Die Stadt der zerstörten Handys

 

Seit zwei Jahren saßen Tausende Geflüchtete auf der Balkan- Route fest. Ausgerechnet Bosnien- Herzegovinagilt jetzt als Schlupfloch in die EU. Ein Augenschein im Grenzgebiet, wo sich die Lage zuspitzt.
Der Nachmittag ist drückend schwül. Hinter den letzten Häusern des Dorfs liegen drei Männer unter einem Baum im Schatten. Sie dösen. Einige Meter hinter ihnen fließt träge die Korana vorbei. Sie ist weder breit noch tief. Auch einen Zaun gibt es nicht. Nur, dass auf der anderen Seite der Uferstreifen gerodet ist, fällt auf. Die Männer ruhen sich aus. Ihre Reserven werden sie noch brauchen. In ein paar Stunden, wenn es dunkel ist, wollen sie über den Fluss hinüber. Nach Kroatien.

 

Die Route haben sie genau studiert. “Wenn wir drüben sind, müssen wir ein paar Kilometer laufen. Dann kommt ein Ort, der Rastovača heißt. Hätte wir doch nur ein Auto, das uns weiter in Richtung Slowenien bringen könnte”, sagt der mittlere der Männer, und zeigt die markierte Route auf seinem Telefon. Sein Haar und Bart sind auffallend rötlich. Wie die beiden anderen kommt er aus Syrien. Es ist ihr erster Versuch, die Grenze zu überqueren.

 

Noch sind die Männer ruhig. Doch sie wissen, dass das ungesichert aussehende Ufer auf der anderen Seite nichts aussagt. Dass die Grenzer drüben Wärmebildkameras haben, Nachtsichtausrüstung und Helikopter. Sie kennen auch die Berichte derer, die ihnen vorausgingen und scheiterten: von kroatischen Polizisten, die prügeln, treten und Smartphones zerstören. Ohne Telefon keine Orientierung, und wer die nicht hat, ist hier aufgeschmissen.

 

Die Szene am Ufer der Korana datiert von Mitte Mai. Und wie dort, in der Nähe des Dorfs Tržačka Raštela, suchen in der gesamten Region zur Zeit wieder viele nach einem Weg unbemerkt in die EU zu gelangen. Mehr als 3.500 Migranten wurden seit Januar in Bosnien- Herzegowina registriert. Die meisten saßen lange in Serbien fest, nachdem Ungarn 2015 einen Zaun gebaut und Kroatien ein Jahr später seine Genze geschlossen hatte. Bosnien, noch immer vom Bürgerkrieg der 1990er gezeichnet, bietet einen Hoffnungsschimmer. Womöglich den letzten. Und da noch Zehntausende Menschen von Griechenland aus unterwegs sind, wird schon von einer “Neuen Balkanroute” gesprochen.

 

Was das Land anziehend macht, ist seine Grenze mit Kroatien. Knapp 1.000 Kilometer lang, verläuft sie durch unwegsames, bergiges Gebiet. Versuche, hinüberzukommen, konzentrieren sich auf den Nordwesten. Die Stadt Bihać ist einer der wichtigsten Punkte auf der neuen Route, die durch einen schmalen Streifen Kroatien weiter nach Slowenien und Italien verläuft. Die Straße nach Bihać führt an verlassenen Häusern vorbei, deren Bewohner flohen und nie mehr zurückkehrten. Dahinter entfaltet sich ein Panorama aus Bergketten, 1500 Meter und höher. Klandestine Grenzgänger können sich hier wohl leicht verstecken. Doch schwer zu überwinden ist dieses Terrain auch.

 

“Wir tun es trotzdem”, sagt einer der Migranten, die auf den Bänken des Stadtparks von Bihać die Zeit bis zum nächsten Versuch vorübergehen lassen. Kein Auge haben sie für die Stromschnellen der Una, die hier grünblau vorbeifließt, und die pittoresken kleinen Brücken auf die Inseln. Neulich hatte der Mann, der aus Pakistan stammt, es schon über die Berge geschafft. “Drei Tage war ich gelaufen, aber wegen des schwierigen Terrains nicht weit gekommen. Die Polizei erwischte mich und brachte mich zurück.”

 

Mitte April ertönt aus Bihać ein Hilferuf. Šuhret Fazlić, der Bürgermeister, wendet sich an die bosnische Regierung. Immer mehr Migranten haben, aus Serbien und Montenegro eingereist, in der grenznahen Stadt ihr Lager aufgeschlagen. Sie schlafen auf Bänken und in verlassenen Gebäuden. Niemand weiß, wie viele es sind, und niemand hat eine Vorstellung davon, wie viele es noch sein werden. “Sie kommen und gehen, und keiner hilft hier, außer einigen NGOs”, lässt Fazlić verlauten. Er beruft eine Versammlung ein: NGOs, Polizei, Grenzpolizei, Gesundheitsdienste. Fazit: alleine können sie das humanitäre Problem nicht lösen. Der Sicherheitsminister stimmt kurz darauf einem Treffen zu, doch sagt in letzter Minute ab.

 

Es ist Mai, als endlich jemand die Initiative ergreift. Diese aber kommt nicht aus Sarajevo, sondern vom lokalen Roten Kreuz. Um den Geflüchteten wenigstens ein Dach über dem Kopf, Essen und medizinische Versorgung bieten zu können, richtet man gemeinsam mit der “International Organisation of Migration” eine Not- Unterkunft ein. Nicht irgendeine. Es ist ratsam sich von allen Vorstellungen über einen solchen Ort zu verabschieden, bevor man diesen hier besucht.

 

Am Rand der Stadt, gegenüber des verwitterten Stadions, führt ein Fußweg den Hügel hinauf. Er passiert ein nagelneues Chalet von grotesken Ausmaßen. Dahinter sieht man dreieinhalb Stockwerke nackten Beton durch die hohen Nadelbäume. Statt Fenstern hat das Gebäude klaffende Löcher. In manchen steht einer der neuen Bewohner und telefoniert. Drinnen liegt überall Abfall, keine Treppe hat mehr ein Geländer. Im ersten Stock läuft ein kleiner Junge auf einem ungesicherten Sims herum. Früher war das Auffangzentrum ein Studentenheim. Dann, in den schlimmen Jahren der Belagerung Bihać’, eine Kaserne. Heute ist es wieder ein Rohbau. Eine Kriegsruine als Unterschlupf für Kriegsflüchtlinge.

 

“Besser als die Leute in den Feldern schlafen zu lassen”, kommentiert Peter van der Auweraert, Westbalkan- Koordinator der IOM, telefonisch aus Sarajevo. Er sagt auch, er mache sich große Sorgen vor einer humanitären Krise, wenn es nicht schleunigst staatliche Unterbringung gebe, für all die Geflüchteten in Bosnien, und für diejenigen, die noch folgen werden. Die einzige Asylbewerber- Unterkunft fasst 150 Personen. Drei Mal so viele kommen derzeit jede Woche ins Land. In der Hauptstadt konsultierten die bosnischen Minister UNHCR und IOM. Auch Peter Van der Auweraert, der Belgier, war dabei. Dann beratschlagten die Minister untereinander. “Wir warten noch auf ein Ergebnis”, sagt er am anderen Ende der Leitung. Fast sieht man ihn dabei ratlos mit den Schultern zucken.

 

In ihrer Not- Unterkunft hatten Salam Midžić, der Sekretär des örtlichen Roten Kreuzes, und seine rund 40 Freiwilligen unterdessen alle Hände voll zu tun: Duschen und Toiletten aufstellen, Wasser und Elektrizität anschließen, Böden säubern, Matratzen organisieren und medizinische Hilfe. Mitte Mai wird die Ruine bezogen. Salam Midžić ist mit einem Übersetzer herausgekommen, um das Projekt vorzustellen. Etwa 80 Personen übernachten hier, sagt er, darunter fünf Familien mit 20 Kindern. Nicht zufriedenstellend, aber ein erster Schritt, bilanziert er. Doch auch Salam Midžić fragt sich besorgt: “Wie wird das weitergehen? Jeden Tag kommen mehr Menschen mit Bussen aus Sarajevo an.”

 

Bihać ist nicht der einzige Ort der Grenzregion, der im Zuge der neuen Dynamik auf der Landkarte der Migration gelandet ist. 50 Kilometer nördlich, in einem der hintersten Zipfel Bosniens, liegt das beschauliche Städtchen Velika Kladuša”, nur eine Hügelkette von der kroatischen Grenze entfernt. Rund 600 Migranten sind Mitte Mai hier, in leerstehenden Gebäuden oder dem nicht mehr gebrauchten Hangar des Flieger-Clubs. Die größte Gruppe hat sich in einem lauschigen Park niedergelassen, direkt unterhalb der Moschee, im übersichtlichen Zentrum des Städtchens. Überall stehen Zelte auf dem Gras. Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder säumen die Gehwege, sitzen auf den Bänken und den Stufen des Denkmals am Eingang des Parks.

 

Velika Kladuša ist nun eines dieser Nadelöhre, die man in Europa mit der Flüchtlingskrise in Verbindung bringt und sonst wohl kaum kennen würde. Noch nicht so wie Horgos oder Idomeni 2015, doch alles deutet darauf hin, dass sich die Situation zum Sommer ähnlich zupitzen könnte. Die Grenze liegt näher als in Bihać, und unmittelbarer sind die schmerzhaften Erfahrungen jener präsent, die von der kroatischen Polizei zurückgebracht werden. Seit langem bekannt sind diese Push- backs aus Serbien. Sie sind illegal und werden doch von ungarischen und kroatischen Grenzern regelmäßig angewendet, um die Tür in die EU geschlossen zu halten.

 

Fast alle im Park erzählen die gleichen Geschichten, von Schlagstöcken und Tritten, und von Handys, die ihnen von Polizisten abgenommen oder zerstört werden. In Gesten stellen sie die Szenen nach: Fäuste fliegen bis kurz vor die Bildschirme, Knie schnellen hoch, wie um sie bersten zu lassen. Erhobene Arme schwingen imaginäre Schlagstöcke. Akram Alshouli, der früher in Damaskus einen Laden hatte, ist mit Mitte 30 einer der Älteren hier. Sein rechtes Bein ist verletzt, mühsam stakst er auf einer Krücke durch den Park. “Ich habe starke Schmerzen. Im Moment kann ich nicht versuchen hinüberzukommen. So kann ich nicht mal weglaufen! Mein Geld und mein Handy haben sie mir auch abgenommen.”

 

Ein paar Tage zuvor stellte die kroatische Polizei Akram Alshouli nachts im Wald. “Sie schlugen mich und schubsten mich. Ich fiel hin und verdrehte mir das Knie.” Nun bleibt ihm nichts als Warten und sich zu sorgen. Um eine Gruppe aus dem Park etwa, 11 Personen, die neulich nachts loszogen, und von denen man seither nichts mehr hörte. “Ihr Messenger ist aus, und sie haben sich nicht wie abgesprochen gemeldet, so wie wir das sonst tun, wenn jemand es nach Slowenien schafft.” Der Übertritt nach Slowenien, weiß Akram Alshouli, ist wesentlich gefährlicher als der nach Kroatien, der Grenzfluss Kolpa reißend und voller Strömungen. “Letzte Woche sind vier Menschen dort ertrunken”, sagt Akram. Hilfsorganisationen sprechen von “mindestens dreien”.

 

Wie so viele Orte zuvor ist der Park von Velika Kladuša zu einem Spiegel der globalen Problemzonen geworden. Seine zwischenzeitlichen Bewohner sind vor dem endlosen Bürgerkrieg Syriens geflohen, dem Aufmarsch der Taliban in Pakistan und Afghanistan, den mörderischen Wirren Iraks, der gewaltätigen Diktatur der Mullahs im Iran. Die frischen Traumata der Vergangenheit treffen hier auf neue Wunden, zugefügt von der Polizei an der Grenze.

 

Mustafa, ein 19jähriger Palästinenser aus dem syrischen Jarmuk, und ein Freund aus Deir- ez- Zor, zeigen ihre Wunden aus den lezten Tage, und an Beinen und Bauch die Folterspuren der IS- Besatzer. Pistolen legten sie ihnen horizontal an die Haut und drückten ab. Die Kugeln schrammten dicht über den Körper dahin und hinterließen an der Abdruckstelle tiefe Narben. Ein dritter Jugendlicher, der sich ihnen angeschlossen hat, stammt aus Afrin, wie viele, die in diesem Frühjahr nach Bosnien kommen. Die Menschen aus der kurdischen Enklave unterscheiden sich von den anderen Geflüchteten aus einem Grund: sie verließen ihr Zuhause erst vor wenigen Monaten. Die meisten hier sind dagegen seit Jahren unterwegs.

 

Als die Sonne tiefer steht, fährt ein blaues Auto im Park vor. Frauen packen Suppentöpfe aus und verteilen Plastikschalen und Brot. Daneben steht ein junger Mann mit zwei kleinen Kindern an der Hand. Er stellt sich als Muamer Ćatić vor und ist der Imam der nahen Moschee. Das Essen stammt aus der Gemeinde. Warum sie den Menschen helfen? “Weil sie Hunger haben! Und das hat nichts damit zu tun, dass die meisten Flüchtlinge Muslime sind. Ein Mensch muss etwas essen”, betont der Imam. Eine Rolle spielt dagegen die eigene Kriegserfahrung, welche die Bosnier solidarisch mache. Oben bei der Moschee steht ein Monument mit rund 200 Namen. Insgesamt, sagt Muamer Catić, wurden etwa zehn Mal so viele Bewohner des Städtchens zwischen 1992 und 1995 getötet.

 

Im unteren Teil des Parks entsteht Bewegung. Eine Gruppe junger Pakistanis packt ihre Habseligkeiten. Decken werden eingerollt, Rucksäcke aufgeschnallt, dann machen sie sich auf den Weg. Schnell liegt das Zentrum hinter ihnen. Vorneweg läuft Ahmat, ein 17jähriger mit Baseballcap, auf dem Rücken ein Smurfs- Rucksack, den er bei einer Kleidungs- Ausgabe in Bulgarien bekam. Er stammt aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan, wo die Taliban für Probleme sorgen. Ein Jahr und acht Monate ist es her, dass er dort aufbrach, erzählt er, während die Gruppe durch verschlafene Seitenstraßen zieht. Rosen blühen in Vorgärten, Ab und an schaut ihnen jemand von einer Veranda aus nach. Ein paar streunende Hunde bellen, sonst niemand nimmt Notiz von ihnen.

 

Vor einem Friseur- Salon halten sie kurz an. Einige Nachzügler kommen hinzu. Auch der 21jährige Noor ist dabei. Er und Ahmat trafen sich in Serbien, seither sind sie gemeinsam unterwegs. Gelaufen sind sie, bis Visegrad, im Osten Bosniens. Von dort ging es mit dem Bus nach Sarajevo und hierher, ins Grenzgebiet. Nun steuern sie den Bahnhof unten im Tal an, wo ein Bus an einen anderen kleinen Ort an der Grenze fahren soll. Für Ahmat ist es der erste Versuch. Wie sich das anfühlt? “Scared”, ist er. Ängstlich. “All diese Geschichten der kroatischen Polizei. Die Gewalt, die Telefone, die sie kaputtmachen.” Am Busbahnhof angekommen, wartet die Gruppe. Nach einer Stunde hören sie vom Nachtportier, der seine Schicht begonnen hat, dass der Bus an diesem Tag nicht fährt. Wochenende.

 

Am nächsten Mittag haben sich Dutzende Migranten um ein Restaurant abseits des Zentrums versammelt. Das Restaurant existiert streng genommen nicht mehr. Der Besitzer, Asim Lotić, ist Mitte 60 und hat sich eigentlich zur Ruhe gesetzt. Vor genau 100 Tagen öffnete er seine Türen wieder und bewirtet mit einigen Helfern aus der Stadt jeden Tag Migranten. Die Kosten zahlt er aus eigener Tasche. In einem Schulheft hat er alles mit Strichlisten dokumentiert. “20.000 Mahlzeiten haben wir hier serviert”, sagt er. Alleine am Vortag waren es 451.

 

Vor dem Restaurant sitzt ein Mann, den alle hier “Piksi” nennen. Er sieht aus wie ein etwas in die Jahre gekommener Punk, mit Dreadlocks, rasierten Seiten und Stiefeln. Auf einer Liste notiert er alles, woran es gerade mangelt. Jacken, Hosen, Medikamente. Kurz verschwindet er und kommt kurz darauf wieder, von der Apotheke, mit einem Verband. Seit 2015 versucht er auf allen Brandherden der Balkanroute zu löschen, beinahe ohne Pause: die slowenische Grenze, diejenigen zwischen Kroatien und Ungarn, bzw. Serbien, Idomeni, Thessaloniki, Belgrad.

 

“Dies ist meine siebte Grenze”, sagt Pixi. Was sie charaktierisiert? “Dies ist die letzte Chance um durchzukommen. Und die Hilfsbereitschaft der Menschen.” Um letzteres zu illustrieren, stellt Pixi den Besitzer des Cafés nebenan vor. Auch er ist jenseits der 60. “Früher arbeitete er als Polizist. Heute wäscht er zu Hause manchmal Klamotten der Migranten.”

 

Punks, Rentner und E- Polizisten, es ist eine bemerkenswerte Allianz, die sich in Velika Kladuša um Geflüchtete kümmert. Seit Ende letzter Woche haben sie einen neuen Einsatz- Ort: die Kommune lässt den Park räumen und stellt den Bewohnern eine Wiese außerhalb der Stadt zur Verfügung. Die erste Essens- Ausgabe dort haben Pixi und seine Kollegen schon hinter sich. Auch einige Decken haben sie ausgeteilt, an frisch angekommene Familien. Es scheint, als werde Europa in diesem Sommer noch nach Bosnien schauen.

 

 

Erschienen in taz, 1. Juni 2018

 

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