausland zu studieren. Dem geforderten Gleichgewicht des Austauschs zumindest w&#228;re damit gedient.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Erschienen auf <a href="http://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-01/niederlande-deutsche-studenten">ZEIT online</a>, 3. Januar 2012</p>
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		<title>Alles echte Cohens</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Dec 2011 16:18:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mom</dc:creator>
				<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Niederlande]]></category>

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Die Ausstellung ´My name is Cohen´ im J&#252;disch- Historischen Museum in Amsterdam ist ein Kaleidoskop von Identit&#228;ten und Stereotypen im Zeichen eines Namens
Thea Cohens Fazit ist beklemmend: &#8220;Von klein auf assoziierte ich meinen Nachnamen mit Bedrohung, mit dem Krieg. Blo&#223; nicht auffallen, hie&#223; die Devise. Deinen j&#252;dischen Hintergrund nicht zur Schau stellen.&#8221; Auf diese Handlungsanleitungen, [...]]]></description>
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<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Die Ausstellung ´My name is Cohen´ im J&#252;disch- Historischen Museum in Amsterdam ist ein Kaleidoskop von Identit&#228;ten und Stereotypen im Zeichen eines Namens<span id="more-667"></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Thea Cohens Fazit ist beklemmend: &#8220;Von klein auf assoziierte ich meinen Nachnamen mit Bedrohung, mit dem Krieg. Blo&#223; nicht auffallen, hie&#223; die Devise. Deinen j&#252;dischen Hintergrund nicht zur Schau stellen.&#8221; Auf diese Handlungsanleitungen, offenbar essentielle don´ts in den Nachkriegs- Niederlanden, reduziert die Andragogin, geboren 1946, ihre Beziehung zu ihrem Familiennamen. Ein Einzelfall ist sie nicht: unmittelbar nach der Shoa ging es vielen &#220;berlebenden und ihren Nachkommen so. F&#252;r Thea Cohen bot sich sp&#228;ter ein zweifelhafter Ausweg: &#8220;Als ich 21 war, heiratete ich und tauchte gleichsam unter im Namen meines Ehemanns. Von da an hie&#223; ich sicher ´Ritsema´.&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">25 solcher Zeugnisse finden sich seit Ende November in einer Ausstellung im Joods Historisch Museum in der niederl&#228;ndischen Hauptstadt: Es sind Portr&#228;ts von Menschen, die wenig gemein haben au&#223;er ihrem Nachnamen und dem Wohnort Amsterdam. Frauen, M&#228;nner und Kinder aus drei Generationen, nicht gezielt ausgesicht, sondern nach Zufallsprinzip zusammen gef&#252;gt, deren Vorfahren von vier Kontinenten kamen. Sie sind orthodox oder liberal, oft nicht- religi&#246;s, aber meist traditionell, nicht wenige sind gar keine Juden, zumindest nicht nach der Halacha, die die Abstammung von einer j&#252;dischen Mutter als Kriterium anlegt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Neben den Fotos der Protagonisten stehen deren autobiographische Reflexionen dar&#252;ber, wie es ist, Cohen zu hei&#223;en, was der Name mit einem macht, nicht zuletzt mit Hilfe der Assoziationen, die er auf Seiten der nicht- j&#252;dischen Mehrheitsgesellschaft mit frappierender Regelm&#228;&#223;igkeit ausl&#246;st. Identit&#228;t, so der niederl&#228;ndische Romancier Arnon Grunberg im Vorwort zum Begleitbuch von &#8220;My name is Cohen&#8221;, ist vor allem, was Andere &#252;ber uns sagen. Und wer, wenn nicht die Tr&#228;ger dieses &#8220;urj&#252;dischen Namens&#8221; (Website des Museums), sollte davon ein vielstimmiges Lied singen k&#246;nnen?</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Die Ann&#228;herung an die Zielgruppe erfolgt durchaus von innen. Denn Cohennen, so die niederl&#228;ndische Mehrzahl, sind auch die Ausstellungsmacher. Daniel, der Portr&#228;t- Fotograf, hatte die Idee; das Konzept entwickelte er gemeinsam mit Mischa, Redakteur der linken Wochenzeitschrift &#8220;Vrij Nederland&#8221;. Zwei Jahre feilten sie an dem Projekt, das urspr&#252;nglich gar nicht unbedingt als Ausstellung geplant war, trafen die Protagonisten &#8220;eher zu Gespr&#228;chen als zu Interviews&#8221; und fotografierten sie an deren bevorzugten Orten in der Stadt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Ihre Namensverwandtschaft ist f&#252;r &#8220;My name is Cohen&#8221; keineswegs nur ein PR- Aspekt: h&#228;tte der Journalist seine Anfrage abgelehnt, er h&#228;tte kaum leichtfertig jemand anderen gefragt, sagt der Fotograf. Cohen, das ist die Achse, um die es sich dreht und die Klammer, die alles zusammen h&#228;lt. F&#252;r die Au&#223;enwelt, sagt Mischa Cohen, der &#8220;kleinste gemeinsame Nenner&#8221;, f&#252;r die Betroffenen, aller Divergenz ihrer Lebensentw&#252;rfe zum Trotz, der Garant vergleichbarer Erfahrungswerte.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Ein Beispiel? Erkl&#228;rungsnot. Auch wenn sie keine Antwort darauf haben sollten, bleiben Cohens ein Haufen Fragen: &#8220;Wenn es nicht die israelische Siedlungspolitik ist, dann sicher die Bedeutung der j&#252;dischen Feiertage, die Folgen der Shoa oder der Hintergrund unbet&#228;ubten Schlachtens&#8221;. Mit diesen Worten wurde die Ausstellung angek&#252;ndigt. Ein weiterer referentieller Fixpunkt ist die vermeintliche famili&#228;re Beziehung zum Bekanntesten der 1.500 niederl&#228;ndischen Cohens. &#8220;Bist du mit Job verwandt?&#8221; h&#246;rten die Portr&#228;tierten oft, als der Chef der Sozialdemokraten noch B&#252;rgermeister von Amsterdam war.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Mit ´Ja´ beantwortet die Frage nur einer: sein Sohn Jaap, ein junger Historiker, und in Anbetracht aller hier Vertretenen, die einem nicht- religi&#246;sem Elternhaus entstammen, durchaus ein role model zeitgen&#246;ssischen Cohen- Seins. &#8220;Die Eltern meines Vaters hie&#223;en Koster, Belinfante, Polak und Cohen. So ziemlich alle typisch j&#252;dischen Namen zusammen. Zu Hause spielte die j&#252;dische Tradition &#252;berhaupt keine Rolle, &#252;ber J&#252;disch- Sein oder Religion sprachen wir selten. Dar&#252;ber wei&#223; mein Vater &#252;berraschend wenig.&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Gleichsam erweist sich der Name Cohen als Schl&#252;sselreiz. Jaap Cohen erz&#228;hlt von antisemitischen Posts in Internetforen, die die politische Laufbahn seines Vaters begleiteten. Dass dieser sich Atheist nennt und bei jeder Gelegenheit die &#8220;freisinnige&#8221; Tradition seiner Familie betont, hat darauf keinen Einfluss, ebenso wenig wie sein Image als Br&#252;ckenbauer, der mit Muslimen in Problemkiezen beim Tee &#252;ber Intergrationsprobleme spricht. Job Cohen mag Vielen als personifizierte Dhimmitude gelten, aus dieser Perspektive ist und bleibt er – Jude. Wenn Sohn Jaap hingegen, von Syrien kommend, nach Israel einreist, sieht er sich an der Grenze dem Vorwurf ausgesetzt: &#8220;Du hei&#223;t Cohen. Du hast nicht nach Syrien zu fahren.&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">&#8220;My name is Cohen&#8221; ist in diesem Sinn ein Aufruf zur nuancierten Rezeption, denn nur so wird man dem Ph&#228;nomen Cohen in seiner Vielfalt gerecht. Es ist ja, und darauf geht die Ausstellung durchaus ein, nicht nur ein h&#228;ufiger Name, es ist der Verweis auf die Abstammung von Aaron, auf die Zugeh&#246;rigkeit zur Priesterkaste der Kohenim. Deren Mitglieder genie&#223;en Vorrechte in der Synagoge und unterliegen einigen Auflagen, d&#252;rfen keine geschiedenen Frauen heiraten, geschweige nicht- j&#252;dische.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Just dies aber taten viele Cohens, und das Ergebnis sind all die Protagonisten der Ausstellung mit gemischten Familienhintergr&#252;nden. Auch Vaterjude Mischa und &#8220;Gro&#223;vaterjude&#8221; Daniel mussten bei der Recherche die Frage eines Rabbiners verneinen, ob sie &#8220;echte&#8221; Cohens seien. Was umgekehrt die Frage bewirkte, wer heute eigentlich ein echter Cohen sei, oder, aus Sicht des Fotografen, wie ein solcher im 21. Jahrhundert aussehe. Im nicht- j&#252;dischen Mainstream mag die Frage Assecoirs wie Bart und Schl&#228;fenlocken hervorrufen. Die Ausstellung setzt dem entgegen: &#8220;Ein Cohen sieht nicht so oder so aus. Alle sind echte Cohens!&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Ihre privaten, ja zum Teil intimen Reflexionen sind immer auch eine Schnittmenge zwischen Biographie und gr&#246;&#223;eren gesellschaftlichen Zusammenh&#228;ngen. Sie erz&#228;hlen vom Spannungsfeld zwischen Integration und Assimilation im melting pot Amsterdam, vom Mit- und Nebeneinander der Kulturen, von Hybriden und Grenzg&#228;ngern. Und immer wieder von der Shoa und der Erfahrung des Untertauchens, die die &#220;berlebenden vereint.Wenn Mischa Cohen sagt, die meisten Cohens seien mit ihrem Namen besch&#228;ftigt, impliziert dies einen Link: zur omnipr&#228;senten Frage, wie viele Angeh&#246;rige ermordet wurden.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Im Alltag &#228;u&#223;ert sich das oft in dem Versuch, dem Cohen- und damit J&#252;disch- Sein entkommen zu wollen. Mehrere Protagonisten erz&#228;hlen von der Abw&#228;gung, liebe kein Klingelschild zu benutzen, eine andere nennt keinen Namen, wenn sie im Restaurant einen Tisch reserviert. Cohen wird zum Stempel, zum Stigma mit f&#252;nf Buchstaben. Ebenso viele aber tragen den Namen, oft nach einer Phase intensiver Auseinandersetzung, mit Stolz und Bewusstsein. Der Regisseur Paul Cohen etwa spricht davon, dass er sich als junger Mann nach seinem zweiten Vornamen &#8220;Paul Svend&#8221; nannte – bis ihm &#8220;ein Licht aufging.&#8221;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Nicht zuletzt ist die Ausstellung aber auch ein origineller Streifzug durch das, was im 21. Jahrhundert in aller Heterogenit&#228;t den Nachfolger des ehemals bedeutenden j&#252;dischen Amsterdam ausmacht. Sie bietet Begegnungen mit einem idealistischen Boxtrainer, dem stadtbekannten israelischen Shoarmaverk&#228;ufer, einem amerikanisch- niederl&#228;ndischen Kabarettisten, der als Hitler auftrat, oder einem pensionierten Drogenforscher, der &#8220;kein professioneller Jude&#8221; sein will.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">W&#228;hrend &#8220;My name is Cohen&#8221; bis zum M&#228;rz im Joods Historisch Museum zu sehen ist, tragen sich die Initiatoren mit Expansionspl&#228;nen. Cohens gibt es genug auf der Welt, und wenn ein solches Projekt in Amsterdam m&#246;glich ist, wieso dann nicht in Berlin oder New York? Der bemerkenswerte Andrang bei der Er&#246;ffnung zeigt zumindest, dass das Thema einiges Potential verspricht.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">
<p style="margin-bottom: 0cm; font-style: normal; font-weight: normal">Erschienen in <a href="http://jungle-world.com/artikel/2011/50/44542.html">Jungle World</a>, 15. Dezember 2011. K&#252;rzere Version in <a href="http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11775">J&#252;dische Allgemeine</a>, 1. Dezember 2011</p>
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