Dornröschen auf dem Katapult

Roter Teppich in der Peripherie: ein überraschender Augenschein in der Europäischen nKulturhaupttadt Mons

Welch ein Empfang! Wer hier aus dem Zug steigt, landet auf einem ausladenden Archipel aus Containern und Kränen, Gittern und Pfützen. Eine enge Baracke dient als provisorische Bahnhofshalle, in der man bei Regen gemütlich eng zusammenrückt. Die Brücke, die dereinst darüber führen soll, ist noch nicht mehr als eine erhöhte Sackgasse. Das ist bemerkenswert, gerade jetzt, da die ersten der erwarteten zwei Millionen Besucher kommen. Und nicht anders können als zu konstatieren: die Kulturhauptstadt ist eine Großbaustelle.

Mons, mit 90.000 Einwohnern in einer der äußersten Ecken der Wallonie gelegen, ist immerhin Hauptstadt der belgischen Provinz Hennegau. Und doch haben viele Menschen ihren Namen noch nie gehört, ehe sie sich mit dem Titel “European Cultural Capital” schmücken durfte. Wer das Städtchen betritt, weiß nach wenigen Minuten: es trägt seinen Namen zurecht. Stetig geht es aufwärts, eine knackige Steigung, dazu Kopfsteinpflaster: Radportfans kennen diese Mischung aus der belgisch- französischen Grenzregion.

Unmalerisch ist das nicht. Lauschige Gässchen winden sich den Hügel empor, und weil die Häuser niedrig sind, zwei oder drei Stockwerke, und sich eng zusammenschmiegen, wirkt es ein wenig wie eine Puppenstube. Hochbauten gibt es nicht, die Fassaden sind grau oder rötlich, mal gemauert, mal, immerhin ist dies Belgien, geklinkert. Ganz oben ragt der Belfried heraus, ein erkanntes Stück Weltkulturerbe, nach langer Renovierung endlich wieder geöffnet.

Es ist dieses Pittoreske, weswegen manche Mons eine schlafende Schönheit nennen. Eine stattliche Grand Place gibt es, mit Bürgerhäusern, die an die Tuchmachervergangenheit erinnern und das Städtchen größer erscheinen lassen. Und doch bleibt die Frage, wie dieses beschauliche Nest eine Festivalhauptstadt von internationaler Allüre abgeben kann, auch wenn dieser Status seit Jahren eher an Mittelstädte geht denn an Metropolen.

Das Offensichtliche: eine fröhliche Kneipenmeile rund um den heimeligen Marché Aux Herbes. Anarchistische Kleinstadtmythen zum Kichern: die leicht ansteigenden Rue de la Couronne ein paar Meter weiter, die am Wochenende nur Rue de la Pisse genannt wird. Populäre Klassiker wie der Montag Abend im Le Saint Nicolas, wo sich Studenten und Arbeiter einträchtig Bier für einen Euro einzwängen. Hurra, das ganze Dorf ist da!

Doch halt. Dazwischen offenbart Mons Facetten, die überraschen. Das BAM genannte Museum für Moderne Kunst etwa, seit der Eröffnung der Feierlichkeiten im Fokus mit einer exquisiten Ausstellung über die Frühphase Van Goghs, der sich einst in der nahen Kohle- Region Borinage erfolglos als Prediger versuchte und die Kunst als letzten Ausweg entdeckte. Ganz in der Nähe liegt ein stilsicheres Kunstkino namens Plaza Art, auch in diesem Jahr wieder ein Schauplatz des Festival International du Film d’Amour, das augenzwinkernd “FIFA” abgekürzt wird.

Und dann ist da noch das unscheinbare, das gezeichnete Mons, die gedrungenen Häuser der Seitenstraßen, Bewohner in schmuckloser, einfacher Kleidung, die Tristesse einer Stadt, die als Verwaltungszentrum der umliegenden Kohlegebiete mit der Schließung der Minen den Bach herunterging. Bis vor ein paar Jahren kannte man hier Arbeitslosenquoten von 20%. Es ist eine Frage der Perspektive: vom Belfried aus blickt man über die beschauliche Altstadt. Vom Terril de l’Héribus zwei Kilometer südlich, mit schwarzer Erde und dichter Vegetation, zeigt sich Mons umringt von anderen solcher aufgeschütteter Kohlehügel.

Freilich hat man schon begonnen, sich aus dem Schlamassel des Strukturwandels zu ziehen. Starre war gestern; in den letzten Jahren hat sich, jenseits des Bahnhofs, die Technocité entwickelt, ein wallonisches “Digital Innovation Valley”. Mehr als 1.000 Arbeitsplätze sind entstanden, Google, Microsoft und Start- Ups haben sich angesiedelt, und diese neue Seite der alten Stadt wird nun durch ein flamboyantes Konferenzzentrum von Stararchitekt Daniel Libeskind akzentuiert.

Wie all dies zusammenpasst? Nun, Mons bohrt. Mons hämmert, Mons schleift und flext, dass es eine Lust ist. Mons restauriert, baut um und wächst über sich hinaus, und die Besucher aus ganz Europa, sie können dabei ruhig zuhören und –sehen. Ein hässliches Entlein ist das nicht. Auch keine vergessene Schönheit. Vielleicht ein erwachtes Dornröschen, das selbstbewusst auf einem Katapult Platz genommen hat.

 

Erschienen in Sonntagszeitung, 08. Februar 2015

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