Das Alter des Leidens

Das belgische Parlament nahm diese Woche einen Gesetzesentwurf an, der Sterbehife für Minderjährige legalisiert. Ein Arzt, ein Priester und ein Politiker geben Einblick in ein umstrittenes Spannungsfeld.

An einem Sonntagmorgen im April 2008 steigt der junge Kinderarzt Joris Verlooy in sein Auto. Die Sonne scheint, man könnte mit den Vögeln zwitschern, doch Doktor Verlooy nimmt den Frühling kaum wahr. Sein Kopf ist voll, eine Last drückt ihn tief in den Sitz. Schwer wie Blei sind ihm die Füsse, während er die 30 Kilometer zurücklegt, raus aus Gent, über die Grenze in die Niederlande, ins Städtchen Terneuzen. So oft hat er die Strecke zurück gelegt, und nun also zum letzten Mal. Janine wird heute sterben. Das ist das Einzige, was man noch für sie tun kann.

Sieben Jahre lang war Janine seine Patientin, beinahe ihr halbes Leben, abgesehen von den paar Jahren, bevor die Leukämie zurückkam. 14 war Janine damals. Joris Verlooy ist 38. Am Universitätskrankenhaus in Gent hat er die medizinische Verantwortung für das Kinder- Palliativ- Team. Er denkt an die Chemotherapie, die nicht ganz anschlug. Dann gingen sie über zu einer intensiveren Behandlung. Stammzellentransplantation, darauf ist das Krankenhaus spezialisiert. Rund zwanzig Mal im Jahr führen sie in Gent so eine Therapie durch, und selten hat der Arzt erlebt, dass jemand sie so gut übersteht wie Janine. Nach ein paar Wochen schon konnte sie nach Hause.

Doch dann gab es Komplikationen: Janines Immunsystem war angegriffen, die Lungen funktionierten nicht mehr richtig. Das Cortison schwächte sie zusätzlich, immer weniger Luft bekam sie, trotz des Sauerstoffapparats. Meistens, wenn Doktor Verlooy zum Hausbesuch vorbeikam, hatte sich ihr Zustand wieder verschlechtert. Eines Tages konnte Janine nicht mehr. Zuerst sagte sie es ihren Eltern. Die Eltern weihten den Hausarzt ein. Er stimmte zu. Ein unabhängiger zweiter Arzt wurde konsultiert. Auch er stimmte zu, vor zwei Tagen. Gestern nahmen Freunde und Familie Abschied von Janine. Heute wird sie die zwei Spritzen bekommen. Vom Hausarzt, nicht von Verlooy, der in den Niederlanden nicht praktiziert. Aber weil Janine ihn fragte, zu kommen, biegt er jetzt in ihre Strasse ein.

Das Haus. Noch mehr Blei in den Schuhen. Aber es geht nicht anders, denkt er. Zu schwach um wach zu bleiben ist Janine, doch selbst zum Schlafen reicht ihr der Sauesrtoff nicht mehr. Was bleibt dann noch? Die Tür öffnet sich. Der Hausarzt, die Eltern, die Geschwister, noch ein paar Menschen, die er nicht kennt, stehen in Janines Zimmer. Ihr Vater hat es für sie umgebaut, damit sie nicht mehr die Treppe hoch muss, um ins Bad zu kommen. Zusammen mit den Eltern tritt Doktor Verlooy nun an Janines Bett. Noch einmal fragen sie, ist es wirklich das, was du willst? Janine, 17, sagt ‘Ja’. Klar und deutlich.

Brüssel, knapp fünf Jahre später: im belgischen Senat liegt Spannung in der Luft. Eben hat die Leiterin der Intensiv- Station des Kinderkrankenhauses in Antwerpen deutliche Worte gesprochen: “Es ist offenkundig, dass Minderjährige heute schon Sterbehilfe empfangen. Wir alle wissen das.” Der Senat, wo in Belgien traditionell die grossen ethisch- politischen Projekte diskutiert werden, hält an diesem Tag im Februar 2013 eine Anhörung ab. Medizinische Experte erzählen über ihre Erfahrungen, denn der Ersten Kammer des belgischen Parlaments liegt ein heikler Gesetzentwurf vor: das “Euthanasiegesetz”, das seit 2002 die Sterbehilfe reguliert, soll künftig auch für Minderjährige gelten.

Dann tritt Joris Verlooy ans Rednerpult. Aus den schweren Sesseln mit dem dunkelrotem Polster richten sich die Blicke der Abgeordneten auf ihn. Er pflichtet der Kollegin bei, macht aber gleich eine Einschränkung: sehr gefährlich sei es, über diese Fälle zu sprechen. Er aber kann es tun, weil Janine, damals, zwar im nahen Gent behandelt wurde, aber in den Niederlanden wohnte. Dort ist Sterbehilfe schon seit 2001 ab 12 Jahren legal. Dann erzählt er die Geschichte des Mädchens, das eigentlich nicht Janine heisst. Aus Rücksicht auf die Eltern behält der Arzt ihren Namen aber lieber für sich.

Die Politiker im Halbrund lauschen gebannt. Besonders aufmerksam hört ein junger Senator zu. Er ist eine auffällige Erscheinung, schlaksig, mit halblangem blonden Haar, Seitenscheitel und akkurat gestutztem Bart. Jean- Jacques De Gucht ist ein Popstar der belgischen Politik, seit er mit 23 in den Senat gewählt wurde. Doch er ist viel mehr: er gilt als Vater dieses Gesetzesentwurfs, seit er 2008 dessen erste Version einreichte. Erst wehrten sich die Christdemokraten, ihn auf die Agenda zu setzen. Danach fielen die belgischen Regierungen in immer schnellerer Folge, sofern überhaupt eine im Amt und voll funktionsfähig war. So wendet sich der Senat schliesslich erst 2013 dem Thema zu.

Warum widmet sich ein politischer Newcomer mit Mitte 20 dem freiwilligen Lebensende Todkranker? Wer bei Jean- Jacques de Gucht eine biographische Nähe vermutet, liegt falsch. Die Eltern leben noch, von Schicksalsschlägen in der Familie blieb er verschont. Sein Grund ist simpel und hat sieben Buchstaben: liberal. Das ist seine Partei, und seine innerste Überzeugung. “Mit liberalen Grüsse, Jean- Jacques”, unterschreibt er die Willkomensbotschaft auf seiner Website. Wer ihn treffen will, wird ins Hauptquartier der Liberaldemokraten im Zentrum von Brüssel eingeladen.

Drei Sätze: mehr braucht De Gucht nicht, um sein Engagement für die Sterbehilfe auf den Punkt zu bringen: “Die Grundidee ist Entscheidungsfreiheit. Und das Wichtigste, über das man entscheiden kann, ist das eigene Leben. Meine Aufgabe als Poltiker ist es, Menschen die Möglichkeit dazu zu geben.” Ob er selbst Sterbehilfe in Anspruch nehmen würde, weiss der Senator nicht. Er hat Angst vor dem Tod, und noch mehr, seit vor einem halben Jahr sein Sohn Jack geboren wurde. Ihn zu hinterlassen, statt ihn aufwachsen und die Welt entdecken zu sehen – eine qualvolle Vorstellung. Sicher ist er sich immerhin einer Sache: er will, im Falle eines Falles, selbst entscheiden können. “Ich finde es beunruhigend, dass Menschen Anderen diese Freiheit nehmen wollen.”

Als Belgien in 2002 die Sterbehilfe für Erwachsene legalisierte, studierte De Gucht noch Agogik. In der Zeitung des liberalen Studentenverbands schrieb er damals erste Artikel für eine Ausweitung dieses Gesetzes. 2013 veröffentlicht der Senator ein Plädoyer in der Tageszeitung De Tijd. Von einer “diskriminierenden Lücke im Gesetz” ist dort die Rede, die Minderjährigen das Recht auf Selbstbestimmung nehme. Es ihnen zu geben, sei darum ein “Akt der Menschlichkeit.” De Gucht sagt, schwerkranke Minderjährige hätten durch ihr Schicksal oft mehr Reife als Gleichaltrige. Kinderärzte, die seinem Entwurf zustimmen, bestätigen das. “Emotionales Alter statt Kalenderalter” soll deswegen Kriterium für Sterbehilfe sein.

Auch die meisten Kollegen im Senat geben De Gucht Recht. Im November 2013 nimmt das belgische Oberhaus mit 50 zu 17 Stimmen seine Novelle an. Die Entscheidung liegt damit bei der Zweiten Kammer des Parlaments. Jean- Jacques de Gucht rückt an diesem Tag in die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit. CNN fragt eine Live- Schaltung an, direkt in die Nachrichten- Sendung von Christiane Amanpour. Doch die renommierte Journalistin lässt sich von ihren Emotionen völlig mitreissen. “Finden Sie das nicht furchtbar?”, herrscht sie De Gucht an. Als er antwortet, fährt sie im ins Wort. Später sagt De Gucht, er habe sich seine CNN- Premiere romantischer vorgestellt. “Die Starjournalistin stellte mir vier, fünf Fragen. Eigentlich war es immer die gleiche: wie fühlt man sich als Kindermörder?”

Unbekannt ist ihm dieses Terrain nicht. Der junge Senator bekam schon einige entrüstete Mails von Bürgern. Man warf ihm vor, er wolle Eltern ein legales Mittel in die Hand geben, um sich von der Last ihrer todkranken Kinder schneller zu befreien. Ihn gruselt bei der Vorstellung. Aber er weiss auch, dass die Verhältnisse sich längst geändert haben. Die meisten Belgier begrüssen Sterbehilfe, auch für Minderjährige. 2007 schieden 500 Menschen so aus dem Leben, 2009 waren es 800, 1050 in 2011. Jährlich unterzeichnen mehr als 10.000 Belgier eine Absichtserklärung für Sterbehilfe – für den Fall, dass sie in einem unwiderruflichen Koma landen.

Ganz anders sah das um die Jahrtausendwende aus: bevor Belgien als zweites Land weltweit die Sterbehilfe legalisierte, gab es einen heftige Auseinandersetzung zwischen liberalen und katholischen Kreisen. Heute, sagt der Senator, drehe sich die Debatte nicht mehr um Glauben, sondern um Menschen. Er erzählt von den vielen Gläubigen, die sein Gesetz trotzdem gut finden. Und von der breiten Unterstützung, die im Senat entstand, quer zu ideologischen Aspekten, die die Abgeordneten sonst trennen. “Viele Menschen haben einfach ihre Erfahrungen mit Leiden gemacht.” Der Tod hat sich schliesslich noch nie viel um Parteigrenzen gekümmert.

Was man trotzdem sieht in diesen Wochen: die letzten Kräfte in Belgien, die sich gegen die Ausbreitung der Sterbehilfe wehren, bleiben religiöse. Anfang Februar richten Bischöfe auf katholischen Websites einen dramatischen Aufruf an die Bevölkerung: mit Beten und Fasten will man das Gesetz in letzter Minute verhindern. Auch Mahnwachen in mehreren Basiliken sollen helfen. Schon im November traten jüdische, muslimische und verschiedene christliche Repräsentanten gemeinsam an die Öffentlichkeit. Eine Handlung, die den Tod zur Folge hat, darf man nicht banalisieren, steht in dem Offenen Brief. Sie klagen den wachsenden Individualismus an, und dann folgt eine drastische Warnung: “Dem Leben ein Ende bereiten ist eine Tat, die nicht nur ein Individuum tötet, sondern das soziale Gewebe der Gesellschaft.”

Was meinen die Verfasser des Schreibens damit? Die Antwort liegt hinter den dicken Mauern der Maison Saint Michel. Hier, in einem Jesuitenklosters im Brüsseler Norden, wohnt Tommy Scholtes, der Sprecher der belgischen Bischofskonferenz. 60 Jahre ist er, trägt dichtes, weisses Haar, eine randlose Brille und eine dunkle Jacke über dem Priesterhemd. Alle Hände voll zu tun hat Scholtes, jetzt, da die Abstimmung im Parlament immer näher rückt. Statements geben, Kommuniqués veröffentlichen, Medienanfragen beantworten, aus den USA und Russland, aus Frankreich, Deutschland und Österreich: “Weil das, was Belgien tut, für viele Länder sehr speziell ist, um es mal so auszudrücken.”.

Sein Arbeitszimmer ist gut geheizt, der Geruch von Tabak liegt in der Luft. “Es geht um das Gewebe des Lebens”, beginnt Tommy Scholtes. “Solidarität. Sich helfen, gegenseitig stützen. Einander begleiten, bis zum Tod. Die Menschheit besteht durch Zusammensein. Da können wir nicht beschliessen, bestimmte Kinder zu Tode zu bringen. Und abgesehen davon: ein Kind kann nichts beschliessen, ohne eine Unterschrift von Erwachsenen. Sollen Kinder also künftig Andere fragen können, ihr Leben zu beenden?” Er macht eine Pause. “Heftig. Sehr heftig.”

Natürlich beeinflusst die christliche, die katholische Ethik Tommy Scholtes. Doch sein vornehmster Einwand gegen Sterbehilfe ist sie nicht: “Es ist nicht nötig, medizinisch gesehen. Experten und Ärzten haben mir das bestätigt.” Seine Alternative: Palliativmedizin gegen die körperlichen Schmerzen, emotionale Zuwendung gegen die seelischen. Beide Begriffe sind für Scholtes nicht nur Theorie. Drei Mal in der Woche kommt er mit seiner Seelsorgergruppe in ein Brüsseler Krankenhaus. Ein paar sind Priester wie er, die anderen Laien. Jeder kümmert sich um feste Abteilungen, Scholtes ist für Kardiologie und Intensivstation zuständig. Regemässig hat er dort mit Sterbenden zu tun – ab und an auch mit solchen, die dazu Hilfe in Anspruch nehmen.

Tommy Scholtes mag das nicht gut finden, doch er ist kein Dogmatiker. Er muss den Kranken, die er begleitet, nicht mitteilen, was er für richtig oder falsch hält. Das letzte Gebet kurz vor der Injektion – das macht er. Beim Akt selbst aber will er nicht zugegen sein. Eine Frage drängt sich auf:  gab es dort im Krankenhaus jemals einen Fall, eine Situation, die ihn zum Zweifeln brachte? In der Sterbehilfe nicht doch – Bedächtig wiegt der Pfarrer den Kopf hin und her, dann antwortet er entschieden: “Nein!“

Auch an diesem Freitag Abend kommt er gerade aus der Klinik. Findet er, der einst Gefängnisseelsorger war und als Priester an der belgischen Botschaft im Vatikan, Euthanasie eigentlich Sünde? Scholtes Hand greift nach einer der Pfeifen, die zwischen Papieren, Taschenmesser und Tabaksbeutel auf seinem übervollen Scheibtisch verstreut sind. Neben der Pfeife liegt ein Bild des Papstes, auch ein Jesuit. Sorgfältig stopft er die Pfeife. “Natürlich kann man jede Tat als Sünde ansehen, die gegen das Leben geht.” Er zündet die Pfeife an, inhaliert. “Aber” – der Rauch legt sich über den Schreibtisch – “wer bin ich, Jemand einen Sünder zu nennen?”

Natürlich weiss Tommy Scholtes, dass seine Position in der Minderheit ist. Er sieht ein, dass es einsam und immer einsamer wird im Feld der Sterbehilfe- Gegner, weil die Idee des la mort douce, so nennt er das, natürlich verlockend ist. Wer, räumt er ein, möchte nicht sanft sterben? Sorgen bereitet ihm das nicht nur aus ethischen Gründen. Palliativmedizin, sagt er, kostet die Gesellschaft Geld. Sterbehilfe ist billiger. Wie also wird das sein, in der Zukunft? Wer wird die Kriterien, die Grenzen festlegen? Der belgische Erzbischof warnt in diesen Tagen, die Sterbehilfe auszudehnen öffne eine Tür, die nie mehr zu schliessen sein. Auch Tommy Scholtes entwirft finsteres Szenario. “Wird man in zehn Jahren sagen, ‘Opa, denkst du nicht, dass es reicht?’ Und gerade Kinder sind enorm beeinflussbar.”

Beim Stichwort ‘Kinder’ fällt dem Pfarrer Maxime ein. Sein Foto steht auf einer Kommode hinter dem Schreibtisch, ein kahler Fünfjähriger, der mit gespreizten Fingern in die Kamera winkt. Tommy Scholtes nimmt die Karte, öffnet sie, es ist eine Todesanzeige. Mit Maximes Eltern ist er befreundet. Er hat sie getraut und den Jungen getauft. Vor ein paar Jahren war er dabei, als Maxime starb. Auf natürlichem Weg, nie hätte die Familie an Sterbehilfe gedacht. Tommy Scholtes hat ein Foto auf seinem Handy, aus den Minuten danach. Der leblose Körper auf einem Bett, dahinter sitzen die Eltern, umschlungen. Dann liest er den Text aus der Karte vor. Ein Zitat von Maxime, wenige Wochen vor seinem Tod. Mach dir keine Sorgen, Papa. Mach dir keine Sorgen Mama. Es wird schon wieder gut.”

Bienen und Schmetterlinge kleben auf den Glaswänden des Wartezimmers. Die Kindersprechstunde im Franciscus- Krankenhaus Roosendaal ist vorbei, Doktor Verlooy hat Zeit für ein Gespräch. Seit ein paar Monaten arbeitet er hier, im Süden der Niederlande, nahe der belgischen Grenze. Anfang Februar. Noch zwei Wochen bis zur entscheidenden Abstimmung. Verlooy hofft, dass diese furchtbaren Situationen danach endlich der Vergangenheit angehören: Eltern, die, nachdem er die niederschmetternde Diagnose überbrachte, fragten: Sie werden uns doch helfen, wenn es soweit ist? Auch der 17jährige Patient fällt ihm ein, der ihn einst bat: lass mich sterben. Sein Zimmernachbar, ein Jahr älter, durfte gehen. Er nicht.

Joris Verlooy legt Wert darauf, dass Ärzte “nicht einfach so” Sterbehilfe leisten. Dass das Verhältnis zur Palliativmedizin keine Konkurrenz sei, sondern beide vonnöten. Nur, dass letztere eben manchmal nicht ausreiche. “Aber” – er schaut aus dem Fenster seines kleinen Arbeitszimmers, raus auf den dunklen Parkplatz – “es bleibt totmachen”. Doodmaken ist das niederländische Wort, das er benutzt. Es hat nicht die Konsequenz wie “töten” im Deutschen. Trotzdem stockt seine Stimme, bevor er es ausspricht. Und doch bleibt er dabei, was er einst in einem Interview sagte: dass Sterbehilfe ein Akt der Barmherzigkeit sei.

So wie damals, bei Janine. Vier Wochen, vielleicht ein paar Monate, hätte ihr Körper noch durchgehalten, genau weiss Joris Verlooy es nicht. Nachdem sie ihre Entscheidung ein letztes Mal bekräftigt hatte, gab der Hausarzt ihr die erste Spritze. Ein starkes Anästhetikum, das zum Koma führt. Die Durchblutung sinkt, der Puls wird schwach, die Atmung langsam und oberflächlich. Der Arzt wartete, um sicher zu sein, dass die Wirkung eingetreten war. Dann injizierte er eine Muskelrelaxans, die in wenigen Minuten alle Muskeln entspannt und die Atmung zum Stillstand kommen lässt. Das Blut wird sauer. Dann hört der Herzschlag auf.

Alle Geräusche im Sprechzimmer sind verstummt. Klack. Der Minutenzeiger der Wanduhr wird zum Tiefenmesser der Stille. Als Doktor Verlooy die Sprache wiederfindet, erzählt er von Schmerz und Erleichterung, als es vorbei war. Wenn Ärzte diese Gefühle nicht mehr hätten, meint er, seien sie fehl am Platze. Die Stimme ist nicht fest, seine Hände sind eingeklemmt zwischen Oberschenkel und Stuhl. Eine Weile blieb er noch bei Janines Familie. Dann fuhr er zurück. Die Sonne schien noch immer. Auf der Landstrasse begegneten ihm kaum Autos. Am nächsten Tag war er bei der Arbeit schweigsamer als sonst.

Erschienen in taz, 15. Februar 2014

 

 

 

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