Etappensieg für Johan Cruijff

Die Soap um den Altstar und seine alte Liebe Ajax Amsterdam geht in die nächste Runde: ein Gericht verschob die geplante Anstellung Louis van Gaals als Direktor des Clubs.

Die Woche fängt gut an für Johan Cruijff: Louis van Gaal kann im Juli nicht ohne Weiteres als Allgemeiner Direktor von Ajax Amsterdam die Arbeit aufnehmen. Ein Gericht in Haarlem entschied am Montag, dass die Aktionärsversammlung des börsennotierten Clubs innerhalb von fünf Monaten darüber entscheiden muss. Dies geschieht mittels eines Beschlusses über die Zukunft des Aufsichtsrates der AG Ajax, der schwer in der Kritik steht: vier der fünf Mitglieder hatten die Verpflichtung van Gaals ohne Wissen des fünften, Johan Cruijff, eingeleitet. Der Ajax- Mitgliedsrat entzog dem Aufsichtsrat daraufhin das Vertrauen.

Cruijff und van Gaal verbindet eine innige Feindschaft. Daher dachte der Altmeister “an einen Witz”, als er Mitte November von der Personalie vernahm. Weil er Rechtmäßigkeit der Verpflichtung van Gaals in Frage stellt, erwirkte Cruijff ein Schnellverfahren gegen die AG und seine Aufsichtrats- Kollegen, Unterstützt wurde er von zehn zum Teil namhaften Jugendtrainern des Clubs, darunter Ronald de Boer, Jaap Stam, Wim Jonk und Dennis Bergkamp. Diese hatten zuvor mit ihrem Rücktritt gedroht, sollte Ajax von Cruijffs Plan abweichen, mit dem der Club wieder die Spitze Europas erreichen soll.

Der Beschluss des Richters sorgt nun dafür, dass die Turbulenzen um das einstige Traumpaar Ajax und Cruijff im neuen Jahr weiter gehen. Ihre Liaision, früher gut für acht Meistertitel und vier europäische Pokale, ist längst zur Soap Opera mit hohem Trash- Faktor geworden. Seit Cruijff im Frühjahr als Funktionär zu Ajax zurück kam, überdecken die Intrigen hinter den Kulissen die sportlichen Geschehnisse: den ersten Meistertitel seit sieben Jahren ebenso wie die dürftige Hinrunde, die überraschenden Auftritte in der Champions League und Ajax´ skandalumwittertes Ausscheiden vergangene Woche. Was auf dem Platz passiert, ist rund um die Amsterdam ArenA schon seit Monaten nicht mehr entscheidend.

Begonnen hat der Konflikt bereits vor mehr als einem Jahr: im Herbst 2010 kritisierte Cruijff

in seiner wöchentlichen Kolumne im Boulevardblatt Telegraaf mehrfach die Auftritte seines früheren Clubs. Daneben verkündete er auch gleich, wie das Problem zu beheben sei: mit einer konzertierten Aktion verdienter Ex- Spieler, die dem AFC Ajax wieder zu alter Größe verhelfen sollte. Im Dezember letzten Jahres folgten unter anderem Aron Winter, Keje Molenaar und Barry Hulshoff dem Aufruf und ließen sich in den Mitgliederrat wählen. Niederländische Medien prägten damals den Begriff von der “samtenen Revolution”.

Mit samtigem Vorgehen sollte allerdings bald Schluss sein, denn als Cruijff im Frühjhar selbst als Funktionär die Bühne betrat, schien sich der einstige Offensivästhet in einen Diktator verwandelt zu haben, der intern kompromisslos wie ein Vorstopper zu Werke ging. Sein Konzept basierte auf intensiver Jugendförderung unter Einbeziehung ehemaliger “Ajacieden”. Technisches Herzstück war ein Dreigestirn aus dem aktuellen Trainer Frank de Boer und den Jugendtrainern Wim Jonk und Dennis Bergkamp. Das Engagement seines Intimfeinds van Gaal sieht Cruijff als Unterminierung dieses Plans.

Bereits im April schlug der Konflikt hohe Wellen. Der inzwischen zurück getretene Vorstand monierte, Cruijff strebe die vollständige Kontrolle an und wolle innerhalb des Clubs alles selbst entscheiden. Der Altstar hingegen, in Sachen Lichtgestalt- Status durchaus mit Franz Beckenbauer vergleichbar und durch seine Verbindung mit dem Telegraaf mit einer entsprechenden Hausmacht ausgestattet, rieb der Funktionärskaste mit Vorliebe unter die Nase, nicht die mindeste Ahnung von Fußball zu haben.

Cruijff scheint mit dieser Rhetorik durchaus den Nerv des Publikums zu treffen, denn die Zuschauer in der ArenA stehen mit großer Mehrheit hinter der Ajax- Ikone. Insofern hat der Machtkampf, ausgetragen mit der schmierigen Stilistik einer allzu durchsichtigen telenovela, durchaus eine weit reichende Dimension: hinter dem Schlammcatchen aufgeblasener Egos stellt sich die Frage, wie viel Wirtschaft im Fußball des 21. Jahrhunderts nötig ist – oder wie viel Stallgeruch sich ein börsennotiertes Unternehmen wie die Ajax AG leisten kann. Die Fans, dies ist sicher, sehen Cruijffs Auftreten auch eine Revolte gegen vermeintlich fußballferne Berufsfunktionäre.

Auf diese Konstellation spielt Cruijff in seiner jüngsten in seiner Kolumen an: “Wir Fußballer, die in allen großen Ligen gespielt haben, wissen, dass sich viel verbessern muss, um Ajax wieder an die Spitze Europas zu bringen. Andere sind schon zufrieden, wenn Spieler aus der eigenen Jugend in der Ehrendivision mit halten können. Daher ist es so mühsam, mit Leuten zu diskutieren, die den Unterschied nicht kennen.” Den Beschluss des Richters interpretierte er folglich in diesem Sinn: “Ein phantastisches Urteil. Die Fußballer haben gewonnen!”

Erschienen auf ZEIT online, 12. Dezember 2011

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