Die Frage nach den Grenzen

Die Niederlande und Belgien sind Pioniere der gesetzlichen Sterbehilfe. Nach mehr als einem Jahrzehnt ist diese gesellschaftlich anerkannt. Modalitäten aber bleiben umstritten. 

Es ist ein Fall mit Skandalpotential: ein verurteilter Mörder und mehrfacher Vergewaltiger bekommt von einem Brüsseler Gericht Zustimmung, in einem Krankenhaus sein Leben beenden zu lassen – von fachkundigem medizinischen Personal, versteht sich, denn euthanasie, wie das sowohl im frankophonen als auch im flämischen Landesteil heißt, ist in Belgien seit 2002 legal. Voraussetzung: unerträgliches körperliches oder seelisches Leiden. Auf letzteres beruft sich auch der Häftling Frank Van Den Bleeken. Aktive Hilfe beim Sterben statt einem Leben im Gefängnis mit offenem Ende – diese Konstellation brachte seinen Fall in den vergangenen Wochen in die Schlagzeilen.

Er steht damit in einer Reihe mit anderen aufsehenerregenden Beispielen: die taub- blinden Zwillingsbrüder, denen 2012 Sterbehilfe bewilligt wurde. Nathan, ein Transgender, der 2013, verzweifelt an den Folgen seiner missglückten Geschlechtsumwandlung, auf die gleiche Weise aus dem Leben schied. Und natürlich der Schriftsteller Hugo Claus, der 2008 die Aussicht auf seine fortschreitende Alzheimer- Erkrankung so unerträglich fand, dass die Ärzte sein Gesuch anerkannten. Ob ihrer vermeintlichen Kuriosität galten diese Fälle außerhalb Belgiens bisweilen als Argumente gegen die Sterbehilfe, vorgebracht als rhetorische Frage:  “Das soll unerträgliches Leiden sein?”

Es ist nicht so, dass es in Belgien hierüber keine Diskussionen gäbe. Viele Menschen stimmen den Schwestern der ermordeten Christiane Remacle zu, die den Gerichtsbeschluss im Fall Van den Bleeken so kommentierten: “Unbegreiflich. Er soll dort verrotten, wo er ist!” Zudem bekommt in Kommentaren und Debatten ein Detail viel Aufmerksamkeit: dass Van Den Bleekens in Ermangelung entsprechender Therapiemöglichkeiten in Belgien einen vergeblichen Antrag stellte, in eine niederländische Einrichtung überwiesen zu werden. “Sterbehilfe als Todesstrafe?”, formulierte daher der ehemalige Gefängnisdirektor Guido Verschueren auf der Website deredactie.be.

Essentieller Unterschied jedoch ist, dass es im belgischen Diskurs auch nach mehr als zehnjähriger Praxis noch immer darum geht, die Modalitäten der Sterbehilfe vor allem in ihren Grenzbereichen auszuloten. Dessen ungeachtet hätte keiner der erwähnten Fälle Kapazitäten, die grundsätzliche Möglichkeit dazu ernsthaft in Frage zu stellen. Sterbehilfe ist in der Gesellschaft weithin akzeptiert, je nach Quelle sprechen sich bis zu 85 % der befragtenTeilnehmer dafür aus.

Entsprechend steigt die Zahl der gemeldeten Fälle konstant an: 2013 waren es 1.807, 1.432 in 2012, gegenüber 953 in 2010. “Im Durchschnitt pflegen fünf Belgier täglich Euthanasie”, titelte zuletzt die Website des kommerziellen TV- Senders VTM. Laut der “Föderalen Kontroll- und Evaluations- Kommission Euthanasie” liegt der Anstieg an der breiten Verfügbarkeit von Informationen über die Option Sterbehilfe. Fundamentale Ablehnung gibt es fast nur noch aus konfessionellen Kreisen.

Ähnlich waren die Kräfteverhältnisse, als das belgische Parlament zu Jahresbeginn die Altersgrenze für Sterbehilfe abschaffte. Damit wird diese auch für schwerstkranke Kinder ohne Aussicht auf Heilung zugänglich – vorausgesetzt, sie werden in einem psychologischen Gutachten für vollständig willensfähig erklärt. Im Unterschied zu Erwachsenen gilt geistiges Leiden bei Minderjährigen allerdings nicht als zulässiges Kriterium. Damit geht Belgien einen Schritt weiter als die Nachbarländer: in den Niederlanden liegt die Grenze bei zwölf Jahren, in Luxemburg, das 2009 als drittes Land ein Sterbehilfe- Gesetz erliess, bei 16.

Im Wesentlichen waren es die Vertreter monotheistischer Religionsgemeinschaften, die gemeinsam gegen die Novelle mobilisierten und auf Palliativmedizin als ausreichende Alternative  verwiesen. Zudem befürchteten sie, mit der scheibchenweisen Erweiterung der Zielgruppe könne sich die Gesellschaft unliebsamen Elends entledigen – eine Sichtweise, die deutlich an die bislang ungeklärte Diskussion angelehnt ist, ob auch Demenzkranke für Sterbehilfe in Frage kommen sollten. Die Befürworter hingegen propagierten, Leiden kenne kein Alter, und Sterbehilfe demnach ebensowenig. Zudem gelte es, eine bestehende  Praxis aus der Dunkelzone zu holen und die Betroffenen nicht noch zusätzlich mit Illegalität ihres Handelns zu belasten.

Stetig zunehmende Zahlen bezüglich Sterbehilfe kennen auch die Niederlande, wo 2001 das weltweit erste entsprechende Gesetz erlassen wurde. Mit 4.829 Fällen gab es 2013 eine Steigerung um 15 Prozent gegenüber 2012 (4188) . Ähnlich wie in Belgien fällt dabei ein sprunghafter Anstieg in den letzten Jahren ins Auge, denn 2009 lag die Zahl bei 2636. Vergleichbar ist auch der Grad der Zustimmung in der Bevölkerung, der bei rund 75 % liegt.

Ein niederländischer Sonderfall ist die “Lebensendeklinik”, ungeachtet des Namens eher eine Organisation denn ein räumliches Hospital.  Seit 2012 ist sie Anlaufstation für Menschen, die für ihren Wunsch nach Sterbehilfe keinen anderen Arzt finden können. Sie steht daher unter besonderer Aufsicht der gesetzlichen Prüfungs- Kommission, bei der alle Fälle gemeldet werden müssen. 2013 schieden 107 Patienten mit Hilfe der “Klinik” aus dem Leben.

Bei allem pronzipiellen Konsens diskutiert man aber auch hier über Grenzfälle der Sterbehilfe: derzeit geht es vor allem um die Gruppe psychiatrischer Patienten. Deren Zahl in den Sterbehilfe- Statistiken stieg zuletzt von 14 (2012) auf 42 (2013). Zu Jahresbeginn führte das zu Parlamentsfragen an die Gesundheitsministerin. Martin Buijsen, Professor für Gesundheitsrecht in Rotterdam, forderte im Fachblad “Medisch Contact” , die jeweilige Prüfungskommission müsse obligatorisch um einen Psychiater ergänzt werden. Grund: Bei psychiatrischen Patienten sei die Abwägung schwierig, ob es sich um einen freiwilligen, wohlüberlegten Schritt handele, und ob eventuelle Alternativen ausreichend erwägt seien.

Das Beispiel Niederlande zeigt, wie das Feld der legalen Sterbehilfe im Wechselspiel verschiedener Protagonisten abgesteckt wird. Dazu zählen neben den beiden Parlamentskammern natürlich auch Organisationen wie die Niederländische Vereinigung für ein Freiwilliges Lebensende (NVVE), Mediziner und nicht zuletzt die Justiz. Ein aufsehenerregendes Urteil sprach Ende 2013 das Gericht in Zutphen: es geht um Albert Heringa, ein Mann Anfang 60. Der Richter sah es als erwiesen an, dass Heringa seiner 99jährigen Mutter bei der Beendigung ihres Lebens geholfen hatte – auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter. Heringa wurde schuldig gesprochen. Doch weil er aus Liebe zu seiner lebensmüden Mutter gehandelt habe, sah der Richter von einer Strafe ab.

Gerichte dürften künftig auch in Belgien viel mit dem Thema Sterbehilfe zu tun bekommen, denn die eingangs erwähnte mediale Aufmerksamkeit macht aus Frank Van Den Bleeken einen Präzedenzfall. Wenig später kündigte Farid Bamouhammad,einer der bekanntesten Häftlinge des Landes, an, er wolle ebenfalls ein Gesuch um Sterbehilfe einreichen. “Farid Le Fou” sitzt seit fast 30 Jahren wegen Totschlag, Versuchtem Totschlags und Versuchter Entführung ein. Damit ist eine Dynamik in Gang gesetzt, die die Debatte weiter prägen wird: seit dem Beschluss im Fall Van Den Bleekehn haben insgesamt 15 Häftlinge in belgischen Gefängnissen einen entsprechenden Antrag gestellt.

Erschienen in Jungle World, 30. Oktober 2014

 

 

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