Die Angst vor dem Jungle- Winter

Am Ärmelkanal nimmt der Druck zu: während Frankreich und England um die Sicherung der Grenze streiten, leben mehr Transitmigranten denn je unter erbärmlichen Bedingungen in Calais.

Die Allee der Zäune beginnt gleich hinter den letzten Häusern der Stadt. Jenseits der Zugbrücke erhebt sich ein wahres Ungetüm, grellweiß, fünf Meter hoch und so engmaschig, dass es eigentlich eher eine Mauer ist. Auf der anderen Straßenseite ist der Zaun niedriger, dahinter liegen Lagerhallen und Hangars. Wer sich dem Ungetüm nähert, wird von Kameras erfasst, und auch sonst gibt es auf dem nächsten Kilometer keine Möglichkeit, sich außer Sicht zu stehlen. Schnurgerade und ohne Abzweigung verläuft die Allee der Zäune, durch die der Leuchtturm seinen gelben Kegel wirft.

Es ist gegen 23 Uhr, als ein paar Silhouetten beim schmucklosen Hotel Le Liverpool um die Ecke biegen. Die Schultern fast bis zu den Kapuzen hochgezogen, überqueren sie zielstrebig die Zugbrücke. Hinter dem Zaun steht ein Polizeiauto, ein weiteres parkt am nächsten Kreisverkehr, fünfhundert Meter weiter. Es ist zu früh, um es jetzt zu versuchen, das wissen sie. Die Lage wollen sie checken, weiter nichts. Auch die Patrouille weiß das, die jetzt vorbeifährt. Der Bus stoppt trotzdem, die Polizisten halten die Männer vor dem Zaun in Schach. Erst nach einer ganzen Weile dürfen sie gehen. Die Nacht hat gerade erst begonnen.

Es sind unruhige Zeiten in Calais, der Hafenstadt am Ärmelkanal, die einst zu England gehörte, in der Bars Le Celtic heißen oder Le Pub und die Hotels Tudor und Windsor. Die Stadt, die heute vor allem für ihre stündliche Fährverbindung nach Dover bekannt ist, und noch mehr für die, die sich als blinde Passagiere in, auf oder unter einem der zahllosen LKW, dort einzuschiffen versuchen. Zur Zeit sollen es etwa 1.500 Transitmigranten sein. So viele, dass sie zuletzt sogar am hellichten Tag versuchten, in Laster zu gelangen, die im zähen Nachmittagsverkehr auf den Hafen zufuhren.

“Ich verstehe das absolut. Sie haben einen Traum, sie sind 10.000 Kilometer gereist, haben das Mittelmeer überquert, und müssen jetzt nur noch auf einen Truck kommen”, sagt Philippe Mignonet, und greift sich an die Brust, als wolle er beteuern, wie ernst es ihm ist. Der junge Vizebürgermeister sitzt in seinem Büro, klein und unprätentiös wie diese Stadt, und erzählt über die letzten Wochen, in denen er zu einem der Protagonisten wurde, im Streit der Kanal- Anrainer, Frankreich und Großbritannien. Sein fast akzentloses Englisch hat ihn zum Sprachrohr Calais’ gemacht.

Seine Worte allerdings sorgten drüben, auf der anderen Seite der Straße von Dover, für Aufregung. Etwa als er vorschlug, die britischen Grenzkontrollen zurück nach Dover zu verlegen, um sodann den Migranten eigenhändig Fährtickets zu kaufen. Oder den Hafen zu blockieren, über den der größte Teil des Straßen- Güterverkehrs nach England abläuft. Philippe Mignonet kennt sich aus in der Branche, er war selbst Direktor eines Fracht- Betriebs. Natürlich sei das eine Provokation gewesen, aber: “Warum sollten wir das nicht umsetzen? Schauen Sie sich doch mal die Zufahrt zum Hafen an!”

Kein Zweifel: Calais, ist seine Rolle als “Flaschenhals”, wie Mignonet das nennt, leid. Er nimmt seinen Notizblock und fertigt drei Skizzen an, drei Gründe, weshalb es so nicht mehr weitergehe. Zuerst zeichnet er den Eingang zum Hafen, eine Reihe von Kontrollposten, dann Pfeile, aus der Richtung, aus der vor einigen Wochen 300 Migranten angerannt kamen. “Es waren 300. 80 von ihnen kamen an der Kontrolle vorbei und stürmten auf die Fähre zu, die gerade noch die Klappen schließen konnte.”

Eine neue Zeichnung: der Kreisverkehr beim alten Hovercraft- Terminal. 200 Migranten, sagt Mignonet, versuchten die Zäune zu zerstören, warfen Steine auf die Polizisten , die ihrerseits Tränengas schossen. Dritte Skizze: ein LKW im westlichen Teil des Hafens, ein paar Wellen, die das Meer symbolisieren. Ein Pfeil, der von dort ins Hafenbecken vordringt und den LKW ansteuert. “Fünf oder sechs Migranten versuchten es in letzter Zeit mit Schwimmen. Einige wurden schon tot aufgefunden.” Eine Lösung hat er auch nicht. Nur das Bewusstsein, dass “selbst Zäune bis hinüber nach Wladiwostok” nicht helfen würden.

Den Belfried des Stadthauses, in dem Phillippe Mignonet sitzt, kann man bis in die Zone Industrielle Des Dunes sehen. Hier draußen, abseits des Zubringers zum Hafen, entfaltet sich das ganze Szenario dessen, was den Namen Calais in fetten Buchtaben auf die Landkarte der Migration gebracht hat. Kleine Gruppen von Männern sitzen zusammengekauert auf den schmalen Grünflächen am Wegesrand. Den Standstreifen der Straße säumen massive Felsblöcke, um LKW- Fahrern nicht die Möglichkeit zu geben hier anzuhalten. Auf einem stillgelegten Schienenstrang wandern Menschen in alten Mänteln und ausgebeulten Hosen stadtwärts, Gespenster mit düsteren Minen, gewandet in das, was die Kleidersammlungen Europas hergaben.

Ein paar Meter entfernt liegt der Ort, der Calais vor fünf Jahren weltweit in die Schlagzeilen brachte: ein Elendsquartier mit Unterschlüpfen aus Brettern und Plastikplanen, “Jungle” genannt. Mehr als 500 Transitmigranten lebten damals in den Küstenwäldchen, bis die Bulldozer dem Camp ein Ende machten. Nun wachsen auf der Brache wieder Sträucher und Büsche. Das Elektrizitätswerk nebenan lässt die Luft surren, und gegenüber, wo sich noch dichtes Gehölz findet, treten wie damals Menschen zwischen den Blättern heraus und gehen mit Kanister und Zahnbürste in der Hand zum Hydranten an der Ecke.

In Calais spricht man von “Jungle 2”, was klingt wie ein Film, der eine Fortsetzung bekommt. Eigentlich sind es mehrere Siedlungen, in denen 700 oder 800 Personen campieren, Männer, Frauen und sogar einige Kleinkinder, und von wo aus sie Nacht für Nacht probieren, in einen LKW zu gelangen. “Zum Beispiel bei der Tankstelle dort hinten”, sagt David, ein junger Eritreer mit kurzen Dreadlocks, der es bis zum Morgen vergeblich versucht hat. Jetzt, am Nachmittag, kommt er zum Hydranten, um sich zu waschen. Er trägt Shorts, Plastiksandalen und ein T- Shirt mit “I Love Amsterdam”- Aufdruck, das man ihm in einem Auffanglager in Rom gab.

Um in seinen Jungle zu kommen, muss David hinter den Bahngleisen durch ein Loch im Zaun, über den Klamotten zum Trocknen hängen. Vorbei an einer verlotterten Halle aus grünem Wallblech, um die herum windschiefe Hütten stehen, die Wände aus Holz- Abfall, Ästen und Baumstämmen, bedeckt mit Planen. In der Halle liegt unter zwei Basketballkörben nur noch das Betonfundament, auf dem sich Decken und Matratzen ausbreiten. Dahinter erstreckt sich ein Fußballfeld, umgeben von noch mehr Hütten und Zelten. Im Hintergrund ragen die blassgrünen Schornsteine einer Chemiefabrik in den diesigen Himmel.

David steuert auf einen Bretterverschlag an der Hallenwand zu: das Restaurant. Auf wenigen Quadratmetern stehen zwei Bänke, auf einer davon sitzen drei Männer. Nebenan ist eine provisorische Küche, wo zwei Frauen über einer Feuerstelle Zigni Dorho bereiten, Hühnerschenkel und Ei in scharfer roter Sauce. Es ist schummerig unter der dicken Plane. David, der dem endlosen Militärdienst entfloh, war dabei, als die Fähre bestürmt wurde. “Nein”, sagt er, “es gab vorher keinen Plan. Wir sind einfach nur gelaufen, weil alle hier im Jungle Hunger haben.”

Die drei Männer auf der anderen Bank kommen auch aus Eritrea. Wie David hatten sie genug vom erzwungenen Soldatenleben, und auch ihnen gilt England als Sehnsuchtsort, wo sich mit beinahe 40 nochmal ein neues Leben aufbauen lässt. Doch mit Hunderten die Kontrollen zu überrennen, scheint ihnen nicht der richtige Weg. “Wir sollten systematisch vorgehen”, meint der Mann in der Mitte mit bedächtiger Stimme. “Eine solche Aktion führt nur zu Spannung und noch strengeren Kontrollen.” Er trägt eine dicke Camouflage- Jacke und eine Brille mit dünnem Rand und will nicht mehr als seinen Spitznamen Abukalifa Preis geben. In Asmara installierte er Internetanschlüsse bei Firmen. Sein Traum: als Netzwerkingenieur in England arbeiten.

David empfiehlt sich jetzt, um draussen das Doppelkreuz aufzustellen, das am Abend zur Mesqel- Zeremonie angezündet wird. Die Christen aus Äthiopien und Eritrea haben es aus Stöcken und Ästen zusammengebunden und mit den gelben Blüten geschmückt, die auch im Herbst noch an den Sträuchern in den Dünen blühen. Drei Meter hoch ist das Kreuz. Das Freudenfeuer ist Teil der orthodoxen Neujahrs- Zeremonie. Wenn es nach Osten fällt, erklärt David, soll das Jahr besonders glücklich werden.

Vorläufig aber lässt das Glück auf sich warten. Wieder einmal gelingt in der Nacht niemand hier der Sprung über den Kanal. Und so sitzen sie am nächsten Nachmittag in der Nähe der Église Notre Dame – dem einzigen Gebäude außer dem Hafen, das dieser Stadt ein bisschen Ruhm brachte. Charles de Gaulle heiratete dort seine Frau, die aus Calais stammte. Schräg gegenüber öffnet das Hilfswerk Secours Catholiques die Türen zu seiner Kleiderstube. Auf allen Bordsteinen in der Umgebung drängen sich Migranten, die vom Horn von Afrika und die Afghanen, die Syrer und Iraner, Ägypter und Pakistanis. Ein vielstimmiges Gemurmel füllt die Luft.

“Und jetzt die Nummern bis 250”, ruft ein Mann am Eingang. Jeder hier hat einen kleinen Zettel mit einer Zahl. Abukalifa trägt trotz lauer Temperatur wieder die warme Tarnjacke. Auf seinem Papier steht 491, 500 Bons wurden verteilt. Also wartet er, wie er schon seit zwei Monaten hier am Kanal wartet. Er braucht neue Schuhe, die alten sind nicht mehr dicht. Er stellt sie neben sich auf den Bordstein, legt die feuchten Socken herein und setzt die Füße auf den Asphalt.

“Nummern bis 260.” Und was, wenn das so weitergeht? Auf dem Boot übers Mittelmeer, erzählt Abukalifa, habe er gebetet, es nach Europa zu schaffen, irgendwohin. Dann kam er nach Italien und traf Eritreer, die obdachlos sind. “Mach, dass du wegkommst, bevor sie deine Fingerabdrücke nehmen, sonst endest du wie wir”, rieten sie ihm. Er kam nach Paris. Auch dort schliefen Landsleute auf der Straße. Und nun lebt er selbst im Jungle. “Obwohl wir im Geschichtsunterricht lernten, dass Frankreich die Quelle der Freiheit ist.” Wie es wohl in England sein wird?

In den Zeitungen steht an diesem Tag, dass französische LKW- Fahrer drohen den Hafen von Calais zu blockieren. Abukalifa und die anderen lesen keine Zeitungen. Die relevanten Dinge dringen trotzdem zu ihnen durch. Die Augen hinter den Brillengläsern blicken nun prüfend. “Wir haben gehört”, beginnt er, und seine Stimme ist sacht und doch anklagend, “die britische Regierung habe der französischen Geld gegeben, um hier die Kontrollen zu verschärfen. Stimmt das?”

Abukalifa hat richtig gehört: 12 Millionen Pfund will London investieren, um die Zahl derer, die den Kanal überqueren, weiter zu verringern. “Und jetzt die Nummern bis 270” , klingt es vom Eingang. Abukalifa sieht müde aus. Er will den Jungle hinter sich lassen, bevor es Winter wird.

Erschienen auf Zeit Online, 11. Oktober 2014
 

 

 

 

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