Die Geschichte wiederholt sich

 

Als Fixpunkt der europäischen Migrationspolitik ist Calais auch ein zentraler Ort für Hilfsorganisationen und Freiwillige. Wie sehen sie die Situation nach der Räumung, und wie ändert sich ihre Arbeit nun?

 

Die Botschaft steht auf einem Dixi- Klo am Beginn der völlig zerstörten Hauptstraße des Flüchtlingscamps: “Thank you all Volunteers of Jungle. From bottom of my heart, i love you all.” Es sind zwei Sätze, die auf ein Charakteristikum der Situation in Calais weisen: seit die Stadt vor 17 Jahren ein Hotspot auf der Landkarte europäischer Migrationsrouten wurde, haben freiwillige Helfer hier eine tragende Rolle gespielt – gerade weil die Migranten, auf Großbritannien gerichtet, keinerlei Anspruch auf staatliche Unterstützung hatten.

 

Die Volunteers sind es auch, die am Donnerstag Nachmittag vor dem abgeriegelten Dschungel ausharren, gemeinsam mit den letzten rund hundert Bewohnern, für die weder ein Bus noch sonst eine Unterkunft bereitsteht. Erkennbar sind sie an ihren bunten Westen: die gelben von Salam, die einst die Pioniere der Essensausgabe waren, rote von Save The Children, weiß- blaue von Refugee Youth Service.

 

Eine solche trägt auch Johnny Willis, ein Brite von etwa 30 Jahren, der die Organisation 2015 gründete. Sie verteilen Essen, kümmern sich um Schlafplätze und unterhalten ein Bildungsprojekt an Schulen. 20 Freiwillige aus England, Irland und Dänemark sind in Calais aktiv, dem einzigen Einsatz- Ort außerhalb Großbritanniens. Finanziert werden sie unter anderem von ihrer Partnerorganisation Save The Children.

 

2015 kam Johnny Willis zum ersten Mal nach Calais – wie so viele von der anderen Seite des Kanals, als das Thema durch die Tunnel- Stürmungen des Sommers zum Medienereignis wurde. Große Teile der Helfer- Infrastruktur entstand in der Folgezeit. An jedem Wochenende kamen Dutzende Freiwillige aus Großbritannien herüber.

 

Johnny Willis ist seither permanent “on the ground”, wie es im Fachjargon heißt. Und als solcher ist er vertraut mit der Geschichte von Calais als Migrations- Knotenpunkt. Die Situation nach der Räumung vergleicht er mit derjenigen von 2002, als das berüchtigte Auffanglager im nahen Sangatte geschlossen wurde, und in der Folge zahlreiche Migranten nicht verschwanden, sondern in den Straßen der Stadt schliefen. “Auch jetzt werden sie wieder nach Calais kommen. Die Geschichte wiederholt sich. Es ist nur eine Frage, wann.”

 

Refugee Youth Service, sagt Willis, will dann gerne wieder für die besonders verletzbaren Minderjährigen da sein. Bis dahin will man zunächst den Jugendlichen kümmern, die noch in den Containern am Rand des Dschungel sind. Ansonsten richtet man sich auf zwei Optionen: “Hilfe, auf legalem Weg nach Großbritannien zu kommen oder Schutz in Frankreich zu suchen. Wir unterstützen nicht, dass ein neuer Dschungel auftaucht, oder dass Minderjährige in kleinere Camps ziehen, die noch prekärer sind.”

 

Am gleichen Abend wird auch in einem Wohnzimmer im Zentrum der Stadt über die Ereignisse der letzten Tage gesprochen – wie schon so oft am Esstisch von Anne Dekeister und Patrice Druelle. Das Paar, sie Psychologin, er unterhält eine Reparaturwerkstatt für Blasinstrumente, engagiert sich seit Jahren für die Migranten, ohne allerdings Teil einer der associations zu sein. “Dann hat man keine Frieden”, sagt Anne Dekeister grinsend, ein Hinweis auf die gelegentlichen inhaltlichen Auseinandersetzungen zwischen den Hilfsorganisationen.

 

Die Freiwilligen- Biografie dieses Paars spiegelt zumindest einen großen Teil der jüngsten Migrations- Geschichte Calais’ wieder. Zum ersten mal in Kontakt kamen sie mit dem Thema 1999, als sie im Bahnhof der Stadt zahlreiche Flüchtlinge aus Kosovo antrafen. Als das Lager in Sangatte gechlossen wurde, nahm Patrice Druelle an einer Noise Demo teil. Anne Dekeister nahm Migranten im Auto mit, was damals noch als Unterstützung Illegaler unter Strafe stand. Sie brachten Teekannen in den Jungle und wuschen zu Hause die Wäsche für Bewohner.

 

In den letzten Jahren nahmen ihre Aktivitäten zu. Ein einschneidendes Ereignis für Anne Dekeister war es, als sie miterlebte, wie das Zelt- Lager syrischer Flüchtlinge auf dem Platz der damaligen Essensausgabe am Hafen geräumt wurde. “Es waren 200 Menschen. Mit Bulldozern wurden ihre Zelte zerstört. Ich fühlte mich vollkommen leer.” Und die Syrer? “Die wurden mit Bussen in den Osten des Landes gebracht und dort ausgesetzt. Nach zwei, drei Tagen waren sie zurück.”

 

Es folgten neue Besetzungen leerstehender Häuser und ein neuer Dschungel in den Dünen. Als der 2015 geräumt wurde, transportierte Anne Dekeister Bewohner ein paar Kilometer weiter, an den Ort, der bis diese Woche das bekannteste Flüchtlingscamp des Kontinents war. Später half sie dort die ersten Hütten zu bauen. In der letzten Zeit, mit den Bränden und Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern, wurden ihre Besuche weniger.

 

Wie schätzt sie die Zukunft ein für Migranten in Calais? “Ich bin sicher, dass sie hierhin zurückkommen. Aber es wird immer schwieriger. Man wird sehr strikt sein um einen neuen Dschungel zu verhindern. Heute las ich in der Zeitung, dass die Behörden alle leerstehenden Häuser in der Umgebung inventarisieren wollen.” Und ihre Möglichkeiten, als unabhängige Unterstützerin? Anne Dekeister schaut ernst. “Ich fürchte, die einzige Optionwird es sein,Flüchtlingen Unterschlupf zu bieten. Aber dann stellt sich die Frage, wie lange, oder: warum nimmt man zwei auf und nicht vier?”

 

Bei den offiziellen Hilfsorganisationen stellt man sich derweil auf die neue Situation ein. “Wir werden weiterhin Mahlzeiten ausgeben. Außerdem versuchen wir, mit Migranten in Kontakt zu kommen, die sich nun in der Umgebung versteckt halten”, erzählt Francois Guennoc, verweisend auf “4.000 Menschen, die vor oder wähend der Räumung aus Calais verschwanden. Manche sind vermutlich in Paris oder Belgien. Aber wir sind sicher, dass sie wiederkommen, um von hier aus den Kanal zu überqueren.”

 

Francois Guennoc gehört zu L’Auberge des Migrants, die seit 2008 aktiv und damit einer der älteren Akteure der Szene ist. Inzwischen arbeiten sie eng mit ihrer britischen Parnerorganisation Help Refugees zusammen. Die Aktivitäten der Vereinigung werden sich künftig ausdehnen. Schon in den Wochen vor der Räumung versuchte man, ein Netzwerk im ganzen Land aufzubauen, um auch in den Auffang- Zentren Unterstützung anzubieten. “In manchen davon sind die Bedingungen sehr gut, aber in anderen sehr schlecht. In manchen davon sind wir schon aktiv, etwa einem in der Normandie, wo die Versorgung mit Essen sehr schlecht ist. Wir haben nun landesweit 3.000 Personen, die uns unterstützen wollen.”

 

Ein besonderer Fokus, so Guennoc, liegt in der nahen Zukunft auf Paris. In den letzten Tagen des Dschungel hörte man gelegentlich von Bewohnern, die in die Hauptstadt ziehen wollten. Guennoc bestätigt das: “Immer mehr Flüchtlinge schlafen dort in Zelten auf der Straße. Wir werden nun verstärkt Organisationen vor Ort unterstützen.”

 

 

Erschienen in taz, 29. Oktober 2016

 

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