Der Zaunbau von Orbanistan

Beklemmung und Entsetzen einerseits, Wille zur Selbstverteidigung und Vorbildcharakter andererseits: lange hat kein politisches Bauwerk mehr so viel ausgelöst wie die Grenz- Zäune um Ungarn herum. Szenen einer Reise entlang von Gittern und Klingendraht.

“Migranten?”, wiederholt der junge Polizist, den sein Namensschild als Laszlo ausweist. “Nein, die sind hier nicht mehr.” Er deutet auf den verwaisten Grenzübergang etwa hundert Meter hinter ihm. Ein Absperrband geht quer über die Straße. Vor den halb geöffneten Schlagbäumen parkt ein Auto mit zwei weiteren Polizisten. Dahinter kann man das schwere braune Gitter- Tor erkennen, dessen Bilder um die Welt gingen. “Röszke Horgos” steht auf dem Schild über den Schranken. Laszlo und ein Kollege sind das Einzige, was sich bewegt in diesem Standbild. Seit fast zwei Wochen ist hier niemand mehr aus Serbien herüber nach Ungarn gekommen.

Der Grenzübergang Röszke liegt inmitten von Wiesen und Feldern, wenige Kilometer außerhalb des Städtchens Mórahalom. Sandige Trampelpfade ziehen sich durch die flache Landschaft, an deren Rand einem Fasane, Hasen oder ein Reh begegnen können, oder ein Haufen hastig zurückgelassener Kleidungsstücke. Ein Mann, den ich in Mórahalom kennenlernte, hat spontan eingewilligt, mit seinem Jeep eine Tour zur Grenze zu unternehmen. Weil die Stadt klein ist und er ein bekanntes Gesicht, hält uns niemand der Soldaten auf, die hier draußen Wache schieben. Wir passieren eine Ansammlung schwarzer Zelte am Wegrand, wo Migranten aufgefangen wurden, und eine Biegung später eine provisorische Militär- Baracke, vor der zwei Soldaten stehen. Röszke, das ist wie ein Museum für allerneueste Geschichte: die Geschichte der Balkanroute im Spätsommer 2015.

Der Grund, warum ausgerechnet dieser Ort für einige Tage in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit geriet, liegt seitlich des Übergangs. Vier Reihen scharfer Klingendraht, die sich über 175 Kilometer entlang der serbischen Grenze rollen. Dies war der erste Zaun, den die ungarische Regierung befestigen ließ, um die Migranten abzuhalten, die hier vor Kurzem noch klandestin das Schengen- Gebiet betraten. Doch der martialischen Erscheinung zum Trotz war sein Effekt eher propagandistischer Art: die Stellen, an denen er nach oben oder unten gedrückt wurde, um zwischen den Rollen hindurchzuschlüpfen, sind noch erkennbar. Hier und da liegt ein schwerer Ast im Gras, der dazu diente.

In Budapest beschloss man daher, einen zweiten Zaun zu bauen, vier Meter hohe Metallpflöcke, deren Spitzen in Richtung Serbien einknicken und von einer weiteren Reihe Klingendraht abgeschlossen werden. Ein Wettlauf entspann sich zwischen den Bau- Trupps und den Migranten, die noch schnell durch die unfertigen Stellen zu gelangen probierten. In Röszke befand sich das letzte Schlupfloch. Und nachdem es geschlossen wurde, kam es am Grenzübergang zur Eskalation. Migranten bewarfen die ungarischen Polizisten mit allem, was sie finden konnten, und durchbrachen eine Absperrung. Einheiten in schwarzer Kampfmontur griffen zu Wasserwerfern und Tränengas, um sie zurückzudrängen.

Die Stille, die heute über Röszke liegt, hat andernorts neue Dynamik erzeugt. Zehntausende Migranten wichen von Serbien nach Westen aus, um über Kroatien weiter nach Deutschland oder Schweden zu gelangen. Diese Dynamik folgt immer neuen Impulsen, die Viktor Orban, der ungarische Ministerpräsident, im Abstand von wenigen Tagen aussendet. Zuerst lässt er den Zaun nach Osten hin verlängern, entlang der Grenze zu Rumänien. Als nächstes kam die kroatische Seite, deren größter Teil dem Verlauf der Drau folgt. Der Rest soll von diesem Wochenende an hermetisch abgeschlossen sein.

In Beli Manastir, einem kroatischen Provinzstädtchen wenige Kilometer von Ungarn entfernt, ist die Zeit der Gerüchte angebrochen. Einige munkeln, die Grenze solle ganz geschlossen werden. “Aber jeder sagt etwas anderes, niemand weiß, wie das weitergeht”, sagt die Rezeptionistin des einzigen Hotels, das in diesen Tagen voller internationaler Journalisten ist. Plötzlich liegt der verschlafene Ort ohne irgendeine Sehenswürdigkeit am Rand eines Krisengebiets. Nach dem Frühstück fahren die Cameracrews heraus an die Front und bauen in Sichtweite der Grenzstation Petrovo Selo ihre Apparatur auf.

Motorengeräusch kündigt den Mannschaftswagen der Armee an. Von der rechten Seite des Übergangs kommend, fährt er entlang eines Sonnenblumenfelds, an Bord zehn Soldaten in braun- grünen Tarnanzügen. Die Hälfte springt herunter, die Übrigen reichen ihnen den aufgerollten Klingendraht an, der genau ausseht wie derjenige in Röszke. Auch die Metallpflöcke sind die Gleichen, die auf dem Grünstreifen schon befestigt sind. Der Laster fährt ein paar Meter weiter, dann landet die nächste Rolle Draht auf dem Boden.

In die linke Bildhälfte kommt nun ebenfalls Bewegung: ein Trupp Soldaten, ausgestattet mit rotem Ohrenschutz, macht sich daran, die Pfähle aufzurichten. Fünf Meter lang sind sie, es braucht vier Mann um sie zu fixieren, bevor ein Kettenfahrzeug mit einem gigantischen Pressbohrer anrückt. Ein tonnenschwerer dunkler Block dient als Gewicht. In Weiß hat jemand ein hämisch grinsendes Gesicht darauf gesprüht. Es rattert martialisch, als die Fratze an einer Schiene nach unten fährt und die Pfeiler tief ins Feld rammt.

Die Arbeit geht schnell voran. Der Zaun glitzert in der Sonne wie ein silbernes Ungetüm, das sich Meter um Meter in die Landschaft frisst, eine neue Spezies neben all den Feldern, Baumreihen und Brombeerhecken. Dann machen die Soldaten Mittagspause. Ein Anruf bei Zoltan Kovacs, dem Sprecher von Premier Orban. Kovacs sagt, Kroatien sei Schuld an diesem Zaun. “Sie handeln völlig unverantwortlich. Wenn sie ihre Migranten abladen, machen wir eben die Grenze dicht.”

Später, am Nachmittag, sollen hier einige der Busse mit Flüchtlingen ankommen, die Ungarn an die österreichische Grenze weiterleiten wird. Das gesamte Areal wird dann zu einem Sperrbereich, den nur Sicherheits- und Hilfskräfte betreten dürfen. Kurz hinter der Schranke warten Daniel Berenyi und zwei andere Mitarbeiter des kirchlichen Hilfswerks HIA bei einem beigen Zelt auf ihren Einsatz. Seit Juni schon kümmern sie sich um Flüchtlinge, verteilen Essen und Getränke, Babynahrung, Windeln und Isomatten. Alles stammt aus Spenden, aus Ungarn, Wien oder Bratislava. Ein Blick in das Zelt fällt auf Paletten von Wasserflaschen und einen Berg aus Isomatten.

Was Daniel Berenyi von dem Zaun hält? “Erwähn’ das lieber nicht nicht in deinem Artikel” sagt er, ein wenig amüsiert und trotzdem eindringlich. Der 37jährige aus Budapest fällt auf in dieser Umgebung, in der sich immer mehr Uniformen auf die Ankunft der Busse vorbereiten: dunkelblaue mit der Aufschrift Rendörség – Police auf dem Rücken, die braun- grünen der Soldaten. Berenyi trägt helle Shorts und ein T- Shirt, Wadentattoo und um sein Handgelenk hat er, noch vom Sommer, ein Festival- Armband. So viel will er dann aber doch sagen: “Sie wollen mit dem Zaun den Zustrom von Flüchtlingen kanalisieren. Insofern ist er effektiv. Aber natürlich steht es der europäischen Idee entgegen, und besonders wenn man die Rolle sieht, die Ungarn beim Fall des Eisernen Vorhangs spielte.” Was der Zaun mit dem Image des Landes mache? “Nun”, beginnt er. “Wenn es da noch etwas zu ruinieren gab, ist das hiermit geschehen.”

Just als die Busse ankommen und die Flüchtlinge in solche der ungarischen Polizei umsteigen, wird hinten im Feld der Pressbohrer wieder angeworfen. Zu gerne wüsste man, was die Soldaten eigentlich über den Zaun denken, die in Gruppen den Rand des Sperrgebiets bewachen. Da Englisch außerhalb Budapests kaum verbreitet ist, bleibt es bei spärlicher Konversation. “Wie läuft es mit dem Zaun? Geht es voran?”, beginne ich. – “Ja, läuft gut.” – “Und, wird er schön?” – “Ja, schön!” Eigentlich dürfen sie ohenhin nichts sagen, erklärt ein Anderer.

Von Guantanamo abgesehen, hat der ungarische Grenzzaun die Gemüter erhitzt wie kein anderes politisches Bauwerk, jedenfalls nicht seit dem Fall der Berliner Mauer. In Anspielung darauf wird er in den englischsprachigen Medien auch Hungarian wall genannt. Und hier, kurz hinter der noch immer abgesperrten Grenzanlage, zeigt sich auch ein ungarischer Journalist davon bewegt. Sein Äußeres ist auffällig: als einziger Medienvertreter hier trägt er Tarnhose, Armeestiefel und eine Safariweste. Unter dem Basecap ist er beinahe kahl rasiert, wie es bei ungarischen Männern Mode ist.

Ungefragt beginnt er, von Röszke zu erzählen. “Das war ein Angriff auf die Grenze.” Und folgert: “Wir müssen ihn bauen, den Zaun.” – “Wer, du?”, entgegne ich. – “Wir, Ungarn.” Eine bemerkenswerte Auslegung der eigenen Rolle ist das. Und die Frage taucht auf, welche Auffassung, welche politische Kultur dem eigentlich zugrunde liegt. Am gleichen Tag hat das Parlament in Budapest einige Sondergesetze verabschiedet – zusätzlich zu dem, das den illegalen Grenzübertritt unter Strafe stellt. Das Militär darf nun Gummigeschosse und Tränengas gegen Migranten an der Grenze einsetzen. Zugleich bringt sich Viktor Orbán lautstark als Verteidiger des christlichen Europas in Position. Was geht in diesem Land vor sich, das das Prinzip des Zaunbaus nun weiter und weiter treibt und darin, auch das ein Zitat Orbáns, auch andernorts in Europa “gerade die Lösung”sieht?

Vielleicht bringt ein Besuch in Ásotthalom Aufschluss. Die 4.000- Seelen- Gemeinde liegt westlich von Röszke, ein paar Kilometer nur von der serbischen Grenze bei Subotica. Der Bürgermeister hier, László Toroczkai, gilt als geistiger Vater des Grenzzauns. Anfang des Jahres war er der erste, der lautstark für diesen Schritt plädierte. Toroczkai, 37, ist einer der führenden Köpfe der ultranationalistischen “Bewegung der 64 Grafschaften”. Die Laste seiner Beteiligung bei rechtsextremem Gruppen und Aktionen ist lang. Gut 70 Prozent der Bewohner haben ihn gewählt.

Meine Anreise nach Ásotthalom erfolgt von Kroatien aus. Beim Übergang Donji Miholjac taucht das bekannte Glitzern des Klingendrahts aus der Dunkelheit auf. Im Licht der Scheinwerfer wirkt der Zaun noch martialischer. Für den Übergang hat man ein Tor freigelassen, durch das die Fahreuge sich wie durch eine Mauer bewegen. Jedes Auto wird angehalten, auch der Minibus, in dem ich als einziger Passagier sitze. Die Tür geht auf, und herein kommt eine kleine aber furiose Grenzbeamtin, die laut Namensschild Rita Hirsch heißt. “Passport”, schnauzt sie. Ïch gebe ihn ihr. “ID!” Sie erhält meinen Führerschein. “Das ist kein ID”, beschwert sie sich auf deutsch und beginnt mein Gepäck zu durchsuchen. Es dauert, bis der Zerberus Orbanistans zufrieden ist. Ich erhalte die Dokumente zurück. Zum Abschied sagt sie nicht etwa “Gute Fahrt”, sondern, bezogen auf den Zustand des Reisepasses: “Passport Scheise!”

Ásotthalom wirkt um einiges freundlicher als Rita Hirsch. Das Dorf liegt zwischen Wiesen, Laubwald und Obstgärten, eingeschossige Häuser hinter flachen Zäunen säumen die Straßen, auf denen man mehr Fahrräder als Autos sieht. Das Zentrum besteht aus der Kirche, einem Besen- Geschäft, Pizzeria und Bar. Das Gemeindehaus, erklärt eine verblichene Tafel, wurde mit 40 Millionen Forint von der EU bezuschusst. Schräg gegenüber liegt der Amtssitz des Bürgermeisters. Lászlo Toroczkai ist verreist. Ein Mitarbeiter ruft die Vize- Bürgermeisterin an, Veronika Dobó, die Englisch spricht. Auch sie ist auswärtig beschäftigt. Fragen will sie aber gerne beantworten, per Mail.

An der Bushaltestelle fährt jetzt eine weiße Streife vorbei. Der Polizei- Schriftzug jedoch fehlt. Polgárörség steht darauf, was soviel wie Bürgerwehr bedeutet. Es gehört zu einer Freiwilligen- Miliz, die Toroczkai hier eingerichtet hat. 18 Mitglieder, die unbewaffnet der Polizei assistieren sollen. Daneben gibt es drei bewaffnete Feldpolizisten, die aus Mitteln aus dem Landwirtschaftsministerium finanziert werden. Bis vor kurzem, als hier täglich Flüchtlinge über die grüne Grenze kamen, halfen die Hilfskräfte sie zu suchen und zu verhaften. Seit der Zaun da ist, gibt es keine Migranten mehr in Ásotthalom. Jetzt plagen die Mitglieder andere Probleme. Einer der Hilfs- Sheriffs ist auf der Suche nach einer Apotheke. Jemand an der Bushaltestelle weist ihm den Weg.

Bürgermeister Toroczkai will seine Mannen nur zu gerne wieder ins Feld schicken. “Botschaft an illegale Einwanderer” hat er das Video betitelt, das er am Tag veröffentlichte, als Ungarn den Zaun an der serbischen Grenze fertigstellte, als das Schlupfloch Röszke eine Sackgasse wurde und unbefugter Grenzübertritt eine Straftat. “In Ásotthalom”, hebt László Toroczkai warnend an, “bekommen Armee und Polizei Unterstützung von Feldwächtern und Bürgerwehr.” Dann folgt ein selbst montierter Action- Film, mit dramatischer Musik unterlegt. Man sieht den Zaun, dann einen Mann in Tarnhose,der auf einem Motorrad durch den Wald rast. Ein Hubschrauber zirkelt über Feldern, zwei Reiter auf Schimmeln referieren an die alten Magyaren. Am Ende stellen sich alle um den Bürgermeister, der verkündet: “Ungarn ist eine schlechte Wahl für Illegale. Und Ásotthalom ist die Schlechteste.”

Was verbirgt sich hinter dieser zur Schau gestellten Militanz? Von Veronika Dobó, der parteilosen Vize- Bürgermeisterin, gibt es ein paar Zeitungs- Zitate. Die Motive, die daraus sprechen, sind deutlich: Angst, Unkenntnis und ein Gefühl der Ohnmacht. “Was wir befürchten, ist Terrorismus. Es ist kein angenehmes Gefühl, wenn man jeden Tag Kolonnen unbekannter Menschen durch sein Dorf ziehen sieht.” Oder: “Sie haben keinen Respekt für andere Kulturen, und wir können nicht unterscheiden, wer ein Terrorist ist und wer nicht.” Das Fazit: “Es wäre besser, wenn niemand von ihnen gekommen wäre.” Was Veronika Dobó von dem Video ihres Vorgesetzten hält, will sie dann doch nicht mehr sagen. “Es tut mir leid, ich kann keine Fragen an Stelle unseres Bürgermeisters beantworten”, mailt sie zurück.

Unterdessen scheint sich die Idee des Zauns nicht nur in Ungarn auszubreiten. In Bulgarien steht schon ein kurzer, der bald erweitert werden soll. Und wenn es nach Manfred Weber geht, der für die CSU im Europaparlament sitzt und dort die christdemokratische Fraktion leitet. Am Tag, als Viktor Orban die CSU besucht, sagt er in einem Interview, es werde in Europa mehr Zäune geben müssen, wenn die Außengrenzen nicht wirkungsvoller geschützt würden. Seltsam ist die Gewahrwerdung, dass auf einmal ganz schön antiquiert erscheint, utopisch gar, was bis vor kurzem unser Alltag war: das Europa der offenen Grenzen.

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, als der Zug durch die flache ungarische Landschaft zuckelt. Österreich ist nicht mehr weit. Österreich ist nicht mehr weit. Mehreren Tweets von Helfern ist zu entnehmen, dass in der vergangenen Nacht mehrere Tausend Menschen hier angekommen und zu Fuß zum Übergang in Nickelsdorf gelaufen sind. Nun, an einem nasskalten Morgen, liegt der Grenbahnhof Hegyeshalom wie verlassen da. Kurz befürchte ich, dass mit einem Mal Rita Hirsch zusteigen könnte, wie eine Fata Morgana aus dem Reich der Zäune. Sie wird wohl Wichtigeres zu tun haben.

Erschienen in taz, 26. September 2015

 

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