Die Warnung von Calais

Fähr- Bestürmung, Tränengas- Einsätze, rassistische Übergriffe: an der Kanalküste stehen die Zeichen auf Eskalation. Nun sollen die Bulldozer einen Teil des “Jungle” planieren. Das Problem wird damit nur verlagert.

Dem inoffiziellen Flüchtlingslager nahe Calais steht eine Räumung bevor. Ende letzter Woche kündigte die Präfektur der nordfranzösischen Hafenstadt an, die südliche Hälfte des “Jungle” genannten Camps in den Dünen dem Erdboden gleichzumachen. Die Bewohner bekamen zunächst eine Frist bis zum heutigen Dienstag Abend um ihre Behausungen zu verlassen. Weil die gerichtliche Bestätigung der Räumung allerdings noch aussteht, verlängert sich diese um voraussichtlich ein oder zwei Tage.

Anlass der Verzögerung ist der gerichtliche Einspruch von Flüchtlingen und Hilfsorganisationen vor Ort. Dieser basiert auf den erwarteten schweren humanitären Folgen einer Räumung bei Temepraturen um den Gefrierpunkt sowie der Frage, wieviele Menschen von der Maßnahme betroffen wären. Die Präfektur geht von 800 bis 1.000 aus, nach einer Zählung durch Hilfsorganisationen wären dies allerdings knapp dreieinhalbtausend, darunter 455 Minderjährige, wovon die meisten ohne Begleitung. Nach einer Ortsbegehung durch Vertreter des zuständigen Gerichts in Lille am Dienstag hieß es, ein Beschluss über die Räumung bräuchte mehr Zeit.

Deutlich ist indes: die französischen Behörden wollen den “Jungle”, in dem zur Zeit etwa 5.000 Menschen auf eine Chance warten, klandestin nach England zu gelangen, langfristig unter Kontrolle bringen. Im Januar wurde bereits ein 100 Meter breiter Streifen am Rand des Gebeits geräumt und planiert. Die meisten Bewohner suchten sich andere Plätze für ihre Behausungen, Zelte oder einfache Holzhütten. Von einem neu errichteten Containercamp, das 1.500 Menschen Platz bietet, machten nur wenige Gebrauch: zum einen ist da die Sorge, das elektronische Handerkennungssystem am Eingang nehme auch Fingerabdrücke, was einen Asylantrag jenseits Frankreichs unmöglich macht. Zum anderen wird die Anlage nachts geschlossen, was jeglichem Versuch, via Fähre oder Eurotunnel nach England zu gelangen, einen Riegel vorschiebt.

Die Lage am Ärmelkanal spitzt sich seit Monaten zu. Am Rande einer Demonstration von Migranten und Unterstützern Ende Januar durchbrachen rund 200 Menschen die Absperrungen des Hafens von Calais. Etwa 50 davon gelangten bis auf das Deck einer Fähre namens Spirit of Britain. Der Hafen wurde zwischenzeitlich geschlossen, und danach erklang einmal mehr der Ruf, die Regierung in Paris möge die Armee an den Kanal entsenden.

Seit anderthalb Jahrzehnte nun ist die Region ein neuralgischer Punkt auf Europas Landkarte der Migration. Noch nie aber standen die Zeichen so auf Eskalation wie in diesem Winter. Erster Indikator dafür ist die Arithmethik: im “Jungle” genannten Elendsquartier in den Dünen von Calais lebten zwischenzeitlich mehr als 6.000 Flüchtlinge, weitere zwei- bis dreitausend halten sich zur Zeit in einem anderen Camp in Grande- Synthe bei Dunkerque auf. Mehr denn je stauen sie sich am Kanal, denn sowohl am Hafen wie auch am nahen Eurotunnel wurden die Sicherheitsvorkehrungen im letzten Jahr enorm verstärkt.

Als direkte Folge davon haben Migranten seit dem Herbst wiederholt versucht, auf der Autobahn, die am “Jungle” vorbeiführt, den Verkehr stillzulegen, um sich Zugang zu LKWs Richtung Eurotunnel zu verschaffen. Mehrfach entwickelten sich daraus Auseinandersetzungen zwischen Polizei (Tränengas und Gummigeschosse) und Migranten (Steine). Drei Nächte in Serie gab es Anfang Januar Krawalle, die darin mündeten, dass Polizisten ganze Gebiete des Camps unter Beschuss nahmen und dabei nicht mehr differenzierten zwischen Steinewerfern und schlafenden Familien. Zeugnis dieser Nächte geben die Tränengaspatronen, die sich in diesem Winter alle paar Schritte auf dem matschigen Boden des “Jungle” finden.

Zu dieser Dynamik hinzu kommen die Aktivitäten rechtsextremer Gruppen. Seit 2013 schon
gibt es immer wieder Berichte nächtlicher Übergriffe. Migranten (und in manchen Fällen auch örtliche Unterstützer) wurden verprügelt, mit Messern und Schlagstöcken verletzt, mit Molotow- Cocktails angegriffen, von einem Auto verfolgt oder zu überfahren versucht. Anfangs zeichnete meist die Gruppe Sauvons Calais dafür verantwortlich. Je mehr die Kanalküste im Rahmen der Flüchtlingskrise europaweit ins Blickfeld rückt, mischen auch identitäre Akteure von außerhalb Calais mit.

Allzuviele Bewohner der Stadt unterstützen die rassistische Gewalt nicht – anders als die neue Gruppierung Calaisiens en Colère. Die “wütenden Calaiser”, aktiv seit 2015, nennen sich selbst “apolitisches Kollektiv”. Teilnehmer einer Demontration im Herbst betonten ihre Distanz zu sämtlichen politischen Parteien einschließlich des Front National und gaben sich vor allem patriotisch und zuwanderungsfeindlich. Bewegungen wie Pegida stand man geteilt gegenüber. Manche wollten damit nichts zu tun haben, andere sahen durchaus inhaltliche Übereinstimmungen. Eine Parallele ist zumindest die Rechtsoffenheit einiger selbsternannter “Apolitischer”. Mitglieder der Calaisiens wurden gefilmt, wie sie nachts im Rahmen von “Patrouillen” Steine in den “Jungle” warfen – unmittelbar neben Tränengas feuernden Polizisten.

Ein “Hot Spot” auf der Karte der Migration war Calais schon, als noch niemand das Wort mit dem Balkan in Verbindung brachte. Zumal die letzten Monate aber machen deutlich, dass viele der Ingredienten des Dramas am Kanal auch im größeren Rahmen wirken: die anhaltend hohen Zahlen der Neuangekommenen, die Versuche der beteiligten Regierungen, das Problem hinter die nächstgelegene Grenze zu verlagern, die Abwesenheit eines gemeinsamen Lösungskonzepts, aber auch der zunehmende Fokus des politischen Diskurses auf das Thema, und damit einhergehend Polarisierung und Radikalisierung von Teilen der Bevölkerung.

Ist dieser parallele Befund einmal festgestellt, wird just der Blick auf die Vergangenheit in Calais für das künftige europäische Vorgehen zur Warnung: jahrelang hat man sich in Nordfrankreich auf Elendsmanagement beschränkt, wissend, dass, wie einst ein Lokalpolitiker sinngemäß sagte, das Problem nur zu lösen wäre, wenn man den Ärmelkanal entfernte. Nahm die Zahl der Migranten zu, zog man die Repressionsschraube an. Wurde die Situation explosiv, etwa wenn Auseinandersetzungen zwischen Migranten- Gruppen hinzukamen, ließ man, so erzählen langjährige Beobachter vor Ort, ab und an ein paar vermeintliche Unruhestifter passieren. Ansonsten gab London Geld, Paris sicherte damit die Grenze, und die Migranten blieben in Sichtweite ihres Ziellands sich selbst überlassen.

Studieren lässt sich am Kanal auch eine andere Gesetzmäßigkeit: wird der Druck auf eine bestimmte Gegend ode Route zu groß, verlagern sich Migrationsströme auf andere. Natürlich weiß man das in Brüssel, während man mit Hilfe von Ober- und geschlossenen Grenzen versucht die Balkanroute stillzulegen. Unterdessen wurden an der belgischen Küste nahe des Güterhafens Zeebrugge im Januar knapp 800 Transitmigranten festgenommen, die auf dem Weg nach England waren. Im Städtchen Veurne auf halbem Weg nach Calais waren es weitere 400. Die Bürgermeister der Küsten- Dörfer fürchten in naher Zukunft könnten auch hier “Zelt- Lager” entstehen. Am Montag kündigte der Gouverneur der Provinz Westflandern strengere Grenzkontrollen in der Region an.

Erschienen bei Zeit Online, 23. Februar 2016

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