Die Angst vor Calaiser Zuständen

Nervosität an der Nordsee: weil sich die Situation von Transitmigranten in Frankreich verschärft, verlagert sich das Geschehen in Richtung Niederlande.

Wie klein so ein Grab aussieht, wenn es nicht eingefasst ist! Wenn es keinen Grabstein hat. Wenn da nur ein aufgeworfener Sandhaufen ist mit einigen Blumen, die meisten noch schnell gepflückt am Wegrand, wie auf der Flucht. Der Tote liegt hier schon seit dem Herbst. Die Blumen aber kamen erst Mitte Juni, als seine Identität bekannt wurde und die Geschichte, die dahinter steckt. Ende Oktober, als er am Strand von De Koog auf der Nordseeinsel Texel angeschwemmt wurde, nannte man ihn “der Wetsuit- Mann”, wegen des Neoprenanzugs, den er trug. Auffällig dünn für die Jahreszeit war der Anzug, trotzdem ging man von einem Taucher aus. Bis ein norwegischer Journalist recherchierte, dass der Wetsuit- Mann Mouaz Al Balkhi hieß, ein 22jähriger Syrer. Den Anzug hatte er Anfang Oktober in Calais gekauft.

Dort, wo der Ärmelkanal nur 33 Kilometer misst, brach Mouaz Al Balkhi zur letzten Etappe seiner Flucht auf. Die vorherige Route: Damaskus, Jordanien, die Türkei. Algerien, Libyen, Italien. Acht Monate hatte er dafür gebraucht. Kurz vor dem Ziel schickte er einem Onkel, der auf der anderen Seite des Kanals Asyl bekommen hatte, eine SMS: “Ich kann England sehen.” Wenig später stieg Mouaz Al Balkhi in die Nordsee. Dass er schwimmend die englische Küste zu erreichen versuchte, gilt niederländischen Medien und Behörden als sicher – auch wenn eine Schwester des Toten das bestreitet: Mouaz hätte davon gesprochen, vom Meer aus eine Fähre oder ein anderes Boot zu erreichen, sagt sie einer niederländischen Zeitung.

In Jahren von Recherchen am Kanal habe ich nie einen Migranten gesprochen, der ernsthaft in Erwägung zog, über den Kanal zu schwimmen. Versuche, an den Kontrollen vorbei auf ein Boot zuzuschwimmen, gibt es dagegen häufiger. 2013 entschied sich mein Bekannter T. aus Eritrea für diesen Weg. Auch in diesem Fall war es Herbst, und man konnte ihn gerade noch aus dem Meer ziehen und in ein Krankenhaus bringen. Wie auch immer das bei Mouaz Al Balkhi war: beide Varianten lassen einen erschaudern, während die Bienen um die Blumen auf dem Grab brummen und die Vögel in den Bäumen trillern. Von Den Burg, dem Hauptdorf auf Texel, wo halb Nordrhein – Westfalen ruhesuchend in seinem koffie verkeerd rührt, gibt es nun eine direkte Verbindung zu den Dramen von Calais.

Texel ist nicht der einzige Ort an der niederländischen Küste, für den das zutrifft. Etwa 150 Kilometer südlich, in der Nähe von Rotterdam, liegt der Hafen Hoek van Holland. Anfang Juni findet der britische Zoll in Harwich, dem Zielhafen der Fähren aus Hoek, 68 Migranten aus Afghanistan, China, Vietnam und Russland. Zur gleichen Zeit wird bekannt, dass hier nach nicht einmal der Hälfte des Jahres schon 160 Flüchtlinge festgenommen wurden – die gleiche Anzahl wie im gesamten letzten Jahr. Offenbar weichen sie auf andere Routen aus, nachdem die Lage in Calais immer dramatischer wird. Mehr als 2.000 Menschen warten dort auf eine Chance, unerkannt nach England zu gelangen. Der Mythos leicht zugänglicher Arbeit und weniger Kontrollen ist für Generationen von Transitmigranten am Kanal der Stoff, aus dem ihre letzte Hoffnung ist.

In den Niederlanden werden umgehend alle Alarmknöpfe gedrückt. Geert Wilders’ PVV will die Grenzen dichtmachen, das Kabinett sogenannte “Hot Spots” wie Häfen und Bahnhöfe strenger kontrollieren, und die Medien, vom kläffenden Telegraaf bis zum seriösen NRC Handelsblad überbieten sich in Spekulationen, ob Hoek van Holland nun “das neue Calais” wird. Also muss Klaas Dijkhoff ran, der Staatssekretär für Justiz und Sicherheit. Mitte Juni besucht er die Grenzschützer in Hoek van Holland und spricht ein Machtwort: auf gar keinen Fall werde es Zustände wie in Calais geben. Vor dem Zaun des LKW- Terminals steht er, hinter ihm fahren die Laster auf die Fähre, und Dijkhoff sagt, man würde gerne und vielleicht schon bald mit dem britischen Immigration Service vor Ort kooperieren. Einen Tag später werden hinter dem Zaun drei Albaner aus einem Truck gezogen.

Die Zeichen der Zeit erschließen sich schnell in Hoek van Holland. Ein Blick auf den Zaun, vor dem der Staatssekretär stand, genügt: zwei Meter, darüber drei dünne Standard- Reihen Stacheldraht. Dieser Ort gehört bislang auf der Landkarte der klandestinen Migration zur Perioherie. Die Reaktion der Verkäuferin am Ticket- Schalter zeigt, dass man eine baldige Änderung dieses Status’ befürchtet: absolut nichts dürfe sie sagen zum Thema, beharrt sie. Nervosität an der Nordsee. Was man auch daran sieht, dass ein Sprecher von Stena Line, der hier operierenden Fährlinie, nur anonym Auskunft geben will: es gab immer mal wieder Migranten an Bord, aber dies hier, sagt er, ist ein anderes Kaliber. Den Vergleich mit Calais aber lehnt er ab: zwar seien schon Menschen über den Zaun geklettert und gleich festgehalten worden, doch in der Regel stiegen die Flüchtlinge vorher in die Container.

Am Ende des Zauns liegt der Eingang zum LKW- Terminal von Stena Line. Sander Egging, ein niederländischer Fahrer, kommt gerade aus der Eincheck- Baracke. Während er die Frachtaufkleber auf seinen Wagen klebt, erzählt er, dass in Calais bis Ende des Jahres ein 18 Kilometer langer LKW- Parcours angelegt würde. Die Fahrer müssten dann nicht mehr anhalten und der Stop- and- Go- Verkehr vor dem Hafen, der Flüchtlingen eine Möglichkeit zum Verstecken biete, verschwände. Dann zeigt er seinen verplombten Container: “nichts zu machen!”

Dabei wäre Sander Egging eigentlich eine gute Partie. Nicht etwa, weil er entsprechende Ambitionen hätte, sondern weil niederländische oder deutsche Fahrer öfters durchgewunken werden. Kollegen aus Bulgarien oder Polen würden eher kontrolliert. “Die Migranten neulich wurden auch bei osteuropäischen Fahrern gefunden.” Sander Egging hat keinen Zweifel daran, dass er gleich ohne Aufmerksamkeit der Beamten aufs Schiff rollen wird. Wobei er die Sicherheitsbedingungen auf dem Terminal schon deswegen für lax hält, weil ein Journalist dort trotz “Betreten- Verboten”- Schild unbehelligt seiner Arbeit nachgehen kann. Letzteres hängt offensichtlich von der Tagesform ab: bei einem ersten Besuch eine Woche zuvor wurde ich vom Gelände verwiesen.

Vom Deich aus lässt sich die Einfahrt der LKWs beobachten. Zwar verstellen hohe Bäume den Blick auf das, was bei der überdachten Kontroll- Station genau geschieht, doch fahren auffällig viele Trucks dort zügig vorbei, und schnurstracks auf die Fähre namens “Stena Transi”t. Ein Anruf bei Alfred Ellwangen, dem Sprecher der Grenzpolizei, verschafft Gewissheit: “Wir kontrollieren jetzt mehr, basierend auf Informationen, die wir von staatlichen Behörden bekommen, vom Zoll, von der deutschen Polizei, oder aber von Bürgern. Aber wir haben keine 100%- Quote.” Wieviel Prozent stattdessen, kann er nicht sagen. Dafür erzählt er, dass in Hoek nun auch spezial ausgebildete Hunde eingesetzt werden, um in der Fracht versteckte Flüchtlinge zu finden. In Calais dagegen sind Hunde und CO2- Scanner schon seit Jahren flächendeckend im Einsatz.

Die verschärften Kontrollen sind nur ein Grund, warum sich die Lage an der schmalsten Stelle des Kanals immer weiter zuspitzt: Anfang Juni räumte die Polizei wieder ein von Flüchtlingen bewohntes Squat und einen der Jungles, der provisorischen Siedlungen in den Dünen. Wenige Wochen zuvor tauchten Videoaufnahmen von Polizisten auf, die Migranten von den LKWs auf der Hafenzufahrt wegprügeln und -treten. Der Mangel an Nahrung, Wasser und medizinischer Hilfe sorgt für eine konstante humanitäre Krise. Immer mehr LKW- Fahrer berichten, dass sie von verzweifelten Flüchtlingen bedroht wurden, und auch unter den Transitmigraten kommt es zu Auseinandersetzungen. Ein Pulverfass kurz vor der Explosion.

Dass Transitmigranten sich andere Routen suchen, wenn die Situation in Nordfrankreich zu heikel wird, ist an sich nichts Besonderes. Experten nennen das einen Wasserbett- Effekt: der Druck an einem Ort nimmt zu, also bahnt sich das Wasser einen neuen Weg. Auffällig ist dagegen, dass dieser Effekt sich über 300 Kilometer bis in die Niederlande auswirkt. Früher war der belgische Hafen Oostende eine naheliegende Ausfallbasis. Die Zahl der Überfahrten war dort zwar deutlich geringer, dafür gab es aber nur zwei statt drei Kontrollpunkte. Zwischen Calais und Oostende gab es wiederholt Wellenbewegungen von Transitmigranten. Nach dem Bankrott der Reederei Trans European Ferries 2013 blieb nur noch das benachbarte Zeebrügge.

Im August letzten Jahres wurden im Hafen von Tilbury/ Essex 35 afghanische Sikhs in einem Container aus Zeebrugge gefunden, darunter schwangere Frauen und Kinder. Einer von ihnen, ein 40jähriger Mann, starb auf der Überfahrt. Waheed Rahimi und Javed Esmati, zwei der Überlebenden, traten Mitte Juni vor einem britischen Gericht als Zeugen gegen vier vermeintliche Schlepper auf. Sie berichteten von unerträglicher Hitze, Enge und zunehmendem Sauerstoffmangel in dem 12 Meter langen Metall- Container. Nachdem sie vergeblich versucht hätten, in Calais und Dunkerque auf einen LKW zu gelangen, hätte ihr Mittelsmann sie ins belgische Städtchen Lokeren bestellt. Ein Kleinbus hätte sie dort abgeholt und rund 20 Minuten später in den Container geladen.

Seither bemühen sich belgische Schiffahrtpolizei und britische Immigration Service verstärkt, das Schlupfloch zu dichten. Dass Zeebrugge nach wie vor eine Rolle spielt, zeigt sich in diesem Frühjahr am Zeedijk, der Promenade im kleinen Ortsteil Bad, der gleich westlich des Hafengeländes liegt. Drei Mal in einer Woche, sagt ein Anwohner, hätten Polizisten in der Gegend leerstehende Ferienhäuser geräumt. Betroffen war auch das Anwesen nebenan, das freilich schon längere Zeit nicht mehr benutzt wurde. Die geweißelte Schicht auf den Mauern trägt Risse, auf der abschüssigen Einfahrt wächst Dünengras, die Jalousien sind geschlossen.

Auf der Rückseite des Hauses findet sich ein kleines eingeschlagenes Fenster. Neben dem Schuppen liegen ein schwarzer Kochtopf mit zwei Tellern, Eierschalen, einer leeren Thunfischdose und den Resten einer Nudelmahlzeit. Eine Aldi- Plastiktüte daneben enthält mehr Konservenabfall. Belgische Zeitungen berichten Mitte Juni, die festgenommenen Zwischennutzer seien “Illegale”. Auf Nachfrage bestätigt die Schifffahrtpolizei, dass es sich um Menschen auf dem Weg nach England handelte. Der Nachbar erklärt, er habe von ihnen nichts mitbekommen. Die Polizisten hätten ihn aber angewiesen, ihnen künftig alles Auffällige zu melden.

Rechts vom Zeedijk beginnt hinter einer hohen Mauer der Hafen. Und schon die Orientierung ist für Ortsunkundige eine Herausforderung. Ein riesiges Areal, wo überall Kräne ihre Arme in den Himmel strecken und hinter jeder Kurve neue Verladeterminals liegen. Anders als in Calais, wo noch LKWs mit Plane aufs Schiff fahren, gibt es nur Container. “Hier ist es gar nicht möglich, an Bord zu kommen”, sagt Laurence Matei, ein rumänischer LKW- Fahrer, der sich mit einigen Kollegen am Rand des Hafens auf dem Parkplatz hinter einer Tankstelle die Zeit vertreibt. Einige kochen auf einem kleinen Feuer, andere unterhalten sich. Die Kontrollen, sagen sie, seien zuletzt sehr streng geworden: “Erst geht man mit den Dokumenten ins Büro. Dann kommt ein Mann mit einem großen Scanner, dann ein anderer mit einem kleinen und zum Schluss ein Polizist mit einem Hund. Und sie untersuchen jede Ladung.”

Der Wasserbetteffekt wirkt also auch so: je mehr und schärfer in Häfen kontrolliert wird, desto weiter verlagert sich das Geschehen ins Landesinnere. Laurence Matei erzählt, neulich habe ihm auf einem bekannten LKW- Parkplatz in Luxemburg jemand Geld angeboten, wenn er ein paar Passagiere in seiner Fracht verstecke. Der Parkplatz liege strategisch zwischen Frankreich und Deutschland auf dem Weg nach Belgien. Matei lehnte ab. Doch er weiß auch: “Wir verdienen 1.900 Euro im Monat. Es gibt Fahrer aus der Ukraine, die nur 800 bekommen.”

Jenseits der offensichtlichen Routen spielt sich ein erheblicher Teil der neuen Transitmigration im Verborgenen ab. Da ist zum Beispiel die Geschichte von den fünf Syrern und zwei Iranern, die Ende Juni von einem LKW- Fahrer entdeckt wurden, als er seine Ladung löschen wollte – in einem kleinen Städtchen im Osten der Niederlande, nahe der deutschen Grenze und weitab von jeder Fähre. Offenbar hatten die Männer einen Transport in die falsche Richtung erwischt. Der LKW aber hatte ein irisches Kennzeichen.
Erschienen in WOXX, 10. Juli 2015. Kürzere Version erschienen in Freitag, 23. Juli 2015

 

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