Der Bekehrte aus dem Polder

Früher war Henny Kreeft ein Anhänger Pim Fortuyns. Heute leitet er die Niederländische Muslimpartei. Ein Porträt.

Das Streitobjekt besteht aus Grünflächen und Baumreihen, Straßen und vor allem aus einem ausladenden Gebäudekomplex. Die kräftigen Finger weisen auf die Oberfläche des Glaskastens: “Hier sollen Geschäfte hin, dort Wohnungen”, erklärt Henny Kreeft, und fährt von oben über das Modell im Foyer des Rathauses. Es zeigt die künftige Bebauung eines Platzes im Zentrum von Emmeloord, des 25.000 Einwohner kleinen Hauptorts der Gemeinde Noordoostpolder mitten in den Niederlanden.

Das Projekt erhitzt die Gemüter. Auch eben, auf der Sitzung des Gemeinderats, ging es hoch her. Der Volksvertreter Kreeft indes blieb ganz gelassen, als er seine Kollegen aufforderte, besser auf die Bedürfnisse von Bürgern und Anwohnern zu hören. Die meiste Zeit saß er, die stämmige Gestalt in einen tiefschwarzen Anzug gezwängt, beobachtend in der Runde und machte sich emsig Notizen. Vielleicht überlegte er gar schon, wo denn einmal, inschallah, die islamische Schule gebaut werden sollte – denn die steht auf seiner Agenda.

Man muss sich diese Szenerie im Detail vor Augen führen. Ein heller Flachbau, beschaulich und adrett wie alles in Noordoostpolder, wo einst das Ijsselmeer strömte, 1942 trocken gelegt und ab den 1970ern besiedelt. Fast alle 29 Ratsmitglieder sind weiße Niederländer, meist fortgeschrittenenen Alters. Knapp die Hälfte gehört christlichen Parteien an, und mittendrin sitzt Kreeft. Henny Abdelkarim, wie er sich seit 20 Jahren nennt, denn er ist Muslim, und nicht irgendeiner, sondern der bekannteste Konvertit der Niederlande. Als Vorsitzender führt er am 9. Juni die Nederlandse Moslim Partij in die Parlamentswahlen.

Für den Kandidaten Kreeft, der in der Verwaltung eines Krankenhauses arbeitet, ist die Wahl wie ein Bruch, und zwar hinsichtlich seiner schillernden politischen Biographie. Nach seinem Abschied aus der Splitterpartei ONS (Onze Nieuwe Samenleving, Unsere Neue Gesellschaft) im Jahr 2007 nämlich agiert er als Ein- Mann Fraktion. ONS ist ein Ableger der Lijst Pim Fortuyn (LPF), mit der der gleichnamige Populist einst einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel bewirkte: weg vom vermeintlichen Multikulti- Traumland, hin zu Zuwanderungsbeschränkung und Leitkultur. Die rund eine Million Muslime wurden im Zuge dieser Entwicklung zum Symbol für Parallelgesellschaft und potentiellen Fundamentalismus.

Henny Abdelkarim Kreeft machte aus seinem Glauben kein Geheimnis, als er 2006 bei ONS anheuerte. Das hatte er auch nicht bei der LPF getan, wo er zuvor zwei Jahre einen Verwaltungsposten inne hatte. Für sein Engagement gab es Gründe: Fortuyns Forderung, Tabus auf zu heben, “alles muss zu diskutieren sein”, das gefiel ihm. Dazu kam die sozialkonservative Agenda, “der Arzt sollte am Bett stehen statt in der Verwaltung, mehr Polizei auf den Straßen, kleinere Schulklassen.” Nur in Bezug auf den Islam, den Fortuyn als “rückständig” ansah, stimmte er dem Parteigründer nicht zu. Aber, so gibt Kreeft zu Bedenken: “Für Fortuyn gehörten marokkanische Problemjugendliche zu uns. Die Forderung, sie ab zu schieben, kam erst später.”

Später, das heißt mit Geert Wilders, der das anti- islamische Moment Fortuyns radikalisierte und damit unaufhaltsam in den Umfragen steigt. Mit der Gründung der “Freiheitspartei” gab er dieser Strömung ein neues politisches Zuhause. Auf viele der verbliebenen Fortuynisten bei ONS, wo Kreeft nach Dauerstreit in der LPF gelandet war, machte das Eindruck, auch auf den Fraktionsvorsitzende in Noordoostpolder. Der Abgeordnete Kreeft sah sich in der eigenen Partei in die Ecke gedrängt: “Eigentlich hatte niemand ein Problem mit meinem Glauben. Dann aber wollten sie mir verbieten, mich öffentlich als Moslim zu erkennen zu geben, um dem Image nicht zu schaden.” Für Henny Kreeft war das der Anfang vom Ende. Diese ´neue Gesellschaft´ war nicht die Seine.

Ohne solche Erfahrungen jedoch gäbe es sein neues Wirkungsfeld vermutlich gar nicht. Die zunehmende Islamophobie in den Niederlanden war ein, wenn nicht der entscheidende Geburtshelfer der Moslimpartij, die laut Programm als “Gegengewicht zu den unfundierten Angriffen gegen den Islam und Muslime” ins Leben gerufen wurde. Außerdem hat sie sich zum Ziel gesetzt, “die Kluft zwischen Muslimen und Nicht- Muslimen zu verringern”. Der Vorsitzende erklärt: “Es wird zu viel über Muslime geredet, und zu wenig mit ihnen.” Die Inhalte, die die Partei in diese Debatte mitbringen will, heißen: Gerechtigkeit, Solidarität, Barmherzigkeit, Respekt, Verantwortung für die Natur und Friedfertigkeit. Diese Prinzipien nennt sie “islamische Werte und Normen”.

Deutlich erkennt man die Handschrift Kreefts, für den sein Glauben vor allem eins bedeutet: “die Pflicht, Anderen zu helfen.” Ihm selbst half einst der Islam, mit dem Krebstod einer engen Freundin fertig zu werden. Muslimische Bekannte rieten ihm, der in einem sozialdemokratischen Elternhaus im katholischen Süden der Niederlande aufwuchs, zu einem Gespräch mit einem Imam. Kreeft, der sich nie davon angezogen fühlte, ein Kreuz an zu beten, fand in der Moschee seinen Frieden. In den späten 1980ern trat er über. Heute widmet er sich an seinem Wohnort einer Reihe Initiativen zur Unterstützung von Migranten. “ Menschen an der Unterseite der Gesellschaft” sind ein zentrales Motiv in der politischen Ethik des 52jährigen, der als junger Mann auch im Gewerkschaftsdachverband FNV aktiv war. Helfen – “das ist mein Islam”.

Ist das angesichts der Ambitionen des politischen Islams der letzten Jahre nicht ein wenig naiv? Mit solcherlei Einwänden muss man Kreeft nicht kommen. Seine E-mails unterzeichnet er demonstrativ “mit freundlichem Friedensgruß”. Die Anerkennung anderer Religionen ist für ihn ein wesentliches Prinzip des Islam. Gleichwohl bestreitet er nicht, dass der Koran auch gegenteilige Passagen enthält. Dominanz, Gewalt gegen Ungläubige, Antisemitismus? “Natürlich steht das dort. Wer sucht, findet im Koran alles.” Just dieser Punkt schlägt laut Kreeft eine Brücke: von Geert Wilders, der den Islam eine “faschistische Ideologie” nennt und den Koran das “muslimische Mein Kampf”, zu den zeitgenössischen Jihadisten. “Beide Seiten finden einen Satz im Koran und denken, der gebe ihnen Recht.”

Die “Vison”, wie die Moslimpartij ihr Programm nennt, trägt diesem Erklärungsnotstand Rechnung. Sie bekennt sich zur Religionsfreiheit und erteilt einem theokratischen Umsturz eine deutliche Absage. Ein neues System ist nicht vorgesehen, “heute nicht, morgen nicht und in der Zukunft nicht.” Auch ein Bekenntnis zur Gleichstellung der Geschlechter findet sich. Im Gegensatz etwa zur fundamentalcalvinistischen Partei SGP können Frauen Ämter übernehmen. In zwei Kommunen stehen sie auf dem ersten Listenplatz. Auf Abstand geht man dagegen zu Symbolen des niederländischen Liberalismus: mit Homohochzeit, Abtreibung oder Sterbehilfe hat die NMP nach eigenem Bekunden “mehr Mühe”. Nicht umsonst wird sie häufig als “Christdemokraten für Muslime” bezeichnet.

Henny Abdelkarim Kreeft ist damit einverstanden. Weiter aber will er nicht gehen, was ihn von vielen Konvertiten unterscheidet: “Ich erlebe es immer häufiger, dass Niederländer, die übertreten, beim radikalen Islam landen.” Er erzählt von einem jungen bekehrten Parteikollegen, der Kreefts marokkanischer Frau, die nicht einmal Kopftuch trägt, keine Hand geben wollte. “Wahrscheinlich ist das ein Drang, etwas aufholen zu müssen. Dahinter steckt die Idee, dass man eine ganze Weile verkehrt gelebt hat.” Er selbst sieht sich in diese Richtung nicht gefährdet – wie wohl auch Henny Kreeft mit seiner Vergangenheit nicht restlos im Reinen ist: “Die Lijst Pim Fortuyn – ich weiß nicht, ob das wirklich nötig war.”

Erschienen in Der Freitag, 8. April 2010

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