Auf dem antisemitischen Auge blind

Trotz mehrerer Angriffe auf jüdische Einrichtungen wollen sich Amsterdams Juden nicht einschüchtern lassen. Kritik gibt es aber an der Staatsanwaltschaft.

“Angst?” Sami Baron schüttelt den Kopf. “Nein”, sagt er entschlossen, als habe man ihm eine absurde Frage gestellt hätte. Mit Nachdruck hängt er an: “Angst habe ich wirklich nicht.” Er blickt durch die Fensterscheiben seines Restaurants im Süden Amsterdams auf die belebte Straße. Die Scheiben, über die vor einigen Wochen im ganzen Land berichtet wurde, als ein Mann sie eines Mittags vor den Augen von Passanten und zwei Polizisten mit einem Knüppel einschlug. Ein syrischer Palästinenser war es, der gegen israelische Politik protestieren wollte, und wohl auch gegen die Ankündigung Donald Trumps, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen.

 

Längst sind die Scheiben mit dem Schriftzug “Glatt Kosjer Restaurant HaCarmel repariert. Sami Baron, der israelische Eigentümer, ist geradezu demonstrativ gelassen. “Ich wusste, dass es eines Tages passieren musste”, sagt er. Was wohl daran liegt, dass er sich an Einiges gewöhnt hat, seit er vor 18 Jahren sein Restaurant eröffnete. “Beinahe jedes Wochenende spuckt mir jemand gegen die Scheiben. Manche hupen auch im Vorbeifahren und zeigen ihren Mittelfinger. Ich denke mir manchmal: wenn ihr Mut habt, kommt doch rein und sagt mir, was los ist!”

 

Nicht alle teilen Barons abgeklärte Reaktion. Nachdem Videobilder des Angriffs im Internet erschienen, empörten sich mehrere User jüdischer Websites darüber, dass die beiden Polizisten den Täter rund eine halbe Minute gewähren ließen, bevor sie ihn festnahmen. “Ich und viele andere waren darüber sehr beunruhigt.”, sagt Esther Voet, die Chefredakteurin der jüdischen Wochenzeitung Nieuw Israëlitisch Weekblad (NIW). Inzwischen weiß sie, dass die Polizisten sich gemäß des Protokolls erst vergewisserten, dass der Angreifer keinen Bombengürtel trug.

 

Noch immer aber erschreckt sie ein anderer Gedanke: “Am Vortag war der Besitzer zur Tatzeit noch mit seiner Tochter im Restaurant. Es ist purer Zufall, dass der Laden zu diesem Zeitpunkt leer war. Nicht auszudenken, wären sie zufällig auch beim Angriff dort gewesen.” Doch auch so, warnt sie, hinterlässt der Vorfall tiefe Spuren. “Natürlich sorgt so etwas für Unruhe. Als Jude ist man bald vogelfrei, für jeden Verrückten, der das israelisch- palästinensiche Problem in sich trägt.”

 

Was der Journalistin indes am meisten querliegt, ist das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Diese will den Täter nur wegen Verwüstung und Einbruch verfolgen, nicht aber wegen Terrorismus. “Ich finde es schockierend, dass sie nicht sehen, dass es ein politischer und antisemitischer Akt war. Der Täter hatte keine Ahnung, wie der Restaurant- Besitzer zu Israel oder Netanyahu steht. Er hat ihn bewusst ausgewählt, weil er Jude ist!” Bei seinem Verhör gab der 29jährige Palästinenser an, er habe nicht aus antisemitischen Motiven gehandelt. Sein Anwalt sagte wenig später, die Tat hätte sich gegen die israelische Regierung und nicht gegen das Judentum gerichtet.

 

Dass die Staatsanwaltschaft dieser Argumentation folgt, empfindet auch Sami Baron als Zumutung. “Auch die Regierung will nicht sehen, dass es durchaus Terror in diesem Land gibt.” Was ihm Mut macht, sind all die Solidaritätsbekundungen aus der Stadt: “Ich bekam über 60 Blumensträuße und mindestens 200 Karten”, sagt er, und zieht eine Tüte mit Umschlägen unter dem Tresen hervor. In etwa zwei Monaten soll die psychologische Untersuchung des Täters abgeschlossen sein und ein Urteil folgen. “Dann werde ich sehen, wie ich mich für alle Untertstützung bedanken kann.”

 

In der Zwischenzeit will Baron sich um Kamera- Überwachung seines Restaurants kümmern. Nicht zuletzt, weil er keinen Monat nach dem Angriff eine neue unliebsame Überraschung erlebte. Anfang Januar fand er die reparierten Scheiben nach dem Schabbat mit Mayonnaise beschmiert vor. “An dieser Seite war alles voll”, weist er auf die fragliche Stelle.

 

Verglichen mit den anderen Vorfällen bei jüdischen Einrichtungen in der Hauptstadt war die Schmiererei noch harmlos. Bei der Chabad- Niederlassung im Zentrum Amsterdams wurden in der Neujahrsnacht ein Fenster mit einem Stein eingeworfen. Nach einem Bericht des NIW war dies in letzter Zeit häufiger der Fall. Die Polizei bestätigt, dass Anzeige erstattet wurde. Ob ein judenfeindlicher Hintergrund vorliegt, müsse noch überprüft werden.

 

Nur eine Nacht später wurden beim Hospiz Immanuel im einzigen jüdisch geprägten Viertel Buitenveldert zwei Kameras mit einem Backstein eingeschlagen und mitgenommen. Die Polizei gibt an, “keine Ahnung” über das Motiv des Täters zu haben. Dass es sich um eine willkürliche Tat eines betrunkenen Nachtschwärmers handelt, ist zumindest nicht sehr wahrscheinlich, denn Buitenveldert ist alles andere als ein Ausgeh- Quartier.

 

Der Amsterdamer Zweig von Chabad verweist für einen Kommentar auf den niederländischen Ober- Rabbiner Binyomin Jacobs, der auch an der Spitze von Chabad steht. Dieser wiederum gibt sich unverdrossen wie eh und je. “Ich persönlich habe vollstes Vertrauen in Autoritäten und Justiz. Aber auf der anderen Seite wird die Lage natürlich immer übler. Und das macht manchen mehr Angst als anderen. Ich selbst fühle mich nicht unsicher, aber die Leute merken, dass mehr und mehr passiert.” Das Interprovinziale Ober- Rabbinat (IPOR), dem er vorsteht, vertraue jedoch völlig auf die Sicherheits- Maßnahmen der Stiftung “Bij Leven en Welzijn”, die dafür Rechnung trägt.

 

Hoffnung schöpft der Oberrabbiner auch aus einem Gespräch, dass er jüngst mit dem Amsterdamer Hauptkommissar Pieter- Jaap Aalbersberg führte – im Restaurant HaCarmel. “Wir haben einen guten, offenen und freundschaftlichen Kontakt. Wir redeten über den aufkommenden Antisemitismus. Im Hauptkommissar haben wir als Jüdische Gemeinschaft einen guten Freund mit einem Auge und einem Ohr für uns. Ich weiß, dass sie alles mögliche tun um das jüdische Amsterdam zu beschützen.”

 

Erschienen in Jüdische Allgemeine, 15. Februar 2018

 

 

 

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