Ende einer Illusion

Der “schwarze Königinnentag” mit dem versuchten Anschlag auf die Monarchin trifft die Niederlande bis ins Mark. Zum Schock gesellen sich am Tag danach Fragen nach Motiv und Hintergründen des Attentats.

Mit schwerem Kopf erwachen, das ist in den Niederlanden Tradition am ersten Mai. Die Marathonparty zum Koninginnedag fordert ihren Tribut. Überall sind die Spuren des überschwänglichen Nationalfeiertags zu sehen. Auf Plätzen und an Häusern hängen noch orange Dekorationen, und die Reinigungsdienste befreien die Straßen von tonnenweise Abfall. In diesem Jahr jedoch dauert der Kater länger an, und die Spuren sind nicht mit Besen und Hochdruckstrahler zu beseitigen: nach dem versuchten Anschlag auf die Königsfamilie, bei dem fünf Menschen starben und 13 verletzt wurden, wird die fröhliche Folklore nie mehr die selbe sein. Apeldoorn, eine  Provinzstadt im Osten des Landes, hat sich auf blutige Weise einen Namen gemacht.

” Was als prächtiger Tag begann, endete als furchtbares Drama, das uns alle sehr tief geschockt hat. Wir sind sprachlos, dass etwas so schreckliches passieren konnte”, sagte Königin Beatrix am Nachmittag mit stockender Stimme in einer Fernsehansprache. Am Abend bestätigte die Staatsanwaltschaft, was bereits nach der Tat am Mittag als sicher galt: das Ziel des schwarzen Suzuki, der sich in halsbrecherischer Fahrt seinen Weg durch die kreischende Menge bahnte, war tatsächlich der offene Bus der Königsfamilie. Polizeiangaben zufolge hatte er zuvor zwei Absperrungen durchbrochen. Eine Schneise des Schreckens schlug der Fahrer in die Menge, die sich zu den offiziellen Feierlichkeiten an der Paradestrecke drängten. Die Amokfahrt endete an einer Säule. Das ungläubige Entsetzen auf den Gesichtern von Königin und Thronfolgerpaar läuft seitdem in Dauerrotation in sämtlichen Nachrichtensendungen.

Verpufft ist nun auch die Hoffnung, wenigstens Klarheit über die Hintergründe des Attentats zu bekommen. Der Täter, der 38jährige Karst T. aus der nahe Apeldoorn gelegenen Kleinstadt Huissen, erlag in der Nacht zu Freitag seinen schweren Verletzungen. Am Abend zuvor hatte die Polizei seine Wohnung durchsucht und dabei keinerlei Hinweise auf das Attentat gefunden. Nachbarn beschrieben T. als zurück gezogenen, stillen Sonderling. Sein Vermieter berichtete, er habe vor kurzem seinen Job verloren und daher seine Miete nicht mehr bezahlen können. Der Justiz war er zuvor nicht bekannt.

Schwerer als die unbeantworteten Fragen wiegt jedoch der Schock über den Angriff auf das Staatsoberhaupt, der symbolischer nicht hätte sein können als just am Koninginnedag. Der Nationalfeiertag, 1949 zum Geburtstag der damaligen Königin Wilhelmina eingeführt,  gilt nicht nur eingefleischten Monarchieanhängern als ausgelassenste Feier des Jahres. Die königliche Familie präsentiert sich an diesem Tag volksnah wie sonst nie – auch räumlich gesehen. Mitten durch Tausende Schaulustige zog sich auch gestern wieder die Parade, die Oranjes schüttelten zahlreiche Hände. Damit dürfte es nun vorbei sein. “In Apeldoorn ist eine nationale Illusion zerbrochen” titelte die Volkskrant am Tag danach.

Auch das lange Zeit gehegte Image der Niederlande als friedliche und freundliche Gesellschaft hat einen vielleicht letzten tiefen Kratzer bekommen. Es braucht ohnehin nicht viel, um die Schatten der jüngsten Vergangenheit herauf zu beschwören: nach den politischen Morden an Pim Fortuyn 2002 und Theo van Gogh 2004 ist das soziale Klima leicht entflammbar. Obwohl über das Motiv so gut wie nichts bekannt ist, passt das Attentat auf Königin Beatrix und ihre Familie eigentlich nicht in diese Reihe. Doch ist es gerade die Symbolik, die schwer wiegt: gerade der Koninginnedag gilt nicht nur bei Besuchern aus aller Welt, sondern auch vielen Niederländern als Relikt aus der guten, unbeschwerten Zeit. 2009 hat auch er seine Unschuld verloren.

Erschienen in Wiener Zeitung, 2. Mai 2009

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