Ein sozialdemokratischer Meister

Erstmals seit fast 20 Jahren kann Feyenoord Rotterdam niederländischer Meister werden. Doch vermag der Titel auch das auseinanderdriftenden Stadtteil zusammenzuhalten?

Es braucht besondere Umstände, wenn Voetbal International, das inoffizielle Zentralorgan der niederländischen Fußballjournalistik, derartig in Pathos schwelgt. “Feyenoord: die Befreiung ist nah”, titelte das Wochenblatt Ende April. Tatsächlich fehlt dem Club aus der Hafenmetropole Rotterdam nur noch ein Sieg zur ersten Meisterschaft seit 1999. Feyenoord ist zurück, aus tränenreichen Tälern voller Skandale und Finanzsorgen. Und diesen Sonntag, im Stadion des Lokalrivalen Excelsior, könnte der Triumph perfekt gemacht werden.

Erschienen in Wiener Zeitung, 2. Mai 2017

 

Welchen Kalibers die Emotionen sind, die sich in den nächsten Tagen in Rotterdam entladen könnten, deutete sich nach dem letzten Spieltag an. Just als der Mannschaftsbus nach dem 2:0 bei Vitesse Arnheim am legendären Stadion De Kuip vorfuhr, vernahmen die wartenden Anhänger von der Niederlage des verhassten Rivalen Ajax Amsterdam in Eindhoven. Vier Punkte Vorsprung bei zwei noch ausstehenden Matches – diese Tatsachen sorgten für eine wahre Arie aus Böllerschüssen, begleitet von rot- weißem Feuerwerk.

 

Drei Tage später zieht eine kleine Prozession vom Stadion hinüber zum Trainingskomplex Varkenoord. Rentner und Jugendliche sind darunter, und viele Familien mit Kindern, denn in den Niederlanden haben die Mai- Ferien begonnen. “Wir sind um sechs Uhr aufgestanden”, erzählt ein Vater aus Almelo, fast 200 Kilometer östlich nahe der deutschen Grenze gelegen. Feyenoord, so fand einmal jemand heraus, hat unter jeder Postleitzahl des Landes Fans, und niederländische Postleitzahlen betreffen ziemlich kleine Gebiete.

 

Trotzdem ist Feyenoord zuerst noch immer ein Stadtteil – Club. Man sieht das schon am Namen: der enthält nämlich kein Kürzel wie “SC”, “FC” oder “SV”, sondern nur denjenigen des Viertels in Rotterdam- Süd (das allerdings Feijenoord buchstabiert wird). Wer sich dort umsieht, stößt allenthalben auf das Logo, das wiederum nur aus einem fetten F auf rot- weißem Grund besteht. Aus Fenstern, an Balkonen oder in Gärten weht es, und selbst Supermärkte und Cafés tragen den Namen des Clubs.

 

Ein Kind dieses Viertels ist Justin Vonk, 29, Hafenarbeiter. Das letzte Mal, als sein Verein den Titel gewann, war er ein Junge. An diesem Morgen steht er mit Hunderten anderer Fans am Trainingsplatz, auf den Schultern seinen kleinen Sohn, und vollzieht den Verlauf dieser Saison nach. Erwartet hat er diesen natürlich nicht – wohl aber “ab und zu gedacht, dass es klappen könnte”, als Feyenoord nach der Hälfte immer noch vorne lag. “Im Viertel ist die Anspannung greifbar”, berichtet Vonk, “Die Leute versuchen, alle Spiele zusammen zu schauen.”

 

Auf dem Platz spielt sich derweil das Team um den zurückgekehrten Altstar Dirk Kuyt und den dänischen Torjäger Nicolai Jørgensen warm. Die Banden im Hintergrund zeigen jede ein Glaubensbekenntnis. “Hand in Hand Kameraden”, beginnt das Evangelium nach Feyenoord. Weiter geht es mit: “Leidenschaft, Kraft, Zusammenhalt” und “Blick auf die Zukunft, Respekt für die Vergangenheit”. Es folgen ein legendäres Zitat Ernst Happels, der Feyenoord 1970 zum Europacupsieger coachte: “Kein Geloel (eigentlich gelul, “Gelaber”), Fußbal spielen”(incl SW- Foto Ernst Happels), “Aus eigener Kraft geschafft” und “Club von allen, für alle”.

 

In Rotterdam – Süd ist solche Rhetorik mehr als nur Teil der Corporate Identity. Sie macht deutlich, wieso der Club als der südamerikanischste der Niederlande gilt. Feyenoord steht für Hingabe und Kämpfen, Euphorie und Hysterie. Aber eben auch für Zuschauer – Ausschreitungen, wie bei der Feier der letzten Meisterschaft, und übelste antisemitische Sprechchöre, wenn es gegen das vermeintlich jüdische Ajax geht – wobei stets betont wird, man habe keineswegs etwas gegen wirkliche Juden.

 

Zuletzt hört man aus Feijenoord, dem Viertel, noch andere Geschichten. Bei den Wahlen im März gewann hier die neue Partei “Denk”, die unter Multikulti- Maske der AKP treu zur Seite steht und vor allem bei türkischstämmigen Wählern beliebt ist. Auf Platz zwei: die Rechtspopulisten. Hamit Karakus, als Gemeinderat früher zuständig für Rotterdam- Süd, erklärte in der Tageszeitung “Volkskrant”: “Zum Teil liegt es an fehlenden Perspektiven. Es gibt wenig Chancen auf Arbeit, und wenn, bietet sie nicht mehr die Sicherheit wie früher. Die Leute sorgen sich, ob sie noch dazugehören”.

 

Der Meistertitel würde also just in eine politisch heikle Phase fallen – genau wie der UEFA – Cup Sieg 2002, wenige Tage nach dem Mord an Pim Fortuyn, dem Vater des niederländischen Rechtspopulismus, der in Rotterdam gewohnt und seine politische Laufbahn begonnen hatte. Merkt man diese Spannung um den Club herum? Justin Vonk schüttelt den Kopf. Er sieht Feyenoord eher als Amalgam, welches das Viertel zusammenhält. “Die Jugendteams sind völlig multikulturell.”

 

Prominente Unterstützung bekommt er von Ben Wijnstekers. Der Verteidiger des Meister – Teams von 1984 und langjährige Kapitän trägt den Spitznamen “Mister Feyenoord“. Ein paar Minuten von De Kuip entfernt aufgewachsen, kam er als Knirps mit den Eltern zu den Spielen. Später durchlief er die Jugendteams und stand 14 Jahre für die Profis auf dem Platz. Heute, mit Ende 50, trainiert er noch immer Kinder in den Schulen des Viertels, er organisiert Fußball – Camps und Straßenmeisterschaften, und als Scout arbeitet er auch noch.

 

Zwischendrin kann man Ben Wijnsteker in der Stadion – Brasserie treffen. Um den Club herum sei von den sozialen Spannungen nichts zu spüren, sagt er. Klar sei das Viertel arm und habe Probleme, doch gerade Feyenoord, das sich stark engagiere, Krankenhäuser besuche und selbst Geh – Fußball für Senioren arrangiere, bringe die Menschen zusammen. Viele Kinder, die ich trainiere, tragen Feyenoord- Trikots. Niederländische und türkische, marokkanische und antillianische. Wenn sie dann daneben noch Galatasaray – oder Fenerbahçe- Fans sind, ist das doch okay.”

 

 

Erstmals seit 18 Jahren könnte Feyenoord Rotterdam die Ehrendivision gewinnen. Aber vermag der Titel auch die Fliehkräfte eines Viertel zusammenhalten?

 

Es scheint manchmal, als sei Feyenoord, “der Club von allen für alle”, die letzte sozialdemokratische Instanz in einer Stadt, die einst eine rote Bastion war. Mit dem Abstieg der Genossen wurde sie erst zur Wiege des neuen, rechtspopulistischen Patriotismus in den Niederlanden und Europa, nun zur Hochburg türkischer Identitärer. Der Meistertitel nach all diesen Jahren scheint wie ein trotziger sozialdemokratischer Konter, den niemand mehr erwartete.

 

Was wiederum ganz nach dem Geschmack von Rahim Turgut ist. Zwei Kilometer vom Stadion entfernt preist der Kramhändler wie an jedem Mittwoch seine Ware an, darunter Duschgel – Sets mit Club – Logo für einen Euro. Selbst wenn er das auf türkisch tut, fallen die Worte “Feyenoord kampioen” auf. Der Markt auf dem Afrikaanderplein ist ein Abbild des multikulturellen Rotterdams. Neben den Ständen befindet sich das “Monument voor de Gastarbeider”.

 

Auch Turgut, seit gut 20 Jahren in Rotterdam, betont die Gemeinsamkeit in Feijenoord. Was Fußball betrifft, teilt er seine Sympathien zwischen Besiktas und Feyenoord – “aber mehr Feyenoord!” Immerhin kickt auch Rahim Turguts 12jähriger Sohn im rot – weißenNachwuchs. Für dessen berufliche Zukunft hat der Händler recht konkrete Vorstellungen: “Ich hoffe, er wird mal Manager bei Feyenoord, ish’allah.” Zunächst aber hat er sein Augenmerk auf die Meisterfeier gerichtet. “Kommst Du vorbei? Ich geb dir ein Bier aus. Das wird vielleicht ein Saufen!”

 

 

Erschienen in Wiener Zeitung, 2. Mai 2017

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>