Die Straße in die Zukunft kehren

Was macht die EU mit einem Quereinsteiger? Oder ein Quereinsteiger mit der EU? Der frühere Programmierer Christian Engström sitzt seit 2009 für die schwedische Piratenpartei im Europaparlament. Nach einem Jahr zieht er Bilanz.

´Vi giller internet´ steht auf dem lila Plakat mit gelben EU- Sternen, daneben die schwarze Piratenflagge. Ein Wahlposter vom Juni 2009, als alles begann. Was der schwedische Aufdruck bedeutet? ´We like the internet´, tönt eine ruhige Bassstimme aus der rechten der beiden Türen, die stets offen steht. Sie gehört zu Henrik Alexandersson, dem allzeit gelassenen Assistenten. Ringsum auf dem Flur im achten Stock ist Grün die dominierende Frage. Dieser Fraktion hat sich Christian Engström im EU- Parlament angeschlossen. Hier ist das Piratennest. Er sitzt im Hinterzimmer an einem ovalen Schreibtisch, vor sich ein Acer Netbook.

Der Freitag: Guten Tag. Sie haben ja noch immer keine Piraten- Fahne aufgehangen.

Engström: Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen. Aber es bleibt ein Projekt! Willkommen!

Wie viele Interviews haben Sie eigentlich im letzten Jahr gegeben?

Schulterzucken. ´Henrik, wie viele Interviews hab ich bisher gegeben?´, ruft er auf schwedisch. ´200 oder 300´, kommt es zurück. Eine beeindruckende Zahl, bedenkt man die Sommerpause und die Wochenenden, die Engström alle in Schweden verbringt.

Was haben Sie denn gemacht die ganze Zeit?

Nun, meistens war ich hier im Parlament. Dafür bin ich ja schließlich gewählt worden. Hier gibt es Einiges zu tun. Es ist ein Prozess im Gang.

Ein Prozess? Sie meinen, es bewegt sich was bei den Piraten- Themen, Copyright und Privacy?

Ja. Der linke Teil des Parlaments hat schon einen langen Weg zurück gelegt. Und das hätte ich vor einem Jahr nicht erwartet. Vor allem nicht, dass die Sozialdemokraten so progressiv würden. Die andere Hälfte fehlt noch, die Liberalen und natürlich die EVP. Dazu haben wir noch vier Jahre Zeit. An diesem Prozess nehme ich teil. Ich denke, das ist sehr nützlich. Ein paar Mal sprach ich auch bei Konferenzen außerhalb, aber mein Fokus ist aufs Parlament gerichtet.

Sie klingen alles Andere als desillusioniert.

Das bin ich auch nicht. Politik ist ein sehr langsamer Sport. Ich wusste immer, dass es selbst im günstigsten Fall viel Zeit brauchen würde.

Und was, wenn sich der Überraschungseffekt der Piraten vorher abnutzt und die Internetrebellen nur einen Sommer tanzen? Bei den schwedischen Wahlen schaffte es Ihre Partei nicht ins Parlament.

Aber alle Themen bleiben auf der politischen Agenda: ACTA, das Anti- Piraterie- Abkommen, die IPRED- Richtlinie zum Geistigen Eigentum, Filesharing, Reform des Copyright, Privacy und Bürgerrechte. Bei ihrer Lösung spielt die Piratenpartei definitiv eine Rolle. Trotzdem kann es sein, dass die Leute auf EU- Ebene eine Partei wählen, die sich auf wenige, aber wichtige Themen konzentriert, und bei den nationalen Wahlen eine breitere Agenda bevorzugen. Wir führen diese Diskussion zur Zeit in der Partei. Vielleicht werden wir also unsere Agenda zu den nächsten Wahlen in Schweden verbeitern.

Sie begannen ihre politische Laufbahn mit über 40 als Internetaktivist. Vielleicht ist das besser, als sich mit 18 in Jugendorganisationen oder Aktionsgruppen zu verausgaben und schon mit 30 lieber Rotwein zu trinken?

Es wäre grundsätzlich gut, wenn mehr Politiker wirklich einen beruflichen Hintergrund und nicht ihr ganzes Leben für die Partei gearbeitet hätten.

Wie würden Sie denn Ihre Rolle charakterisieren?

Kurz muss er nach Worten suchen. Dann breitet sich ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht aus. Das ist es! Engström genießt es offensichtlich, als er erklärt:

Ich sehe unsere Delegation als Straßenkehrer, die die Straße in die Zukunft sauber machen. Es gibt einige ärgerliche Hindernisse, wie zum Beispiel inadäquate Copyright- Gesetzgebung. Und es gibt Gefahren: Regierungen, die alles überwachen wollen. Den Big- Brother- Staat. Unser Job ist es, diesen Weg sauber zu machen, damit der prächtige Zirkus- Zug vorwärts kommen kann. Wir tun keine lustigen Dinge! Unser Job ist es, den Müll weg zu räumen, um die großartige Zukunft gestalten können.

Die da wäre?

Das ist das Interessante daran: wir wissen es nicht richtig. Das Internet ist das größte Ding seit der Erfindung der Druckerpresse. Die hat die Gesellschaft radikal verändert! Wenn man 500 Jahre zurück schaut und sich dann die heutige Gesellschaft anguckt. All diese Veränderungen, die uns die moderne Industriegesellschaft brachte, können auf die Druckerpresse zurück verfolgt werden, die es möglich machte, Wissen zu verbreiten. Das Internet ist das Selbe, nur viel Schneller.

In ihrem alten Beruf als Programmierer, sagten Sie letztes Mal, ging es um Schönheit. Wie sieht der Ästhet Christian Engström seinen neuen Job? Gibt es Schönheit im EU- Parlament?

Nein. Die gibt es nicht. Wenn Du Computerprogramme designst, versuchst Du etwas auf zu bauen. Politik dagegen bedeutet, immer und immer wieder das Gleiche zu sagen. In der Hoffnung, dass die Leute zuhören.

Was gefällt Ihnen denn am besten hier?

Es ist eine sehr stimulierende Umgebung, es gibt so viele Ausländer in der EU. Dass alle hier aus unerschiedlichen Ländern kommen. Das finde ich sehr interessant. Aber auch die Tatsache, dass so viele Menschen daran interessiert sind, was wir Piraten zu sagen haben. Sie stimmen nicht notweniger weise alle zu, aber sie sind alle interessiert, und wir werden mit Respekt und mit Interesse behandelt.

Und was stört Sie hier so richtig?

Diese idiotische Geschichte, jeden Monat nach Straßburg zu ziehen. Das ist so unglaublich dumm, egal von welcher Perspektive aus betrachtet. Es ist wirklich ein Symbol für alles, was mit der EU nicht stimmt. Es ist Geldverschwendung, und ein Mangel an De-mo-kra- tie.

Mit den vier Silben des Wortes hebt und senkt sich die Intonation. Ganz selten nur hört man aus Engströms Englisch einen skandinavischen Akzent heraus. Wenn er Witze macht, und vor allem, wenn er sich ärgert. Ersteres kommt wesentlich häufiger vor. Aber das Demokratiedefizit an seinem Arbeitsplatz kann den Piraten wütend machen. Seine ruhige Stimme wird dann bemerkenswert schneidend.

Sind Sie etwa hier drin zum Euroskeptiker geworden?

Nun, früher war ich auf naive Weise pro- EU, ohne mich mit den Details zu beschäftigen. Ich stimmte beim schwedischen Referendum für den Beitritt und würde das auch wieder tun. Aber das Problem des Demokratiedefizits bleibt. Immerhin haben wir so die Chance, das zu reformieren. Es ist eine Tatsache, dass die meiste Macht bei denjenigen Institutionen liegt, die am wenigsten transparent und am wenigsten demokratisch sind, die Kommission und der Rat. Dies war das Bild, das ich als Internetaktivist hatte. In dem Jahr, das ich hier drin bin, hat sich dieses Bild überhaupt nicht geändert. Ich kenne natürlich mehr Details und mehr Beispiele, aber ich habe immer noch das gleiche Bild wie als Aktivist.

A propos Aktivist. Den Piraten- Button tragen Sie ja auch immer noch am Revers.

Ja. Immer!

Haben Sie keinen mit dem EU- Logo? Den sieht man draußen bei Ihren Kollegen ziemlich oft?

Nein. Ich habe nur den Piraten- Button.

Und der Pirat ist nun im Establishment angekommen?

Wenn man im europäischen Parlament sitzt, kann man natürlich nicht behaupten, man stände außerhalb des Establishments. Aber die Ideen, die ich vertrete, sind sehr kritisch gegenüber dem Korporatismus der großen Firmen oder dagegen, dass die Bürger die Gesetze aufgezwungen bekommen. Darum sind wir hier. Wir sind gegen die schlechten Teile des Establishment.

Und was sind die guten Teile des Establishments? Dies hier, das Parlament?

Es ist offensichlich das demokratischste Organ, weil es demokratisch gewählt wird. Die Anderen werden das nicht. Es ist nicht so transparent wie ich es gerne hätte, aber es ist transparenter als Rat oder Kommission.

Was haben Sie denn überhaupt etwas von den beiden Städten gesehen? Haben Sie sie entdeckt, jenseits der EU- Ghettos?

Nein, dazu hatte ich einfach keine Zeit. Normalerweise bin ich von morgens bis nachts hier im Parlament.

Und in welcher von beiden sind Sie lieber?

Straßburg ist eine schöne Stadt, aber das ist keine Entschuldigung für diese sinnlose Verschwendung von Zeit, Geld, CO2 und Energie. In Brüssel verbringen wir die meiste Zeit, hier fühle ich mich eher zu Hause.

Haben Sie eine Wohnung hier?

Ja, ich habe gerade ein Appartement bezogen. Es ist sehr, sehr klein.

Wo liegt es denn?

Äh, vom Parlament aus kann man zu Fuß hinlaufen. Ich weiß nicht, wie die Gegend heißt, aber meine Wohnung ist im selben Gebäude wie die von Erik Josefsson.

Das ist Engström: nüchtern bis zur Komik. Die Prioritäten sind klar. Die Stadt ist nur Kulisse auf dem Weg in die Zukunft. Aus dieser Sicht ergeben sich die Koordiaten. Erik Josefsson ist der Berater der Grünen- Fraktion im EU- Parlament. Ein alter Weggefährte Engströms, und schwedischer Internetaktivist der ersten Stunde.

Kollegen, die sich nahe stehen, sitzen ja gerne mal in der Pause zusammen und faxen über die Arbeit. Kann man sich den MEP Engström und seine beiden Mitarbeiter auch so vorstellen?

Das machen wir ständig, Erik, Henrik und ich. Jedes Mal, wenn eine neue Regel kommt, von der zuvor noch nie jemand gehört hat. Oder Situationen wie diese Austellung aus lebensgroßen Bronzestatuen, die Obdachlose darstellten. Sie wurde im EU- Parlament auf dem üblichen Weg eröffnet – mit einem Sektempfang. Das war einer unserer Favoriten!

Bedauert haben Sie Ihre Kandidatur aber nie?

Nein, es ist ein toller Job. Dies ist zwar ein sehr seltsamer Ort, aber er ist interessant. Und ich finde es ermutigend, dass Menschen hier auf eine intelligente Art Politik diskutieren. Es ist nicht so, dass hier Alle nur die Knöpfe drücken, die die Parteileitung ihnen befiehlt. Die Parlamentarier sind denkende Menschen.

Haben sich Ihre alten Freunde schon mal beschwert, dass Sie abheben?

Nun, ich nehme an, man gewöhnt sich daran, dass Menschen zuhören, wenn man redet. Wenn einem das also gefallen hat, bevor man hierher kam, und das ist wahrscheinlich, denn sonst wäre man eben nicht hierher gekommen, dann wird das schlimmer und schlimmer.

Sich selbst zum Lachen zu bringen, gefällt ihm offenbar auch. Erst ist es die Selbstironie, die ihn glucksen lässt. Und schließlich schüttelt er sich vor Freude über diese Antwort. Nicht großkotzig. Eher wie ein Junge.

Herr Engström, viele Expats sagen, dass sie im Ausland erst merken, wie ihr Geburtsland sie geprägt hat. Haben Sie schon vermeintlich schwedische Klischees an sich bemerkt?

Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Aber bevor ich in die Politik ging, war ich in einer Firma, die auch auf europäischer Ebene Geschäfte tätigte.

Was heißt eigentlich das schwedische Wort ´lagom´?

Das heißt nicht zu viel und nicht zu wenig, gerade richtig. In der Mitte sein, nach Konsens streben. Ja, dieses Klischee ist ziemlich zutreffend für Schweden, verglichen mit anderen Ländern.

Sind die Piraten auch ´lagom´?

Ja, eigentlich schon. Man würde das nicht unbedingt erwarten, wenn man den Namen hört. Aber es ist eine Tatsache, dass wir das Copyright behalten wollen, wir wollen es nicht abschaffen, nur reformieren. Lustigerweise kann man sogar die Piratenpartei als Lagom beschreiben.

Auch diese Idee amüsiert Engström sichtbar.

Herr Engström, haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, wieder als Programmierer zu arbeiten?

Nein, ich sehe mich nicht noch einmal bedeutende Programme schreiben.

Warum nicht? Sie nannten Programmieren ihre Leidenschaft.

Ja. Aber dazu muss man eine Menge neuer Tools und Dinge lernen. Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage wäre. Programmierer zu sein ist eher etwas für junge Leute. Nicht das Programmieren an sich, das ginge immer. Aber wenn man älter wird, ist es nicht mehr aufregend, zu lernen, die gleichen Dinge auf eine andere Art zu tun. Wenn man jung ist, kann das Spaß machen. Nein, ich sehe mich nicht wieder programmieren. Was mich traurig macht.

Erschienen in Der Freitag, 28. Oktober 2010

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