Das Mädchen, nicht die Ikone

Zum Jahrestag der Befreiung kommt das Schicksal Anne Franks wieder auf die Bühne. Die Frage bleibt: wo verläuft die Grenze zwischen Gedenken und Kommerz?

8. Mai 1944: kurz vor ihrem 15. Geburtstag blickt Anne Frank im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht in die Zukunft. Knapp zwei Jahre schon verharrt ihre Familie im Versteck, ein Alltag zwischen bleierner Schwere und nagender Angst. An jenem Tag aber vertraut die Heranwachsende ihrem Tagebuch einen Wunsch an, für die Zeit nach der ersehnten Befreiung: ein Jahr in Paris und ein Jahr in London möchte sie verbringen, um Kunstgeschichte zu studieren und Sprachen zu lernen.

8. Mai 2014: 1.100 Zuschauer erleben im brandneuen “Theater Amsterdam”, wie Anne Frank sich mit Freunden in einem Pariser Café trifft. Den geplanten Kino- Besuch sagt sie spontan ab, sie mag, biographisch bedingt, keine Kriegs- Filme. Stattdessen kommt sie dort ins Gespräch mit einem jungen Verleger, dem sie ihre Geschichte erzählt. Nicht nur die Zeit im Unterschlupf, sondern auch die Jahre, die ihre Familie, deutsch- jüdische Flüchtlinge, am Merwedeplein im Süden Amsterdams verbrachte. Und schliesslich: die Deportation, das Leiden und Sterben in Auschwitz und Bergen- Belsen.

Ein neuer, vollständigerer, nicht zuletzt ein authentischerer Blick auf das Leben eines der bekanntesten Shoah- Opfer: mit weniger möchte sich das Bühnenstück “Anne” nicht zufrieden geben. Im Mittelpunkt, sagt Co- Autorin Jessica Durlacher, steht “das nicht gelebte Leben Anne Franks” – das, was hätte sein können, wenn. Grundlage ist, anders als beim Broadway- Stück von 1955, nicht nur das Tagebuch, sondern die Gesammelten Schriften Anne Franks, erschienen im Herbst 2013. Mit Hilfe von Briefen, Traumsequenzen und Zukunftswünschen wollen Durlacher und ihr Ehemann Leon De Winter, vom Baseler Anne Frank- Fonds mit dem Script beauftragt, den Fokus neu justieren. Darin befindet sich das Mädchen Anne, nicht die Ikone.

Was ihn umgibt, ist schlichtweg gigantisch: ein Glaspalast von einem Theater, mehr als 4.000 Quadratmeter, in einem guten halben Jahr in prächtiger Hafenlage errichtet; extravagante SceneAround- Bühnentechnik mit rotierenden und sich verschiebenden Elementen; eine aufwändige Produktion mit 20 Darstellern und bemerkenswertem Multimedia- Einsatz. Der Anne- Frank- Fonds, vom überlebenden Vater Otto Frank als Universalerbe eingesetzt und mit dem Auftrag betraut, das Schicksal seiner Tochter bekannt zu machen, will damit eine neue Generation Jugendlicher ansprechen.

Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt das Produzenten- Duo Kees Abrahams (ImagineNation) und Broadway- Haudegen Robin De Levita. Letzterer war sich kurz vor der Première des Risikos bewusst, das der Ansatz birgt: die richtige Dosierung technischer Mittel sei ein “gefährliches Gleichgewicht”, bei der man leicht über das Ziel hinaus schiesse. Eine Garantie, für den gewünschten Effekt gebe es nie, so De Levita. Und dann ist da noch dieses Material: “zu ikonisch”. jeder glaubt es zu kennen: “da liegt man leicht daneben.”

Das Potential zur Selbstkritik mag auch mit der besonderen Sensibilität zusammenhängen, die die Produktion umgibt: mehrere Beteiligte kennen das Schicksal Anne Franks aus der eigenen Familie. “Eines der grössten Dinge, die ich je getan habe”, sagt darum Jessica Durlacher, Tocher eines jüdischen Eigranten aus Deutschland, über ihre Arbeit am Script. “Dieses Projekt betrifft alles, wo ich selber herkomme, darum ist es sehr emotional.” De Levita, dessen Vater im gleichen Alter wie Anne Frank untertauchte, nennt es eine “Ehre”, das Wissen darum an eine Generation weiter zu geben, “die erstmals nicht mehr mit Überlebenden konfrontiert ist”.

Daran, dass das neue Bühnenstück dafür geeignet ist, gibt es vor Ort allerdings Zweifel: seit einer Reportage im niederländischen Fernsehen regt sich Kritik an den luxuriösen Dinner- Arrangements, die Besucher der Aufführung buchen können. Seither wird diskutiert, ob genussvolles Schnabulieren im Angesicht eines Holocaust- Stücks pietätlos ist. Die Frage führt unmittelbar ins komplexe Dickicht eines langjährigen Nachlass- Streits: vor allem die Amsterdamer Anne- Frank- Stiftung, Betreiberin des Museums im Hinterhaus, sieht darin eine unzulässige Kommerzialisierung der Geschichte Anne Franks.

Die Gegenseite lässt das freilich nicht auf sich sitzen: “Eine Kampagne puritanischer Calvinisten” sieht Yves Kugelmann, Stiftungsrat des Baseler Fonds, und weist darauf hin, dass das Projekt rein edukative Zwecke verfolgt und keinerlei Merchandising umfasst. Unweigerlich fühlt man sich hier erinnert an den jüngsten Disput zwischen dem Fonds und dem ZDF, die beide eine Filmproduktion zum Schicksal Anne Franks verfolgen. Dieses ist, sieben Jahrzehnte nach ihrem Tod in Bergen- Belsen, ein umkämpftes Terrain, gerade weil sich die Komponenten “edukativ und “lukrativ” hier die Waage halten.

Was wiederum nicht verhindert, das darauf richtig ansprechendes Theater entstehen kann: sowohl die eindringlich- intime Darstellung der Protagonistin als auch die komplexen und zunehmend krisenhaften Beziehungen der Untergetauchten, meisterhaft nuanciert auf die Bühne gebracht als Mikro- Milieustudie der besonderen Art. Das Publikum in Amsterdam, darunter Anne Franks Neffe Buddy Elias und Schulfreundin Jacqueline Van Maarsen, waren zumindest begeistert. Das war indes ebenso vorhersehbar war wie die Tatsache, dass die Kritiker dadurch nicht verstummen. Doch wieso sollte innerhalb der Gedenkkultur eigentlich kein Platz für diese Debatte sein?

Erschienen auf Zeit Online, 9. Mai 2014

 

 

 

 

 

 

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