Dem Jungle steht das Wasser bis zum Hals

Frankreichs Behörden wollen das Flüchtlingscamp bei Calais Schritt für Schritt verkleinern. Kälte und Tränengas helfen dabei.

Entschlossen stößt die Baggerschaufel in den gefrorenen Grund. Fest greifen die Zähne in Plastikplanen, Zeltreste und Klamotten, die hier, am äußersten Rand des Geländes, auf dem Boden zurückgelassen wurden. Wenig später landet alles in dem Container, bei den anderen Überbleibseln von Behausungen, bei nassen Schlafsäcken und Brettern. Einige Dutzend Beamte der Aufruhrpolizei CRS sichern die Abbruchsstelle an diesem bitterkalten Morgen. Mehr der Form wegen als dass sie dazu einen Grund hätten, denn Proteste gibt es nicht.

Montag in Calais: früher war das der Zeitpunkt, an dem sich die Bewohner des Jungle genannten inoffiziellen Flüchtlingscamps in den Dünen aufmachten, zu den Zäunen und LKW- Parkplätzen, den neuen Frachten einer neuen Woche, die neues Glück bringen konnte. An diesem Montag Mitte Januar sind Bagger und Bulldozer angerückt, um einen Streifen von einhundert Metern Breite erst zu räumen und dann zu planieren. Zu nah kam der Jungle dort an die Auobahn heran, die in diesem Winter eine der letzten Möglichkeiten bietet, an Bord eines Lasters zu gelangen. Mehrmals versuchten Flüchtlinge den Verkehr lahmzulegen. Eine Verzweiflungstat, ohne jede Aussicht auf Erfolg, die meist in Krawallen mündete. Die Polizisten feuerten Tränengas und Gummigeschosse in den Jungle, die Flüchtlinge warfen Steine.

Am Abend vor der Räumung hängt ein Hauch von dem, was man hier draußen Normalität nennt. in der schneidend klaren Luft. Es muss am Cricket liegen, einer alten Gewohnheit unter den südasiatischen Migranten in Calais, und vor allem ein kurioser Zeitvertreib dafür, dass sie sich hier just vor der letzten Etappe ins schwer zugängliche vormalige Mutterland am Ärmelkanal stauen. Vor der Autobahnabfahrt steht der Werfer, er läuft an, schleudert den Ball, und der batsman mit dem Holz in der Hand trifft ihn klatschend, sodass er fast bis oben an den vier Meter hohen Zaun vor der Fahrbahn fliegt, von wo aus man den ganzen Jungle überblickt. Wenn man ihn richtig trifft, ist der Ball der Einzige hier, der noch über diese Absperrung könnte.

Natürlich ist das mit der Normalität ein Trugschluss, selbst dann, wenn man die Standards des Jungle bemüht. Unterhalb der steilen Autobahn- Böschung nämlich, dort wo viele Sudanesen ihre einfachen Zelte hatten, befindet sich nur noch ein Meer aus Planen und Abfall. Hier und da wärmen sich Menschen, die hier bis vor kurzem noch wohnten, an einem stinkenden Feuer, von dem schwarzer Rauch aufsteigt. Ein wenig weiter, wo das Gebiet der afghanischen Restaurants beginnt, sind einige Männer damit beschäftigt, die Teppiche vom Holzgerüst zu lösen, die in ihrem Verschlag als Wände dienten. In der Nähe, außerhalb der Räumungszone, haben sie einen Platz gefunden, an dem sie ihre Unterkunft wieder aufbauen wollen.

Das neue Jahr war gerade ein paar Tage, aber schon drei aufeinanderfolgende Tränengas- Nächte alt, als der Jungle im Ausnahmezustand landete. Auch dies geschah an einem Montag, eine Woche zuvor. An jenem Morgen tauchten Vertreter der Präfektur von Calais auf den schlammigen Wegen auf, begleitet von CRS- Beamten, die neben den Arm- und Beinpanzern ihrer üblichen Patrouillenrunden auch noch Maschinenpistolen trugen. Sie inspizierten das Gebiet, sprachen mit Flüchtlingen und hinterließen eine Drohung in Form von gesprühten rosa Markierungen auf dem Boden: die künftige Räumungs- Zone.

Am gleichen Nachmittag kamen die Vertreter der Jungle- Bewohner zusammen, Afghanen und Irakis, Syrer und Iraner, Eritreer, Sudaner, Kurden, Pakistanis. Nach stundenlanger Diskussion gaben sie bekannt, dass sie in friedlichem Protest die Räumung ihrer Behausungen abwarten würden. Im Lauf der Woche allerdings kippte die Stimmung, nicht zuletzt weil die sinkenden Temperaturen einen Umzug annehmbarer erscheinen ließen als gar keinen Unterschlupf mehr zu haben. Mit Hilfe von mehr als hundert Freiwilligen gelang es rund 1.500 Personen aus den rosa Zonen zu evakuieren. So manches planenverkleidete Holzgerüst sah man in diesen Tagen von sechs oder acht paar Händen durch die Dünen getragen werden. Über Netzwerke wurden Holz und neue Schlafsäcke organisiert und dann im Eiltempo zusätzliche Hütten gezimmert, bis in die Nacht bevor die Bagger kamen.

Nur ein Areal ist von der allgemeinen Betriebsamkeit ausgenommen, und genau dieses ist nötig, um zu verstehen, was in diesem Winter in Calais geschieht. Am anderen Ende des Jungle ist in den letzten Wochen eine kleine Siedlung aus blendend weißen Containern entstanden. 125 sind es, meist stehen zwei übereinander, und mit ihren soliden Betonfundamenten und dem Kies, der zwischen ihnen aufgeschüttet wurde, bilden sie einen bemerkenswerten Kontrast zu den Wegen und Pfaden des Jungle, auf denen erst Pfützen entstanden, die sich sodann in Prile verwandelten und inzwischen gefroren sind. In jedem der einfachen Container warten sechs Doppelstock- Betten mit nagelneuen Laken und Decken auf ihre neuen Bewohner,

Am Tag, als die Präfektur Gesandte in den Jungle schickte, öffneten auch die Container die Tore, für die ersten von insgesamt 1.500 Personen. Wer bisher ein Zelt statt eines hölzernen Verschlags bewohnt hat, soll Vorrang bekommen. Auch für diejenigen, die von der Räumung betroffen sind, wird es hier Unterschlupf geben. Allein, die Zielgruppe reagiert mehr als zögerlich: zwar wurde der neue, dunkelgrüne Zaun, der die Container umgibt, binnen weniger Stunden in die Umgebung integriert, indem man ein paar Klamotten dort aufhängte, auf dass sie irgendwann einmal trocknen. Doch da ist dieses Tor, das sich nur mit Hilfe eines elektronischen Handerkennungsverfahrens öffnet. Viele haben Angst, dort unwissentlich ihre Fingerabdrücke zu hinterlassen. Dass es nachts geschlossen wird, würden den Traum von England endgültig zu einem fernen Schatten machen.

Abgezeichnet hat sich diese Entwicklung schon im Herbst. Der Jungle, am Rand der Zone Industriel des Dunes gelegen, wo chemische Betriebe süßliche, seifige und gänzlich unbeschreibliche Aromen zu einem wahren Geruchs- Erlebnispark machen, befindet sich dann auf dem Höhepunkt seiner Bewohnerzahl, die je nach Schätzung um sechs- oder siebentausend Bewohner liegt. Der Fokus der Flüchtlinge hat sich vom immer besser gesicherten Hafen auf den Eurotunnel in knapp zehn Kilometern Entfernung verlagert. Im Sommer versuchen sie es mit Massendurchbrüchen. Auch die Zahl der Todesfälle steigt: von Jahresbeginn bis Ende Oktober bezahlen 20 Menschen den Versuch nach England zu gelangen mit dem Leben.

In einer Bar im Stadtzentrum erklärt zu dieser Zeit Philippe Wannesson, Mitglied der No Border- Bewegung vor Ort, die Lage: “Die Behörden wollen die Zahl der Migranten hier auf 2.000 senken: 1.500 im neuen Containercamp und weitere 500 im schon bestehenden Frauen- und Kind- Zentrum in der Nähe.” Und die verbleibenden Personen? “Man versucht täglich 50 von ihnen willkürlich zu verhaften und an anderen Orte in Frankreich zu internieren. Nach ein paar Tagen werden sie wieder freigelassen, müssen aber von dort zurück nach Calais. Daneben bietet man auch eine neue Option an: einen Platz in einer offiziellen Flüchtlings- Unterkunft für jene, die zumindest in Erwägung ziehen, in Frankreich um Asyl zu fragen.”

Die Strategie scheint Erfolg zu haben: am Morgen der Räumung erzählt ein Freiwilliger, er habe alleine in der letzten Woche rund 300 Flüchtlinge in Busse steigen sehen, die sich ein Leben in Frankreich vorstellen können. Dass Bewohner des Jungle überhaupt sind, den leuchtenden Fixstern England gegen die andere Kanal- Seite einzutauschen, ist ein neues Phänomen in Calais. Aufgetaucht ist es erst, als Paris im Herbst mit Druck und millionenschweren Zuwendungen aus London die Sicherheitsvorkehrungen weiter verstärkte. Die Zahl der Polizisten wurde fast verdoppelt, der Wald der Zäune am Tunneleingang noch dichter, und über dem Gebiet kreist bei Bedarf ein Hubschrauber. Drei Monate später sieht man, bevor die Bagger den Jungle erreichen, zwei Sudanesen einen Einkaufswagen mit ihren Besitztümern Richtung Stadt schieben, um dort einen Asylantrag zu stellen.

Es ist eine Tatsache: dem Jungle steht das Wasser bis zum Hals, und dies durchaus im doppelten Sinn. Wenige Tage nachdem die Räumung angekündigt wurde, beschließt die Betreiberfirma des Eurotunnel, das Marschland am Eingang unter Wasser zu setzen. Unweit des TGV- Bahnhofs von Calais- Frethun kann man sich vom Ergebnis ein Bild machen: gleich hinter dem ersten von drei Zäunen erstreckt sich eine bräunlich glänzende Fläche, beschienen vom fahlgelben Licht der hohen Laternen entlang der Schienen. Sicher 50 Meter ist sie breit und im Begriff zu gefrieren. Die beiden Gendarmen auf nächtlicher Streife sagen, die Flüchtlinge würden es trotzdem noch versuchen. “Sie sind sehr mutig.” Wie tief das Wasser ist? “Das wissen wir nicht.” Und gefährlich? “Ja, das kann schon sein, aber es ist ihre Verantwortung.”

Wasser ist freilich nicht die einzige Substanz, die den Weg nach England zusätzlich erschwert. Ahmed kann davon ein Lied singen, ein schmaler Afghane mit ernstem Blick und leiser Stimme. Früher war der 24jährige Ingenieur. Zweieinhalb Monate am Kanal haben aus ihm einen Sachverständigen für Reizgas gemacht. An einem trüben Vormittag Anfang Januar sitzt Ahmed in einem der afghanischen Restaurants beim Jungle- Eingang und analysiert den Effekt von Tränengas – “Weinen und Jucken”– im Vergleich zum CS- Gas – “schlimmer, weil es auf die Atemwege geht”. Letzteres sprühen die Beamten ihm bisweilen ins Gesicht, wenn er auf der Straße an ihnen vorbeikommt. Manchmal, erzählt ein anderer Afghane, sagen sie erst noch bonjour. Die Umsitzenden nicken.

Die Stimmung in der Gaststube ist gedämpft, die Gesichter der Männer auf den Sitzbänken entlang der Wände müde und ausgezehrt. Immerhin war die letzte Nacht ruhig, aber die Tränengaspatronen liegen noch auf dem Boden. Ahmed erklärt, dass Calais seine einzige Möglichkeit ist. Ein Versuch im nahen Dunkerque kommt nicht in Frage – von seinen letzten zwei Euro kann er nicht einmal das Zugticket bezahlen. Gegenüber isst ein Mann mittleren Alters mit seinem kleinen Sohn schweigend eine Mahlzeit. Daneben widmet sich ein Jugendlicher auf seinem Telefon einem Ballerspiel. Das Geräusch von Schüssen füllt den Raum. Draußen geht wieder ein Schauer nieder.

Am Abend des trüben Morgens haben die Schauer aufgehört, und die Temperatur ist etwas gestiegen. In einer trockenen Nacht wie dieser sieht man auf den gut zehn Kilometern bis zum Kanaltunnel überall kleine Grüppchen von Flüchtlingen. Sie ziehen durch die Straßen einer Stadt, in der es von Anspielungen auf England nur so wimmelt. Die Bar Le Pub, das Restaurant Le Liverpool im schäbigen Hafenviertel, oder die glitzernde Brasserie The London Bridge an der vollrenovierten Place d’ Armes: die Gesichter Calais’ ändern sich, die Nähe zu England bleibt. Im Jungle hat man neulich einen matschigen Trampelpfad in David Cameron Street benannt.

Auch acht junge Afghanen haben sich zum Tunnel aufgemacht. Wieder einmal laufen sie durch die Außenbezirke von Calais. Und obwohl einer von ihnen sagt, seit drei Monaten habe es niemand mehr herüber geschafft, scheint England nun auf einmal näher als die Ungewissheit, die dieser Tag gebracht hat. Ihr Fokus liegt auf dieser Nacht. “Ich habe nur ein Zelt, das kann ich leicht woanders aufstellen”, sagt einer. Ein anderer widerspricht. “Ich will mit der fucking police kämpfen!”, schnaubt er und weist auf ein drittes Mitglied der Gruppe. “Zeig mal deine Stirn!” Der Angesprochene schiebt die Kapuze hoch und entblößt eine Kruste mitten auf der Stirn. “Von einem Gummigeschoss.”

Eine Woche später: wie in jeder Nacht fällt der drehende Kegel des Blaulichts von der Autobahnbrücke über das Industriegebiet. Aus der Stadt weht immer wieder derjenige des Leuchtturms herüber. So ist das: Calais hat den Leuchtturm, der Jungle das Blaulicht. Kurz vor der Morgendämmerung nähert sich ein LKW der Auffahrt. Eben will er um die Kurve biegen, da öffnet sich dienTür. Zwei Gestalten werden eher herausgestoßen als dass sie fallen. Sie reiben sich die Beine und verschwinden hinkend im Dunkeln. In einer Seitenstraße beziehen derweil die CRS- Busse Position, die die Räumung sichern sollen.

Kurz nachdem es hell ist, setzen sich die Bagger am anderen Ende des Camps in Bewegung. Auf der von Abfällen überfüllten Fläche unterhalb der Autobahnbrücke brennen schon wieder die Feuer. Ein ghanaischer Flüchtling wärmt sich die Hände. Oben auf der steilen Böschung hat jemand in riesigen schwarzen Lettern I have a dream auf die Steine geschrieben. Zwei CRS- Polizisten beobachten von dort aus die Szenerie. Unten in Bodenhöhe steht London Calling an einer Wand hinter der Müllwüste. Der Ghanaer sagt, später werden sich die Vertreter der unterschiedlichen Gruppen wieder treffen. Für die nahe Zukunft geht er von weiteren Räumungen aus.
Erschienen in WOXX, 22. Januar 2016. Gekürzte Version in Badische Zeitung, 21. Januar 2016

 

 

 

 

 

 

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