Die Kinder von Henk und Ingrid

Warum die Jugend Wilders wählen würde.

Die Jugend als Gradmesser: wer wissen will, wie es um die politischen Vorlieben der Niederländer steht, findet in den scholierenverkiezingen (Schülerwahlen) einen zuverlässigen Indikator. Die Schattenwahlen an weiterführenden Schulen, organisiert vom Instituut voor Publiek en Politiek (heute: Huis voor Democratie en Rechtsstaat) , finden traditionell einen Tag vor dem Urnengang unter zwölf- bis 18jährigen Jugendlichen statt. Zwar fallen Gewinne und Verluste dort meist deutlicher aus als bei der richtigen Abstimmung, und neue Parteien haben es durchweg etwas leichter bei einer Zielgruppe, die noch keine ausgeprägten Parteibindung entwickelt hat. Dennoch gelten ihre Ergebnisse in der Regel als wichtiger Fingerzeig.

Just so verhielt es sich auch bei den Parlamentswahlen 2010, die zur bislang deutlichsten Manifestation des niederländischen Rechtspopulismus wurden. Die Partij voor de Vrijheid (PVV) sprang von sechs auf 16% der Stimmen und wurde damit zur drittstärksten Kraft. Bei den Jugendlichen lag sie mit 20% sogar an der Spitze. Keinesfalls eine Eintagsfliege: bereits zu den Europawahlen 2009 hatten die Schüler die Partei des kontroversen Islamgegners Geert Wilders ganz vorne gesehen. Auch die Abstimmung vor den Provinzialwahlen 2011 bestätigte dieses Ergebnis. Somit fungieren die Schülerwahlen als Seismograph: anders als die durchaus schwankenden Prognosen deuteten sie jedes Mal einen weiteren Zuwachs der PVV an.

Die Konstanz der juvenilen Rechtsausleger ist schnell erklärt. Zumindest für Simon Ceulemans, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universiteit van Amsterdam, der 2010 in der TV- Reportage “Was wählt die Jugend?” analysierte: “Die Generation unserer Eltern distanzierte sich von ihren Eltern, indem sie sich links verhielten. Diese Eltern blieben oft links, und um sich wiederum von ihnen ab zu grenzen, stimmt man dann scheinbar rechts, PVV.”

Rein biographisch ist die Argumentation nachvollziehbar. Wie aber steht es mit der gesellschaftlichen Dimension dieses Generationenkonflikts? Schließlich findet man PVV- Wähler zwar nicht in allen, aber in zunehmend mehr sozialen Schichten, und mit Sicherheit in jeder Altersgruppe. Steht die Zustimmung unter jungen Niederländern symbolisch für ein Land, das die politische Kultur eines linksliberalen Mainstreams von sich abschüttelt, sich emanzipiert vom dem, was jahrzehntelang als Emanzipation definiert und als progressive Grundrichtung gesetzt war?

Die Gründe für das Aufkommen des Rechtspopulismus sind in den Niederlanden ähnlich wie in anderen Ländern. Der Amsterdamer Politikprofessor Wouter van der Brug nennt die Ablehnung der Einwanderungs- und Asylpolitik, die vermeintlich mangelnde Durchsetzungskraft der Regierung bei Kriminalitätsbekämpfung und Innerer Sicherheit sowie die Angst vor dem (nicht nur politischen) Islam als Gründe. Letzteres ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, denn Pim Fortuyn, dessen “Revolte” einst der elektotrale Startschuss der Strömung war, betrat wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die politische Bühne.

Der Weg seines Erfolgs jedoch war schon geebnet: teilweise lange vor dem Rest des Kontinents hatte in den Niederlanden bereits um die Jahrtausendwende eine hitzige Diskussion über Probleme der multikulturellen Gesellschaft begonnen. Im Zuge der Kontroversen um Immigration und Integration rückte auch die Frage nach der kulturellen Identität des Landes zunehmend in den Fokus. Daran knüpfte Fortuyn an: seine Agenda war dezidiert anti- islamisch und bediente aufkommende Überfremdungsängste. Entscheidend für ihre breite Zustimmung war jedoch der starke anti- elitäre Reflex gegen das politische Establishment. “Den Haag” wurde zum Synonym einer der Bevölkerung entfremdeten Verwalterkaste, die im Duktus Geert Wilders’ als politischer Nachlassverwalter Fortuyns später zum Kampfbegriff der “linken Elite” wurde.

Der Umschwung der politischen Kultur im vergangenen Jahrzehnt veränderte nicht nur das Image der Niederlande im Ausland grundlegend. Sie prägten auch die gesellschaftliche Sozialisation derjenigen, die sich nun dem Wahlalter nähern: der ersten Generation, die keine eigenen Erinnerungen hat an die Zeit, als das Land als Musterbeispiel der Toleranz galt. Seit sie denken können, ist das Unbehagen der autochthonen Kleinbürger über Multikulturalismus und Globalisierung ein entscheidender politischer Faktor. Die fiktiven “Henk und Ingrid” (“und nicht Ali und Fatima”), die erklärte Zielgruppe Wilders’, sind eine feste Größe geworden.

Heutige Jugendliche erlebten die Morde an Fortuyn und Theo van Gogh im Grundschulalter, und fortan deklinierten Protagonisten wie die “eiserne Rita” Verdonk und Geert Wilders die zeitgenössischen Konzepte von Zuwanderung, Sicherheit und Integration. Auf den Straßen ihrer Kindheit gingen die Worte “Scheiß- ” und “Marokkaner” eine stets selbstverständlichere Verbindung ein, und in den Medien musste, wer “Ausländer” sagte, immer öfter auch “anpassen” sagen. Im Diskurs, wie sie ihn kennen, birgt die Idee der “offenen Gesellschaft” in erster Linie eine Bedrohung, und eine Losung wie eigen volk eerst hat ihre Anzüglichkeit verloren, heute, da Geert Wilders “die Niederlande wieder niederländischer machen” will.

Verwundern kann es da nicht, wenn die Jugend der PVV die größte Kompetenz zuschreibt. Die Konstanz, mit der dies geschieht, spiegelt einen Status wider, der längst jenseits einer Protestpartei liegt. Dafür sorgt auch, das sie in den letzten Jahren ihr soziales Profil betont: neben Islamkritik, einer rabiaten Anti- Einwanderungsrhetorik und der Wilders’sche Meinungsfreiheits- Agenda liegen die Akzente auf Altenpflege und dem Kampf gegen die Anhebung des Rentenalters. Es gibt viele Motive, PVV zu wählen – diese Botschaft kommt offenbar auch bei Jugendlichen an.

Gerecht wird diesen Zuständen indes nur, wer den Blickwinkel beizeiten nuanciert. Die Niederlande waren nie das allzeit tolerante, multikulturelle Bullerbü, für das man es gerade in Deutschland gerne hielt. Ebenso wurde das vermeintliche Polderparadies nun mit einem Mal durchweg engstirnig und xenophob. Beide Strömungen existieren heute wie damals neben- und oft gegeneinander. Verändert haben sich allein die Kräfteverhältnisse. Wie sich dieser Konflikt auswirkt, liegt nicht zuletzt an den kommenden Neuwählern.

Erschienen auf fluter.de, 4. Oktober 2011

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