Der gute Mensch von Molenbeek

Einst träumte Montasser Alde’emeh davon, sich in die Luft zu jagen. Heute könnte er einen Ausweg aufzeigen aus der Sackgasse des belgischen homegrown- Jihadismus

Man kommt um Montasser Alde’emeh dieser Tage nicht herum. Sein Buch, De Jihadkaravaan, ist ein Bestseller, und beide großen flämischen Wochenzeitschriften haben ihn kurz vor Weihnachten auf der Titelseite. Er ist, wenn man so will, der Gegenpol zu Salah Abdeslam, dem flüchtigen verhinderten Selbstmordattentäter von Paris. Beide kommen aus Molenbeek, beide sind 26. Abdeslams blasses Gesicht in den Zeitungen kündet vom Schatten des Terrors, der immer noch über der Stadt hängt. Das von Alde’emeh steht für die Hoffnung, es könnte noch etwas zu retten sein.

2015 ist Montasser Alde’emeh in Belgien zu einer Instanz geworden, und zwar umso mehr, je tiefer das Land im jihadistischen Sumpf verstrickt erschien. Charlie Hebdo, Porte de Vincennes, der offenbar in letzter Minute abgewendete Anschlag der Zelle von Verviers, das Beinahe- Blutbad im Thalys. Schließlich der 13. November in Paris, und erneut zahlreiche Spuren nach Belgien. Montasser Alde’emeh warnt schon lange vor Rückkehrern aus Syrien. Spätestens seit Europa mit dem Finger auf seine Hauptstadt zeigt, auf “Belgistan” als vermeintlich gescheiterten Staat, bürgt sein Name für Expertise.

Es ist also nicht leicht, Montasser Alde’emeh zu treffen. Am Handy erwischt man ihn kaum, sein Anrufbeantworter ist ständig voll. Morgens um 4 schreibt er eine Mail: ab 17 Uhr hat er Zeit. Vorher muss er noch nach Antwerpen, gleich nach dem Aufstehen, und dann wieder nach Brüssel. Zwei Jugendliche, mit denen er sich zur Zeit intensiv beschäftigt. Ein Mädchen und ein Junge. Nicht direkt auf dem Absprung nach Syrien, aber sie gehören zu denen, die, wie er sagt, “den Lockruf hören”. Montasser Alde’emeh will sie auf andere Gedanken bringen. Spricht und diskutiert mit ihnen, macht Aufzeichnungen, stundenlang. Er hat Zugang zu den beiden. Das ist schon ziemlich viel.

Am Nachmittag mailt er seine Adresse in Molenbeek. Die Wohnung ist einfach, wie eine Studentenbude. Helle Möbel, leere Wände, Bücherregale. Montasser Alde’emeh trägt die gleiche schwarze Lederjacke wie auf fast allen Fotos. Übernächtigt ist er, doch der Blick bleibt scharf und fokussiert. Er ist im On- Modus, und unübersehbar schon lange. Mit Hunderten Jugendlichen, allesamt Lockruf- Empfänger, hat er geredet, bei ihnen zu Hause, und in seinem Zentrum in Mechelen, das er ehrenamtlich mit zwei Müttern betreibt. Das Kind der einen ist in Syrien gefallen. Das der anderen kämpft für eine islamistische Miliz. Dutzende andere, so Montasser Alde’emeh, konnte er überzeugen, kein Teil der Jihadkarawane zu werden.

Was ihn antreibt? “Am Anfang merkte ich, dass zwei, drei von ihnen mir zuhörten und ihr Leben veränderten. Da wollte ich die anderen nicht im Stich lassen.” Er schaut eindringlich. Kein Zweifel, dies ist eine Mission. “Ich fühle eine Berufung in mir, meine Verantwortung zu übernehmen.” Montasser Alde’emeh klingt wie ein Prediger. Er nennt sich einen “radikalen Versöhner” und macht keinen Halt vor Kalibern wie ‘Hass’ und ‘Liebe’. Als was er sich selbst sieht? Er hält kurz inne. “Ein Mensch”, kommt es entschieden. Draußen tönt eine Polizeisirene. “Ein Weltbürger.” Sein Ausgangspunkt: “Liebe für alle Bevölkerungsgruppen.”

Den Hass, den kennt er auch. Zehn Jahre ist es her, dass Montasser, ein belgischer Teenager mit palästinensichen Wurzeln, sich in die Luft jagen wollte. Anders als viele heutige foreign fighters war der Nahostkonflikt für ihn kein symbolpolitischer Fluchtpunkt, vielmehr biographischer Referenzrahmen. Als jüngstes von zehn Kindern wurde er in einem jordanischen Flüchtlingslager geboren und kam mit zwei Jahren nach Belgien. Als er registriert wurde, gab sein Vater Jerusalem als Geburtsort an, um Montasser mit der palästinensischen Sache zu verbinden.

Eine Adoleszenz zwischen Fußball und palästinensichen Reden auf dem allgegenwärtigen Al Jazeera mit dem 11. September als “politisches Erwachen”, wie er das nennt, endete in einer tiefen Identitätskrise mit Selbstmordgedanken. Als Bin Laden sagte, man lasse Palästina nicht im Stich, landete er als Poster an Montassers Wand. Er radikalisierte in Eigenregie, in seinem Zimmer, mit Hizbollah- Liedern als Soundtrack zu Ballerspielen. Später trainierte er heimlich in einem Wäldchen und erprobte Nahkampftechniken an Fasanen. Er suchte Kontakt zur Hizbollah um an Operationen in Israel teilzunehmen. Im letzten Moment hielt ihn der Schmerz der Mutter in Belgien.

Es war nicht nur der Wunsch, seine Mutter nicht zu enttäuschen, der Montasser Alde’emeh vom Jihad Abstand nehmen ließ. Die inner- palästinensichen Kämpfe desillusionierten ihn, und dann war da der Hass, der ihn zusehends zu ersticken drohte. “Ich fühlte mich wie in einem Meer von Krokodilen, wo ich nicht mehr Atem holen konnte. Ich begann den Hass zu hassen.” Die Grausamkeit der Enthauptungsvideos drang nun zu ihm durch. Anfangs hatte er die kaum wahrgenommen, “genau wie die Syrienkämpfer heute sich damit nicht beschäftigen”.

Sein Vater war erst entsetzt, als Montasser Alde’emeh an einer Schulreise nach Auschwitz teilnahm. Später, im Studium, lernte er Hebräisch und belegte einen Judaistik- Einführungskurs. Die ersten Begegnungen mit Juden öffneten ihm die Augen: “Ich sah den Menschen in ihnen, identifizierte mich mit ihrem Schmerz, ich sah, dass Menschen einander diesen Schmerz antun.” Montasser ist sich sicher, dass seine Erfahrung essentiell ist, um die Syrienkämpfer dieser Zeit zu verstehen. Just darum hören sie ihm zu, und nicht Deradikalisierungsbeamten, denen sie nicht vertrauen.

Er selbst, davon ist er überzeugt, wäre ohne diese Vergangenheit 2014 auch kaum nach Syrien gezogen, um für seine Doktor- Arbeit über Radikalisierung zu forschen. Er verbrachte Zeit mit belgischen Al Nusra- Jihadisten in ihren erbeuteten Villen, und sein Versuch, deren Emir Muhammad al- Julani zu interviewen, brachte ihm eine nicht ungefährliche Begegnung mit dem Geheimdienst der Miliz. Da Ergebnis ist ein 400 Seiten starkes Buch, das er zusammen mit dem Nahost- Experten Pieter Stockmans schrieb.

“Die Jihadkarawane – Reise zu den Wurzeln des Hasses”, hat das Zeug zum Standardwerk. Es rekonstruiert Lebensläufe von einigen der rund 440 belgischen foreign fighters, die Stationen der Entfremdung und Radikalisierung bis zu ihrer misslichen Lage zwischen Al Nusra und IS. Eingebettet ist diese Entwicklung in den belgischen Diskurs: die Niqab- Riots von Molenbeek 2012, die Debatte um die Gruppe Sharia4Belgium, die Kundgebung gegen den Film The Innocence of Muslims in Borgerhout. Das Buch verfolgt den Weg des Aufpeitschers von Borgerhout zum Funktionär der Religiospplizei in Raqqa und analysiert: “In Syrien zeigt sich, zu welchen Denkbildern und Handlungen diese Jugendlichen kommen können, sobald ihr Hass aus den Ketten des Rechtsstaats befreit wird.”

Wer sich auf Gebiet bewegt wie Montasser Alde’emeh, braucht einen festen Stand. Neulich konnte das ganze Land miterleben, wie er an die Grenzen seiner Möglichkeiten kam. Die Zeitschrift Knack veröffentlichte zwei Telefongespräche, die er mit Abdelmalik Boutaliss führte, einem 19jährigen IS- Kämpfer aus Kortrijk. Dessen Eltern hatten ihn gebeten, Abdelmalik von einem geplanten Selbstmordanschlag abzubringen. Montasser: “Töten ist haram “. Abdelmalik: “Ja, aber das ist eine Märtyreroperation. ” – “Ich habe mit einem Gelehrten in Saudi- Arabien gesprochen, der sagt auch, dass es verboten ist.”- “Die Gelehrten sind schmutzige Teufel, die Demokratie wollen.” Bitte, tu es nicht!” – “Was bleibt ihr nur so am irdischen Leben festhalten.”

Kurz darauf jagt sich Abdelmalik Boutaliss im Irak in die Luft. Freunde von ihm, die sich weigerten, ihn zurückzuhalten, nennen Montasser Alde’emeh nun “einen Hund der Ungläubigen”. Auch aus der Umgebung der Terrorzelle von Verviers empfing er schon Bedrohungen. Die Anschläge von Paris erschüttern nicht seinen Glauben an seine Mission, aber deren praktischen Umfang. Er verkündet, künftig nicht mehr mit Rückkehrern arbeiten zu wollen. Wenig später wird eine seiner Lesungen im Städtchen Edegem abgesagt, weil seine Sicherheit nicht garantiert werden konnte.

Die Erschöpfung, die Montasser Alde’emeh manchmal überkommt, ist nicht nur körperlich. “Es sieht nicht gut aus”, seufzt er mit einem Mal. “Ich bin wirklich nah an den Jugendlichen dran. Der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen nimmt zu. Und dieses ‘Siehst- Du’- Denken: ‘siehst du, sie passen sich nicht an. – ‘Siehst du, sie scheren uns alle über einen Kamm.’Die einen sagen, der Islam ist kein Problem. Die anderen sagen, er ist nicht vereinbar mit der europäischen Kultur. Beide Gruppen verstärken einander immer mehr.” Unvermittelt bricht sich eine inhaltliche Frustration Bahn. “Da ist wenig Intellekt, Mann! Ich bin wirklich enttäuscht von den Intellektuellen dieses Lands.”

Wenn er so dasitzt und den Kopf in die Hand stützt, begreift man, in was für Kraftfelder er hineingeraten ist, der gute Mensch von Molenbeek. Neulich sagte er in einem Interview, er fühle sich, als habe er schon drei Leben hinter sich. Der Independent- Journalist Robert Fisk findet, Montasser Alde’emeh habe mehr für die Sicherheit getan als alle offiziellen belgischen Instanzen zusammen. Ausländischen Geheimdienste haben ihm Avancen gemacht- vergeblich. Welche es sind, will er nicht sagen.

Längst ist es dunkel in Brüssel. Doch sein Tag ist noch nicht vorbei. Er muss noch zu einer Lesung, irgendwo an der deutschen Grenze. Und vorher zu seinem Barbier, in der Nähe von Brüssel Midi. Haar und Bart trimmen, eine Frage des Respekts. Er braucht eine Pause, sagt er im Auto. Urlaub machen, aber wo? Man wünscht ihm ein sanftes Aufkommen. Und denkt an dieses Titelbild einer belgischen Zeitung nach den Razzien von Verviers. Ein bewaffneter Soldat auf der nächtlichen, regennassen Straße. “Das geht nicht vorbei”, stand darunter. Montasser Alde’emeh ist bereit.

Erschienen in Freitag, 14. Januar 2016

 

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