“Big Five” in der Einflugschneise

Das Morastgebiet “Oostvaardersplassen” macht einen niederländischen Polder zur Safari- Destination

Der Blick aus dem Zugfenster ist schläfrig geworden. Autobahnen, Gewerbegebiete, und eine Reihenhaussiedlung nach der anderen. Doch dann ist es dem ahnungslosen Reisenden mit einem Mal, als habe jemand das Dekor vertauscht:  gleich neben den Schienen entfaltet sich eine Gras- Savanne. Die Vegetation verschwindet, bis auf ein paar Bäume mit nackten Ästen. Dazwischen taucht nun eine Tierherde auf. Antilopen? Eine Gruppe wilder Pferde trabt vorbei. Nach ein paar Minuten verschwindet der Spuk. Augenreiben: was war denn das?

Der Spuk, das ist das “Draussen- Land der Niederlande”. So steht es auf dem grossformatigen Schild mit zwei kämpfenden Wildpferden am Eingang der Oostvaardersplassen. Tafeln stellen das Natur- Reservat  in puncto Vogelreichtum auf eine Stufe “mit europäischen Sumpfgebieten wie der Camargue und Coto de Doñana”. Doch auch Grosse Graser gibt es hier, die, so wird erklärt, “unvorhergesehen” reagieren können. Weshalb der Verhaltenskodex lautet: “mindestens 25 Meter Abstand, nicht füttern, nicht durch die Herden kreuzen.” Dies ist die Grenze. Drüben am Deich fahren noch Autos vorbei. Hier beginnt die Wildnis.

Und was für eine! Sogar die “Big Five” gibt es in diesem Polder, wie ein Rundgang durch das neue Besucherzentrum lehrt. Als Plüsch- Souveniers grüssen Rotwild und Heckrind, Konikpferd, Seeadler und Fuchs. Gegenüber duckt sich ein Haus mit tief gezogenem Dach unter die Bäume: die Unterkunft der Ranger. Hans Breeveld ist einer von ihnen. Ein Outdoor- Haudegen mit stoppeligem Haar und Vollbart, 30 Jahre im Amt, der kennt die Oostvaardersplassen wie die Taschen seiner grünen Klamotten. Natur, sagt er, verändert sich immer, statisch ist sie nie. Womit er hier genau richtig liegt.

Draussen geht ein Schauer nieder. Also erzählt der Ranger erstmal die Geschichte der Oostvaardersplassen: ein Wechselspiel zwischen Eingreifen und Sich- Selbst- Überlassen. Der Ijsselmeerpolder Flevoland wurde 1968 trocken gelegt, doch in einem Teil davon wollte das Wasser nicht weichen. Fünfeinhalbtausend Hektar, erst für Schwerindustrie bestimmt, später für Landwirtschaft, blieben ungenutzt und unberührt. Schnell übernahmen Vögel das Gebiet. Sie kamen zu Mauser und Brut, rasteten auf dem Weg nach Süden oder überwinterten. Die grossen Säugetiere wurden später angesiedelt – um die Vegetation für die Vögel kurz zu halten.

Raus geht es, in den Allrad- Panda des Rangers. Der Fuhrpark hinterm Haus zeugt vom Safari- Fieber, das den Polder gepackt hat. Ein Jeep und ein grosser Bus, in den 30 oder 40 Besucher passen. Nur mit einer geführten Exkursion oder Foto- Tour ist der Park zugänglich, und seit in diesem Herbst ein Kinofilm über die Oostvaardersplassen zum Kassenschlager wurde, werden sie immer beliebter. Die Niederlande, eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Welt, begeistern sich geradezu an der Entdeckung, dass es tatsächlich noch Natur vor ihrer Haustür gibt.

In einem Nationalpark auf der Südhalbkugel würde jetzt jemand zu summen beginnen: In the Jungle, the mighty jungle, und dann hoffte man auf möglichst laute Tiergeräusche. Der Flevoland Game Drive hat eine andere Tonspur. Natürlich erwartet niemand, dass hier Löwen brüllen. Stattdessen liegt ein unterschwelliges Dröhnen in der Luft, von der nahen Autobahn. Und oben, sagt Hans Breeveld mit einem Grinsen, verläuft eine Einflugschneise zum Flughafen Schiphol.

Es gibt Menschen, die sagen, die Oostvaardersplassen seien wie Afrika, nur dass nie die Sonne scheint. Nun, es nieselt wieder, und die Fahrt geht vorbei an Schilffeldern, deren  Höhe es mit denen im Okavango- Delta aufnehmen kann. Wenig später breitet sich ein Grün aus, das auch mitten im Herbst in seiner Üppigkeit an den Hwange Nationalpark in Zimbabwe erinnert. Und dann diese kargen Flächen, bretteben und leer bis auf Gräser und kahle Weiden, vom Polderwind allesamt Richtung Osten gebürstet: haben sie nicht etwas von der “Etosha- Pfanne” in Namibia?

Wo aber sind die Graser, die den Weiden, einst Pioniervegetation im Polder, den Rest gaben? Mittlerweile geht der Weg durch mannshohe Sträucher, zwischen denen nun linkerhand eine Gruppe Konikpferde auftaucht. Sieben oder acht gedrungene Ponies sind es, die gelassen im Dickicht auf den Ästen herumkauen. Um menschliche Beobachter in 50 Metern Entfernung scheren sie sich kein bisschen. Schwarz heben sich Schweif, Mähne und Beine vom graubraunen Fell ab: ein Verweis auf ihren ausgestorbenen Verwandten, das polnische Wildpferd Tarpan.

Erhebungen gibt es so gut wie keine in den Oostvaardersplassen. Was einen begrasten Hügel fast schon zur Aussichtsplattform macht. Der Blick fällt ins Gelände, und zwischen knorrigen Büschen ragen jetzt Geweihe empor. Ein Rudel Damwild steht grasend da, nur einige schauen sich wachsam um, beobachten das Auto und zwei Gestalten, die heraussteigen und das Fernglas anlegen. Das Kauen stoppt, die Köpfe gehen nach oben. Starr blicken sie herüber, dann ein Domino- Effekt, als ein Tier nach dem anderen sich in Bewegung setzt. Wildbeine fliegen durch die Polder- Savanne , und das Rudel verliert sich am Horizont.

Der Regen hat sich verzogen, doch das Licht bleibt milchig. In der Ferne verschwimmen Konturen, Tiere und Äste werden zu Schemen. Die Landschaft ist märchenhaft, auch wenn am linken Bildrand ab und an ein blau- gelber Zug daran erinnert, dass diese Wildnis von Zivilisiation umgeben ist. Ein beliebtes Motiv auf Foto- Safaris in den Oostvaarderplassen ist deshalb der Seeadler, der erst seit ein paar Jahren hier brütet, vor einem Hochspannungsmast, der sich irgendwo im Hintergrund abzeichnet. Heute will der Seeadler sich nicht zeigen. Nur ein paar Bussarde peilen die Lage, von den Spitzen ihrer toten Bäume.

Keine “Big Five” also auf diesem Game Drive, und auch der Fuchs lässt sich partout nicht blicken. Der Herbst ist nicht seine Jahreszeit:  die jungen Gänse sind schon gross, reichlich Futter wird er erst wieder finden, wenn die Ranger Graser, die den Winter nicht überleben können, schiessen. Aber was ist mit den Heckrindern? Erst als der 4X4- Panda vom Weg abweicht, tauchen sie am Rand einer Wiese auf. Der Ranger schaltet herunter und hoppelt durch den Matsch auf sie zu. Sicher 30 Tiere stehen da samt Jungen, das dunkelbraune Fell dicht, die Hörner weit ausladend.

Irgendwie passen sie in dieses menschgemachte Refugium, das an die ursprüngliche morastige Beschaffenheit der Niederlande erinnert. Der Biologe Heinz Heck wollte einst von Hausrindern auf den Auerochsen rückzüchten. Was ihm nicht ganz gelang, denn heraus kam diese Spezies, die nun seinen Namen trägt. Die Frage kommt auf: inwieweit kann der Mensch tatsächlich Naturgebiete wieder herstellen? Aus dem Gras vor den Rindern erhebt sich ein Silberreiher und fliegt seine Schleife über einen Wasserlauf. Ein paar Hundert Jahre war er aus den Niederlanden verschwunden. In den 1980ern kehrte er zurück. Sein erstes Ziel: der neue Polder.

Der Wind trägt hier übrigens noch immer das Geräusch der ersten Stunde:  das Schnattern der Graugänse, die Pioniere, die sich in dem unberührten Sumpfgebiet niederliessen. Der Fussweg zum “Aussichtsturm Seeadler” führt direkt an einer grossen Gänsekolonie vorbei. Manchmal übertönen sie sogar den Widerklang der nahen Zivilisation: wenn sie sich zu Hunderten zugleich in die Luft schrauben und kurz über dem Boden die ersten Flügelschläge vollführen, bevor ihre Formationen sich quer über den Himmel ausbreiten.

Drinnen in der Hütte hängt ein warmer Holzgeruch. Eine Treppe führt zur rundverglasten Aussichtsplattform. Tafeln zeigen Kormoran, Kiebitz, Bartmeise und Löffelreiher, Eisvogel und Weihe. Eine andere bewirbt Spezialkameras für professionelle Birdwatchers: “Nur die Vögel müssen sie noch selbst besorgen!” Ein überflüssiger Slogan, hier in den Oostvaardersplassen. Da draussen stehen sie zu Tausenden in den Sümpfen und krakelen, dass man es noch hinter der Glasscheibe zu hören meint.

Tief bricht die Sonne unter den Wolken hervor, das Gegenlicht spiegelt sich in den Prielen. Mit dem Teleskop lässt sich ein grasendes Rudel Rotwild heranzoomen. Dahinter ragt, wie könnte es anders sein, ein Windrad hoch in den Himmel. Und auch der Zug fährt schon wieder vorbei. Wo vielleicht gerade jemand am Fenster sitzt und denkt, eine Fata Morgana zu sehen.

 

Erschienen in Die Zeit, 9. Januar 2014

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