Das Camp der blinden Passagiere

Im Niemandsland bei Dunkerque warten 50 Männer aus Irak und Afghanistan nur auf eins: eine Fähre, die sie unerkannt nach England bringt.

Man ist geneigt, sie als Fata Morgana zu sehen, die riesige Fähre, die sich im Hintergrund aus dem flachen Buschland zu schieben scheint. Leuchtend weiß erhebt sie sich über die Szenerie, und allein die Containertürme des Hafens von Dunkerque und die Ladekräne, die ihre stählernen Arme in bizarren Formen in den Horizont stecken, lassen sie etwas weniger deplaciert wirken. Vielleicht ein Kilometer Luftlinie trennen Ali*, Salam* und die anderen vom Ziel ihrer Träume. Lächerlich wenig für die Odysseen, die sie hinter sich haben. Doch hier, so kurz vor dem Ziel, geht es nicht mehr um Entfernungen. Was zählt ist, ein Schlupfloch zu finden in dem zusehends dichter werdenden Netz, mit dem sich Großbritannien vor den Alis und Salams schützen will, die weder Kosten noch Entbehrungen scheuen, ihren Traum von einem Leben dort wahr zu machen.

Ali hegt diesen Traum, seit er ein Teenager im nord- irakischen Kirkuk war. Mit 23 hatte er genug Geld für ein One- Way- Ticket in ein besseres Leben. Per Lastwagen in die Türkei, von dort nach Griechenland, Italien, immer weiter nordwestlich, Kurs England. Nicht mehr als vier Tage brauchte er für die Strecke. “Ich habe einen guten Preis gezahlt, 20.000 Dollar.” Ein schwaches Grinsen huscht über seine stoppeligen, hohlen Wangen. Seit drei Wochen lebt Ali hier im “Jungle”, wie die Transitmigranten ihr selbsterrichtetes Elendscamp nennen, vielleicht zehn Hütten, notdürftigst zusammen gezimmert aus Paletten, Plastik und Abfall. Die Unterkünfte missen rund 8 oder 9 Quadratmeter, um die 50 Männer, alle aus dem kurdischen Norden Iraks, finden darin Platz. “Das Leben ist fürchterlich hier. Wir können nicht duschen, wir finden kaum Schlaf, denn nachts wird es schon kalt. Wir haben zu wenig zu Essen. Ab und zu kommen Menschen und bringen uns ein paar Nahrungsmittel. Aber selbst, wenn wir etwas haben, wird uns manchmal schlecht davon. Jeder will hier weg, so schnell wie möglich.“

Doch genau das ist das Problem. Manche der Bewohner sind schon seit zwei Monaten im Jungle, denn die Sache mit England ist eine ziemlich einseitige. “Britania? “ fragt Ali in die Runde. Zustimmendes Nicken. “Die Regierung kümmert sich um die Menschen, es gibt gutes Geld zu verdienen, sogar die Polizei ist gut.“ Allein, dass England, jahrelang auch innerhalb der EU ein Dorado für Glückssucher aus Irak und Afghanistan, Algerien und Eritrea, dem ungewünschten Zustrom den Riegel vor zu schieben versucht. Die Kontrollen von LKW, auf denen sich Transitmigranten als blinde Passagiere ein zu schiffen versuchen, sind inzwischen drastisch verschärft. Auch auf dem europäischen Festland operieren Mitarbeiter des britischen Immigration Service in den Häfen entlang der Kanalküste. Die technische Ausrüstung umfasst Scanner, endoskopische Kameras und CO2­ Detektoren. Tony Fuller, Mitarbeiter des Kent Refugee Action Network in Dover, erzählt, dass es kaum noch jemand durch diese doppelte Kontrolle hindurch schafft. Die britische Regierung will ab November erstmals eine teilweise Ausweispflicht für Nicht­ EU­ Bürger einführen. Dazu soll die Einwanderung durch ein streng am Arbeitsmarkt orientiertes Punktesystem reguliert werden, das nicht nur denjenigen die Sache erschwert, die versteckt zwischen der Ladung eines Lasters ins Land kamen.

Auf der anderen Seite des Kanals ist diese Kunde noch nicht angekommen. Die Hoffnung ist das einzige, was das Ausharren in der windigen Ödnis zwischen dem Hafen und der kleinen Ortschaft Loon Plage, erträglich macht. Wer es bis hierher geschafft hat, ist zu weit gekommen, um um zu kehren. Keine 50 Kilometer von den Weißen Klippen, auf denen heute symbolisch das Abschiebegefängnis Dover Immigration Removal Centre thront, werden Fluchtpläne geschmiedet und Nacht für Nacht in die Tat umgesetzt. Vorgestern erst wurde Salam vom Fahrer eines LKW entdeckt, hinter dessen Reifen er sich versteckt hatte. Salam konnte sich aus dem Staub machen, bevor die Polizei eintraf. Wenig später war er zurück im Jungle. “Doch selbst wenn die Polizei uns erwischt, bringen sie uns nach Dunkerque und lassen uns wieder laufen.“ Ali hat es schon zehn oder zwölf Mal probiert. Er kramt in seinen Taschen und zieht einen zusammengefalteten Ausweisungsbefehl heraus, unterzeichnet von der Polizeipräfektur in Dunkerque. Nicht, dass es jemand in den Sinn gekommen wäre, in Frankreich um Asyl zu fragen. Doch das Dokument zeigt, in welchem offiziellen Niemandsland sich die Transitmigranten befinden. Sie bilden die rechtliche Unterschicht all derer, die auszogen.

Es ist nicht leicht, auf dem feuchten Boden ein Feuer zu machen. Als es endlich glückt, bläst der Wind den Rauch in alle Richtungen. Salam nimmt den Deckel einer Konservendose und fängt an, Kartoffeln zu schälen. Dann brät er sie in einer Pfanne, die ganz schwarz ist. Er hat anderes erlebt als das hier. Anderthalb Jahre war der 27jährige Mitglied einer Anti- Terror- Sondereinheit der irakischen Armee. Notfalleinsätze in Bagdad, Mossul und Falludscha gehörten zu seinem Standardprogramm. Mit dem Monatslohn von 1.000 Dollar konnte er die Schleuser bezahlen, die ihm ein Flugticket nach Istanbul besorgten und ihm dort einen LKW vermittelten. Viereinhalb Tage bangte er vor der Entdeckung, dann war er in Paris. Er wird es schaffen, davon ist er so überzeugt wie alle anderen.

Ali streckt sich, der frühe Herbsteinbruch steckt allen hier in den Knochen. Dann schnappt er sich einen Plastikkanister und macht sich auf zur Wasserstelle. Durch die Büsche, ein Stück entlang an den rostigen Geleisen eines still gelegten Güterzugs. In der Entfernung bewegen sich zwei Campbewohner Richtung Loon Plage, der kleinen Stadt, die ein bißchen Zerstreuung bieten könnte, oder zumindest eine Telefonzelle. Den ganzen Tag laufen die in Kapuzen vermummten Gestalten über die Schienen. Parallel zu diesen zieht sich in ein paar Hundert Metern Entfernung die Schnellstraße, auf der die Trucks Richtung Hafen donnern. Niemand nimmt Notiz von den schwarzhaarigen Männern, die sich hier an einem Hydranten waschen, Trinkwasser holen oder einfach die Zeit tot schlagen. Zwei Jugendliche mit viel zu großen Schuhen raufen zum Zeitvertreib, ein Bewohner seift sich unter dem kalten Strahl ein. Ein Anblick, der zur Gewohnheit wurde in den fünf Jahren, die das Lager hier bereits besteht.

Dass sich ein paar Verzweifelte diese Ecke für den Absprung nach England gewählt haben, liegt nicht nur daran, dass Dunkerque einer der größten Häfen Frankreichs ist. Auch das berüchtigte Auffanglager Sangatte steht in der Ahnenreihe des Jungle. Der Eurotunnel, gebaut an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals bei Calais, machte die Gegend 30 Kilometer weiter südlich zum Zentrum der Transitmigration. Das Lager des Roten Kreuzes sollte die größten Lücken in der Versorgung derjenigen stopfen, die in Erwartung einer Tunneldurchquerung in den Straßen von Calais campierten. Allerdings entwickelte es sich sehr schnell zu einem Magneten für Flüchtlinge vor allem aus Irak und Afghanistan. Die zehntausenden gescheiterten und einige Hundert geglückte illegalen Einreisen nach England lasteten schwer auf den Beziehungen zwischen Paris und London und bedeuteten im Jahr 2002 das Aus für das Lager.

Auf die Migranten unterwegs nach Großbritannien hatte das einen Zentrifugeneffekt. Zwar blieb Calais der Mittelpunkt ihrer Bemühungen, doch ein Teil von ihnen zog auch weiter entlang der Kanalküste, um von einem anderen Hafen sein Glück zu versuchen. Safi* zum Beispiel, der seinerzeit schon in Sangatte dabei war. Mit 32 ist er einer der Ältesten im Jungle. Über die Zeit dazwischen mag er nicht sprechen, das Land, in dem er sich auf hielt, nennt er nicht. Safi bleibt in der Gegenwart, und die hat ihre Dringlichkeiten. “Wir versuchen es wieder. Vielleicht heute nacht, vielleicht morgen, niemand weiß es. Aber wir sollten hier weg sein, bevor der Winter kommt. “

*Namen geändert

Erschienen in Frankfurter Rundschau, 21. November 2008

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