“Alte Liebe stinkt nicht”

 

 

 

Ein Interview mit Ajax- Amsterdam- Legende Bennie Muller über seine Erfahrungen mit Johan Cruyff, den Wandel bei seinem Club und dessen jüdisches Image.

 

Bennie Muller, Amsterdamer Urgestein, Mittelfeld- Allrounder, technisch und läuferisch stark und Tackling- Spezialist. Von 1958 bis 1970 426 Spiele für Ajax, meist Seite an Seite mit seinem Freund aus Kindertagen, Sjaak Swart. Fünf Meistertitel. Fünf Meistertitel, 43 Länderspiele.

 

Bennie Muller kommt mit dem Boot. Nur so ist sein Sommerhaus in einem Seeengebiet südlich von Amsterdam zu erreichen. Ringsherum ist Wasser. Im Garten zwei Tore, auf die er mit den Enkeln kickt. Zum Lunch auf der Terasse gibt es Heringbrötchen, Erdbeeren, Mozzarella, Tomaten, Avocado. “Verwöhn ihn nicht zu sehr”, sagt Bennie zu seiner Frau Nel, auf den Reporter weisend. “Sonst kommt er noch zurück.”

 

Als Johan Cruyff 1964 in der Ersten Mannschaft von Ajax debütierte, waren Sie schon einige Zeit dabei. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

 

Er war 17, und ein sehr freches Kerlchen. Aber nicht auf eine schlechte Art. Er war nicht verlegen. Er verhielt sich direkt, als sei er der Anführer des Teams. Im Trainingsspiel bekamen wir gleich ein paar Tritte von ihm. Wir waren schon in den Zwanzigern. Cootje (Co) Prins und ich waren auch keine Lämmer. Irgendwann schauten wir uns an und meinten, ‘das müssen wir ihm noch abgewöhnen’. Dann gaben wir es ihm zurück, bis er es nicht mehr tat.

 

War das damals besonders, dass da so ein Youngster kommt und so auftritt?

Ja, das war schon besonders. Neue Spieler waren sonst eher verlegen. Aber wie gesagt: er war nicht unangenehm. Er war sehr lustig und gesellig. Dass er nicht zu uns aufblickte, kam auch durch seine Klasse. Er war sofort ein sehr guter Fussballer, das rang gleich etwas ab. Im Training lief er an zwei, drei Mann einfach vorbei. Er konnte an dir vorbeilaufen, wie er wollte. Er spielte gleich mit als sei er schon fünf oder zehn Jahre dabei, und er war auch sofort in der Start- Elf. Und in seinem ersten Spiel gegen Groningen machte er gleich ein Tor.

 

Man hört oft, dass es nicht leicht war mit ihm auszukommen.

 

Nee, das fand ich schon ok. Vielleicht hatten die Jungs, die von außerhalb kamen, mehr Probleme mit ihm. Er was, das kannst du schon sagen, ein Jordaner (Jordaan, ein bekanntes ehemaliges Arbeiterviertel in Amsterdam, T.M.). Er kam zwar aus Betondorp, aber seine ganze Familie waren Jordaner und nicht auf den Mund gefallen. Sein Onkel hatte einen Abfallhandel, mit dem sprach ich fast jeden Tag. Wenn wir vor dem Match im Bus oder im Zug Karten spielten, hatte er mit seinen 17 Jahre auch den größten Mund. Aber er wurde gleich aufgnenommen, wir akzeptierten das einfach von ihm.

 

Brachte er nicht auch eine gewisse Reputation mit, dass man schon wusste, da kommt jemand sehr Vielversprechendes vonden Junioren ?

 

Ich kannte Johan auch als Spieler schon, denn ich schaute auch die Matches der Junioren an. In der Zweiten hatte er auch schon mal mitgespielt. Klar sahen wir, was für ein Talent er war. Irgendwann spielte ich im Nationalteam und war dort Kapitän, und wer kommt neu dazu? Johan Cruyff! Wir spielten gegen die Tschechoslowakei, und da flog er vom Platz. Und dann war er wohl sehr frech zum Schiedsrichter. Er ging ganz schön ab! So war Johan. Ich hatte noch ziemlichen Ärger mit dem Schiedsrichter, weil er ihn rausgeschickt hatte. Danach wurde er gesperrt.

 

Wie würden Sie Cruyffs Rolle beschreiben, auf und neben dem Platz ?

Er war der Boss in der Mannschaft. Obwohl er so jung war. Innerhalb von einem halben Jahr war er sowas von drinnen. Er sagte, was zu tun war. Dafür tat er auf dem Platz alles. Und wir, wir mussten eben gehorchen. Durch sein Können und seine Qualität akzeptierten wir das.

 

Zu dieser Zeit mussten auch die Ajax- Spieler noch nebenher arbeiten.

 

Ja, ich hatte damals schon einen Zigarrenladen. Er hatte ein Schuhgeschäft. Heute ist es kein Schuhgeschäft mehr, aber ich fahre noch oft dort vorbei, dann schaue ich immer schnell mal hin. ‘Johans Laden’, denke ich dann. Verrückt. Und jetzt erst recht, wo er gestorben ist. Er hatte ihn nur kurz, den Laden. Seine Marke Cruyff Sports ist auch daraus entstanden.

 

Sie hatten aber auch persönliche Verbindungen zur Familie Cruyff, oder?

 

Johans Vater war Obst- und Gemüsehändler in Betondorp. Mein Vater war auch ein Obstkaufmann, der seine Ware auf der Straße und an der Haustür verkaufte. Die beiden kannten sich, morgens um 5 Uhr gingen sie zusammen zum Großmarkt. Sie waren auch zusammen in der Schule. Als ich noch nicht bei Ajax spielte, lief ich auf dem Weg zu meinem alten Club oft am Laden seines Vaters vorbei.

 

Wie landeten Sie denn eigentlich selbst bei Ajax?

 

Irgenwann wurde ich, naja, gescoutet: ich war in der Schule, und natürlich spielten wir immer Fußball. Eines Tages lief ein Mann von der Stadtreinigung vorbei und fragte, ob ich bei Ajax spielen wollte. Das wollte ich aber gar nicht, dann musste ich ja meine Freunde vom Club im Stich lassen, da ging es doch eigentlich drum! Aber all’ die Jungs, mit denen ich am Spielen war, standen drum herum und riefen: ‘ey, hast du sie noch alle, du bist wohl verrückt, dass du Nein sagst!’ Ich war nicht gegen Ajax, aber ich sah sie als einen hochnäsigen Club. Und das fand ich nicht gut. Mein Vater und mein ältester Bruder sagten dann, ich müsste das Eintrittsformular unterschreiben, obwohl ich das gar nicht wollte. Ich habe es weinend unterschrieben. So kam ich zu Ajax.

 

Im Unterschied zu Cruyff mussten Sie sich nach oben kämpfen.

 

Ich war sehr klein und hatte ziemliche Probleme mit der Physis. Bei den Senioren begann ich erstmal in der fünften Mannschaft. Ich hatte einmal einen Trainer, Karl Humenberger, einen Österreicher. Der sagte irgendwann, ‘du schaffst es nicht, Junge, körperlich reicht es bei dir nicht. Und schon gar nicht im Mittelfeld, du bist zu klein’. Ich dachte mir, ‘lass ihn mal labern’. Und ich habe es doch geschafft, von der fünften bis in die erste Mannschaft, innerhalb einer Saison.

 

Heute würden Sie wohl kaum mehr 13 Jahre bei Ajax spielen.

 

Es gab schon Interesse von Inter. Und zwei Mal war der Vorsitzende von Standard Lüttich bei mir, das war damals auch ein großer Club. Der Vorsitzende kam im Jaguar, parkte bei mir vor dem Laden und fragte, ob ich bei Standard spielen wollte. Der kam mich quasi abholen. Aber damals kam ich nicht weg.

 

Warum nicht?

 

Wenn du in dieser Zeit zu einem anderen Club wolltest, und sie forderten zu viel Geld für dich, konntest du nicht weg. Bei Ajax verdiente ich etwa 15.000 Gulden. Im Jahr! Und irgendwann konnte ich bei Standard Lüttich 100.000 im Jahr verdienen. 100.000! Das war damals sehr viel. Ich hatte keinen Spielerberater, mein Vater konnte das nicht, der war Obsthändler, mein Bruder auch nicht. Also musste ich mit dem Ajax- Vorsitzenden Melchers verhandeln, der mich noch nicht verlieren wollte. Ich war noch eine ziemliche Nummer in der Mannschaft. Und der bekam aus mir raus was ich bei Standard verdienen sollte. Erst forderte er 200.000 Ablöse. Als er dann hörte, wieviel ich verdienen würde, wurden es auf einmal 350.000. Im Jahr nächsten Jahr kam Standard wieder. Aber ich konnte wieder nicht weg, und ich konnte absolut nichts daran ändern. Das war Anfang der 1960er. Damals gab es noch kaum bezahlten Fußball.

 

Dass sich die finanziellen Verhältnisse bei Ajax änderten, hatte auch mit Cruyff zu tun.

 

Ja. Kurz nachdem ich weggegangen war, begann er daran zu arbeiten. Als ich wegging, bekam ich um die 15.000, 20.000 Gulden. Wenig später verdiente Heinz Stuy, der Reservekeeper, 100.000. Das kam durch Johan, der hat das mit seinem Schwiegervater Cor Coster hinbekommen. Die brachten die Gehälter nach oben.

 

Hatten Sie denn genug um über die Runden zu kommen ?

 

Nun, ich hatte den Zigarrenladen. Den habe ich gekauft mit Geld, das ich von Ajax geliehen hatte, ich glaube, für 35.000 Gulden. Viele Leute dachte, ich hätte den Laden einfach so bekommen. Nein, ich habe es alles abbezahlt, indem monatlich Lohn einbehalten wurde.

 

Wie sind Sie denn eigentlich in der Tabakbranche gelandet?

 

Ein Zigarrenladen hatte den Ruf ein leichter Job zu sein. Aber das war es nicht. Du musst doch den ganzen Tag auf den Beinen stehen. ‘Zigarrenladen, rumsitzen’, dachte man, aber da hab ich mich vertan. Fast 40 Jahre hatte ich den Laden, meine Frau stand auch darin, und meine Tochter auch, als sie alt genug war. Ich wohne noch immer über dem Laden.

 

Haben Sie damals geraucht?

 

Nein, ich habe noch nie geraucht. Johan und Piet Keyzer, das waren die Raucher. Vielleicht waren noch ein oder zwei heimliche dabei, die es nicht gezeigt haben. Vor dem Spiel, wenn alle auf Toilette gingen, rauchten sie. Die Toilette war oben offen, und wenn du eine Rauchwolke sahst, war Johan darin, oder Pietje.

 

Ihr Abschied von Ajax war nicht gerade harmonisch.

 

Michels wollte mich raushaben, nach der Niederlage im Europacup der Landesmeisterfinale 1969. Er hatte mir eigentlich versichert, dass ich im Team bleiben sollte, als defensiver Mittelfeldspieler. Doch dann ließ er mich auf der Bank sitzen, sicher 25, 30 Spiele. Ich ging dann zu Holland Sport in Den Haag, wo ich noch weniger verdiente. Mit Michels kam ich sowieso nicht gut klar, er war wie ein Militär, und auf solche Leute konnte ich nicht. Ich habe danach sicher zehn Jahre nicht mehr mit ihm geredet, und auch zu Ajax bin ich eine Zeitlang nicht gwesen. Ich fühlte mich echt verarscht.

 

Trotzdem kamen Sie später zurück, genau wie Cruyff, der auch einst im Zorn weggegangen war – zu Feyenoord, ausgerechnet.

 

Johan ging zu Feyenoord, weil er Ajax treffen wollte. Und dann kam er doch wieder zurück. Verrückt ist das. Ajax zieht doch an einem. Alte Liebe stinkt nicht (niederländisches Sprichwort, T.M.). Ich kam dann als Amateur- Trainer zurück. Heute sitze ich auf meinem Platz auf der Tribüne und bin Mitglied von Lucky Ajax, der Traditionself. Aber im Vorstand mitmachen oder sowas, daran habe ich kein Interesse.

 

Sie galten lange auch als das “jüdische Gesicht” von Ajax. Wie stehen Sie zu dem jüdischen Image des Clubs ?

 

Ajax hatte immer einen großen jüdischen Anhang. Die meisten überlebenden Juden waren Ajacieden, weil in der Stadt die meisten Juden wohnten. Ajax war der einzige verbliebene große Club in der Stadt. Auf der Ehrentribüne saßen viele jüdische Menschen, und auf der Tribüne gegenüber auch. Aber ein jüdischer Club? Nein. Es gab früher zwei jüdische Spieler, Eddy Hamel und Johnny Roeg, und dann kamen Sjaakie (Sjaak Swart) und ich. Aber Sjaakie hat nur einen jüdischen Vater, und ich eine jüdische Mutter und einen christlichen Vater. Der hat meine Mutter nach dreieinhalb Monaten aus dem Durchgangslager Westerbork rausbekommen. Wegen der Joden- Sprechchöre bin ich oft in der Halbzeit weggegangen, weil ich es nicht mehr anhören konnte. Ich habe viele Familienmitglieder im Holocaust verloren.

 

Wie war Ihre eigene Erfahrung als jüdischer Spieler in dieser Zeit?

 

Es war bekannt, dass ich Jude war, und ich wurde von Gegenspielern auch beschimpft, als “Scheiß- Jude” und alles mögliche. Ich werde nicht sagen, wer das war, aber ich kann sie noch aufzählen. Und ich weiß auch noch, welche Clubs es schlimm trieben.

 

Wie reagierten Sie dann ?

 

Ich nahm sie mir vor und verpasste ihnen einen Tritt. Ich war auch nicht so sanft auf dem Platz, aber ich hätte nie jemand einfach so einen Tritt gegeben. Ich war ein starker Spieler, und wenn sie nicht gegen mich ankamen, probierten sie mich wütend zu machen. Darum wurde ich beschimpft, nicht, weil sie so gegen Juden waren.

 

Noch einmal zurück zu Johan Cruyff. Haben Sie eine Lieblings- Anekdote mit ihm?

 

Johan kam einmal zu spät zum Stadion, als wir zu einem Auswärtsspiel fahren wollten. Zu spät kommen, das solltest du bei Michels lieber nicht. Wir saßen schon im Bus und fuhren gerade aus dem Stadion raus, da kam er in seinem Auto an. Und Michels so, ‘wei-ter-fah-ren’ (versucht die Stimme tief und humorlos klingen zu lassen). Also fuhren wir weiter, und Johan musste den ganzen Weg dem Bus hinterher. Da war Michels konsequent. ‘Wei- ter- fah- ren!’ (Lacht.)

Erschienen in Ballesterer und Der Standard Online, 15. September 2016

 

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