Der Cheeseburger in der Koscher- Küche

Studentenheime gibt es viele in Amsterdam – und seit Neuestem auch ein jüdisches. Eine Verabredung zum Abendessen.

Für Alissa geht es darum, mit anderen Juden zusammen zu wohnen. Judith schätzt es, jederzeit koscher essen zu können. Und Jonathan findet es ganz einfach angenehm, sich nicht immer erklären zu müssen. “Niemand fragt mich hier, wieso ich freitags zu meinen Eltern fahre. Man sagt nur ´Gut Schabbes´ und das war´s.” Gründe, in dieses Haus zu ziehen, gibt es viele. Manchmal aber reicht ganz einfach der Duft frisch zubereiteter Bolognese. Vielleicht ist es auch so, dass das Aroma, das aus der Küche herüber zieht, zum Amalgam wird und vorübergehend alle Gründe verbindet. Gespannt wartet die vollzählige Runde um den großen, braunen Esstisch im Wohnzimmer, dass Jonathan und Judith auftischen.

Der wöchentliche Hausabend ist der soziale Höhepunkt im jüdischen Studentenwohnheim in Amsterdam. Seit dem Winter bewohnen 16 junge Juden zwei vierstöckige Häuser im Zentrum der Grachtenmetropole. Zwei Zimmer von rund 20 Quadratmetern liegen auf jeder Etage, pro Haus gibt es zwei Badezimmer, zwei Küchen, ein geräumiges Wohnzimmer und einen Garten. 18 bis 28 Jahre sind die Bewohner, und ihre Studienfächer so verschieden wie die persönlichen und religiösen Hintergründe. Nur dass sie Mitglied in einer jüdischen Gemeinde sind, darauf legt die Stiftung “Joods Studentenhuis” Wert. Gemeinsam mit einer Wohnungsbaugesellschaft betreibt sie das Projekt, das nach Vorbildern in Delft und Leiden bereits das dritte seiner Art ist.

Über die Zusammensetzung der Bewohner haben sich die Organisatoren viele Gedanken gemacht. “In jedem Haus wohnen fünf Mädels und drei Jungs”, erzählt Wirtschaftsstudent Maxime, der die Hausgemeinschaft gegenüber den Vermietern vertritt. “Außerdem soll das Verhältnis zwischen Amsterdamern und Bewohnern aus der Mediene (den jüdischen Gemeinden außerhalb) möglichst ausgewogen sein. ” Offen steht das Wohnheim auch für Juden aus anderen Ländern. Eine Israelin und ein Deutscher sind die ersten internationalen Bewohner.

Einer von ihnen ist der Mannheimer Lenny, der am Konservatorium Klavier studiert. Während er Käse über seine Pasta streut, berichtet er in fließendem Niederländisch von seiner früheren Unterkunft bei einer alten Frau. Das Zimmer hatte einen entscheidenden Haken: eine Sperrstunde. Der Weg dorthin nämlich führte durch die Wohnstube der Vermieterin, wo wiederum deren Stiefsohn schlief. Musste dieser früh aufstehen, hatte Lenny um Mitternacht auf der Matte zu stehen. “Mit Sessions, die um zehn oder elf Uhr beginnen, war dann natürlich nichts”, muss der Jazzliebhaber lachen, der mit seiner Band vor Jahren schon ein Album veröffentlichte.

Die Schüssel mit Knoblauchbutterbaguette macht die Runde. Jurriaan, der deutsche Sprache und Kultur studiert, schenkt Wasser nach. Die ersten schaufeln sich eine neue Ladung Pasta auf den Teller. Man bespricht die nächsten Prüfungen, die Pläne für Pessach, aber auch Politisches. Ein ehemaliger Grünen- Politiker marokkanischer Herkunft hat vor Kurzem den umstrittenen Islamgegner Geert Wilders als “Rassist im Dienste Israels” bezeichnet. Maximes Sarkasmus verwandelt das Kopfschütteln in Gelächter: “Nun ja, letztens, als ich bei der jüdischen Weltversammlung vorbeischaute, ging es dort auch darum.”

Öfter als mit antisemitischem Verschwörungswahn sind die Bewohner mit ihrem Exotenstatus konfrontiert. “Manchmal wundern sich Leute, wenn ich erzähle, wo ich wohne”, sagt Jurriaan. “Einige denken, dass man bei uns im Haus Kippa tragen muss. Oder sie sagen ´aber dazu musst du doch Jude sein´- und dann antworte ich, ´na denk mal nach!´.” Lenny erinnert sich an einen Gast, den die Hausgemeinschaft ziemlich beeindruckt haben muss: “Er fragte, ob er Jude werden kann, denn er wollte auch bei uns wohnen.” Gelächter ringsum. Doch auch Missverständnisse kommen vor. Besucher zum Beispiel, die den Sinn von zwei getrennten Küchen nicht verstehen und die Regeln der koscheren nicht beachten. Auf diese Weise wäre dann fast einmal ein Cheeseburger dort abgelegt worden.

Mit der Wasserpfeife, die in der Ecke neben der Spüle steht, hat dagegen niemand ein Problem – im Gegenteil. Im Sozialleben spielt sie eine wichtige Rolle, neben Fußball gucken und zusammen zu jüdischen Veranstaltungen oder Festen zu gehen. “Ich weiß gar nicht, wie viel verschiedene Tabaksorten wir haben”, lacht Jurriaan. “Apfel und Wassermelone sind jedenfalls gerade sehr beliebt”. Unterdessen wandert ein Flugblatt über den Tisch. Der Sederkurs der Amsterdamer Gemeinde steht an, und mehrere der Studenten überlegen, sich ein zu schreiben.

Wer nach zwei saftigen Bolognese- Portionen noch immer Hunger hat, kann nun wählen: zwischen dem auch bei Touristen beliebten Vla- Pudding und koscherem Schokoladeneis der Marke JEP mit subtiler Zimtnote. Auf dem Tisch stehen die letzten beiden von sechs Packungen, wie Jurriaan mit bedauerndem Blick anmerkt. Als auch diese leer sind, widmet Alissa sich dem Abwasch. Einmal mehr fällt auf, dass es hier für eine so großes Haus- WG ziemlich sauber ist. “Es war ja auch alles frisch renoviert, und wir wohnen erst ein paar Monate hier”, wendet Alissa ein. “Da hatten wir ja auch kaum Zeit, alles zu ruinieren!”

Die ersten haben die Tischrunde schon verlassen, als Moran nach Hause kommt. Die Israelin studiert Physiotherapie und fühlt sich ausgesprochen wohl im Studentenhaus. Was auch daran liegen mag, dass Gespräche problemlos auf Englisch weiter geführt werden, denn Moran tut sich mit dem Niederländischen schwer. Weniger mit dem Sozialleben: alle erinnern sich noch an ihre Chanukkaparty, zu der 40 oder 50 Menschen kamen. Nichtjuden mit jüdischer Kultur bekannt zu machen, das findet Moran spannend. “Das kannst du natürlich leicht sagen, wenn du aus Israel bist”, kommt es umgehend zurück. Moran nickt. “Ach übrigens”, kündigt sie an, “ich denke ich werde zu Pessach wieder ein Fest geben. Am ersten Tag. Ist das ok? Seid ihr dabei?”

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 21. April 2011

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