Die Nordsee wird zum Puzzle

 

Fischerei und EU, das war schon vor dem Brexit nicht leicht. Doch künftig wird alles noch viel komplexer. Ein Besuch in einem niederländischen Dorf, dem die See alles bedeutet.

 

Der Fischfang ist überall. Ein Papier- Schiff als Fensterschmuck an der “Grundschule mit der Bibel”, ein goldenes als Verzierung auf einem der zahlreichen Kirchtürme, hölzerne stehen in den Fenstern der Wohnstuben. Das Haus der lokalen “Produktions- Organisation” umgibt ein Zaun, in dessen Streben bunte Fische eingelassen sind. Drinnen ist an diesem frühen Morgen alles leer und still, bis auf den Sekretär der landesweiten Branchenvereinigung VisNed.

 

Geert Meun sitzt in einem Büro, an den Wänden hängen Bleistiftzeichnungen von Plattfischen. Zunge und Scholle, das sind niederländische Spezialitäten, und Urk, dieses winzige Städtchen im Polder, ist der wichtigste Standort der niederländischen Fischerei. Früher war Urk eine Insel im Zuiderzee genannten Nordsee- Meerbusen, der tief ins Land einschnitt. Seit 1932 trennt der Abschlussdeich ihn von der See, und das Gewässer heißt Ijsselmeer. Wenig später baute man einen Deich, der Urk mit dem Festland verband. Dann wurde die Umgebung trockengelegt, und Urk wurde selbst Festland.

 

Es sind bewegte Zeiten für Geert Meun, ein drahtiger Mann mittleren Alters mit kurzen grauen Haaren, der in Urk wohnt. Am Abendwird er nach England reisen, schon wieder, und dann weiter nach Schottland, um erneut mit den übrigen Nordsee- Anrainern über die verworrene Situation nach dem Brexit- Referendum zu verhandeln. 30 Jahre ist Meun in der Branche beschäftigt, “im Fisch”, wie man hier sagt. Er erlebte die Entstehung der gemeinsamen Fischereipolitik unter dem Dach der EU aus der Nähe mit. Und wie es aussieht, müssen nun Männer wie er deren Scherben zusammenkehren, oder doch zumindest die Puzzlestückchen wieder neu zusammenlegen.

 

“Es gibt keinen anderen Sektor, der so sehr an europäische Regeln gebunden ist”, sagt Meun. “98 % des Fischfangs wird in Brüssel geregelt. Die Quoten, die per Fisch- Sorte festgelegt werden, der Zugang zu Gewässern, auch Fragen, die das Handwerkszeug betreffen.” Ein besonders wichtiges Element ist das Tauschen von Quoten. Für die Niederlande etwa ist Großbritannien hierbei der wichtigste Partner. Mit Norwegen, das zwar Anrainer, aber kein EU- Mitglied ist, gibt es so gut wie keinen Austausch. “Und dann sind da noch 20 niederländische Kutter, die unter britischer Flagge fahren, 17 davon übrigens aus Urk. ” Was aus ihnen wird? “Wie das nach dem Brexit wird, weiß niemand” – diesen Satz sagt Geert Meun oft in diesen Tagen.

 

Bislang wurde all das in jährlichen Verhandlungsrunden zwischen zwei Akteuren abgestimmt: hier die EU, dort Norwegen. Künftig wird Großbritannien als dritte Einheit dazukommen. Und dann, so Geert Meun, gibt es drei Möglichkeiten. “Die erste wäre, dass Engländer und Schotten sagen, wir wollen die Autonomie über unsere Gewässer zurück. Die zweite: eine Situation, die vergleichbar ist mit der zwischen der EU und Norwegen. Oder eben eine Lösung, die so nah wie möglich am heutigen Zustand ist. Das wäre natürlich die beste Lösung.”

 

Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, bittet Geert Meun in ein anderes Büro. An der Wand hängt eine Karte der britischen Inseln. Sein Finger richtet sich auf die Gewässer im westlichen Teil des Kanals, die zum Vereinigten Königreich gehören. “Hier halten sich manche niederländische Boote 90 Prozent der Zeit auf.” Genau deshalb werde es in den Niederlanden auch keine “Save our Fish”- Kampagnen geben, wie man sie aus England kennt – und aus Schottland.

 

Geert Meun zeigt einen Artikel im britischen Fachblatt Fishing News. Demnach stimmten auch 92 Prozent der schottischen Fischer für den Brexit – also genau entgegengesetzt den schottischen Mehrheitsverhältnissen. Der Unterschied? “Wir sind viel abhängiger von Europa.” Zwar gebe es auch in der niederländischen Fischerei Protest gegen all die Regulierungen. Doch die Vorzüge überwiegen, so Meun: “Ein Urker Kutter kann nach Deutschland oder Dänemark, dort im Hafen löschen und den Fisch mit einem LKW abtransportieren lassen. Zunge, unsere wichtigste Fisch- Art, wird vor allem nach Frankreich, Spanien und Italien exportiert.”

 

Trotzdem stand gerade Urk in vorderster Reihe, als die Niederländer 2005 per Referendum das EU- Grundvertrag ablehnten. Gut 90 Prozent – nirgendwo sonst im Land war der Protest so stark wie hier. Was dahinter stand? “Es war eine Stimme gegen das Übermass an Regeln”, sagt Hans Besselink, der Direktor des Urker Museums, das im Alten Rathaus untergebracht ist. Die Regeln also widersprächen dem Grundverständnis, aus Tradition und freier Entscheidung einen riskanten Beruf zu ergreifen, wie Tausende andere Urker täglich auszulaufen und auf dem Meer das Leben zu riskieren. “Man hilft sich hier selbst, und wenn es nicht anders geht, nimmt man Hilfe von Familien oder Freunden in Anspruch. Von Autoritäten dagegen erwartet man nicht viel”, so der Direktor.

 

Anders als an anderen Orten läuft dieser Protest hier aber nicht auf Stimmen für die Rechtspopulisten hinaus. Die Mehrheit der Bewohner stimmt für eine der drei christlichen Parteien: die orthodox- calvinistischen Staatskundig- Reformierten, sozialprotestantische ChristenUnie und, als schwächste Partei, die Christdemokraten. “Die Urker sind weit entfernt vom Populismus und keine Wutbürger”, so der Direktor. Wohl aber streng in der Auslegung der protestantischen Lehre. Zweimal sonntäglich besuchen die meisten hier die Messe. Dass Gott nicht in der EU- Verfassung auftauchte, war auch ein Grund sie abzuweisen.

 

Trotzdem sei nun ein Nexit kein Thema im Dorf, berichtet Hans Besselink. Kritisch, aber doch grundsätzlich positiv stünden die Menschen Europa gegenüber. “Was in England passiert ist, war ein Wake- Up- Call”, findet er. Auf Urk hofft man, dass er gehört wurde. Denn Parallelen mit der so viel größeren Insel weiter westlich gibt es durchaus. Nicht nur wegen der Bedeutung der Fischerei. Auch die Mentalität ähnelt sich. Zwar redet man nicht wie die Briten von einer “splendid isolation”, doch noch immer fühlt man sich abgeschieden vom Rest des Landes, weit ab von den Machtzentren, isoliert. Nicht umsonst sagen die Menschen hier immer noch, sie wohnten “auf Urk”.

 

Der Ort, der all dies symbolisiert, liegt nur ein paar Minuten zu Fuß vom Museum entfernt. Das Monument für all jene, die dem Meer zum Opfer fielen, zeigt eine Fischersfrau, die sich ein letztes Mal in Richtung Wasser umdreht, von dem ihr Geliebter nun nicht mehr zurückkommen wird. Noch geht der Blick hinaus in die Weite, doch bald wird er sich auf die engen Gassen des pittoresken Dorfs richten. Auf Gedenktafeln stehen die Namen der Ertrunkenen samt Kürzel ihrer Kutter. Manche waren noch nicht einmal Teenager, andere über 60. Die Sterbedaten reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Viele Veränderungen hat die Fischerei in Urk und den Niederlanden seither erlebt. Vermutlich stehen ihr bald wieder tiefgreifende bevor.

 

 

Erschienen in Die Furche, 25. August 2016

 

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