Die Provinz ist universell

 

Die Europäische Kulturhauptstadt Leeuwarden organisiert ein dezentrales Festival. In ganz Friesland werden Dörfer zur Bühne. Ein Augenschein an der Peripherie.

Als Titus Tiel Groenestege und Geert Lageveen zum ersten Mal ihren neuen Arbeitsplatz betreten, sind sie geradezu verzückt. Vor den langen Reihen mit Tomatenpflanzen sind frische Bretter verlegt, deren Holzaroma sich mit dem der Pflanzen vermengt. Dahinter erhebt sich eine Tribüne, neun steile Reihen dunkelblauer Plastikstühle, im Halbkreis angeordnet, eine Spur Amphitheater im kargen Hinterland der Wattenküste. “Was haben wir uns da bloß ausgedacht!”, sagt Lageveen zu Groenestege und grinst. Der nickt. Zufrieden.

 

Was sie sich ausgedacht haben, ist dies: ein Musik- Theater- Stück im Gewächshaus, mitten in einem Komplex, in dem Snack- Gemüse für eine Supermarkt- Kette gezogen wird. Der Ort: Sexbierum, ein Kaff von anderthalb Tausend Seelen, in der Mitte eine Kirche mit Friedhof, dau Bäcker, Fleischer, Mechaniker, Tanke, und dann das vollverglaste Gemüse- Archipel. “Selbst für Friesland ist das hier Provinz”, sagt Geert Lageveen, der in der Nähe geboren ist. Sein Co- Autor Titus Tiel Groenestege, der auch Regie führt, wuchs ebenfalls in Friesland auf. Mit Orkater, ihrer Theatergruppe aus Amsterdam, sind sie nun zurückgekehrt. Die heiße Phase der Proben beginnt.

 

“Lost in the Greenhouse” wird von Mitte April bis Ende Mai in einem speziell angemieteten Gewächshaus aufgeführt. Beinahe alle Tickets sind vergriffen, es verspricht eine der Erfolgsgeschichten des aktuellen “European Cultural Capital” – Festivals zu werden, dessen eine Hälfte im maltesischen La Valetta stattfindet, die andere im niederländischen Leeuwarden. Das Festival ist allerdings über die gesamten Region Friesland verteilt, die in den Niederlanden an sich schon als peripher gilt. Vom Rest des Landes trennt sie ein 30 Kilometer langer Deich zwischen Nordsee und Ijsselmeer.

 

Mit gelben Plastikkisten ausgerüstet, ziehen die Orkater- Schauspieler nun in die Tomatenreihen, immer wieder, Kilo um Kilo ernten sie, ein polnisches Lied singend, das übersetzt “An die Arbeit” heißt. Lageveen sagt, es sei vom Arbeitsethos der kommunistischen Periode inspiriert. Man sieht aber auch die Konkurrenz- Kultur des spätkapitalistischen Westeuropas, wo sich die polnischen Arbeiter dank Freizügigkeit und Binnenmarkt legal verdingen, für eine Saison oder viele. Ein Vormann treibt sie an, zählt die Erträge, ernennt die Arbeiterin des Tages, bis die Schicht auf der Gewächshaus- Galeere vorbei ist.

 

Die Hauptperson des Stücks ist der junge Pole Wojtek. Trotz guter Ausbildung findet er zu Hause keinen Job. Als Erntehelfer wird er Teil einer gemischten Truppe aus Polen und alteingesessenen Friesen. Er beginnt eine Beziehung mit Klaske, der Tochter des Chefs, was die niederländischen Kollegen nicht gerne sehen und die polnischen auch nicht. Ein erfahrenerer Landsmann rät Wojtek, sich nicht an die hiesigen Frauen zu binden. Eines Tages wird Wojtek tot im Gewächshaus gefunden.

 

Das Ganze basiert auf einer wahren Geschichte, die sich vor einigen Jahren in der Region zutrug. Ganz gelöst wurde der Fall nie, doch alles deutet darauf hin, dass das wirkliche Opfer im Suff in einen Wasserlauf fiel und ertrank. Auch in Lost in the Greenhouse wird der Protagonist nicht ermordet. Es ist kein Kriminalstück, es thematisiert auch nicht xenofobe Gewalt, vielmehr um die schwierige Beziehung zwischen polnischen und friesischen Arbeitern. Kollegial sind sie, das ja, aber wirklicher Austausch findet kaum statt, sagt Autor Lageveen, und ihre Pausen verbringen die Gruppen getrennt voneinander.

 

Im Mittelpunkt steht die Frage, was für eine Gemeinschaft dort im Gewächshaus eigentlich entsteht. Im Konzept des Kulturhauptstadt- Festivals steht der frieische Begriff mienskip zentral. Just dies war auch das Profil der Anfrage aus Leeuwarden: ein Theaterstück im Gewächshaus, in dem es um mienskip geht. Das Ergebnis verbindet die gesamt- europäische Realität der Arbeits- Migration mit einem friesischen Sprichwort: “jeder schaut auf mein Saufen, aber niemand auf meinen Durst”, so Geert Lageveen, und erläutert: “Was spielt sich unter der Oberfläche ab? Viele wissen noch nicht einmal, warum die Polen hierherkommen.”

 

Auf der Bühne finden sich neben polnischen und niederländischen Darstellern auch 30 Laien. Letztere treffen am Abend, nach der offiziellen Probe, im Gewächshaus ein. Die “Koornbeurs”, ein kleines Theater aus dem benachbarten Städtchen Franeker hat sie in den Dörfern der Region gesucht. Der Aufwand ist erheblich, sagt Griet Scheen, die in der Koornbeurs für ungefähr alles zuständig ist und hier als friesische Pflückerin in Erscheinung tritt: “Insgesamt zwölf Proben, und dann noch die Auftritte!” Das Zusammenspiel aus Professionellen und Amateuren ist reibungslos, findet sie. “und ein paar polnische Lieder haben wir auch gelernt.”

 

Es gibt wenige Projekte, in denen der Leeuwardener Ansatz eines Kulturhauptstadt- Festivals so zum Tragen kommt wie in diesem. Dezentralisierung ist eines der Schlüsselwörter., und Veranstaltungen findet man in Privat- und Dorfhäusern, am Wattenmeer und in der Pampa, ganz als habe der beständige Wind sie übers Land verstreut. Ein friesischer Road Trip, im Zeichen einer auffälligen Definition. “Kultur ist eine Reaktion von Menschen auf Veränderungen ihrer Umgebung”- so sieht es Oeds Westerhof, einer de Direktoren.

 

Schon zur Eröffnung im Januar trug Leeuwarden diese Botschaft in die Welt. Das offizielle Festival- Lied ist ein friesischer Fado, komponiert von Nynke Laverman, die in dieser Schnittmenge ihr eigenes Genre geschaffen hat. “Seis oere thús” ist der Titel, und Laverman kombiniert Fernweh und lokale Verwurzelung, wenn sie singt: “Flieg in die Welt, mein Junge, um sechs Uhr zu Hause.” Der lokale Rapper Kuò, der eine Strophe beisteuert, nimmt dieses Motiv auf: “Sechs Uhr zu Hause, alle am Tisch. Wo du auch bist, woher du auch kommst.”

 

Calvinistische Essenszeiten, scheint es, müssen einen weiten, warmherzigen Blick auf die Welt nicht verbauen. Das friesische Dorf, so Direktor Oeds Westerhof, steht symbolisch für all die anderen des Kontinents: “Die Hälfte der Bevölkerung Europas lebt in kleinen oder mittleren Städten in ländlicher Umgebung. Friesland ist eine Metapher für sehr viele Gebiete in Europa.” Die Aussage ist deutlich: die Peripherie und ihre Erfahrungswelt ist universell, und gerade darin verbinden sich abgelegene Regionen miteinander. Eine bemerkenswerte Botschaft in diesen Zeiten.

 

Gehört hat man sie auch in Beetsterzwaag, einem anderen friesisches Dorf, im Südosten der Provinzgelegen. Es ist doppelt so groß wie Sexbierum und hat eine schmucke, rotgeklinkerte Straße, die sich längs durch den Ot zieht. Gut 600 nicht zu ausladende Schritte misst sie, und in fünf Minuten ist sie bequem durchquert. Anfang März wird sie zur “Culturele Hoofdstraat” erklärt. Bildende Kunst, Literatur, Film und Musik wird es hier bis zum Herbst geben. An einem Nachmittag, der nach Vorfrühling riecht, kann man alle paar Schritte einen Vorgeschmack davon bekommen.

 

Am Ortseingang hat sich Douwe Kootstra seine Bühne in der Snack- Bar errichtet, diesem ur- niederländischen gastronomischen Genre. “Literarisch snacken” nennt er sein Programm. Zwischen Burger und kaaskroketten erzählt der Schriftsteller “Volksgeschichten”, wie er das nennt. Manche kommen aus Friesland, andere aus Neuseeland. “Denn Volksgeschichten sind universell, und die Menschen überall gleich”, dagt Kootstra, der früher Grundschullehrer war. Der Applaus mischt sich mit dem Duft des Frittierens, das wohl so etwas ist wie ein kulinarisches Volksmärchen: heiß geliebt in den Niederlanden, aber eben auch in zahlreichen anderen Ecken der Welt.

 

Am anderen Ende der Hauptstraße, kurz vor der Tankstelle, liegt Beetsterzwaags filmisches Tor zur Welt. Im Hinterhaus eines Delikatessengeschäfts, das mit “einem guten Stück Käse, aber auch trockene Wurst” wirbt, nimmt an diesem Nachmittag auch das filmhuis seinen Betrieb auf. Ein holzverkleideter Raum, wo gepolsterte Stühle auf Besucher warten und ein Projektor leise surrt. Zu sehen gibt es verschiedene Kurzfilme, als Aperitif für die kommenden Monate, in Zusammenarbeit mit einem Kino und einem regionalen Filmfestival, erklärt Hendrika Laageveen, eine Fotografin, die nun zur Filmvorführerin wird.

 

Fünf Mal öffnet das filmhuis in diesem Jahr mittwochs seine Türen – jeweils mit einer Morgenvorführung speziell für Senioren, einer am Nachmittag für Kinder und einer am Abend. Gerade Hendrika Laageveen, die noch keine 30 ist, hat dabei nicht nur das Festival, sondern auch die Zukunft im Blick. Zwischen zwei Vorführungen berichtet sie von einem Plan, der über Kulturhauptstraße hinausreicht. “Wir wollen hier etwas aufziehen. Etwas für dieses Dorf. Ein Filmhaus. Und dann, später, könnte daraus vielleicht ein Filmfestival werden.” Sollte es soweit kommen, wird man bei der Eröffnung wohl noch an das Jahr 2018 zurückdenken.

 

 

Erschienen in WOXX, 30. März 2018

 

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