Die letzten Tage des Jungle

Das Ende des Flüchtlings- Camps in Calais steht unmittelbar bevor. Ein Augenschein im Land der Ungewissheit.

Eine seltsame Stille liegt über den Dünen. Was nicht nur mit dem planierten Streifen Brachland zu tun hat, der seit der Teil- Räumung vom Frühjahr den Anfang des Jungle markiert. Auch dahinter erscheint alles verlangsamt und leiser als gewöhnlich. Weniger Generatoren rattern, kein Geruch von Hühnchen und Curry hängt in der Luft, einige der selbstgezimmerten Restaurants sind bereits geschlossen. Es ist diesig, der Abend hängt voller Tröpfchen, und voller Fragezeichen. Jungle finished, diese beiden Worte hört man allenthalben. Nur: wann? Und was tun?

 

Ein Sudanese sagt, er werde wohl in eines der Aufnahmezentren gehen, auf die die Regierung fast 10.000 Menschen aus dem Jungle verteilen will. Vielleicht wird er einen Asylantrag stellen, jedenfalls erstmal weg von hier, von der Kälte und Feuchtigkeit des Kanals, dessen Überquerung nahezu unmöglich geworden ist. Vor einem Bretterverschlag stehen zwei junge Afghanen in der Dämmerung. Eine Ahnung, wann die Bagger kommen, haben sie auch nicht. Ihr Ziel bleibt ohnehin dasselbe. Es hat zwei Buchstaben: “UK.”

 

Die Unsicherheit ist überall zu spüren im Jungle, dem inoffiiellen Flüchtlingscamp bei Calais, dessen Räumung der französische Präsident Hollande im September definitiv ankündigte. Eigentlich soll sie in dieser Woche beginnen. Dann, in letzter Minute, reichten Hilfsorganisationen einen Eil- Antrag beim Verwaltungsgericht im nahen Lille ein: die Räumung verletze demnach Grundrechte der Bewohner, und vor allem das Schicksal der mehr als 1.200 Minderjährigen im Jungle müsse zuvor geklärt werden. Das Gericht lässt sich Zeit. Zu Wochenbeginn steht die Entscheidung noch immer aus.

 

Draußen im Jungle, hinter dem Industriegebiet, dessen markanter chemischer Aromencocktail sich über die Dünen ausbreitet, geht am Wochenende alles seinen gewohnten Gang. Zahlreiche Unterstützer sind aus England herübergekommen, an jeder Ecke parken Autos mit GB- Kennzeichen, dazwischen haben mobile Küchen und Erste- Hilfe- Stationen Stellung bezogen. Die Jungle- Bewohner stehen in Schlangen davor, andere haben sich um provisorische Tische geschart, an denen Brettspiele aufgebaut sind. Jemand spielt Gitarre. Es ist einer dieser Momente, die gelegentlich die harten Kanten der Jungle- Realität ein wenig abschleifen.

 

Wer näher hinsieht, dem fallen freilich die Helfer auf, die mit ihren Listen überall herumlaufen, um die Minderjährigen zu registrieren. Ihr Schicksal ist zu einem heiklen Thema geworden zwischen Frankreich und Großbritannien, das gelöst werden soll, bevor der Jungle dem Erdboden gleichgemacht wird. Kinder und Jugendliche mit Verwandten drüben haben Chancen, nach England zu gelangen – das hat auch ein Eritreer mittleren Alters gehört, der aufgeregt mit einem 16jährigen Mädchen durch das Camp läuft. “Sie hat einen Onkel in England”, sagt der Mann. “Gibt es jemanden der ihr helfen kann?”

 

Orsane Broisin kann das. Gemeinsam mit etwa 40 Kollegen ist die Anwältin, Mitbegründerin der “Legal Shelter”- Rechtberatung im Jungle, schon seit dem Morgen unterwegs. Sie tragen schwarze T- Shirts mit der Aufschrift “Refugees Lawyer” und haben zwei Blätter, die sie verteilen: eins mit rechtlichen Informationen für Menschen, die in einem Aufnahmezentrum landen. Das andere für jene, die bei der Räumung verhaftet werden. “Daneben sind wir aber vor allem mit Minderjährigen beschäftigt, und Familienzusammenführung in Großbritannien”, sagt Orsane Broisin, nachdem sie dem Eritreer eingeschärft hat, das Mädchen am Montag zur Sprechstunde zu bringen.

 

Die Ungewissheit beeinflusst auch die Arbeit der Anwälte. Klar ist nur: die Zeit drängt. Am Montag, sagt Orane Broisin während einer schnellen Mahlzeit in einem afghanischen Restaurant, sollen 16 Jugendliche nach England gebracht werden. Im ganzen Camp aber sind es ungefähr 1.200, die bei einer Räumung besonders verletzlich seien. Einige Hundert sollen aufgrund von Familienbeziehungen legal nach England einreisen können. Um die anderen sorgen sich Anwälte und Kinderschutzorganisationen, zumal bei der Teil- Räumung im Februar mehr als 120 Kinder aus dem Jungle spurlos verschwanden.

 

Einer, der nun auf legalem Weg nach England gelangen wird, ist der Afghane Milah Ahmad, der mit einem Bekannten am Nachbartisch sitzt. Dass er einen Onkel in London hat, wusste er. Was diese Tatsache bedeutet, fand er erst nach vier Monaten heraus, in denen er “jede Nacht” vergeblich versuchte, auf die andere Seite des Kanals zu kommen. “Der Tunnel, Parkplätze, Tankstellen, ich habe alles probiert”, erzählt der 16jährige.

 

Milad Ahmad kommt aus Kunduz, er hat eine ruhige, leise Stimme und einen flauschigen Bart. In Afghanistan war er ein ambitionierter Boxer, und “boxen und studieren” ist auch sein Plan für das Leben in England, das nun vor ihm liegt. Zwei Monate lang hat die gerichtliche Prozedur gedauert. Zur Zeit ist sein Anwalt dabei, sein Ticket zu organisieren. Seine Freunde im Jungle, erzählt er, versuchen dagegen weiterhin auf anderem Weg ihr Ziel zu erreichen.

 

In einem anderen Restaurant in der Nähe hat sich der Inhaber gerade selber mit seinem Mitarbeitern hinter dem Tresen zum Essen niedergelassen. Der Mann, der sich als Abdallah vorstellt, kennt die Funktion der Jungle- Restaurants: sie sind nicht nur kulinarisch lebenswichtig, sondern auch soziale Einrichtungen. Und als solche natürlich ein Indikator für den Stand der Dinge. Wenn nun, wie vor einigen Tagen geschehen, das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs beschließt, dass diese als brandgefährliche und unhygienische Sicherheitsrisiken geschlossen werden müssen, steht das Ende zweifellos vor der Tür.

 

Wie es weitergeht? Der Restaurant- Inhaber ist hin-und hergerissen. Mal tut er die Räumung als “Bla- Bla” ab, dann fragt er unvermittelt: “Was glaubst du, wann werden sie kommen?” Nur um wenig später die Hoffnung wieder zu entdecken, zwischen zwei Bissen sozusagen. “Dann werde ich es halt von anderswo probieren. Es gibt doch so viele Häfen nach England! Nicht nur in Frankreich.” Darüber allerdings sind sich die Nachbarländer auch im Klaren. Und wie schon im Februar, als in Calais der erste Teil des Jungle abgerissen wurde, wird Belgien nach dem Wochenende wieder Kontrollen an der Grenze zu Frankreich einführen.

 

Wie ernst es den französischen Behörden ist, wird am Montag deutlich: am Nachmittag bewegt sich eine Einheit der Bereitschaftspolizei CRS in voller Kampfmontur im Schrittempo in den Jungle vor. Ein Restaurant nach dem anderen steuern sie an. Während der Rest der Polizisten einen Halbkreis bilden, klopft einer von ihnen an die Brettertür. Als ihm niemand antwortet, befestigt er mit ein paar Schlägen einen Schließungsbefehl: binnen 48 Stunden, heißt es dort, muss jedes Etablissenment geräumt sein. Das Hämmern ist das einzige Geräusch weithin. Eine Grabesstille begleitet den Polizisten- Tross durch den Jungle. Die bunt dekorierten Bretterbuden, die nun leer sind, lassen schon an eine Geisterstadt denken.

Erschienen in taz, 17. Oktober 1016

 

 

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