Das Phantom des Theaters

 

Zehn Tage vor den Wahlen liefern sich die Spitzenkandidaten niederländischer Parteien ein TV- Duell. Ohne Geert Wilders. Als inhaltlicher Referenzpunkt war er dennoch anwesend.

 

Man muss sich das einmal vorstellen: da diskutieren die Spitzenkandidaten von acht Parteien einen Abend lang, geschlagene zwei Stunden inklusive Werbung, und kaum keiner von ihnen benutzt das Wort “Islam”. Auch von “Marokkanern” ist fast nicht die Rede. Spätestens im zweiten Reklame- Block fällt dann auf, wie ungewohnt diese Debatte ist. Man nimmt die Clownereien von Henk Krol viel mehr wahr, dem Vormann der Seniorenpartei 50 Plus. Und dass Mark Rutte, der Premier, den Staatsmann spielt. Wie jovial die Teilnehmer trotz scharfer Debatte miteinander umgehen. Kommt einem das so vor, oder war da so etwas wie ein Aufatmen spürbar?

 

Jedenfalls schien es nicht so, als habe jemand der Anwesenden Geert Wilders vermisst. Außer RTL natürlich, dem Mitinitiator der Diskussion im Amsterdamer Theater Carré am gestrigen Sonntag Abend, der Einschaltquoten wegen. Aber die haben es sich natürlich selbst zuzuschreiben. Denn hätte man dessen großen Bruder Paul nicht neulich vor die Kamera geholt und in einem Interview ausführlich über Geerts schwierigen Charakter reflektieren lassen, wäre der Chef der Partij voor de Vrijheid ja dabei gewesen. So aber schickte Wilders kurz vor Beginn demonstrativ einen Tweet: “Gleich gucken!” Dazu postete er ein Foto aus “Bauer sucht Frau”.

 

Um den Stellenwert dieser Debatte für die Teilnehmer zu erfassen, lohnt sich ein Blick auf die Ausnahmen der oben erwähnten Auffälligkeiten. Der einzige nämlich, der über “Islam” sprach, und zwar die Bedrohung durch den “radikalen”, war der Christdemokrat Sybrand Buma. Zugleich warnte er auch vor “Hass- Säern”. Das Ziel war über- deutlich: Buma, dessen Partei im Aufwand ist und noch zu den führenden Liberalen und Rechtspopulisten aufschließen könnte, will sich als redliche Alternative für gemäßigt rechte Wähler ins Spiel bringen. Und niemand hielt ihn davon ab.

 

Dann war da Jesse Klaver, der junge Vormann von GroenLinks, der ein bißchen aussieht wie Justin Trudeau und um den im progressiven Lager gerade ein kleiner Hype entsteht: “Hau ab in dein eigenes Land”, und “Ich wähle dich nicht, weil du Marokkaner bist”, zitierte er zwei Reaktionen, die er mittels Sozialer Medien häufig empfängt. Klaver, Sohn eines marokkanischen Vaters, griff mit dieser Bemerkung just Buma an: in dessen Plädoyer für “Normen und Werte” fehle ein Bekenntnis gegen solche diskriminierenden Äußerungen. Bumas Reaktion war schwach, der Punkt ging an Klaver.

 

Eventuelle Effekte in der Wählergunst werden erst am 15. März deutlich. Unübersehbar ist dennoch, dass dem großen Abwesenden im renommierten Carré- Theater trotzdem eine nicht zu unterschätzende Rolle zukam. Vier Thesen zu wahlrelevanten Punkten wurden den Diskutanten vorgelegt. “Der Eigen- Beitrag zur Krankenversicherung wird abgeschafft.” – “Die Niederlande haben ihre Kultur unzureichend beschützt”- “Das Rentenalter muss zurück zu 65”- “Eine stärkere EU ist nötiger denn je”. Alle vier betreffen das Kerngeschäft der PVV, deren übersichtliches Wahlprogramm auch nicht weiter reicht als ebenjenes.

 

Dass der Rahmen des politischen Diskurses von seinen Akteuren geprägt wird, ist selbstverständlich. Wieviel Einfluss jedoch die PVV und mithin Wilders auf den niederländischen hat, wurde just deutlich, als man die Konkurrenz ohne ihn innerhalb dieses Rahmens agieren sah. Lodewijk Asscher (Partij van de Arbeid) gab dem ur- sozialdemokratischen Motiv “Sich- Einsetzen für Alle” das Label “Vaterlandsliebe”, kurz vor Beginn des von Wilders aufgerufenen “patriotischen Frühlings”. Premier Rutte wiederholte einmal mehr, dass “ein stärkeres Europa nicht mehr Europa” brauche. Und Emile Roemer (Socialistische Partij) freestylete zum gleichen Thema: “Zusammenarbeit: okay, mehr Brüssel: nee!”

 

Während er sich selbst also vermeintlich an einem Trash- TV- Format ergötzte, wurde Geert Wilders im renommierten Etablissement Carré tatsächlich zu einer Art Phantom des Theaters. Besonders deutlich wurde das in den Blitz- Interviews, denen alle Kandidaten unterzogen hatten. Die Journalistin Diana Matroos konfrontierte sie dort mit Fragen, die besonders direkt und unangenehm sein sollten.

 

Was also würde Sybrand Buma, der in diesem Wahlkampf lauter als vorher die “jüdisch- christlichen Werte” bemüht, den niederländischen Muslimen sagen? Ist ihre Religon gleichwertig? Buma löste die Sache geschickt, indem er teils bei der PVV andockte und sich zugleich abstieß. Nie würde er eine andere Religion minderwertig nennen, doch sei man in den Niederlanden gerne “eine Einheit, die stolz ist auf Werte und Traditionen”- wobei Muslime hierbei “ebenso gut wie alle anderen” mitmachen könnten.

 

Gleich drei Kandidaten sollten schließlich bekennen, in welchem Punkt sie Wünschen und Sorgen der PVV- Wähler entgegenkommen würden: “Arbeitsplätze, Sicherheit, Pflege”, nannte der Liberale Alexander Pechtold (D66), im Parlament einer von Wilders erbittertsten Widersachern. “Pflegekosten und Wohnungen”, sagte Jesse Klaver. “Pflegeheime und Steuererleichterungen” brachte Mark Rutte vor, der sogar “alles dafür tun” will um der PVV- Basis das Gefühl zu nehmen, abgehängt zu sein.

 

Einen konkreten Standpunkt aus dem PVV- Programm zu übernehmen, lehnte Rutte dann jedoch ab: auf dem “DiNA4chen” (die Partei schmückt sich damit, ihr Programm derart kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen) fänden sich die “alleridiotischsten Standpunkte”. Dem Premier wurde zum Abschluss indes noch weiter auf die Pistole auf die Brust gesetz: ob er sein Versprechen wiederholen würde, nicht mit der PVV zu koalieren, “unter keinster Bedingung und unabhängig vm Wahlergebnis”, fragte Diana Matroos irgendwie feierlich. Rutte bejahte.

 

Das Publikum wählte am Ende übrigens Jesse Klaver zum Gewinner. Der GroenLinks- Hoffnungsträger bekannte sich kurz vor Schluss der Diskussion zu den Kern- Werten “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”. Und fügte an: “Es tut mir weh, dass diese Werte in Europa dank der Populisten unter Druck stehen.”

 

Ganz ohne direkte PVV- Teilnahme ging der Abend dann doch nicht über die Bühne. Schon im Vorfeld wurde am Sonntag bekannt, dass die Partei sich mit einem Wahl- Spot in einen Reklame- Block eingekauft hatte. Dem öffentlich- rechtlichen Sender NOS sagte Wilders vorab, er werde daher “vielleicht ein bisschen” bei der Debatte sein. Kurz vor dieser Pointe huschte ein kleines Grinsen über sein Gesicht.

 

 

Erschienen auf Zeit Online, 6. März 2017

 

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